Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Hier diskutieren wir Nachrichten aus und über Schweden. Alles was neu & interessant ist! Von Dagens Nyheter, Svenska Dagbladet, Expressen u.a.
Link zum Portal: https://www.schwedentor.de/land-leute/a ... achrichten
vinbergssnäcka
Schwedenfreund
Schwedenfreund
Beiträge: 771
Registriert: 3. September 2012 22:38
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden
Kontaktdaten:

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von vinbergssnäcka »

@vibackup, danke für die Ausführungen. Könntest du das mit dem Punkt „lockdown“ in Schweden hätte das Land für 8 Jahre stillgelegt (oder so ähnlich hast du geschrieben) noch etwas näher erläutern....? Das habe ich nicht ganz verstanden...
Meiner Meinung ist das Land (Schweden) nun fast noch länger still gelegt, vor allem wenn wir so weiterfahren. Allerdings hoffe ich keine 8 Jahre....

Das andere Thema, und da würden mich auch Eure Meinungen interessieren, das die Strategie Schwedens eventuell gegen das eigene Grundrecht, das Europarecht und UN-Recht verstösst. Nämlich gegen die Würde des Menschen, das Recht auf eigene Unversehrtheit, das Recht auf Gesundheit und das Recht auf Leben. Ich bin in Rechtswissenschaften nicht bewandert, jedoch sagt mir mein eigenes Gefühl und das was ich einmal in der deutschen Schule in Sachen Ethik gelernt habe....jemand anderes kann und darf dir nicht gegen deinen Willen eine pallative Behandlung aufdrücken! Vibackup, wie ist das, du als Arzt weisst da doch bestimmt mehr? In meiner Rechtsauffassung geht das garnicht. Ich habe übrigens gelesen, das Menschen sich schon einen Anwalt genommen haben um eine kurative (heisst das so?) Behandlung zu erzwingen...und scheinbar Erfolgreich (was nicht heisst, das es auch gut ausgeht).
liebe Grüsse

Heike

meine Seite: http://figeholm.jimdo.com

rappa
Aktives Mitglied
Aktives Mitglied
Beiträge: 56
Registriert: 13. Juni 2018 13:28
Schwedisch-Kenntnisse: Grundkenntnisse
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von rappa »

Erst einmal Kompliment an vibackup für eine gekonnte Zusammenfassung der Ausgangslagen. Wobei man nicht genug unterstreichen kann, dass aufgrund der Ausgangsvoraussetzungen nicht anders gehandelt werden konnte. Obwohl man von den Defiziten im System jetzt nicht wirklich überrascht sein wird, sie sind seit Jahrzehnten bekannt.

Ich weiss jetzt nicht genau, wie weit die Würde des Menschen in der schwedischen Verfassung berücksichtig wird. Im deutschen GGesetz ist sie unter Art. 1 geregelt. Und zwar sehr absolut mit dem Wort "unantastbar". Meines Wissens spricht die Verfassung in Schweden (die ja eine Sammlung mehrerer Gesetze ist) von der Achtung der öffentlichen Gewalt vor der Freiheit, Gleichheit und der Würde der Menschen in Artikel 2, im Gesetz über die Staatsrechtsform, als eine von mehreren dort zu achtenden Eigenschaften. (Man möge mich bitte korrigieren) Die Würde erfährt hier nicht die gleiche hervorgehobene Wertung und Stellung.

Aber das ist bestimmt auch der deutschen Geschichte geschuldet, deren düsterstes Kapitel sich auch nie mehr wiederholen darf.

vibackup
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1232
Registriert: 26. Januar 2013 19:02
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von vibackup »

vinbergssnäcka hat geschrieben:
17. Mai 2020 15:20
@vibackup, danke für die Ausführungen. Könntest du das mit dem Punkt „lockdown“ in Schweden hätte das Land für 8 Jahre stillgelegt (oder so ähnlich hast du geschrieben) noch etwas näher erläutern....? Das habe ich nicht ganz verstanden...
Das war eine grobe Einschätzung, die ich für unsere Primärvårdsleitung gemacht habe und die von ein paar Annahmen ausging (keine Garantie, dass ich die alle richtig erinnere):
  • die Anzahl der Intensivbetten kann verdoppelt werden
  • für jeden bekannt Infizierten sind 10 unbekannt Infizierte
  • je 10% von den bekannt Infizierten werden krank und
  • davon wieder 10% intensivpflichtig
  • der Durchschnitt der Intensivbehandlung ist 10 Tage
  • 70% müssen infiziert werde für die Herdenimmunitet...
und davon ausgehend: wie lange muss man die Kurve strecken, damit man nicht mehr kritisch Kranke bekommt, als man Intensivbetten hat. In einem sehr frühen Stadium gemacht, daher noch sehr grob.

