Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

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Pink_Panther
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von Pink_Panther »

EuraGerhard hat geschrieben:
26. Mai 2020 09:14
Ich sehe das anders. Meiner Meinung nach hat Tegnell bisher unter den Voraussetzungen, die er vorgefunden hat, also:
  • keinerlei rechtliche Handhabe für Lockdown-Maßnahmen
  • so gut wie keine logistische Vorbereitungen für einen Seuchenausbruch
  • eine hochkomplexe und unklare Verteilung der Kompetenzen zwischen Regierung, Kommunen, Regionen und diversen Behörden
  • einem Gesundheitssystem, welches seit Jahren auch schon im Normalbetrieb auf dem letzten Loch pfeift
  • und einem unterbezahlten, schlecht ausgebildeten und stark fluktuierenden "Pflege-Prekariat" insbesondere, aber nicht nur, im Bereich der häuslichen Altenpflege,
das Bestmögliche gemacht.

Er hat sich im Laufe der Zeit sicherlich einige Fehleinschätzungen geleistet, z.B. dass es keine asymptomatische Übertragung gibt, aber damit ist er nicht alleine. Und das ist auch ein normaler Vorgang an der vordersten Front der wissenschaftlichen Forschung.
Da bin bei weitem nicht so gnädig wie du, Gerhard!
Als das Thema asymptomatische Übertragung bei uns in nächster Nähe "heiß" wurde, habe ich innerhalb von 10 Minuten Fakten und Quellen zusammengegoogelt. Es gab bereits internationale Beweise und eindringliche Warnungen für eine solche Übertragung, während auf allen Gemeindehomepages der Hinweis auf Folkhälsomyndigheten zu finden war, nachdem symptomfreie Kinder zur Schule geschickt werden sollen. Auch wenn es Fälle in der Familie gab. Es wurde steif und fest behauptet, dass eine Übertragung nicht möglich war. Das war in meinen Augen stümperhaft. Die Schulen hätten geschlossen werden können, dafür gab es gesetzlichen Spielraum, aber zumindest die oben beschriebenen Situationen hätten besser gehändelt werden müssen! Dafür trägt Tegnell die Verantwortung und da gibt es bei mir keine Entschuldigung. Auch das Fiasko in den Altersheimen hätte womöglich verhindert oder zumindest im Ausmaß reduziert werden können

In den anderen Punkten gebe ich dir Recht!
Ich sollte allerdings auch klarstellen, dass ich nicht Tegnell persönlich für alles verantwortlich mache - er dient mir sozusagen mehr als "Gallionsfigur", nicht zuletzt innerhalb der letzten Postings mit Skogstroll.
Für meinen Teil, so stand ich vor der Entscheidung, den behördlichen Richtlinien zu folgen und mein Kind in eine Klasse zu schicken, wo ein Kind mit einem Coronafall in Berührung (Bus) gekommen ist. Und ich selbst über 50 bin und ein geschwächtes Immunsystem hatte. Ich muss gestehen, dass mich das Statement von Folkhälsomyndigheten wütend gemacht hat. Und mein Kind blieb die nächsten Wochen zuhause.....
Es ist halt immer ein Unterschied, wenn man selbst berührt ist.....

/Paul

EuraGerhard
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von EuraGerhard »

Pink_Panther hat geschrieben:
26. Mai 2020 11:47
Die Schulen hätten geschlossen werden können, dafür gab es gesetzlichen Spielraum ...
Dieser gesetzliche Spielraum aber wurde erst in aller Eile zurechtgeschustert, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Und auch damit obliegt es der Regierung selbst, nicht den Behörden, die Schulschließung anzuordnen.
Pink_Panther hat geschrieben:
26. Mai 2020 11:47
Auch das Fiasko in den Altersheimen hätte womöglich verhindert oder zumindest im Ausmaß reduziert werden können
Da zweifle ich, denn die strukturellen Probleme, die zu diesem Fiasko geführt haben, bestehen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Ansonsten: Dass Tegnell für seine Fehleinschätzungen von Fachkollegen zum Teil heftig kritisiert wurde, das muss er aushalten, da habe ich kein Mitleid mit ihm. (Genauso wie es diese Fachkollegen aushalten müssen, wenn sie ihrerseits für ihre Fehleinschätzungen kritisiert werden.) Aber so funktioniert Naturwissenschaft nun mal: Man stellt Hypothesen auf und überprüft diese durch Beobachtungen in der Realität. Und öfter als einem lieb ist stellen sich die Hypothesen als zumindest korrekturbedürftig heraus, wenn sie nicht sogar völlig verworfen und durch neue ersetzt werden müssen. Erst so nach und nach entwickelt sich langsam ein tragfähiges Abbild der Realität. Was ich halt befürchte, wenn sich die Diskussion zu sehr auf die Person Anders Tegnell zuspitzt, ist dass er irgendwann zum Sündenbock gemacht und in die Wüste geschickt wird, während die wahren Verantwortlichen für die Misere in der Politik ihre Hände in Unschuld waschen.

