Als Assistenzarzt nach Schweden

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maly_85
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Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von maly_85 »

Hallo zusammen!

Ich hab schon viele der posts zum Thema "als Arzt nach Schweden" gelesen - danke schon mal für die vielen Infos. Meine Situation ist aber nirgends so bisher vorgekommen und also hier die Frage:
Ich bin Assistenzarzt für Allgemeinmedizin und mir fehlen zum Facharzt "nur" noch 10 Monate Innere Medizin. Meine Freundin und ich überlegen aus verschiedenen Gründen nach Schweden auszuwandern (sie selbst ist klimawissenschaftlerin die aber mangels Jobangeboten in Spezialitätencafés arbeitet). Wir sprechen beide bisher kein Wort schwedisch sind aber beide halkbwegs sprachbegabt und wissen dass man für anspruchsvolle Tätigkeiten wenigstens ein C1 braucht. Ab Juli diesen Jahres planen wir, etwa ein halbes Jahr auf Reisen (in Skandinavien) zu sein - dafür lösen wir auch die Wohnung auf, sind dann also flexibel was die neue Ortswahl angeht.

Zu meinen Fragen:
1. Wie läuft die Facharztprüfung für Allgmeinmedizin (hier heißt es ja dann Familienmedizin glaube ich) ab? Wo finde ich den "Vorraussetzungen-Katalog"?
- Ich habe 1 jahr Innere, 7 Monate Anästhesie, 1,5 jahre in 50% TZ und 2 Jahre in 90% TZ in Allgemeinmedizinerpraxen gearbeitet und eine Promotion mit Publikation.
2. Wie und vor allem wann habt ihr die Sprache gelernt? Ich hab gelesen dass wenn man nach Schweden geht auch Sprachkurse quasi vom Staat kriegen kann war mir aber diesbezüglich unsicher.
3. Wie habt ihr euch beworben? Da ich authentisch bleiben will wäre ja eignetlich ne Bewerbung aktuell nur auf Englisch sinnvoll, wird das akzeptiert?
4. Wie ist die Wohnungs- und Arbeitssituation in und um Göteborg und Stockholm - eher schwierig oder mit unserern Vorraussetzungen machbar? (sorry für die schwammige Formulierung)
5. Wie ist es mit der Anerkennung meiner Promotion - gibt es da Vorraussetzungen? (Hab dazu echt nix gefunden)

So, das war viel Text, ich danke euch schon einmal dafür bis hierher gelesen zu haben und bin gespannt auf Anworten:) :danke: :flagge:

Viele Grüße aus Hamburg,
Christian

jörgT
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von jörgT »

Hallo Christian!
Wenn Dir nur noch die 10 Monate Innere Medizin fehlen, würde ich Dir raten, die Facharztprüfung in Deutschland zu machen. Eine Bewerbung als Facharzt hat viel mehr Chancen auf Erfolg, Du bist deutlich mehr interessant für zukünftige Arbeitgeber und bekommst einen besseren Start (möglicherweise mit bezahltem Sprachkurs!).
Wenn Du als Nicht-Facharzt herkommst, brauchst Du eine Ausbildungsstelle und verlängerst Deine Ausbildungszeit um mindestens ein Jahr!
In Schweden gibt es keinen Anforderungskatalog a la Deutschland - bestimmte Kurse sind obligatorisch und dann entscheiden die Spezialisten, mit denen Du zusammenarbeitest (gemeinsam mit Deinem "handledare"), ob Du Deine Unterlagen einreichen kannst. Deine Fachrichtung heisst "allmänmedicin" und Du kannst als "distriktsläkare" oder "familjeläkare" arbeiten.
Noch ein Wort zur Wahl des Arbeitsortes: Um die schwedischen Grossstädte Malmö, Göteborg und Stockholm herum gibt es auch hier einen Ärzteüberschuss - je weiter Du Dich von diesen entfernst, desto mehr Möglichkeiten hast Du. In der schwedischen "Provinz" kannst Du sogar einen bezahlten Sprachkurs bekommen, wie z.B. hier in Dalarna …
Ansonsten bist Du herzlich willkommen und ich glaube kaum, dass Du diesen Schritt bereuen wirst!
Jörg :smt006

maly_85
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von maly_85 »

Hallo Jörg!