//M

vinbergssnäcka
Schwedenfreund
Schwedenfreund
Beiträge: 771
Registriert: 3. September 2012 22:38
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden
Kontaktdaten:

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von vinbergssnäcka »

Danke vibackup, dann habe ich das falsch verstanden!
Das Problem tritt ja für jedes Land nun auf, aber ich denke alle oder fast alle hier in Europa rechnen mit einem Impfstoff, Medikament oder einer anderen Weise um dem Virus Herr zu werden, so das die Kurve nicht bis zur natürlichen Herdenimmunität gestreckt werden muss.

Was Schweden plant, das weiss wohl keiner aufgrund tausender Aussagen, die ständig auf einen einprasseln und damit meine ich nichtmal Tegnell, sondern Gieseke und diese Bakteriologin, die den Handsprit entsorgt hat...ob die nun wirklich ständig plaudern wie ihnen der Mund gewachsen ist und zumindest auf mich den Eindruck machen, das sie garnicht wissen was sie daherplappern....oder ob das die Medien sind, die so ein Durcheinander bringen....aber irgendwie habe ich, aufgrund der Aussagen, das Gefühl die wollen uns darauf vorbereiten, das in Schweden nicht geimpft wird....auch wenn es irgendwann nen Impfstoff gibt...

Wegen dem schwedische Grundgesetz mach ich mich mal schlau...aber Schweden unterliegt ja auch dem Europarecht und den vereinten Nationen....

Wie gesagt, ich hatte da eine Juristin gehört, die just das als ihr Fach hat....und die
Frage stellte, ob Schweden nicht dagegen verstösst...
liebe Grüsse

Heike

meine Seite: http://figeholm.jimdo.com

vinbergssnäcka
Schwedenfreund
Schwedenfreund
Beiträge: 771
Registriert: 3. September 2012 22:38
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden
Kontaktdaten:

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von vinbergssnäcka »

„2 § Den offentliga makten ska utövas med respekt för alla människors lika värde och för den enskilda människans frihet och värdighet.

Den enskildes personliga, ekonomiska och kulturella välfärd ska vara grundläggande mål för den offentliga verksamheten. Särskilt ska det allmänna trygga rätten till arbete, bostad och utbildning samt verka för social omsorg och trygghet och för goda förutsättningar för hälsa.

Det allmänna ska främja en hållbar utveckling som leder till en god miljö för nuvarande och kommande generationer.

Det allmänna ska verka för att demokratins idéer blir vägledande inom samhällets alla områden samt värna den enskildes privatliv och familjeliv.

Det allmänna ska verka för att alla människor ska kunna uppnå delaktighet och jämlikhet i samhället och för att barns rätt tas till vara. Det allmänna ska motverka diskriminering av människor på grund av kön, hudfärg, nationellt eller etniskt ursprung, språklig eller religiös tillhörighet, funktionshinder, sexuell läggning, ålder eller andra omständigheter som gäller den enskilde som person.

Samiska folkets och etniska, språkliga och religiösa minoriteters möjligheter att behålla och utveckla ett eget kultur- och samfundsliv ska främjas. Lag (2010:1408).“

Ich bin ja kein Jurist, aber trygghet och goda förutsättningar för hälsa und nochmehr diskriminering pga ålder.......ich habe keine Ahnung, fände es aber interessant, wenn es welche darauf ankommen liessen und darauf klagen....
liebe Grüsse

