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Fremdenfeindlichkeit und Rassismus

In vielen Kommunen des Landes war das Problem des Anstiegs von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus besonders stark zu verzeichnen. In Stockholm nahm die Fremdenfeindlichkeit Anfang der 90er Jahre stark zu; in der Innenstadt kam es u.a. zu regelrechten Ausschreitungen zwischen Ultranationalisten/Rassisten und antirassistischen Gruppen. In dieser Situation beschloss die Kommune, 1992 4 Millionen Kronen für besondere Maßnahmen zur Bekämpfung der Fremdenfeindlichkeit und zur Förderung guter ethnischer Beziehungen zu veranschlagen. An den Schulen der Hauptstadt wurde ferner eine Zusammenarbeit eingeleitet, um den fremdenfeindlichen Kräften so früh wie möglich zu begegnen.

Im Sommer 1993 machte Trollhättan wegen rassistischer Ausschreitungen in den Medien Schlagzeilen. Trollhättan ist eine Kommune in Westschweden mit gut 50.000 Einwohnern, wovon 7.000 ausländischer Abstammung sind. In den letzten Jahren hatte die Kommune über 6.000 Arbeitsplätze verloren, die Arbeitslosigkeit liegt bei 15%, bei Jugendlichen ist sie doppelt so hoch. Es begann damit, dass zwei Einwanderer aus Somalia von einer Gruppe Rassisten schwer misshandelt wurden. Im gleichen Sommer steckten junge Anhänger der fremdenfeindlichen Partei »Schweden-Demokraten« die dortig Moschee in Brand. Danach folgten zahlreiche Fernsehinterviews und Erklärungen in Zeitungen, in denen Kinder, Jugendliche und Eltern mehr oder weniger offen ihre Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck gaben. Doch die Kommune und das gesamte Land reagierten heftig darauf.

Die Schulen in Trollhättan verabschiedeten ein Aktionsprogramm zum Abbau der Konfliktgefahren. Alle Haushalte der Kommune erhielten eine Informationsbroschüre über die örtlichen Verhältnisse. Es wurden Rockgalas und Vorlesungen gegen Rassismus abgehalten. Heute arbeiten Polizei, Kirche, private Organisationen und die Kommune in Trollhättan gemeinsam zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Eine Erfahrung, aus der andere Kommunen im Land ihre Lehren gezogen haben, ist das Einbeziehen des eigenen Personals der Kommune bei der Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, vor allem gilt dies für die Erwachsenen, die bei ihrer täglichen Arbeit mit den Jugendlichen in der Schule und den Freizeitheimen in Verbindung stehen.

Auch an den Schulen begannen sich fremdenfeindliche Parolen auszubreiten. Es wurde von Flugblättern, rassistischen Festen und fremdenfeindlichen Gruppen an schwedischen Schulen berichtet. Lehrer und Rektoren gleichermaßen sahen sich mit einer neuen Problematik konfrontiert. Immer neue Fälle von Schülern, die Kleidungsstücke mit rassistischen Symbolen trugen und die Wände mit rassistischen Parolen voll schmierten, wurden bekannt. Die Gewalt gegenüber ausländischen Kindern nahm zu.

Wie soll ein Lehrer reagieren, wenn ein Schüler am Morgen mit einem T-Shirt mit der Aufschrift »Lieber AIDS als Einwanderer« in die Schule kommt? Wie reagiert man, wenn Schüler rassistische Schmuckstücke tragen oder Musik der sog. »weißen Macht« in den Gängen der Schule hören? Eine Zeit lang war es immer üblicher, dass Lehrer von Grundschulen und gymnasialen Schulen sich mit solchen Problemen auseinandersetzen mussten. Anfangs reagierten Lehrer und Rektoren von Fall zu Fall unterschiedlich, doch mit der Zeit übermittelte die staatliche Schulaufsichtsbehörde Leitlinien über die Policy der Schulen.

