Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

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Flori
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Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Flori »

Hallo ihr lieben,
auf die Gefahr hin, dass die meisten von euch die Schnauze voll haben von Corona-Diskussionen, möchte ich mich trotzdem mal mit einer Frage diesbezüglich an euch wenden. Mich treibt schon länger eine Frage um:

Ich lebe in Schweden und verfolge natürlich sowohl in D als auch hier die Zahlen und die Berichterstattung regelmäßig. Es gibt einen erhebliche Diskrepanz im Verhältnis von Inzidenz zu den ICU-Zahlen zwischen den beiden Ländern, die ich mir nicht erklären kann. vielleicht habt ihr Ideen.

Hier eine kurze Rechnung:

Die 14 Tage Inzidenz auf 100.000 ist in Schweden 816 und in Deutschland 340. Also in Schweden mehr als doppelt so viele Neu-Ansteckungen pro Zeit und Einwohner.
Wie die meisten hier wissen, liegt die Inzidenz in Schweden auch schon lange um ein mehrfaches über der deutschen.

Die Intensivkapazitäten pro Einwohner sehen wie folgt aus:
In Schweden ca 50 Intensivbetten pro Million Einwohner
In Deutschland ca. 340 Intensivbetten pro Million Einwohner
Hier hat Deutschland also grob gesagt 7 mal mehr Kapazität!

Wenn man sich aber die Sterberaten der letzten Monate oder die Auslastung der Gesundheitssysteme anschaut, dann ist die Situation in Schweden in Relation zur hohen Inzidenz und geringen ICU-Kapazität fast gleich wie die in Deutschland, wenn nicht gar "entspannter". Aktuell sterben in D 2,6 pro Million EW und in Schweden nur 2.

Das passt doch irgendwie nicht zusammen?
Wie kommt das zustande???

Meine Idee war natürlich die Anzahl an Tests. Ich dachte: es könnte sein, dass man in Schweden viel mehr Infizierte entdeckt.
Allerdings werden in Schweden zur Zeit täglich nur 6.000 Test pro Million Einwohner durchgeführt, wohin gegen es in D 15.000 pro Million sind. (Die Inzidenz könnte in SE also nochmal deutlich höher liegen).

Mein nächster Gedanke war, dass in Schweden die Krankheit vielleicht aktuell eher in der jungen Bevölkerung vorkommt und in D mit Schwerpunkt bei den alten. - aber das scheint mir fast nicht möglich (Zahlen hierzu habe ich gerade keine).

Was denkt ihr darüber?
Ist doch ziemlich seltsam oder nicht??

Viele Grüße aus Schweden!

PS: hier kann man sich übrigens ganz gut Graphen im Ländervergleich anzeigen lassen:
https://www.srf.ch/news/international/c ... bersicht-3

Engelefeu
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Engelefeu »

Hej och god morgon Flori, Deine Frage passt gerade. Ich bin aktuell in D, wegen Impfe und Arbeit und hatte gerade mit meinem Mann das Thema am Wickel.
Bevor ich abfuhr waren bei uns in der Gegend vor Allem junge Handwerker betroffen. Das ist natürlich nicht gesichert, sondern nur beobachtet, aber alle Firmen hatten Ausfälle.
Was die Zahlen anbelangt weiss Gerhard sicher mehr. Es ist in D ja auch gefordert nicht nur die Inzidenzen zu nehmen, sondern auch die Sterberaten etc. Da hat aber kein Weg rein geführt. Ich bin auf die Ergebnisse der Klagen gespannt, die jetzt erfolgen werden.
Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause in Schweden bin.
Ta hand om dig Gaby

EuraGerhard
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von EuraGerhard »

Hallo Flori,

es ist immer schwierig, solche Zahlen länderübergreifend zu vergleichen. Da spielen jede Menge Faktoren eine Rolle, z.B. die Altersstruktur der Bevölkerung.
Flori hat geschrieben:
23. April 2021 19:36
Die 14 Tage Inzidenz auf 100.000 ist in Schweden 816 und in Deutschland 340. Also in Schweden mehr als doppelt so viele Neu-Ansteckungen pro Zeit und Einwohner.
Wie die meisten hier wissen, liegt die Inzidenz in Schweden auch schon lange um ein mehrfaches über der deutschen.
So weit richtig.