Heike

meine Seite: http://figeholm.jimdo.com

Benutzeravatar
Hanjo
Schwedenfreund
Schwedenfreund
Beiträge: 567
Registriert: 13. August 2005 10:17
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von Hanjo »

vibackup hat geschrieben:
17. Mai 2020 14:30
Bei dem ganz Obigen geht es um Fakten, medizinische, ökonomische etc. Bei dem zuletzt gesagten, also der Frage, wie man sich in Angesicht der Fakten verhält, geht es um Meinungen. Und wenn man der Meinung ist (wie Hanjo), dass man weniger restriktive Begrenzungen haben will und dass das die höhere Sterblichkeit wert ist, weil man Sorge hat, dass sich Deutschland ansonsten in ein totalitäres Regime verwandelt (richtig, Hanjo?), dann ist das eine Abwägung, der man sich anschliessen kann oder nicht.
Hallo zusammen,
@vidbackup
Dank auch von mir für Dein Statement, Michael - wie immer schon hast Du Dich wieder gut erklärend ausgedrückt und die Dir bekannten Fakten - uns sind ja nur die Aussagen der Medien ersichtlich - anschaulich zusammen gestellt und für die meisten hier verständlich und zusammen mit Deiner Meinung sachlich und nachvollziehbar dargestellt.

Das Thema fällt ja in Deinen Fachbereich als Psychiater und ist keineswegs nur ein wirtschaftlich und finanziell zu sehendes Problem einer Gesellschaft, ist auch nicht nur nach der Anzahl der vorhandenen Intensivstationen zu beurteilen, sondern betrifft in einem vllt sogar weit größeren Umfang die Emotionen der Menschen. Und wie man grad in Tschland sieht gibt es dort lt Medienberichten nicht wenige, die so denken wie ich und - leider ungeschützt - auf die Straße gehen, deren Meinung von der Politik auch ernst genommen wird, sagt die jedenfalls :roll: . Ich teile aber nicht alle dort wiedergegebene Meinungen und auch Handlungen, sondern lediglich die, die Du in Deinem Beitrag angeführt hast und die ich oben zitiert habe. Denn ich bin weder in Kurzarbeit oder gar arbeitslos, muss kein Kind beschulen, kenne dagegen als Pensionär Heimarbeit ausschließlich, unterliege keinem Berufsverbot wie die Kellner und Friseure, mir ist auch kein Geldverdienverbot als Kneipier auferlegt worden, gehöre also nicht zu dem großen Kreis der trotz Gesundheit von Corvid-19 schlimm Betroffenen. Ich bedauere dagegen aber schon, dass wir unsere Kinder, Enkelkinder und Freunde nicht dann besuchen dürfen (oder sie uns), wenn wir oder sie das wünschen, obwohl bei Niemandem Anzeichen einer Infektion mit Corvid-19 erkennbar ist.

Ich darf aber auch darauf hinweisen, dass sich nicht nur zu Anfang des Jahres 2020 die Faktenlage beinahe stündlich änderte und meine dargelegte Meinung vom 19. April ist, Deine hier dargelegte Meinung vom 17. Mai, also 1 Monat später. Und noch heute sind die unzähligen Hinweise auf "Fakten" zum Teil gegensätzlich und naturgemäß ändern sich dann auch die Meinungen, auch und insbesondere die der vielen "selbsternannten" und geholten Experten, soll sogar Frau Merkel bei ihrem Experten festgestellt haben.

Ein Hinweis aber kommt von allen Seiten: Wie das ganze enden wird weiß heute niemand. Die heutigen Zahlen sind fundierter, die früheren aufgrund von nur wenigen Tests und zu wenigen Obduktionen eher Schätzungen und daher von vornherein unglaubwürdig gewesen. Erkennbar mit der Überlegung, dass man, wenn die Zahlen stimmen sollten, jeden Toten auf der Welt obduziert hat, jeden Mensch auf der Welt hätte testen müssen - war und ist ja gar nicht möglich. Trotzdem hat man uns die Zahlen vorgelegt. Später kamen dann Überlegungen bzgl. der Wachstumsfrage und den Folgen einschneidender Maßnahmen (bzgl. Schweden weist Du darauf hin) für die Volkswirtschaften, man stellte "Wirtschaftlichkeit" den zu befürchteten "Todesfällen" gegenüber und entschied sich, Schweden für die Zukunft der Gesellschaft, also die Wirtschaftlichkeit, Tschland erst mal für weniger Todesfälle.

Obwohl man nachlesen konnte und kann, dass sich alle bis dahin bekannten Epedemien erst in den Griff bekommen hat, als nach vielen Infizierungen und vielen Toten die Herdenimmunität erkennbar war, zuletzt die Spanische Grippe 1918 bis 1920; immerhin brauchte sie damals schon 3 Jahre. Heute haben wir zwar bessere Chancen auf Impfstoffe und Medikamente, aber Hektik und Angstmacherei oder gar Panik machen ist meiner Meinung nach trotzdem unnötig.

