Wie sind schwedische Studenten?

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Badewannen-Wikinger
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Wie sind schwedische Studenten?

Beitragvon Badewannen-Wikinger » 8. Januar 2017 12:25

Ich bin Hochschuldozent und dabei, mich beruflich in Schweden anzusiedeln. Ich kenne nur die Studienkulturen der USA, Kanadas, Deutschlands, Frankreichs, Englands, Neuseelands, Chinas, und Indiens bislang. Was ich mich frage, ist, wie wohl mein Alltag aussaehe im Umgang mit den Studenten - wie sind die, in Schweden? Um mal ein paar Begriffe zum Hantieren in die Runde zu werfen, in England und Neuseeland z.B. sind Studenten tendenziell eher wie Schueler; man mueht sich als Vortragender doch immer ein wenig ab, Disziplin zu halten, und muss den Sinn seiner Veranstaltungen stets "verkaufen." In Deutschland und Frankreich hingegen sind Studenten oft sehr viel selbstverantwortlicher und erwachsener, und eignen sich auch in Eigeninitiative Material an, mit dem sie einen dann regelrecht in die Zange nehmen koennen (aufregend! :wink: ). Das waeren so die beiden Extreme, die ich kenne. Wo zwischen ihnen liegen denn nun die Studierenden in Schweden? Weiss da jemand bescheid?

Petergillarsverige
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Re: Wie sind schwedische Studenten?

Beitragvon Petergillarsverige » 11. Januar 2017 16:56

Ich hatte mal einen schwedischen Studenten hier in Tyskland. Der war der Gipfel an Engagement. Hat alles im Handumdrehen erledigt, zuletzt eine Abschiedsparty organisiert, wir Dozenten waren auch eingeladen.
ABER: es ist statistisch gesehen unzureichend auf der Datenlage eines Studenten auf die Allgemeinheit der Studenten zu schließen.
Es hat aber auch was mit dem Dozenten zu tun, wie die Studenten mit ihm/ihr umgehen.
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Re: Wie sind schwedische Studenten?

Beitragvon vibackup » 12. Februar 2017 15:10

Badewannen-Wikinger hat geschrieben: Wo zwischen ihnen liegen denn nun die Studierenden in Schweden? Weiss da jemand bescheid?

Tja, wie soll ich antworten?
Etwa so wie Peter ist wahrscheinlich das korrekteste...
Mein Eindruck ist, dass es "den Studenten" hier nicht gibt, sondern vor allem zwischen Programmen gibt es eine erhebliche Variation.
Dann unterscheiden sich nach meinen Erfahrungen innerhalb von Programmen Distanzkurse von Kursen, die Anwesenheit voraussetzen ganz erheblich.
Auf wieviel Studenten ich meine Erfahrungen gründe, habe ich schwer zu sagen; ich habe in 5 verschiedenen Programmen (Ärzte, Krankenschwestern, Psychologen, Sozionomen, Arbeitstherapeuten) regelmäßig, aber in unterschiedlichem Ausmaß unterrichtet; am intensivsten im Medizinstudium, da wir das hier gemeinsam from scratch aufgebaut haben, am längsten wohl bei den Krankenschwestern (2009-2016), die auch pro Kurs die meisten Studenten (100) waren.
Die Medizinstudenten sind unter den von mir gesehenen Studenten eindeutig die homogenste, am höchsten funktionierende Gruppe und die, die einen am ehesten in anspruchsvole Diskussionen verwickelte. Allerdings auch die Gruppe, die mich am besten kannten und das einzige Programm, in dem ich immer noch etwas engagiert bin.
Pro Semester hat das Programm 50-70 Studenten, das Ziel ist, pro Termin 60 Studenten rauszuexaminieren.

