Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zu gehen?

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Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zu gehen?

Beitragvon janaquinn » 23. Oktober 2006 17:54

Hej,

die deutsche Wirtschaft schlägt Alarm, denn immer mehr gut ausgebildete junge Deutsche verlassen das Land, da sie hier entweder keine Arbeit bekommen oder ihre Leistung so niedrig entlohnt werden, daß ein "normales" Leben praktisch nicht mehr möglich ist. Ich kenne es ja von uns, obwohl es uns eigentlich gut geht, haben wir durch die Arbeitszeiten meines Mannes (16-17h am tTag, ca. 1800 h im Monat) keinerlei Familienleben, die Kinder sehen ihren Vater 2 Tage in der Woche, meist liegen zwischen den freien Tagen bis zu 12 Tage. Die Entlohnung steht in keiner Art und Weise zur Arbeitsleistung meines Mannes. Jeder Müllfahrer verdient mehr als mein Mann, obwohl er 2. Mann in der Küche eines 5*Hotels ist.


Nachdem wir gerade 25-30 Bewerbungen geschrieben

haben, steht bei uns das Telefon nicht mehr still, jedesmal ein anderer Küchenchef am anderen Ende, der unbedingt mit meinem Mann sprechen will. Ich weiß, das dies nicht gang und gebe ist, daß wir in dieser Hinsicht glück haben, aber endlich haben wir auch das Gefüh, daß die Leistungen meines Mannes endlich gewürdigt werden, daß er als das angesehen wird, was er ist. Eine gutausgebildetete Spitzenkraft. in Deutschland sieht dies anders aus. Als wir im letzten Jahr München verlassen haben, um den neuen Job in D´dorf zu beginnen, kam man uns in keiner weise entgegen, es wurde kein Cent zum Umzug gezahlt, geschweige denn kam eine Hilfe bei der Wohnunssuche. Ganz im Gegensatz zu Schweden, dort wird uns Umzugshilfe in jeglicher Art zugesichert.

Warum werden in Deutschland, diese Spitzenkräfte dermassen mit Füssen getreten, das sie am Ende nur noch die Möglichkeit sehen, daß Land zu verlassen, um in einem anderem Land zu erkennen, was sie wirklich wert sind?

Ich habe am Beginn gefragt, was eure Gründe sind oder waren, Deutschland Richtung Schweden zu verlassen. Bei uns ist es einfach, auch wenn wir finanziell vielleicht Verluste machen, eindeutig die gewonnene Lebensqualität, die Möglichkeit ein Familienleben zu haben und endlich zun uns selber zu finden. Mehr Zeit für unsere Kinder zu haben, die Möglichkeit einfach mal einen Tag am Strand von Stockholm oder irgendeinem x-beliebigen anderen Strand in Schweden zu sitzen, und den lieben Gott einen frommen Mann sein zu lassen und die Seele baumeln lassen. Zeit in Familie zu geniessen und zu wissen, das dies keine Normalität ist, denn wir kennen es leider anders.



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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Torgum » 23. Oktober 2006 18:56

Unser Entschluss ist ja noch relativ frisch, auch wenn ich in den letzten Tagen und Wochen kaum an etwas anderes denken kann...

Das + an Lebensqualität ist auch bei uns der deutliche Punkt, an dem wir sagen: Jo... das isses.
ich schaue auf die Gesamtsituation dieses Landes und frage mich, was das für ein Ort ist, in dem groß getönt wird, dass es so wichtig ist, dass Kinder geboren werden und die Famlie so wichtig ist...
und wenn ich genau hinschaue, dann fällt mir kaum ein, was an diesem Staat kinderfreundlich ist. Ist dies ein Ort, an dem ich mit meiner Familie dauerhaft bleiben will? Die Antwort kann nur nein heißen.

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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Olli » 23. Oktober 2006 19:20

Hej,

ich kann dich da nur wiederholen, Jana. Solange uns hier in Deutschland die Arbeitgeber nicht nach unseren Leistungen entlohnen, solange werden sich immer mehr entscheiden Deutschland zu verlassen. Leider!

Wenn ich bedenke das ich als Berufskraftfahrer ( mit ner richtigen Ausbildung allen Scheinen ) locker das doppelte im vergleich zu meinen Stunden in Deutschland, in Schweden verdienen kann, ist es doch wohl keine Frage für welches Land ich mich entscheide!

Und was Du da mit den Stunden sagst ist bei mir nicht anders. Freunde? Familie? nur noch am Wochenende! Wenn Du dann überhaupt noch Lust hast irgendetwas zu machen.

In der Woche mal irgendwas unternehmen? Wie denn bei bis zu 240 Stunden im Monat!

Es geht mir aber nicht nur um das liebe Geld, sondern auch um das allgemeine Umfeld. Ich habe echt keine Lust mehr auf diesen ganzen Streß! Hier werden dir doch nur noch Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Also, was hält mich hier???

Hejdå

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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon janaquinn » 24. Oktober 2006 08:13

hHej Torgum och Olli, nachdem ich eure Antworten gelesen habe, fühlte ich mich sowohl in meiner Meinung als auch meinen Gedanken bzgl. Deutschland mehr als bestätigt.

Da ich selber Mutter von 2 Kindern bin, habe ich mich natürlich ausgiebig über das Betreuungs-und Schulsystem informiert. Auch wenn im Schulsystem nicht alles Gold ist was glänzt, so weiß ich doch, daß es um einiges besser ist als das Deutsche. Gerade die Sicherheit meiner Kinder in der Schule scheint hier in Deutschland nicht mehr gesichert zu sein, sowohl von aussen als auch von innen. Auf dem Weg zur Schule und zurück muß man Angst habeb, das irgendein Wahnsinniger sich dein Kind schnappt und seine perversen Gedanken am ihm auslebt und dann weg wirft wie ein gebrauchtes Taschentuch. In der Schule muß man Angst haben,daß die Mitschüler auf das Kind losgehen und sowohl körperliche als seelische Schäden verursachen. Und dann das Gefühl zu haben, daß die Lehrer entweder nur tatenlos zuschauen können, weil sie selber Angst haben vor ihren eigenen Schülern oder einfach überfordert sind mit das Gesamtsituation.

Obwohl meine eigene Schulzeit erst 11 Jahre zurückliegt, habe ich das Gefühl hundert Jahre aus der Schule zu sein, denn so sehr hat sich die Situation an deutschen Schulen geändert. Ich kann nicht nur eine abgeschlossene Berufsausbildung sondern auch 2 Schulabschlüsse nachweisen, da mir mein normaler Hauptschulabschluß nicht gereicht hat und ich meine mittlere Reife, im Bereich Wirtschaft und Verwaltung, hinterhergeschoben habe.

Würde ich inder heutigen Zeit zur Schule gehen, wäre ich wahrscheinlich als hoffnungsloser Fall abegstempelt worden, da ich zwar nicht dumm in der Schule war, aber schlicht und ergreifend faul. Ich hatte keinen Bock auf die Schule und weine ihr bis heute keine Träne hinterher. ABER ich habe ein Allgemeinwissen, von dem sich wahrscheinlich manch ein deutscher Gymnasialschüler eine Scheibe abschneiden kann.
Aber dies ist nicht das Thema.

Torgum, du hast Recht, Deutschland ist kein Land für Kinder, auch nicht für Eltern oder Familien welche sich Kinder wünschen. Denn ich kann aus Erfahrung sagen, sobald man Kinder hat und der Partner nicht gerade 5000,.€ im Monat bar auf die Hand bekommt, im abgezahlten Eigenheim wohnt und mit dem nicht finanzierten Auto durch Gegend fährt, schrammt man haarscharf an der Armutsgrenze entlang. Eine Frau, wie ich, welche gerne wieder arbeiten möchte, obwohl 2 Kinder da sind, wird von der Gesellschaft als Rabenmutter angesehen und ihr wird jegliche Art von Erziehungsleistung abgesprochen. Vom Staat und der Wirtschaft wird einem genauso jede mögliche Art von Knüppeln zwischen die Beine geworfen. Denn welcher Chef in Deutschland stellt eine Frau mit 2 Kindern ein, von denen eines schwerstbehindert ist und das andere noch sehr sehr klein. DENN Kinder werden krank und dann fällt man ja als Arbeitskraft. Aber wer kann von 300,-€ Kindergeld 2 Kinder anziehen, ernähren und ihnen auch mal Kleinigkeiten zwischen durch kaufen. In Schweden ist das Kindergeld zwar geringer, aber ich habe die Möglichkeit wieder zu arbeiten, mein eigenes Geld verdienen und mir auch mal kaufen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, übrigens sind dies keine Schuhe, ich hasse es Schuhe zu kaufen und habe glaube gerade mal 6 Paar daheim :lol: :lol: . Kleiner Scherz am Rande.

Mein Mann und ich würden gerne noch ein drittes Kind haben, aber nicht in einem Land, wo Vermieter eher einen Hund im Haus akzeptieren, wo "Öfnungszeiten" auf Spielplätzen herrschen und meine Kinder auf Zehenspitzen durch die Wohnung laufen müssen, weil man Angst hat, ne´Klage vom Nachbarn ins Haus zu bekommen.

Und Olli, bei deinen Arbeitsstunden (2400) kann ich mir sehr sehr gut vorstellen, daß du keine Lust mehr hast irgendwas am Wochenende zum machen. Man isoliert sich selbst, denn die wenigsten Freunde, mit geregelten Arbeitszeiten, haben Verständniss für unsere Situation. Mein Mann arbeitet JEDES Wochenende von 8.00 bis 22.00 Uhr, mal am Wochenende in den Zoo gehen oder einen Stadtbummel oder einfach ein Wochenende auf dem Land zu verbringen ist garnicht möglich. Wenn mal ein Familien treffen in München oder Erfurt geplant ist, muß es über Wochen hinweg geplant werden. Unsere besten Freunde leben in Köln, also keine 50 km von uns weg und wir haben es in einem Jahr noch nicht geschafft, mal als Familie rüberzufahren. Von einem Familienurlaub will ich garnicht sprechen, die Kinder kennen keinen Urlaub, der war vor Yannic´s Geburt, eine Woche Dänemark.

Sicherlich werden wir im ersten Urlaub in Schweden auch nicht wegfahren können, aber nur deshalb, weil wir diese Zeit ins neue Haus stecken werden, renovieren und neu einrichten. Aber wir werden die Möglichkeit haben, mit den Kindern mal ans Meer zu fahren und die werden wir auch nutzen.

Mein Resumeé ist: Auch wenn Schweden nicht das gelobte Land ist, so kann es für uns nur besser werden als hier in Deutschland. Und wenn wir gewillt sind, diesem Land alles zu geben, was wir haben und uns selbst keine falschen Hoffnungen machen, können wir sehr viel von Schweden zurückbekommen. Vom Land und den Leuten.

In diesem Sinne

Hälsningar JANA
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Hanse

Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Hanse » 24. Oktober 2006 08:34

Hej tillsammans, hej Jana
dies wird eine etwas längere Antwort!

Es war etwas ruhig um uns die letzten Tage - es regen sich Zweifel!

Aber der Reihe nach. Warum wir weg möchten?
1. weil wir Schweden kennen und lieben!
Für den 2. Punkt muss ich erst etwas vom vorletzten Wochenende erzählen, was die Situation hier geraderaus verdeutlicht:
Wir besuchten mit Bekannten eine Falknerei und waren zeitig dran (vorsichtshalber!). An der Kasse wurden wir informiert, dass wir jetzt noch rumlaufen könnten, aber wegen der Kinder rechtzeitig zur Flugvorführung zurück sein und nach Plätzen schauen sollen. Machten wir und hatten schöne Plätze!
Kurz vor Beginn kamen dann die - Entschuldigung!!! - Rentner. Gross und breitschultrig ganz nach vorne - Kinder keine Chance mehr! Auf die Bitte, doch ein wenig Rücksicht zu nehmen kam die Antwort (wörtlich): "Die Rotzlöffel sollen doch hinstehen - haben doch junge Beine"

Zurück am Auto: Wir mussten am Rand des Wegs im Gras/Matsch parken. Ich fuhr zuerst mal raus um dann meine Frau und Nico einsteigen zu lassen. Kamen von hinten 2 Radfahrer und mussten bremsen. Wörtlich: "Muss man hier so idiotisch rumstehen - geht´s vielleicht auch schneller, dies ist ein Radweg!" (War ein Parkplatz, durch den ein Radweg führt!!!). Ich verklemmte mir Kommentare, wir fuhren Heim.

Zuhause angkommen fuhr ich in unseren Hof. Unser Nico stieg (katastrophalerweise) rechts aus dem Auto aus - und trat mitten auf die heilige Zufahrt unseres netten Nachbarn. Unverzüglich ging das Fenster auf (man steht ja schon mal hinter den Gardinen und wartet auf Fehler der anderen) und es kam das Geblöcke: "In meinem Hof wird nicht herungelatscht! Jetzt kommt bald ein Zaun und ein Tor hin!"

Dies war ein wunderschöner, deutscher, Sonntagnachmittag - UND DAHER WOLLEN WIR WEG! Nicht wegen dem Land an sich, nicht unbedingt wegen dem Geld. Nein, wegen der immer eigenartiger anmutenden Mentalität der Bevölkerung, wegen der immer mehr zunehmenden Enge - dem fehlenden Freiraum für sich selbst.

Schlechte Bezahlung im Job? OK - aber warum?
Ich bin selbständig. Ich werde angerufen - ich soll kommen und beraten.
Zur Zeit sage ich gleich, dass es was kostet! Dann spare ich mir wenigstens die Zeit und die Fahrtkosten, weil das Ganze dann doch nicht mehr so dringend ist und man es nochmal überdenken muss. Und wenn´s dann doch mal in Ordnung geht, wird die Rechnung nach 3 Monaten unter Skonztoabzug bezahlt. Aber wie soll ich meine Leute gut bezahlen wenn ich nicht gut bzw. überhaupt nicht bezahlt werde? Wie wiederum sollen aber meine Leute ihre Rechnungen bezahlen, wenn sie nicht genug Geld haben? Hier wäre die berühmte Katze ...

Die Regierung (die jetzige, die vorige, die nächste - machen wir uns doch nichts vor!)?
Hierzu verklemme ich mir zwecks vermeidung politischer Debatten Kommentare.
Nur soviel: Wer ist sich im Klaren darüber, zeitlebens Pflegeversicherungsbeiträge zu bezahlen um dann im Ernstfall je nach Pflegestufe so zwischen nix und ein wenig zu bekommen (je nach Tagesform des Mitarbeiters des medizinischen Dienstes)? Im Bedarfsfall bekommt man ja immerhin einen tollen Zuschuss in Höhe von 2.557, 00 für Hausumbau, Treppenlift und alles andere.

Unsre Regierung ist wie:
Feuerwehrleute, welche darüber diskutieren, ob das Haus nun brennt, in Flammen steht oder ob ein Feuer ausgebrochen ist anstatt mit löschen zu beginnen!!!



Aber:
Zur Zeit diskutieren wir mehr denn je - wir haben Zweifel. Derzeit klingelt ständig das Telefon - Julian, Katja, Tom, Franziska, Sebastian ...: "Ist Nico da? Können wir was ausmachen?" Und dann ab mit City-Roller, Gocart, Fahrrad. Wie wird das in Schweden?
Das andere, lockere Leben. Wälder, Seen, angeln, bootfahren. Was, wenn das nicht mehr Urlaub sondern Alltag ist und dazu vielleicht auch nicht alles so rund wie geplant läuft?
Schwedisch lernen - OK, funktioniert. Man versteht´s und kann auch reden. Aber wenn es in die Tiefe geht. Kann man auch über einen schwedischen Witz lachen? Versteht man Umschreibungen? Wird man vielleicht momentan ein wenig "veräppelt", man versteht´s nur nicht?
Kinder lernen schnell. Aber was ist mit den Lehrern. Erklären die einem "Ausländerkind" auch alles so detailliert wie den schwedischen Schülern?
Und jetzt der derzeit wichtigste Gedanke: In meinem Job komme ich zwangsweise sehr oft mit Schlaganfall, Querschnittslähmung, Schädel-Hirn-Trauma und, und, und ... in Berührung. Das sitz bei mir im Hinterkopf. Was wenn´s einen selbst trifft (geht verda... schnell!)? Was macht der Rest der Familie im Pflegefall, im schlimmsten Fall sogar allein im schönen Haus im Wald oder am See?
In Deutschland ist vielleicht nix mehr vorhanden.
Wäre man noch in Deutschland, wären da vielleicht noch Wohnung, Haus, Verwandte, Freunde ...

Was ist mit denen, die in Deutschland bleiben? Mein Vater ist allein und sitzt im Rollstuhl. Meine Schwiegereltern sind fit aber auch nicht mehr die Jüngsten. Was ist wenn ...?

Und nicht zuletzt: Wann ist das tolle Schweden generell nicht mehr das tolle Schweden, sondern das vereinte Europa? Wann schlägt auch hier der Einfluss aus Brüssel durch? Sicher, Schweden wehrt sich noch ... !

Wir möchten weg (siehe oben). Aber wir haben Zweifel. Und solange die in der jetzigen Form da sind, fällt uns das fortgehen so schwer wie das dableiben. Wir stecken in einer saublöden Situation - zumal Nico auch älter wird und somit drängt die Zeit!
Ich habe mit der Familie Verantwortung! Nur was tun? Ist es verantwortungslos, zu bleiben oder zu gehen?

Zugegeben, das war viel - aber ich hab´jetzt mal unsrer komplette Stimmungslage runtergeschrieben - auch für andere zum nachdenken!

Ab Freitag sind Herbstferien, dann fahren wir nach Südtirol zum wandern (und weiter nachdenken).

Hälsningär - Hanse

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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon janaquinn » 24. Oktober 2006 09:28

Hej Hanse, ich habe deine Zeilen gelesen, du bist in einer absoluten Zwickmühle, in einer ähnliche Situation war ich vor 5 Jahren, als mein Mann Pläne machte, nach Amerika zurück zukehren. Er ist Amerikaner, und hat sich schon lange nicht mehr in Deutschland wohl gefühlt. Mir ging es ähnlich, ich wollte weg von Deutschland, aber nach Amerika?? Nein, das wollt ich nicht, denn obwohl ich mit einem Ami verheiratet bin, so mag ich diesen Menschenschlag nicht, zu oerflächlich, zu bigott, einfach alles stört mich an diesem Volk. Trotzdem bin ich über meinen Schatten gespungen, habe mich in die Planung gestürzt, wir haben begonnen einen Job zu suchen, ein Haus u.s.w.,aber ich war nicht glücklich. Ich war nicht bereit meine Familie so weit hinter mir zu lassen, wollte tief in meinem Innern garnicht in dieses Land. Dann kam der 11. September und die Planung kam ins Stocken, bis wir schließlich ganz davon abstand nahmen. Auch begann sich damals heraus zukristalisieren, wie schwer Yannic´s Behinderung sein könnte.
Also sind wir geblieben, ich war glücklich, nicht in dieses Land zu müssen, denn ich hätte den Schritt nur für meinen Mann getan, aber nicht für mich.
Die Unzufriedenheit mit Deutschland blieb, aber wurde unterdrückt, wir haben uns angepasst und vesucht Schritt zu halten.

Im Juli 2003 starb meine Mama nach kurzer schwerer Krankheit, Darmkrebs, und ich fiel in ein tiefes Loch. An eine Auswanderung war nicht mehr zu denken, zumal unsere finanzielle Situation sich dermassen verschlechert hat, das wir manchmal nicht wußten wie es weitergehen sollte. Jede Auswanderung wäre eine Flucht gewesen, also haben wir uns durchgebissen und versucht unserer Schulden Herr zu werden. Wir sind heute, 2006, noch immer nicht schuldenfrei, aber zumindest auf einem sehr guten Weg.Wir werden "Altlasten" mitnehmen, aber trotzdem wesentlich ruhiger leben.

Thema Pflegeversicherung:

Yannic ist ein Pflegestufe-III-Kind, wir bekommen eine gewisse Summe dafür, du kennst die Höhe, das wir unserem Sohn pflegen. Wir haben unsere Verhinderungspflege, welche ja auf 28 Tg im jahr oder 1400,.€ im jahr begrenzt ist, aber es gibt Tage, da stosse ich an meine Grenzen. Dann kann ich einfach nicht mehr, dann hasse ich mein Leben und wünschte, 2 gesunde Kinder zu haben, und nicht einen 6jährigen, der gewickelt und gefüttert werden muß, sondern ein Kind, welches mir erzählt wie es im Kindergarten war, das mit seinem Papa Fußball spielt und dumme Streiche ausheckt. Aber dann schaue ich auf meinen Sohn, der niemals "normal" sein wird, und ich fange an zu weinen. Denn ich bin einfach teilweise soo ausgebrannt. Aber es ist mein Leben, mein Kind und ich liebe ihn, denn er hat meinem Leben einen Sinn gegeben, mir die Augen geöffnet und er gab und gibt mir jeden Tag die Kraft aufzustehen. Ich ziehe sehr viel Kraft aus meinen Kindern, ihre Liebe hilft mir, denn Tag zu überstehen. Trotzdem fühle ich mich in vieler Hinsicht von der Politik im Stich gelassen, denn in meinen Augen wird zu wenig getan, was die Belange von Behinderten Menschen und deren Angehörige gbetrifft.

Den Zuschuss von 2557,-€ haben wir uns hart erkämpft, denn wir gehören zu den wenigen glücklichen Familien in Deutschland, welche in einer behindertengerechten Wohnung leben. Wir haben Glück gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, daher haben wir diese Wohnung, sonst würden wir immer noch im 3. Stock Altbau ohne Lift wohnen und unseren Sohn, welcher keinerlei eigene Körperstraffung hat, dementsprechend wie ein nasser Sack in unseren Armen liegt, und 25 kg wiegt, jeden Tag 2-3 die Treppen hoch-und runtertragen.
Wir haben den Zuschuss für unseren Umzug bekommen, denn 2 Umzüge in 10 Monaten, überschritten unsere finanziellen Möglichkeiten. Nur soviel: wir sind 2x in Widerspruch gegangen und haben 1 Tag vor dem Umzug die Zusage der KK bekommen.

Yannic´s Behinderung ist auch der Grund, warum wir in eine Stadt ziehen wollen, nicht direkt nach Stockholm sondern Richtung Enköpping /Uppsala, denn isoliert auf dem Land,und wenn es noch so schön ist, für uns nicht denk-und machbar. Leider!! Also werden wir in einen Randbezirk ziehen, wo man die Vorteile der Stadt mit denen des Landlebens vereinen können.

Um eines klar zustellen, ich möchte nicht bemitleidet werden, denn ich habe ein Leben, welches zwar nicht einfach ist, aber es ist mein Leben und ich liebe es, ich könnte mir kein anderes vorstellen. Aber ich kann mir kein weiteres Leben in Deutschland vorstellen.

Unsere Familie ist über die Phase der Zeifel hinweg, uns hält nichts mehr in diesem Land, obwohl es das Land ist, in dem ich geboren wurde, nein eigentlich falsch, das Land in dem ich geboren wurde, exisitiert nicht mehr, aber ich bin Deutsche. Aber ich fühle mich nicht als Deutsche, habe keine warmen Gedanken für Deutschland.

Ich halte es mit Heinrich Heine:

"Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht"


Wie gesagt, Schweden ist nicht das gelobte Land, aber es ist das Land in welchem ich leben möchte, mit all seinen Fehlern, Sorgen und Problemen. Mit all seinen guten und schlechten Seiten, und das ist in meinen Augen dies: Heimatliebe, Heimatgefühl!

Hälsningar JANA
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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Skogstroll » 24. Oktober 2006 10:28

Hej,

tja, was hat mich aus Deutschland vertrieben? Rückblickend und zusammenfassend würde ich sagen: Die Unkultur. Unkultur auf ganz verschiedenen Ebenen.

Zum einen die Unkultur im Arbeitsleben. Ich war zuletzt bei einer österreichischen Firma beschäftigt - der Horror! Senkrecht steile Hierarchien mit einer Art Halbgott als Firmenchef, gut antrainierte Katzbuckelei bei den Angestellten und ausgeprägtes Radfahrerverhalten: Nach oben buckeln, nach unten treten. Trotz "Manager" im Titel keinerlei Entscheidungsspielraum, keine Freiheiten, dafür aber maximal mögliche Überwachung. Als Folge eine unglaubliche Fluktuation und unangenehmstes Betriebsklima. Das musste natürlich irgendwann schiefgehen. Sicherlich ein Extrembeispiel, aber kein Einzelfall.

Dann die Unkultur Kindern gegenüber. Was soll man von Menschen halten, die einen Immobilienmakler verklagen, weil in der Nachbarschaft eine Familie mit Kindern eingezogen ist? Nicht dass das in Schweden völlig unmöglich wäre, aber es wäre ein Skandal und gesellschaftlich geächtet. Meine kleine Tochter spürt diesen Unterschied sehr genau und möchte gar nicht nach Deutschland, nichtmal besuchsweise, obwohl sie sich natürlich nach Omas und Opas sehnt.

Dann ist da die politische Unkultur. Den Vergleich mit der Feuerwehr finde ich übrigends sehr treffend. Es wird an Symptomen kuriert, Ursachen werden ignoriert. Seit Jahrzehnten ist klar, dass das deutsche Sozialsystem zusammenbrechen muss, weill immer mehr Leistungsempfängern immer weniger Leistungsträger gegenüberstehen, sprich: es gibt viel zu wenig Kinder. Die Reaktion der Politik: "Eins ist sicher: Die Rente." Glaubwürdigkeit ist egal, das Volksgedächtnis reicht eh höchstens zwei Wochen zurück.
Nicht zu vergessen den Rechtruck in der deutschen politischen Landschaft. Aber: Im Moment bewegt sich Schweden in die gleiche Richtung, mit ein paar Jahren Verzögerung. Vergessen wir nicht die Erfolge der Sverigedemokrater in Südschweden, und vergessen wir nicht die Politik der derzeitigen Regierung. Auch hier ist eine Umverteilung von unten nach oben im Gang. Aber nochmal aber: Einige Reformen sind auch überfällig. Die Rolle der Gewerkschaften hat schon teilweise groteske Züge angenommen, jedenfalls empfinde ich das so, wenn z.B. Gewerkschafter bei voller Gehaltszahlung eine Woche zur Ausbildung nach Mallorca (!!) fahren.

Auf der anderen Seite der Waage liegt der schnöde Mammon. Ich verdiene hier deutlich weniger als in Deutschland. Trotzdem kann ich mit dem Geld so leben wie ich es in Deutschland nie gekonnt hätte, nämlich in einem Häuschen im Wald mit See vor der Tür. Schon wieder aber: Dafür muss ich auf einige Bequemlichkeiten verzichten, und der See kann auch nur irgendwo im "Outback" liegen, läge in der Nähe von Stockholm oder Göteborg könnte ich ihn mir nämlich nicht leisten.

Bleibt die Frage der Integration. Mit viel gutem Willen und netten Nachbarn klappt die bisher mindestens zufriedenstellend. Wieder ein Vorteil Norrlands: In einem Landstrich, der jahrzehntelang unter starker Abwanderung gelitten hat, reagiert man recht freundlich auf Einwanderer.
Das Thema liesse sich noch lange fortsetzen, aber es soll erstmal reichen. Dies ist offenbar der thread der langen Beiträge. Wenn ihr es geschafft habt, bis hierher zu lesen: Tack ska ni ha!

Hälsningar,
Skogstroll

Torgum

Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Torgum » 24. Oktober 2006 10:36

Hej (jaja, so langsam krieg ich ein Gefühl dafür ;) ) Troll:

Der Begriff der Unkultur gefällt mir gut und was du im Bereich Arbeitsleben erlebt hast, kann ich 100% für meine Frau unterstreichen *nick*
Ich selbst habe (bis auf eine ... "entsprechende" Bezahlung) eigentlich keine Probleme mit dem klima ...

Die Frage, die sich beim "Rechtsruck" in Schweden dann stellt, ist wie lang das anhält... auch in D sieht man deutlich an gewissen Umfragewerten, wie bestimmte Gruppierungen hier wieder an Zustimmung verlieren. Aber wieder weg von der Politik (ein Thema übrigens, worüber ich mich stundenlang aufregen könnte) ...

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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon Skogstroll » 24. Oktober 2006 13:31

Hej Torgum,
also, wenn wir jetzt noch die Frauen dazu nehmen:
Meine ist Gymnasiallehrerin, ihre Fachkombination ist Mangelware in Deutschland. Wir haben in Sachsen gewohnt. Das ist insofern etwas speziell, als ein sächsischer Kultusminister schon mal öffentlich die Lehrer verhöhnt. Klar, das bringt Punkte beim Wähler, wer mag schon Leherer, die machen eh nur Ferien. Im gleichen Atemzug wurde die Stundenanzahl erhöht, natürlich ohne Lohnausgleich, aber mit dem Versprechen, sie wieder zu senken, wenn die Schülerzahlen sinken. Die Schülerzahlen sind gesunken, also hat man die Stundenzahl wieder gesenkt. Allerdings hat man dazu die Lehrer auf Zwangsteilzeit gesetzt, diesmal mit vollem Lohnausgleich.
Als wir nach Schweden gehen wollten, hat meine Frau eine Beurlaubung beantragt. Die wurde verweigert. Man hat ihr sogar eine Abfindung gezahlt, damit sie das Land und damit die Schule verlässt. Sie darf damit in Deutschland nicht mehr an öffentlichen Schulen arbeiten.
Lehrermangel? PISA? Gewalt an Schulen? Offenbar kein Thema.
Muss man das verstehen???

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Re: Was sind oder waren eure Gründe nach Schweden zugehen?

Beitragvon janaquinn » 25. Oktober 2006 07:09

Hej Skogstroll, ich bin entsetzt, über das, was du über deine Frau und deren "Behandlung" in Deutschland und im speziellen imm Freistaat Sachsen geschrieben hast. Es kann doch nicht der Sinn der Sache, daß gut ausgebildete Lehrkräfte aus dem Land geschmissen werden, nur weil sie ihren Lebensmittelpunkt verlagern wollen. Statt dies zu begrüssen, da es ja nur gut sein kann, denn man erweitert seinen Horizont und kann seinen Schülern, sollte man denn nach D zurückkkehren, ein Wissen bieten, von welchem diese nur profitieren können.

Das Lehrer als "Bauernopfer" im Wahlkampf genutzt werden, ist mir bekannt, eigentlich sind es alle Angestellte und Beamte des Landes bzw. des Staates, welche der Meute für Wählerstimmen als "Frass" vorgeworfen werden. Meine Mama hat immer ein schönes Sprichwort gehabt un das trifft auf unseren Politiker zu: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus"!

Nein, mich wundert im deutschen Schulsystem nichts mehr, denn eigentlich muß man heute sehr sehr opitmistisch sein auf Lehramt zu studieren und dann den Job auch bis zur Rente durchzuhalten. Ich bewundere jeden dafür. Wir waren bestimmt keine Engel, in der Schulzeit, haben auch blödsinn gebaut, ABER Lehrer waren trotzdem Respektspersonen und ihr Wort war 90%ig Gesetz. Wenn es dann noch ein Lehrer war, der den Stoff hervorragend herüberbringen konnte, mein Geschichtslehrer hat die Schlacht im Teutoburger Wald als Ein-Mann-Theater nachgespielt, er war Germanen und Römer in einer Person :lol: ,
wurde der Untericht zum Erlebnis.

Heute muss man als Lehrer Glück haben, wenn die Schüler zum Untericht erscheinen, den Mp3-Player nur so laut eingestellt haben, das sie zumindest ihr eigenes Wort verstehen, von den 26 Handy´s nur 25 im Unterricht klingeln und die Schüler auch bis zur 3-4 Stunde bleiben. Das kann nicht Sinn der Sache sein.

Zur Politik und dem Rechtsdruck: Helmut Schmidt, Ex-Bundeskanzler, war in einer Talkshow, uns sagte: " Es gab schon mal in Deutschland eine Zeit, als eine große Koalition regiert hat, auch diese hat sich mit unwichtigen Themen beschäftigt, statt die wichtigsten Problme anzugehen, die Arbeitslosigkeit, das Ende waren 12 Jahre Nazi-Regime und ein Weltkrieg", heute ist es genauso. Es wird sich mit der Gesundheitsreform beschäftigt, statt ein wichtiges Symtom anzugehen, durch welches die Rechten Parteien ihre Stimmen ziehen: die Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jungwählern.

Was die Reformen betrifft, welche geplant sind: Wichtig ist, das nicht nur darüber gesprochen wird, siehe Deutschland, sondern auch durchgeführt. Am Anfang mag es vielen Menschen bitter aufstossen, aber wenn sie wirklich richtig und wichtig waren, die Regierung es schafft, eine verständliche Erklärung zu liefern, wird es auch verstanden werden.

LG JANA
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