Welche Entscheidung richtig, welche falsch gewesen ist, wird sich - ganz unabhängig vor der Tatsache, dass sich die meisten betroffenen Länder so wie Tschland entschieden haben - wohl erst in vielen Jahren zeigen. Und da habe ich erst kürzlich fachliche Meinungen gelesen, dass sich in beiden Fällen kaum erkennbare Unterschiede in den Todesfällen zeigen wird, wohl aber in der Wohlstandsfrage, die abhängig sein wird vom zukünftigen Wirtschaftswachstum; zumindest dann, wenn man sich kein anderes Überlebens-System einfallen lässt und der Klimazustand es zulässt.

Fakt heute ist aber, dass in Tschland schon jetzt aufgrund von gesellschaftlicher Unzufriedenheit (erkennbarer
Wachstumsverlust) "gelockert" wird, weil die Politik in Tschland gerade erkennt, dass sich neben der Krankheit plötzlich (?) ganz andere Probleme darstellen, die für den Staat, die Gesellschaft und die Menschen weitaus schlimmere Folgen haben könnten - ich befürchte "haben werden". Die finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen sind in Tschland bereits heute mehr als bedenklich; wem nützt es, wenn zwar weniger verstorben sind, dafür aber weitaus mehr Menschen im Land finanziell und wirtschaftlich nicht über die Runden kommen, weil sie keine Arbeit haben. Für Kinder wird es eine große Bildungslücke in ihrem Leben geben und es sind weitere Probleme zu befürchten.

In Schweden gibt es auch Kurzarbeit, Konkurse usw. und sicher werden auch Steuergelder fließen, um schlimmeren Folgen entgegen zu wirken - aber ganz bestimmt nicht in dem Umfang wie in Tschland bereits heute gehandelt wird. Weil eben keine Einnahmequellen vom Staat geschlossen worden sind, auch keine Eltern ihre Kinder zu Hause schulen müssen und nicht zur Arbeit gehen können usw.. Hier sind alle Menschen systemrelevant, empfinde ich jedenfalls so.

Und die Eigenverantwortung des Einzelnen bleibt hier wie dort, braucht aber auch das gezeigte Vertrauen der Gesellschaft, des Staates; Körperkontakt vermeiden, Abstand halten und oft Händewaschen, heute dazu noch Mundschutz. Alles darüber hinaus unter Strafe zu stellen ist/war unnötig und auch meiner Meinung nach in Tschland rechtlich nicht haltbar. Die Unverbesserlichen treten in Stockholm und Malmö wie auch in Berlin und München auf, nur mit "Unterstrafestellen" und Parolen in den TV-Sendern erreicht man selten ein Umdenken. Nur Diktaturen machen es trotzdem und lassen der Willkür Tür und Tor offen. Und es kommt für die Zukunft die Frage hinzu: Wird man in Tschland noch derart freiheitlich sein Leben gestalten können wie vor der Pandemie? Welche Freiheitseinschränkungen wird man nicht aufheben? Was wird man mit der Begründung "dient der Sicherheit / Gesundheit jedes Einzelnen" beibehalten und dem Bürger schmackhaft machen wollen? Ist bekannt, dass die Einschränkungen für die Verteidiger für die Prozesse der Baader-Meinhof-Gruppe (Rote Armee Fraktion) per Gesetz zeitlich begrenzt worden ist, aber heute noch gültig sind? Und Otto Schily, den das Verbot als Verteidiger von Horst Maler betraf, nahm es als späterer Innenminister nicht aus dem Verkehr. Auch der Solidaritäts-Zuschlag gilt trotz zeitlicher Begrenzung nach mehr als 30 Jahren ebenfalls noch.