Flori hat geschrieben:
23. April 2021 19:36
Die Intensivkapazitäten pro Einwohner sehen wie folgt aus:
In Schweden ca 50 Intensivbetten pro Million Einwohner
In Deutschland ca. 340 Intensivbetten pro Million Einwohner
Hier hat Deutschland also grob gesagt 7 mal mehr Kapazität!
Das Problem dabei ist, dass es nicht nur auf die absolute Anzahl der Intensivbetten ankommt, sondern auch auf das dafür verfügbare Pflegepersonal. Und da hat man in Deutschland tatsächlich bis vor einigen Monaten nur die Betten gezählt, in Schweden dagegen immer nur die Betten, für die auch Personal vorhanden wird. (Dass man diese Zählweise in Deutschland dann korrigiert hat, hat natürlich etliche Coronaleugner dazu veranlasst, von einem Abbau der Intensivkapazität zu schwafeln ...)

Hinzu kommt, dass man in Schweden weitaus rigoroser als in Deutschland "planbare" Behandlungen abgesagt hat, also Intensivbetten für Covid-Patienten "freigeräumt" hat.
Flori hat geschrieben:
23. April 2021 19:36
Wenn man sich aber die Sterberaten der letzten Monate oder die Auslastung der Gesundheitssysteme anschaut, dann ist die Situation in Schweden in Relation zur hohen Inzidenz und geringen ICU-Kapazität fast gleich wie die in Deutschland, wenn nicht gar "entspannter". Aktuell sterben in D 2,6 pro Million EW und in Schweden nur 2.

Das passt doch irgendwie nicht zusammen?
Wie kommt das zustande???
Richtig ist, dass die Sterblichkeit pro Einwohnerzahl in der zweiten und dritten Welle in Schweden und Deutschland bislang in etwa gleich ist. Richtig ist aber auch, dass die Sterblichkeit in Schweden während der ersten Welle im Frühjahr letzten Jahres viel höher war als in Deutschland und sich diese erste Welle in Schweden auch wesentlich länger hinzog als in Deutschland. Man kann also annehmen, dass in Schweden ein größerer Teil insbesondere der Hochrisikogruppen bereits in der ersten Welle "weggestorben" ist.

Und was die Situation in Schweden betrifft: Hier in der Region Uppsala sind die Intensivbetten jetzt voll belegt, es müssen Patienten in andere Regionen transportiert werden.
Flori hat geschrieben:
23. April 2021 19:36
Meine Idee war natürlich die Anzahl an Tests. Ich dachte: es könnte sein, dass man in Schweden viel mehr Infizierte entdeckt.
Allerdings werden in Schweden zur Zeit täglich nur 6.000 Test pro Million Einwohner durchgeführt, wohin gegen es in D 15.000 pro Million sind. (Die Inzidenz könnte in SE also nochmal deutlich höher liegen).
Die absolute Anzahl der Tests hat nur dann einen Einfluss auf die Inzidenz, wenn es eine Dunkelziffer gibt. Also es Infizierte gibt, die nicht getestet werden. Das war am Anfang der Pandemie sicherlich ein großes Problem, dürfte mittlerweile aber nicht mehr schwerwiegend sein.
Flori hat geschrieben:
23. April 2021 19:36
Mein nächster Gedanke war, dass in Schweden die Krankheit vielleicht aktuell eher in der jungen Bevölkerung vorkommt und in D mit Schwerpunkt bei den alten. - aber das scheint mir fast nicht möglich (Zahlen hierzu habe ich gerade keine).
Da könnte durchaus was dran sein. Zwar ist in beiden Ländern der Altersdurchschnitt bei den Neuinfektionen im Vergleich zur ersten Welle gesunken. In Schweden aber gab es letzte Woche die höchste Inzidenz bei der Altersgruppe der 10-19-jährigen: Klick!

MfG
Gerhard

Gast

Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Gast »

Hallo Gerhard,

vielen Dank für deine ausführliche Beschreibung, insbesondere zum schwedischen Umgang in Bereich Krankenhaus-Kapazitäten.
Das ist sehr interessant!

Sicher kann man verschiedene Länder nicht so einfach vergleichen. Da stimme ich zu. Ich glaube (weiß es allerdings nicht) gar nicht mal dass die Altersstruktur so anders ist. Ein großen Unterschied machen sicher Faktoren wie Platz (Deutschland ist viel dichter besiedelt), Wohnstruktur (Schweden hat den größten Anteil an Einpersonen-Haushalten weltweit, viele leben in frei stehenden Häusern außerhalb von dichter Blockbebauung), und soziale Gewohnheiten (die Schweden waren ja schon vorher eher "distanziert", kontaktloses Bezahlen ist Standart...).