MfG
Gerhard

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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von vibackup »

EuraGerhard hat geschrieben:
26. Mai 2020 13:21
die strukturellen Probleme, die zu diesem Fiasko geführt haben, bestehen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Was ich halt befürchte, wenn sich die Diskussion zu sehr auf die Person Anders Tegnell zuspitzt, ist dass er irgendwann zum Sündenbock gemacht und in die Wüste geschickt wird, während die wahren Verantwortlichen für die Misere in der Politik ihre Hände in Unschuld waschen.
Kluge Worte, gelassen ausgesprochen.
Danke Gerhard!

//M

dalarna
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von dalarna »

vibackup hat geschrieben:
30. Mai 2020 21:29
Kluge Worte, gelassen ausgesprochen.
Danke Gerhard!

//M
Möchte ja nicht altklug daher kommen, aber das habe ich schon vor zwei Monaten geschrieben.
Mal was anderes; Ich würde gerne wissen, ob es in Dalarna möglich ist, auf eigene Kosten einen Antikörpertest durchführen zu lassen? Hat diesbezüglich vielleicht jemand Infos?
Gruß

jörgT
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von jörgT »

Tja, Werner - "machen lassen" kannst Du den Test derzeit nicht! Aber Du kannst bei z.B. apotea.se einen Test für 750 kr kaufen - sie werben damit, dass der dann in einem Labor ausgewertet wird. Welchen Wert diese Testung hat, muss wohl jeder selbst für sich entscheiden ...
Jörg :?

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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von dalarna »

Danke Jörg,
wie du schon schreibst, ist der Wert des Tests eher unbekannt.

EuraGerhard
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von EuraGerhard »

jörgT hat geschrieben:
2. Juni 2020 17:34
Aber Du kannst bei z.B. apotea.se einen Test für 750 kr kaufen ...
Nein, kaufen kann man den Testkit nicht. Man kann lediglich einen Aktivierungscode kaufen, mit dem man dann in einem Werlabs-Labor entweder in Stockholm oder in Göteborg den Test durchführen lassen kann. Man muss persönlich im Labor antanzen.

Nimmt man die bei Werlabs angegebenen Werte für Spezifität (99,6%) und Sensitivität (100%) für bare Münze (sie scheinen mir fast zu schön zu sein, um wahr zu sein), und geht man von einer Prävalenz von 1% für Covid-19 in der Bevölkerung von Dalarnas län aus, so gibt es bei diesem Test immer noch eine Wahrscheinlichkeit von rund 28% für ein individuelles, falsch positives Ergebnis.

MfG
Gerhard

dalarna
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von dalarna »

Danke Gerhard,
also werde ich wohl darauf verzichten, da es in Dalarna scheinbar keine Möglichkeit gibt einen Test machen zu lassen.
Im Umkehrschluss bedeutet es, das die Infektionszahlen wahrscheinlich wesentlich höher liegen. Wobei es weltweit
ähnlich aussehen wird.
Gruß und bleibt gesund

Zitat: Herr Tegnell hat in SVT die beste Antwort gegeben, warum es in Schweden so viele Tote gibt. Die anderen in Europa zählen nicht richtig. Nur Schweden hat ein solch hervorragend funktionierendes Verwaltungssystem, dass keine Daten verloren gehen.
PS: Dann bin ich ja beruhigt, das nur Schweden richtig rechnen kann. :ymdevil:

dalarna
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von dalarna »

Hallo,
habe mir Antikörpertests aus Deutschland bestellt und diese sind nun eingetroffen. Wie weit diese genau sind, kann ich nicht sagen, aber diese werden u. a. in deutschen Arztpraxen benutzt. Mal sehen, wo wir stehen.