Die Zahl der an Corona tatsächlich Verstorbenen (im April 2020 hat man ja noch die gezählt, die den Virus hatten ohne Nachweis, dass dieser tatsächlich todesursächlich gewesen ist) mögen in Schweden heute mehr als in Tschland sein, dagegen ist das Leben Einzelner hier sicherlich weiterhin dem Grunde nach ohne Ängste zufriedenstellender und freiheitlicher, auch weil die Empfehlungen der Regierung von dem meisten Bürgern befolgt werden, meine ich so jedenfalls in unserer Umgebung zu erkennen. Und in Abwägung was auf Dauer für eine Gesellschaft besser sein wird meine ich als Risikopatient - sogar als einer, der weiß wovon er redet und auch seine zum Teil "bedenklichen" Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem hat: Ein Leben ohne Angst ist wichtiger. Eine Gegenüberstellung allein der Anzahl Verstorbener in den einzelnen Ländern halte ich für nicht opportun, sondern sind Grundlage für Ängste - und die wiederum sind überhaupt keine gute Grundlage für sachgerechte Entscheidungen.

Und ja, es hat für mich auch etwas mit Freiheitsentzug zu tun, wenn ein Staat so reagiert wie Tschland es getan hat und bereits nach kurzer Zeit mit den Folgen zu kämpfen hat, weil sich auch andere in ihren Freiheitsrechten beschnitten fühlen. Denn "gut gemeint" ist das Gegenteil von "gut gemacht". Und wie sagte Frau Merkel: Wir dürfen kein unkontrolliertes Handeln zulassen. Sagte man schon zu Kaisers Zeiten (dem Bürger muss gesagt werden, was er zu tun hat) und war die Grundlage für die Arbeit der Gestapo wie auch der Stasi. Vertrauen in den Menschen gleich Null, heute noch.

Abgesehen davon, dass man hier in Schweden für derartige mit Strafe bedrohte Maßnehmen keine rechtlich fundierte Handhabe hat (und unbeachtet dessen von außerhalb angegriffen und Anders Tegnell beschimpft worden ist), wurden in Tschland Freiheitsgrundsätze beschnitten, was auch von Politikern recht frühzeitig als unverhältnismäßig erkannt und bezeichnet worden ist und heute noch bezeichnet wird; Verfassungsbeschwerden/-klagen sind in Aussicht, Verfahren vor Oberlandesgerichten gegen Maßnahmen hatten bereits in tausenden Einzelfällen Erfolg. Und es soll eine App eingeführt werden, die den Aufenthaltsort des Trägers eines Smartphones erkennen und melden kann, anfangs sogar ohne dessen Zustimmung, erst auf Protest nun nur mit Zustimmung. Und um zu sehen, was Politiker mit so etwas machen können braucht man keinen Hinweis auf 1933, da reicht heute schon ein Blick nach Ungarn und Polen - oder nach China, da klappt das mit der Überwachung bereits hervorragend, wie Korrespondenten berichten.

Ich bin nicht der Meinung, dass so wie ich nun alle denken sollen oder gar müssen, da hat jeder seine eigene Überlegung aufgrund seiner Lebenserfahrung und bildet sich seine Meinung aus verschiedenen und unterschiedlichen Quellen und auch in seinem persönlichen Umfeld - und sicher der eine oder andere auch am Stammtisch. Ich nehme die Menschen alle ernst und diskutiere auch gern mit ihnen über die verschiedensten Themen, ohne gleich ihrer Meinung zu sein. Ist ja auch alles so in Ordnung.
Und dahingehend bin ich Dietmar dankbar, dass wir das hier dürfen und sich hier nur wenige äußern, dass sie andere Menschen nicht ernst nehmen.

Danke fürs Zuhören und bleibt gesund - und auch immer ein wenig skeptisch.
Wer seine Träume erfüllen will, muss erst einmal aufwachen

Benutzeravatar
Infosammler
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1016
Registriert: 2. Oktober 2007 12:57
Schwedisch-Kenntnisse: gut

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von Infosammler »

Mir scheint das der Unterschied der Deutschen und Schweden einfach im Verständnis liegt.
Den Schweden reicht eine Empfehlung aus um sich richtig zu verhalten. Ein Deutscher versteht es nur, oder auch nicht, mit knallharten Auflagen und Androhung von Strafen.

Systemrelavant sind wir alle, außer die, die bewusst von Harz 4 leben.
Außerdem wird hier in Deutschland ein großer Unterschied gemacht zwischen Menschen die zur Risikogruppe gehören und zu Hause bleiben müssen und die die Arbeiten müssen. Obwohl sie die gleiche Erkrankung haben.