Vielen Dank für deine Antwort! Habe ich mir schon gedacht dass die Großstädte eher etwas schwieriger sind, aber das stört uns nicht, wir sind ziemlich offen was den Ort angeht.
Evtl. will ich, trotz dass der Facharzt etwas länger dauern könnte, den Schritt gehen da meine Freundin evtl. Chancen auf einen Job in Schweden hat (du siehst es gibt noch viele Fragezeichen), daher noch die Frage: Wie ist es mit Teilzeit-Arbeit für Assistenzärzte und später für Fachärzte? Ist das "gängig?" Ich hab die letzten Jahre in TZ nicht mehr als 30-40 Stunden gearbeitet, die finanzielle Einbuße hat die Lebensqualität wieder wett gemacht ;)

Beste Grüße!
Christian

jörgT
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von jörgT »

Teilzeit in der Ausbildungszeit zum Spezialisten (FA-Ausbildung) ist nicht so gängig, weil sich dadurch natürlich die Ausbildungszeit verlängert. Das machen eigentlich nur Eltern mit kleineren Kindern. Dagegen ist Teilzeit als Spezialist durchaus weit verbreitet. Selbst arbeite ich 75%, d.h. 3 Wochen pro Monat voll und die vierte Woche frei. Ich bin allerdings auch schon 65 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund …
Wenn Du bereit bist, in die nördliche Hälfte (Dalarna und weiter nördlich) von Schweden zu ziehen, findest Du schon etwas. Trotzdem ist es viel leichter, wenn Du bereits Facharzt bist - für den Arbeitgeber ist es ein grosser Unterschied, ob er einen Facharzt ohne grossen Bedarf an handledning anstellt oder einen ST, bei dem diese gesetzlich vorgeschrieben ist! Die Arbeit in einer vårdcentral unterscheidet sich doch wesentlich von der Arbeit eines Allgemeinmediziners in Deutschland!
Aber wenn Du sowieso herkommen willst, melde Dich einfach in einer vårdcentral an und schau Dir den Betrieb an. Wenn Ihr so weit hoch kommt: Ich weiss einen deutschen Allgemeinmediziner, der Dir sicher noch besser erzählen und zeigen kann, wie das so läuft! Wenn das für Euch interessant sein sollte, können wir über PN weiterdiskutieren …
Ich habe jedenfalls den Schritt, nach Schweden zu gehen, nie bereut (bin jetzt fast 17 Jahre hier) …
Viel Glück beim Suchen!
Jörg

Volker_
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von Volker_ »

Hallo Christian!

Na wie lustig. Hast Du schon was? Meine Frau ist Chefin von einer Vårdcentral in Småland, 7 1/2 Stunden von Hamburg weg. Ich selber bin Geowissenschaftler und beschäftige mich unter anderem mit Klimaanpassung bzw. Klimafolgen ( Grundwasser und Altlasten)....also. Schick ne PN!

Grüsse
Volker

vibackup
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von vibackup »

Dublett, gelöscht.
Zuletzt geändert von vibackup am 2. April 2020 08:54, insgesamt 1-mal geändert.

vibackup
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Re: Als Assistenzarzt nach Schweden

Beitrag von vibackup »