Die Krankenschwestern waren die inhomogenste Gruppe, von Studenten im Niveau mit den Medizinstudenten (ein Zehntel?), die also gut Medizin studieren könnten, bis hin zu sehr unengagierten Studenten, eine Gruppe, die schätzungsweise genauso groß ist.
Was das Engagement in diesem Programm betrifft, beruht das auf (unsystematischen) Beobachtungen im Unterricht; die Resultate von Prüfungen in dieser Gruppe jedoch gaben immer mehrgipflige Verteilungen (ausser ein Mal, bei dem ich offenbar vorgeschriebene Dubletten bekam und fast alle Studenten bei 98-100% lagen) mit 5-6 etwa gleich hohen Gipfeln über die gesamte Strecke von 100% bis in den tiefen 30%-Bereich.
Nachklausuren sahen dann lustigerweise anders aus; hier sah man dann zwei recht hohe Gipfel, einen kleineren unter 20% und einen größeren im oberen Bereich über 65% (Bestehensgrenze). Das ist auch das einzige Programm, in dem ich leere Klausuren gesehen habe.

Bei den Arbeitstherapeuten konnte man zwei Untergruppen unterscheiden; es gab Distanz- und Anwesenheitskurse (die ersteren werden heute nicht mehr angeboten, soweit ich weiss).
Um es kurz zu machen: die Teilnehmer der Distanzkurse hatten neben Job, Familie, anderen Verpflichtungen schlicht keine Zeit für ihre Ausbildung und schienen darauf angewiesen, dass eine Vollzeitausbildung neben all dem automatisch lief.
Diese Studenten wollten das Wissen im Prinzip vorgekaut, nur das Notwendigste für die Prüfung und waren in der Regel älter, als die Studenten in den Anwesenheitskursen.
Die Arbeitstherapeuten waren die kleinsten Kurse (20-30 Studenten, afair).

Die Sozionomen waren die diskussionsfreudigste Gruppe, gefolgt von den Psychologen, was sogenannte "weiche Fakten" betrifft, während die Medizinstudenten vor allem am Anfang der Ausbildung oft weniger an den psychosozialen Aspekten und vor allem an den naturwissenschaftlichen Teilen der Medizin interessiert waren. Aber das liegt vermutlich in der Natur der Ausbildungen.

Nun habe ich nur wenig Vergleiche mit anderen Ländern (nur Deutschland); insofern kann ich nur sagen, dass die wenigen (4) deutschen (Medizin)Studenten die ich kenne, ev. etwas besser ausgebildet waren; was das Engagement betrifft, tue ich mich schwer, da die Unterschiede und die Gruppe zu klein sind und Studenten, die ins Ausland gehen, vermutlich nicht representativ für die Gesamtheit sind.

Was vielleicht wichtig ist: an der Uni (jedenfalls in Örebro und Linköping) habe ich oft erlebt, dass Sachen unglaublich eilig sind und Lehrpläne für einen Kurs in einer Woche, eine völlig neue Prüfung innerhalb wenigernTage etc. erstellt werden müssen, was dann viele Nachtschichten verursacht. Die im Landsting bessere Langsichtigkeit fehlt dort oft... manchmal cool, weil der Zug ständig in Bewegung ist, aber manchmal hat man den Eindruck, ein bißchen mehr Langsichtigkeit wäre möglich.

//M

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Re: Wie sind schwedische Studenten?

Beitragvon vibackup » 12. Februar 2017 15:17

Ein Zusatz, den ich vergessen habe: das Medizinstudium baut hier (ausser in Göteborg) auf einem (inzwischen auch schon wieder etwas angestaubtem) Konzept auf, das sich Problem Basiertes Lernen (PBL, von den Studenten in Linköping auch ÅBL, AngstBasiertes Lernen genannt) nennt; nur die Teile, die nach Einschätzung der Verantwortlichen nicht von den Studenten selbst erworben werden können, werden kathedral unterwiesen.
Das selbständige Erwerben von Wissen gehört in dem Programm zu den Kernforderungen.
Was sollst du denn unterrichen?

//M


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