Das Alter spielt dabei eine große Rolle. Die jungen bleiben Zuhause, die älteren gehen zur Arbeit.
Jemand der beim Finanzamt in einem Einzelbüro arbeitet bleibt zu Hause. Die Verkäuferin muss arbeiten weil ja sonst das ganze System zusammenbricht.
Die Asthmakranke Erzieherin die im September wieder arbeiten gehen muss weil die Elternzeit vorbei ist. Aber ihr eigenes Kind nicht in die Kita gehen kann weil sie zu den ganz kleinen gehört. Was macht die? Hier läuft einiges ganz schief.

Was mich hier in Deutschland nervt sind die täglich geänderten Meinungen. Anstatt die Virologen und Co. zugeben das sie nicht wissen wie sich das ganze entwickelt. Z.B. zuerst auf keinen Fall Masken tragen, dann jeder darf nur noch mit Masken in öffentlichen Gebäude. Wenn man von Anfang an gesagt hätte, zur Vorsicht bitte alle eine Maske oder Mundtuch tragen wären viele NICHT infiziert worden.

Die schulische Situation ist eine Katastrophe. Drittklässler gehen hier 2 mal in der Woche für 3 Stunden in die Schule. Bekommen nichts neues beigebracht sondern nur das erlernte wird erhalten. Die Kinder sind nicht ausgeglichen. Kein Sport, keine sozialen Kontakte mit gleichaltrigen. Das ist nicht gut. Ich erwarte das es bald heißt, das die Ferien ausfallen und die Kinder den ganzen Sommer durch in die Schule gehen werden.
Es wird gesagt das Kinder die Coronaregeln nicht einhalten können. Das stimmt so nicht. Viele Schulen haben inzwischen zugegeben das gerade die jüngsten besser damit umgehen können wie die Viertklässler

Jetzt soll man in den Urlaub fahren können. Innerhalb von Deutschland. Ich lasse mir nicht vorschreiben wo ich Urlaub machen kann. Aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir wo ich in Europa Urlaub machen kann und wo nicht. Da geht es wieder nur ums Geld.

Die ganzen Einschränkungen und Lockerungen sind hier in Deutschland inzwischen eine farce. Die Restaurants hätten von Anfang an unter Auflagen offen bleibe können. Ob ich es wage mit einer Autoimmunerkrankung zum Friseur zu gehen kann ich selbst entscheiden. usw.

Am Anfang war ich sehr geschockt über die ganzen Maßnahmen und habe gedacht , was kommt da auf uns zu. Wie gefährlich ist der Virus. Inzwischen weiß ich das viel Panikmache dabei war, aber die ganze Situation doch sehr ernst ist.

Außerdem habe ich das Gefühl das viele zu den Coronatoten gezählt werden obwohl der Tod mit Corona nichts zu tun hat. Z.B. Der verunglückte Motorradfahrer, der an seinen Verletzungen stirbt, aber im Krankenhaus noch getestet wurde und infiziert war ohne Symptome.

Ich könnte noch vieles schreiben.

Jeder soll selbst entscheiden was er macht. Mit wem er Kontakt hat. Von wem er sich fernhält um niemand zu infizieren. Im ganzen finde ich das Schwedische angewandte System nicht schlecht, aber in Deutschland einfach nicht möglich.
Var inte för optimistisk, ljuset i slutet av tunnel kan vara ett tåg. Franz Kaffka

EuraGerhard
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1058
Registriert: 28. Juli 2010 12:51
Schwedisch-Kenntnisse: gut
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von EuraGerhard »

Hanjo hat geschrieben:
17. Mai 2020 22:32
Obwohl man nachlesen konnte und kann, dass sich alle bis dahin bekannten Epedemien erst in den Griff bekommen hat, als nach vielen Infizierungen und vielen Toten die Herdenimmunität erkennbar war, zuletzt die Spanische Grippe 1918 bis 1920; immerhin brauchte sie damals schon 3 Jahre.
Es mag ja sein, dass man das irgendwo nachlesen kann. Falsch ist es aber trotzdem. Nur zwei Beispiele: Sowohl SARS-1 als auch MERS bekam man in den Griff, lange bevor man auch nur in die Nähe einer Herdenimmunität kam. Letztlich ausschließlich durch Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen.