Heute werden keine Symbole, Musik, Kleidungsstücke oder andere rassistische Ausdrucksweisen an den schwedischen Schulen geduldet. Den Schulen ist es mit deutlichen Signalen im großen und ganzen gelungen, den Rassismus aus den Klassenzimmern zu verbannen. Ein wichtiger Grund für den Einsatz aller Lehrer, Schüler und Schulleiter zur Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist der Lehrplan der Schulen, der folgenden Inhalt hat: »Die Schule soll das Verständnis für andere Menschen und das Einfühlungsvermögen fördern… Tendenzen von Belästigungen müssen aktiv bekämpft werden. Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz müssen mit Wissen, offener Diskussion und aktiven Maßnahmen begegnet werden«.

Viele Schulen veranstalteten Elternabende, ehemalige KZ-Häftlinge, Flüchtlinge und Menschenrechtsorganisationen waren dazu eingeladen. Die Schulen erfahren auch durch die Gesetzgebung Unterstützung. Das Tragen von rassistischen Symbolen oder die Verbreitung rassistischer Botschaften ist nunmehr verboten. Dies wird in einem neuen Gesetz als »Verhetzung von Volksgruppen« (hets mot folkgrupp) bezeichnet, ein Verbrechen, das eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zur Folge haben kann. Das Gesetz fand schon mehrmals Anwendung. In einem Fall wurden Mitglieder einer Rockgruppe zu Freiheitsstrafen von drei bis fünf Monaten verurteilt, da sie rassistische Musik spielten und den Hitlergruß anwendeten.

Anfang 1997 wurde ein alarmierender Bericht über die Einstellung der schwedischen Jugendlichen zum Holocaust veröffentlicht. Am Bemerkenswertesten war, dass ein Großteil der Jugendlichen Zweifel darüber hegte, ob der Holocaust wirklich stattgefunden hatte. Viele Befragte bezweifelten auch das Ausmaß des Holocausts. Der Bericht führte in den Medien zu lebhaften Debatten über den Geschichtsunterricht an den Schulen, über Ethik, Moral und über unsere Pflicht, die vor nur wenigen Jahrzehnten begangenen historischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Die Regierung reagierte rasch darauf und leitete im Juni 1997 ein Informationsprojekt über den Holocaust ein, das sich vor allem an Jugendliche und deren Eltern wendete. Das Projekt erhielt den Namen »Lebendige Geschichte«. Eine Schrift mit dem Titel »Darüber solltet Ihr berichten – über den Holocaust in Europa 1933–45« in acht Sprachen wurde bisher in einer Auflage von 800.000 Exemplaren kostenlos verteilt. Daneben wurde ein Filmpaket mit Filmen zusammengestellt, die kostenlos an Schulen ausgeliehen werden, Diskussionsmaterial für Elternabende wurde ausgearbeitet, Projekte in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaftsorganisationen der Lehrer wurden durchgeführt und Lehrerseminare abgehalten. Das Projekt erweckte großes internationales Aufsehen.

Im Frühjahr 1998 wurde eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern der Regierungen Schwedens, der USA und Großbritanniens gebildet, um auf internationaler Ebene Kenntnisse über den Holocaust zu verbreiten. Diese Gruppe wurde mit Vertretern aus Deutschland und Israel erweitert. Die große Tragweite dieser Frage für die schwedische Regierung betonte Ministerpräsident Göran Persson deutlich in seiner Regierungserklärung vom Oktober 1998.

Heutige Situation

Abschließend sei erwähnt, dass im Herbst 1998 bei den Parlamentswahlen in Schweden keine fremdenfeindlichen oder rassistischen Parteien Erfolg hatten. Hier unterscheidet sich Schweden von mehreren anderen Ländern Europas, wie z.B. Dänemark, Norwegen, Frankreich, Österreich oder Belgien, die vor kurzem Wahlen abgehalten hatten, in denen fremdenfeindliche Parteien aufsehenerregende Erfolge verbuchen konnten. Das Interesse an Einwanderungsfragen ist in den vergangenen Jahren in der schwedischen Gesellschaft zurückgegangen, sie waren kaum ein politisches Thema im Wahlkampf.

Die Behauptung, dass einwanderungsfeindliche Kräfte in Schweden besiegt sind, ist noch zu früh. Doch hat die schwedische Diskussion bestenfalls die Einwandererfrage hinter sich gelassen, um sich stattdessen den wichtigeren und konstruktiveren Fragen der bestmöglichen Integration der neuen Schweden zu widmen.

Herausgegeben vom Schwedischen Institut.

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