Und hier noch ein Bericht von der RND
RND.de 12.06.2020, 19:31 Uhr

Schwedens Corona-Weg: Der geplatzte Traum
Schweden gilt vielen als Vorbild im Umgang mit dem Coronavirus.
Doch tatsächlich erlebt das skandinavische Land ein Debakel.
Das muss auch in Deutschland Warnung sein, kommentiert Christian Burmeister.

Berlin/Stockholm. Schweden ist als Sehnsuchtsort und Vorbild in der Corona-Krise Geschichte. Der Traum vieler, die Pandemie fast ohne die lästigen Einschränkungen für Wirtschaft und Privatvergnügen schadlos überstehen zu können, ist geplatzt. Nun musste Schweden die höchste Zahl an Neuinfektionen seit Beginn der Krise melden: 1474 innerhalb von 24 Stunden. Auch wenn zuletzt mehr getestet wurde, bleibt es eine dramatische Zahl für ein eher kleines Land.

Vor Kurzem hatte der oberste Virologe des Landes, Andres Tegnell, zugeben müssen, dass sein Kurs vor allem zu Beginn zu lax war und dass sein ursprüngliches Ziel der Herdenimmunität noch immer Lichtjahre entfernt ist. Die Regierung in Stockholm war ihm nahezu blind gefolgt, obwohl die meisten Länder ganz anders verfuhren. Es gab in Schweden fast nur “Empfehlungen”, die vor Kurzem eilig “nachgeschärft” wurden. Sogar ein kompletter Lockdown scheint in der jetzigen Situation nicht mehr ausgeschlossen. Der Schaden ist aber so oder so schon angerichtet: Die Zahl der Covid-Toten liegt im Vergleich um ein Vielfaches höher als in den meisten europäischen Ländern. Dabei ist Schweden deutlich dünner besiedelt als beispielsweise Deutschland. Der eigentlich so starke schwedische Sozialstaat hat die Schwächsten im Stich gelassen. Wohl auch deshalb sinkt laut Umfragen das Vertrauen in die schwedische Politik insgesamt erheblich.

Eine neue, unangenehme Erfahrung
Der eher freigiebige Kurs konnte auch nicht verhindern, dass die schwedische Wirtschaft ähnlich eingebrochen ist wie anderswo. Und dann kam noch eine völlig unbekannte, unschöne Erfahrung hinzu: Die Nordmänner und -frauen sind im Ausland plötzlich unerwünscht. Die Grenzöffnung zu den direkten Nachbarländern ist bis auf Weiteres gescheitert. Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für das Land nicht aufgehoben, und Urlaubsrückkehrern aus Schweden droht vielerorts Quarantäne.

Was lässt sich aus diesem schwedischen Debakel lernen? Vielleicht: Zu lockere Corona-Regeln bringen zwar kurzfristig Erleichterung und Popularität, können die Dinge langfristig aber erheblich verschlimmern. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt neu, aber selten so anschaulich wie in diesem Fall.

Deutschland bewegt sich mit angekündigten Lockerungen wie in Thüringen momentan mit großen Schritten auf das schwedische Regelniveau zu, obwohl ein Impfstoff oder eine Heilung höchstens am Horizont schimmern. Geht das schief, können die Verantwortlichen nicht sagen, sie seien nicht gewarnt gewesen.

dalarna
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Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von dalarna »

"Den svenska situationen ser fortsatt gynnsam ut."
Johan Carlson, Generaldirektor der schwedischen Gesundheitsbehörde, berichtete (am 17.07.) von 21 neuen Todesfällen mit bestätigten Covid-19 in Schweden. Die Situation in Schweden sieht weiterhin günstig aus, und nur einzelne Patienten werden in iva (Intensiv) aufgenommen.
Es ist reiner Hohn. Dass man auch nach über 5600 Todesfällen noch solchen Ausspruch loslassen kann, ist wohl nur hier in Schweden möglich. DE hat im gleichen Zeitraum 3 Todesfälle gemeldet, SE dagegen 26. Und dann diesen Ausspruch von Herrn Carlson !!!! Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass wir alle bekloppt und dement sind?
Man muss es nur richtig verpacken dann glauben die meisten das es wenige sind. Die Mehrheit wird sicherlich nicht nachprüfen wie das im Verhältnis zu anderen Staaten aussieht. Wer das nicht sehen will, macht einfach die Augen zu.
SE steuert mit großen Schritten auf 6000 Tote hin. Würde mich nicht wundern, wenn Schweden irgendwann die gleichen Todeszahlen wie Deutschland erreicht.
schöne Grüße

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