MfG
Gerhard

Benutzeravatar
Hanjo
Schwedenfreund
Schwedenfreund
Beiträge: 567
Registriert: 13. August 2005 10:17
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von Hanjo »

EuraGerhard hat geschrieben:
18. Mai 2020 17:55
Es mag ja sein, dass man das irgendwo nachlesen kann. Falsch ist es aber trotzdem. Nur zwei Beispiele: Sowohl SARS-1 als auch MERS bekam man in den Griff, lange bevor man auch nur in die Nähe einer Herdenimmunität kam. Letztlich ausschließlich durch Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen.
MfG
Gerhard
Danke für Deinen Hinweis, aber sorry Gerhard, die beiden "Beispiele" sind unwahre Behauptungen und sollen eher dazu dienen, meine Meinung zu widerlegen :gutefrage: und vom eigentlichen Problem ablenken. Stimmen aber auch nun überhaupt nicht, denn schon Wikipedia - und es gibt über das Thema noch weiterführende Ähnliches aussagende "echte" Fachliteratur - sagt folgendes:
  • MERS-Cov wurde aufgrund eines Impfstoffes in Bann gehalten (darauf warten wir ja bzgl. Corvid-19 noch). Die Ergebnisse der beiden ersten Phase-I-Studien an geimpften Testpersonen wurden im April 2020 publiziert; im Deutschen Ärzteblatt hieß es: „Beide Impfstoffe haben den Sicherheitstest bestanden. Beide haben eine Immunreaktion erzielt. Ob sie ausreicht, um Menschen vor einer Infektion zu schützen, ist noch unklar."
    Im Übrigen wird MERS-Cov nirgendwo als Pandemie geführt, lieber Gerhard, da sie mit wenigen Ausnahmen vorwiegend im vorderen Orient auftrat
  • SARS-1 (SARS-Pandemie 2002/2003) hoffte man im Juli 2003 binnen drei Wochen vollständig eindämmen zu können. Dies stellte sich zwar als Irrglaube heraus, aber in den Folgewochen gab es nur noch Einzelfälle von Erkrankungen, die jedes Mal rasch erkannt werden konnten, so dass es zu keinen weiteren großen Ausbrüchen kam.
Es ist bzgl. SARS nicht sicher, aber auch nicht ausgeschlossen, dass sich damals bereits die Herdenimmunität bemerkbar gemacht hat. Und welche schlimmen Folgen die tatsächlich durchgeführten Isolationsmaßnahmen damals bereits hatten kann man ebenfalls nachlesen:
Sozioökonomische Auswirkungen der SARS-Pandemie 2002/2003
Besonders in Asien offenbarten sich die erheblichen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Schäden der SARS-Pandemie 2002/2003. Sie wirkte sich hauptsächlich auf das Konsumverhalten und die Tourismusindustrie aus. Letztere brach regelrecht ein, so dass im Frühjahr 2003 Singapur, Hongkong, China und Malaysia einen Rückgang der Touristenzahlen um knapp 70 Prozent hinnehmen mussten.
Im Einzelhandel gingen die Umsätze um bis zu zehn Prozent zurück, da die Menschen nur noch das absolut Notwendigste kauften. Auf diese Weise wollten sie die Gefahr großer Menschenansammlungen beispielsweise in Innenstädten oder in Einkaufszentren umgehen. Zahllose Industriebetriebe drosselten ihre Produktion, um mit geringerer Arbeitsbesetzung das Risiko von Infektionen möglichst klein zu halten.
China half den betroffenen Wirtschaftsbranchen mit Steuererleichterungen und anderen Stabilisierungsmaßnahmen und auch Hongkong und Malaysia beschlossen umfangreiche Hilfspakete. Hongkong geriet gar in eine Rezession – ebenso wie Singapur. Der Stadtstaat stützte von seinen Unternehmen vor allem die Fluggesellschaften und wertete seine Landeswährung, den Singapur-Dollar, ab.
Die Angst vor der Krankheit führte auch zur Verlegung mehrerer sportlicher Großveranstaltungen. So sagte die Internationale Eishockey-Föderation am 30. März 2003 die Austragung der Eishockey-Weltmeisterschaft der Frauen ab, die am 3. April in Peking beginnen sollte. Auch die FIFA reagierte und verlegte die an China vergebene Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2003 in einem Eilverfahren am 3. Mai in die USA.
Die Behörden von Hongkong erklärten am 24. April 2003 die Verabschiedung eines Hilfspaketes in Höhe von 11,8 Mrd. Hongkong-Dollar zur Unterstützung des städtischen Tourismus, des Einzelhandels und des Gastronomiegewerbes.
Neben zahlreichen Steuererleichterungen sah diese Maßnahme auch die Bereitstellung von 1 Mrd. Hongkong-Dollar für Marketingaktionen in Übersee vor, um Hongkong wieder attraktiver zu machen und ein besseres Image zu verleihen, nachdem es wochenlang nur mit negativen Schlagzeilen in den Medien stand.
Insgesamt beliefen sich die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie in Asien auf ungefähr 18 Milliarden US-Dollar.