" Man kann also annehmen, dass in Schweden ein größerer Teil insbesondere der Hochrisikogruppen bereits in der ersten Welle "weggestorben" ist."

Ja, das habe ich auch schon als m it Ursache in Betracht gezogen. Auch wenn es ziemlich zynisch klingt, so hat der "Schutz der Risikogruppen" in der schwedischen ersten Welle ja bekannterweise nicht gut funktioniert.


"Die absolute Anzahl der Tests hat nur dann einen Einfluss auf die Inzidenz, wenn es eine Dunkelziffer gibt. Also es Infizierte gibt, die nicht getestet werden. Das war am Anfang der Pandemie sicherlich ein großes Problem, dürfte mittlerweile aber nicht mehr schwerwiegend sein."

Da bin ich nicht ganz deiner Meinung. Es gibt in allen Ländern eine erhebliche Dunkelziffer die nur sehr unzulänglich beforscht wurde. Drosten hat vor ein oder zwei Wochen eine Dunkelziffer von Faktor 4 für Deutschland geschätzt. Also vier Mal mehr Infizierte als bekannt. In Schweden dürfte die, auf Grund der niedrigen Testquote, nochmal deutlich höher liegen! Allein auf Grund der Tatsache, dass 25-30% aller Infektionen asymptomatisch Verlaufen und überhaupt nicht bemerkt werden gibt es eine Dunkelziffern.

"In Schweden aber gab es letzte Woche die höchste Inzidenz bei der Altersgruppe der 10-19-jährigen:"
Von einer mir gut bekannten Lehrerin/Kindergärtnerin wurde mir mitgeteilt, dass dort (Örebro) Kinder in der Regel gar nicht getestet werden und das Bild "Kinder sind nicht die Treiber" sehr stark verbreitet ist.
hier könnte also tatsächlich eine große unentdeckte Corona-Quelle schlummern. Was die hohe Inzidenz mit niedriger Sterberate ansatzweise erklärt.

Im gesamten sind es sicher viele viele kleine Einzelfaktoren die zu diesen Unterschieden führen. Zum Beispiel die sicher höhere "Herdenimunität" in Schweden. In Schweden gab es etwa 90.000 bekannte Infektionen pro Million, also grob 11%, wenn man das mit einer wild geschätzten Dunkelziffer von 4-5 mal nimmt, landet man irgendwo im Bereich von 40-50 der Bevölkerung die das Virus schon hatten!

Trotzdem finde ich es ziemlich bemerkenswert, dass der Unterschied so groß ist.

Flori
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Flori »

Hallo Gerhard,

vielen Dank für deine ausführliche Beschreibung, insbesondere zum schwedischen Umgang in Bereich Krankenhaus-Kapazitäten.
Das ist sehr interessant!

Sicher kann man verschiedene Länder nicht so einfach vergleichen. Da stimme ich zu. Ich glaube (weiß es allerdings nicht) gar nicht mal dass die Altersstruktur so anders ist. Ein großen Unterschied machen sicher Faktoren wie Platz (Deutschland ist viel dichter besiedelt), Wohnstruktur (Schweden hat den größten Anteil an Einpersonen-Haushalten weltweit, viele leben in frei stehenden Häusern außerhalb von dichter Blockbebauung), und soziale Gewohnheiten (die Schweden waren ja schon vorher eher "distanziert", kontaktloses Bezahlen ist Standart...).

" Man kann also annehmen, dass in Schweden ein größerer Teil insbesondere der Hochrisikogruppen bereits in der ersten Welle "weggestorben" ist."

Ja, das habe ich auch schon als m it Ursache in Betracht gezogen. Auch wenn es ziemlich zynisch klingt, so hat der "Schutz der Risikogruppen" in der schwedischen ersten Welle ja bekannterweise nicht gut funktioniert.


"Die absolute Anzahl der Tests hat nur dann einen Einfluss auf die Inzidenz, wenn es eine Dunkelziffer gibt. Also es Infizierte gibt, die nicht getestet werden. Das war am Anfang der Pandemie sicherlich ein großes Problem, dürfte mittlerweile aber nicht mehr schwerwiegend sein."

Da bin ich nicht ganz deiner Meinung. Es gibt in allen Ländern eine erhebliche Dunkelziffer die nur sehr unzulänglich beforscht wurde. Drosten hat vor ein oder zwei Wochen eine Dunkelziffer von Faktor 4 für Deutschland geschätzt. Also vier Mal mehr Infizierte als bekannt. In Schweden dürfte die, auf Grund der niedrigen Testquote, nochmal deutlich höher liegen! Allein auf Grund der Tatsache, dass 25-30% aller Infektionen asymptomatisch Verlaufen und überhaupt nicht bemerkt werden gibt es eine Dunkelziffern.

"In Schweden aber gab es letzte Woche die höchste Inzidenz bei der Altersgruppe der 10-19-jährigen:"
Von einer mir gut bekannten Lehrerin/Kindergärtnerin wurde mir mitgeteilt, dass dort (Örebro) Kinder in der Regel gar nicht getestet werden und das Bild "Kinder sind nicht die Treiber" sehr stark verbreitet ist.
hier könnte also tatsächlich eine große unentdeckte Corona-Quelle schlummern. Was die hohe Inzidenz mit niedriger Sterberate ansatzweise erklärt.

Im gesamten sind es sicher viele viele kleine Einzelfaktoren die zu diesen Unterschieden führen. Zum Beispiel die sicher höhere "Herdenimunität" in Schweden. In Schweden gab es etwa 90.000 bekannte Infektionen pro Million, also grob 11%, wenn man das mit einer wild geschätzten Dunkelziffer von 4-5 mal nimmt, landet man irgendwo im Bereich von 40-50 der Bevölkerung die das Virus schon hatten!

Trotzdem finde ich es ziemlich bemerkenswert, dass der Unterschied so groß ist.

EuraGerhard
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von EuraGerhard »

Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Sicher kann man verschiedene Länder nicht so einfach vergleichen. Da stimme ich zu. Ich glaube (weiß es allerdings nicht) gar nicht mal dass die Altersstruktur so anders ist.
Die Altersstruktur unterscheidet sich schon etwas. Die Lebenserwartung ist (oder zumindest: war) in Schweden etwas höher, der Altersdurchschnitt ein paar Jahre niedriger und die Geburtenrate auch höher als in Deutschland. Quelle
Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Ein großen Unterschied machen sicher Faktoren wie Platz (Deutschland ist viel dichter besiedelt), Wohnstruktur (Schweden hat den größten Anteil an Einpersonen-Haushalten weltweit, viele leben in frei stehenden Häusern außerhalb von dichter Blockbebauung), und soziale Gewohnheiten (die Schweden waren ja schon vorher eher "distanziert", kontaktloses Bezahlen ist Standart...).
Auch das trägt mit dazu bei.
Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Auch wenn es ziemlich zynisch klingt, so hat der "Schutz der Risikogruppen" in der schwedischen ersten Welle ja bekannterweise nicht gut funktioniert.
Wirklich gut hat der Schutz der Risikogruppen ja nirgendwo funktioniert. Aber sicherlich hat er in Schweden besonders schlecht funktioniert. Was aber wohl weniger an der schwedischen Corona-Strategie gelegen hat als vielmehr an über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Missständen im Pflegebereich.
Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Es gibt in allen Ländern eine erhebliche Dunkelziffer die nur sehr unzulänglich beforscht wurde. Drosten hat vor ein oder zwei Wochen eine Dunkelziffer von Faktor 4 für Deutschland geschätzt. Also vier Mal mehr Infizierte als bekannt. In Schweden dürfte die, auf Grund der niedrigen Testquote, nochmal deutlich höher liegen!
Da hast Du vermutlich auch recht. Aber es liegt nun mal in der Natur von Dunkelziffern, dass man sie nur grob abschätzen kann. Könnte man sie genau bestimmen, wären es keine Dunkelziffern mehr.
Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Von einer mir gut bekannten Lehrerin/Kindergärtnerin wurde mir mitgeteilt, dass dort (Örebro) Kinder in der Regel gar nicht getestet werden und das Bild "Kinder sind nicht die Treiber" sehr stark verbreitet ist.
hier könnte also tatsächlich eine große unentdeckte Corona-Quelle schlummern. Was die hohe Inzidenz mit niedriger Sterberate ansatzweise erklärt.
Und hier auch.
Flori hat geschrieben:
24. April 2021 16:19
Im gesamten sind es sicher viele viele kleine Einzelfaktoren die zu diesen Unterschieden führen. Zum Beispiel die sicher höhere "Herdenimunität" in Schweden. In Schweden gab es etwa 90.000 bekannte Infektionen pro Million, also grob 11%, wenn man das mit einer wild geschätzten Dunkelziffer von 4-5 mal nimmt, landet man irgendwo im Bereich von 40-50 der Bevölkerung die das Virus schon hatten!
Von einer "Herdenimmunität" könnte man erst dann sprechen, wenn so viele Menschen immun wären, dass die effektive Reproduktionszahl auch ohne besondere Schutzmaßnahmen unter eins bliebe. Davon ist auch Schweden ganz offensichtlich noch weit entfernt. Insofern vermute ich, dass die von Dir geschätzte Dunkelziffer doch etwas zu hoch gegriffen ist.

Es gibt bzgl. Inzidenz und Immunität aber noch einen anderen Aspekt, der sich in Zukunft mehr und mehr bemerkbar machen wird. Wenn man wie bisher die Inzidenz in Bezug auf die Bevölkerungszahl als Maßstab für das Infektionsrisiko nimmt, dann wird das Infektionsrisiko in zunehmendem Maße unterschätzt, je mehr Menschen - und zwar egal ob durch Impfung oder überstandene Erkrankung - immun werden. Man müsste also eigentlich die Inzidenzwerte, bei denen bestimmte Maßnahmen wie z.B. die "Bundesnotbremse" greifen sollen, eher nach unten als nach oben verschieben.

Aber es sind, wie Du sagst, sicherlich sehr viele Einzelfaktoren. ("Viel Kleinvieh macht auch Mist!" ;) ) Da werden die Gesundheitswissenschaftler noch viel Arbeit vor sich haben, um das alles zu untersuchen.

MfG
Gerhard

Petergillarsverige
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Petergillarsverige »

So Aussagen wie "Die Alten sind weggestorben" oder "keine mehr über". Es gibt in Schweden 1,5 Mill. Menschen über 70, der am meisten betroffenen Gruppe. Wenn davon 15.000 gestorben sind, sind das 1%, bleiben noch 99% über. Natürlich ist jeder Coronatote einer zuviel. Meine Mutter gehört auch dazu, sie war 89. Aber das ist nunmal so.

In der kumulierten Übersterblichkeit ist Deutschland inzwischen pro 1 Mill Einwohner deutlich über Schweden.

Machen wir folgendes Gedankenexperiment: Nehmen wir an das Virus könnte bei der Mutation intelligent planen. Die Menschen umzubringen ist nicht gut. Stirbt der Mensch eine Stunde nach der Infektion, die Viren wären schnell tot. Ideal wäre die Menschen nicht zu töten und die Krankheit möglichst klein halten. Dann kann sich die Mutation am besten verbreiten. Die Inzidenz steigt an und die Todesfälle sinken. Da Schweden keinen Lockdown in deutscher Weise hatte, konnte es sich besser in die gewünschte Richtung entwickeln. Schweden wäre dann weiter durch als Deutschland. Das Prinzip hat die letzten paar Millionen Jahre funktioniert. Unsere Kinder machen viele Erkältungen durch, auch Corona Viren, steigern ihre Immunität und das ist nun der Lauf der Welt. In Zukunft betrifft das die Alten nicht mehr, denn sie hatten das als Kinder. So stellt sich dann wieder Normalität ein.
Impfen geht jetzt auch und wird für die Alten (ich gehöre auch dazu) eine echte Hilfe sein. Für die Kinder dagegen wäre es unproblematisch wie jede andere Erkältung.
Schweden ist nicht nur ein schönes Land - das ist ein Virus!

EuraGerhard
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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von EuraGerhard »

Hallo!
Petergillarsverige hat geschrieben:
26. April 2021 12:09
Machen wir folgendes Gedankenexperiment: Nehmen wir an das Virus könnte bei der Mutation intelligent planen.
Das Problem bei diesem Gedankenexperiment: Genau das kann das Virus nicht. Mutationen sind immer zufällig.

Gar nicht zufällig ist aber die Wahrscheinlichkeit für Mutationen. Die hängt direkt von der Menge der Viren ab, die sich "im Umlauf" befinden. Also direkt von der Anzahl der infizierten Personen. Je mehr Menschen also gleichzeitig infiziert sind, desto mehr Mutationen gibt es. Und desto größer ist die auch Wahrscheinlichkeit, dass da mal eine dabei ist, die dm Virus einen Überlebensvorteil bedeutet.
Petergillarsverige hat geschrieben:
26. April 2021 12:09
Die Menschen umzubringen ist nicht gut. Stirbt der Mensch eine Stunde nach der Infektion, die Viren wären schnell tot. Ideal wäre die Menschen nicht zu töten und die Krankheit möglichst klein halten. Dann kann sich die Mutation am besten verbreiten.
Im Prinzip ja. Aaaber:

Das funktioniert erst dann, wenn man die effektive Reproduktionszahl dauerhaft auf Werte um 1.0 oder darunter gebracht hat. Bei höheren Reproduktionszahlen kann das Virus immer noch mehr als einen anderen Menschen infizieren, selbst wenn sein ursprünglicher Wirt stirbt. So lange die Reproduktionszahl größer ist als 1, bringt eine Mutation, die weniger tödlich ist, also keinen bzw. kaum einen Überlebensvorteil für das Virus. Im übertragenen Sinne ist es dem Virus "egal", ob ein Infizierter stirbt, solange er vorher das Virus an mehr als einen weiteren Menschen übertragen hat.

Eine Mutation, die aber - unabhängig von der Sterblichkeit - die Reproduktionszahl erhöht, bringt einen erheblichen Überlebensvorteil. Genau das haben wir ja jetzt bei der britischen Mutation B.1.1.7 gesehen: Die Sterblichkeit ist etwa vergleichbar, aber die Reproduktionszahl ist höher. Prompt setzt sie sich durch. Und zwar auch in Schweden, wo aufgrund einer viel zu hohen Inzidenz praktisch keine Rückverfolgung von Infektionsketten stattfindet und so niemand sagen kann, wie B.1.1.7 ins Land gekommen ist.
Petergillarsverige hat geschrieben:
26. April 2021 12:09
Da Schweden keinen Lockdown in deutscher Weise hatte, konnte es sich besser in die gewünschte Richtung entwickeln. Schweden wäre dann weiter durch als Deutschland.
Schön wär's. Die Realität sieht leider anders aus, in Schweden grassieren die gleichen Mutanten wie in Deutschland.

Gut, Schweden mag vielleicht einen geringfügig höheren Immunitätsgrad in der Bevölkerung aufweisen als Deutschland. Aber von einer Herdenimmunität sind wir auch in Schweden immer noch weit entfernt. Und je höher die Inzidenz, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann, irgendwo mal eine Mutante entsteht, die die bisher - egal ob durch Impfung oder Überstehen der Krankheit - aufgebaute Immunität unterläuft. (Vielleicht eine "schwedische Variante"?)
Petergillarsverige hat geschrieben:
26. April 2021 12:09
Das Prinzip hat die letzten paar Millionen Jahre funktioniert. Unsere Kinder machen viele Erkältungen durch, auch Corona Viren, steigern ihre Immunität und das ist nun der Lauf der Welt. In Zukunft betrifft das die Alten nicht mehr, denn sie hatten das als Kinder. So stellt sich dann wieder Normalität ein.
Auch das funktioniert und wird so kommen. Aber es dauert seine Zeit. Und zwar mindestens eine Generation, wahrscheinlich länger. Und die Frage ist, wie wir bis dahin mit der Krankheit umgehen.

MfG
Gerhard

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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Petergillarsverige »

In Schweden gibt es derzeit unter 20 Covid 19 Tote pro Tag. Mal 8 um auf die Zahl für Deutschland zu kommen sind max. 160. In Deutschland haben wir aber über 300. Von daher ist schon etwas in Schweden besser.
Schweden ist nicht nur ein schönes Land - das ist ein Virus!

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Re: Coronazahlen Schweden vs. Deutschland

Beitrag von Flori »

Bildschirmfoto 2021-04-28 um 18.46.52.png
Die Diskussion was besser ist, wollte ich hier eigentlich nicht anfangen.

Viel interessanter ist doch die Frage, wieso das so ist, und das obwohl die Inzidenz erheblich höher ist...

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