maly_85 hat geschrieben:
26. Januar 2020 08:28
1. Wie läuft die Facharztprüfung für Allgmeinmedizin (hier heißt es ja dann Familienmedizin glaube ich) ab? Wo finde ich den "Vorraussetzungen-Katalog"?
Es gibt hier keine FA-Prüfung im deutschen Sinne; du hast einen "handledare" und einen "verksamhetschef". Beide zusammen schreiben unter, dass du die Anforderungen erfüllst, der Antrag geht an das SoS, und nach zwischen zwei Tagen und sechs Monaten bekommst du die Urkunde.
Einen Katalog haben wir nicht, aber "målbeskrivningar"; das Problem ist, dass eigentlich eine neue Regel eingeführt werden sollte, unter die du fallen würdest, wenn du nach dem 1/7 kommst; die ist aber nicht fertig.
Hier findest du den Entwurf:
https://www.socialstyrelsen.se/aktuellt ... bt-och-at/
(natürlich auf schwedisch...) und nur die "målbeskrivning" findet sich hier:
https://www.socialstyrelsen.se/globalas ... g-2020.pdf
Du müsstest in dem fall möglicherweise ein sigenanntes "Basår" machen.
Alternativ (es ist in der Diskussion, die Regeln zu verschieben) fällst du unter die alten neu-neuen Regeln:
https://www.socialstyrelsen.se/regler-o ... nstgoring/
maly_85 hat geschrieben:
26. Januar 2020 08:28
2. Wie und vor allem wann habt ihr die Sprache gelernt? Ich hab gelesen dass wenn man nach Schweden geht auch Sprachkurse quasi vom Staat kriegen kann war mir aber diesbezüglich unsicher.
Dazu hat dir Jörg ja schon geantwortet, oder?
Je Nord, desto gut, je Land, desto gut, je Stadt, desto schlecht.
Dann wirbelt das Coronavirus, auf das wir hier schlecht vorbereitet waren, unser Gesundheitssystem gerade erheblich durcheinander... vielleicht willst du doch erstmal deine Innere in D fertig machen?
Ich selber lerne die Sprache seit 1988 autodidaktisch und in Perioden mit Hilfe eines VHS-kurses und eines Privatlehrers (unmittelbar bevor wir herkamen).
Ich habe meine Aus- und Einwanderung ungefähr eine Million mal bereut (Deutschland ist einfach ein fantastisches Land), aber ich hätte es mindestens genauso oft bereut, nicht gegangen zu sein, vermutlich öfter.
Und nachdem meine Kinder hier (fast) aufgewachsen sind und nie etwas anderes als Schweden kennengelernt haben, ist es auch unwahrscheinlich, dass ich zurück gehen werde... vielleicht, wenn ich in Rente gehe? Das ist ein kleiner Traum, den ich habe, aber das ist in der Familie nicht so populär...
maly_85 hat geschrieben:
26. Januar 2020 08:28
3. Wie habt ihr euch beworben? Da ich authentisch bleiben will wäre ja eignetlich ne Bewerbung aktuell nur auf Englisch sinnvoll, wird das akzeptiert?
Das kommt auf die VC und deren Chef an... auch da hatte Jörg ja eine Idee.
maly_85 hat geschrieben:
26. Januar 2020 08:28
4. Wie ist die Wohnungs- und Arbeitssituation in und um Göteborg und Stockholm - eher schwierig oder mit unserern Vorraussetzungen machbar? (sorry für die schwammige Formulierung)
Wie schon gesagt: vergiß diese beiden Gegenden und am besten alle sieben Universitätsstädte (außer vielleicht Umeå?) und such etwas "draussen auf dem Land" (Dalarna, bspw), dann hast du die besten Voraussetzungen.
maly_85 hat geschrieben:
26. Januar 2020 08:28
5. Wie ist es mit der Anerkennung meiner Promotion - gibt es da Vorraussetzungen? (Hab dazu echt nix gefunden)
Das ist auch ein Problem; generell ist der deutsche Doktor dem schwedischen gleichgestellt. Aber der Dr. med. ist davon ausgenommen; hier würde ich mich mit der zuständigen Fakultät (FUS, forsknings- och utbildningsstudierektorn) in Verbindung setzen, die können weiterhelfen. Die Voraussetzungen für einen Doktor hier sind etwas variierend, aber zumeist gehen ein:
  1. Vier Jahre Vollzeitausbildung oder entsprechendes in Teilzeit
  2. Obligatorische Kurse, dazu gehören in der Regel: Statistik, Wissenschaftsmethodik, Wissenschafts- und Bioethik, Informationssuche und -presentation
  3. Wahlfreie Kurse und Seminarien
  4. Mindestens eine Präsentation auf einem internationalen Kongress
  5. Vier Artikel, davon müssen zwei-drei in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert sein, ein-bis zwei dürfen als Manuskripte im Publikationsprozess sein
Dann noch eine Anmerkung: ich bin zwar Arzt, aber kein klinisch tätiger (mehr), sondern sitze inzwischen in einer Servicespezialität (Pharmakologie) unter der Landstingsleitung. Unser deutlich ineffektiveres Gesundheitssystem wird durch Corona gerade einem erheblichen Stresstest ausgesetzt und es tauchen die skurrilsten Probleme auf... in Stockholm wird gerade ein Feldlazarett eröffnet, um die Patienten versorgen zu können, und wir haben den Peak noch nicht erreicht.
Das ist alles noch die Ruhe vor dem Sturm, wenn wir dasselbe erleben wie in Italien.

Deshalb gilt generell: wer nicht muss: kommt NICHT her.

Aber vielleicht kannst du einen guten Beitrag leisten... rechne halt damit, dass du eventuell ein enorm gestresstes Gesundheitssystem vorfindest, Entscheidungen treffen musst, wen du für wen opferst und so weiter.
Das hier ist nicht Deutschland, ihr hattet vor der Krise 28000 Intensivbetten auf 80 Mio Einwohner (35/100.000), wir hatten 512-580 auf 10 Mio (5,5/100.000), das ist ein gewisser Unterschied. Deshalb kann Schweden nicht dieselbe Strategie fahren wie D. Wenn wir die Kurve so platt halten wollen, daß wir unser System nicht überlasten, müßten wir nach den aktuellen Zahlen unsere Gesellschaft 4 bis 8 (!) Jahre stillegen; das ist nicht machbar.
D kann sich das leisten, die Zeit, die ihr braucht (bis zum Herbst/Winter mit ab dem Sommer (?) sinkenden Zahlen) ist machbar, ohne daß die Gesellschaft zerfällt.
Aber ev läuft es ganz anders und alle unsere Zahlen und Rechnungen sind falsch...

//M

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