Eine nationale Studie der Harvard School of Public Health der Harvard University zeigte, dass Mitte April 2003 93 % der US-Bürger von SARS gehört hatten und ihnen die Abkürzung ein Begriff war. Speziell in den USA hatten die Unsicherheit und Unkenntnis über die Krankheit eine verallgemeinernde Stigmatisierung aller Asiaten zur Folge. Gemäß der Harvard-Erhebung vermieden 14 % der US-Amerikaner geschäftliche Kontakte oder sonstige Beziehungen mit Asien. Dies führte insbesondere in den Chinatowns der Großstädte zu Umsatzeinbußen und dem Ausbleiben der üblichen Touristenströme. Die Stadtviertel glichen für einige Wochen Ghettos, in die sich kaum Nichtasiaten wagten. Die US-amerikanische Komikerin Margaret Cho mit südkoreanischen Wurzeln nannte solche durch die Pandemie aufgezeigten Vorbehalte gegenüber Asien in Anlehnung an die Abkürzung für die Krankheit „severe Asian racism syndrome“ („Schweres Asien-Rassismus Syndrom“).

Auch in Kanada waren die Auswirkungen der Pandemie enorm. Die meisten Tagungen und Messen in der Millionenstadt Toronto wurden abgesagt und der letzten verbliebenen großen Konferenz, der American Library Association Convention im Sommer 2003, blieb die Library of Congress als größter Teilnehmer fern. Am 22. April 2003 berichtete CBC/Radio-Canada, dass die Auslastung in den Hotels Torontos nur die Hälfte des normalen Wertes erreiche. Eine Verschärfung der Reisewarnung durch die WHO am folgenden Tag und die Aufforderung, nicht unbedingt notwendige Reisen nach Kanada zu verschieben, führten dazu, dass Mitglieder der Stadtverwaltung von Toronto einen großen wirtschaftlichen Rückgang prognostizierten. Experten der Bank von Kanada meinten gar, die Reisewarnung könnte der gesamten kanadischen Wirtschaft drastische und langfristige Schäden zufügen.


Und das alles will man grad in Tschland wiederholen? Ich denke, die derzeitigen hilflos wirkenden und noch mehr Unsicherheit verbreitenden Versuche einer "Lockerung" der Maßnahmen lassen ahnen, dass man nun endlich in der Politik diese möglichen (eher "wahrscheinlichen") Folgen registriert hat - und wohl auch davon ausgeht, dass sie langfristig untragbar und eher nicht zu verkraften sind. Leider verunsichern diese "Regulierungsversuche" die Menschen aber nun noch mehr, da selbst die öffentlichrechtlichen Medien uns nicht erklären können, welche Maßnahme nun wann und wo Gültigkeit hat bzw. haben wird.

Ist halt meine Meinung ;-) .

Hejdå
Hanjo
Wer seine Träume erfüllen will, muss erst einmal aufwachen

EuraGerhard
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1058
Registriert: 28. Juli 2010 12:51
Schwedisch-Kenntnisse: gut
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Schwedischer Umgang mit Corona: Tegnell antwortet auf Kritik

Beitrag von EuraGerhard »

@ Hanjo:

In einem Punkt hatte ich mich geirrt: MERS-CoV wurde niemals offiziell als Pandemie eingestuft. Tatsache ist und bleibt aber, dass sowohl MERS als auch SARS ausschließlich durch Eindämmungsmaßnahmen unter Kontrolle gebracht werden konnten. Tatsache ist auch, dass es bis heute weder gegen MERS noch gegen SARS einen klinisch zugelassenen Impfstoff gibt.

MfG
Gerhard

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema