Hej,
vielen Dank für Eure Antworten, Mark, Speedy und Volker.
Mark, Deine Liste hat mich schmunzeln lassen. Bei manchen negativen Vorurteilen muß ich allerdings an den Spiegel denken, den man sich mit seinen eigenen Ansichten mitunter vor die eigene Nase hält:
1. Besserwisser. Auch wenn Schweden nicht immer sagen, was sie denken, wissen sie, daß sie es besser wissen.
2. bürokratisch. Im Käseladen vor Ort passen genau vier Menschen vor die Theke. Einen Nummernzettelapparat gibt es trotzdem. Überweisungen zum Facharzt und der Kontakt mit Finanzamt sind nicht gerade unbürokratisch.
3. humorlos/konservativ. So scheinen viele Schweden ebenfalls.
4. unhöflich bis rücksichtslos. Ich habe selten mehr Gerempel erlebt als im Systembolaget oder auf dem Flohmarkt. Den Sinn von Smalltalk in einer Warteschlange und den eines Gastgeschenkes kennen viele nicht, auch kein
Guten Appetit, statt einer kurzen Email oder eines Anrufs am Tag nach dem Fest (um sich zu bedanken) sagt man ein halbes Jahr später
tack för senast, der Angesprochene überlegt fieberhaft, um welchen Anlass es sich da gehandelt hat, für den gedankt wird

5. Diskriminierung und Rassismus ist verbreitet. Das empfinde ich hier in Skåne sehr stark. Ein Beispiel: ich unterhalte mich mit einer Dame, die auch eine eigene Firma hat, darüber, daß ich angesichts der vielen Arbeit gerne jemanden anstellen möchte. Darauf entgegnet sie ganz nett, daß sie ebenfalls gerne zehn, zwanzig Negerkinder in die Scheune setzen würde, die für sie die Drecksarbeit erledigen.
Daraufhin habe ich mit drei Sätzen die oben aufgeführte Liste abgearbeitet. Ich habe freundlich gesagt, was ich angesichts der Wortwahl denke, erschien dabei als unhöflicher Besserwisser, konservativ und humorlos, eben deutsch. Diese Art von Rassismus ist mir desöfteren begegnet, und bei aller Anpassung an die hiesigen Gepflogenheiten mache ich deutlich, wo ich stehe, weil es für mich einfach absolut inakzeptabel ist, das wäre es in Deutschland auch.
Der deutsche Humor - so wie Du es schreibst, Speedy, geht es mir auch oft, ich kann einfach über vieles nicht lachen, was den Schweden Tränen in die Augen treibt, wir haben einfach einen anderen Humor. Das momentane deutsche Lieblingswort meines Freundes ist übrigens "Schenkelklopfer", weil ich mitunter mit großen Augen da sitze und nicht mitlachen kann, ich finde den Humor oft ziemlich grob. Das allerdings hat auch mit dem eher ländlichen Umfeld hier zu tun, wahrscheinlich ginge es mir in Deutschland nicht anders.
Was Du über die deutsche Wiedervereinigung schreibst, Volker, finde ich in dieser Diskussion interessant. Ich bin ursprünglich aus dem Osten und sehe das eher als eine Art Angliederung, aber nicht Wieder
vereinigung. Das erscheint jetzt vielleicht off-topic, aber ich empfinde das ähnlich in der Familie meines Freundes. Auch wenn immer wieder betont wird, daß ich
ein Teil der Familie sei, ist es ja so, daß ich mich komplett allen (schwedischen) Gepflogenheiten anpasse, es aber im Grunde nichts gibt, was ich als Deutsche in die Familie eingebracht habe. Ich fühle mich angegliedert, aber nicht als ein Teil der Verwandtschaft, das würde für mich voraussetzen, daß es ein gewisses Maß an Offenheit und Neugier gibt.
Auch dem Aspekt, daß man sich am Anfang sehr bemüht, und auch die Gegenseite sehr bemüht ist, sich offen zu zeigen, was dann aber nachläßt, stimme ich zu, Volker. Das trägt sicher dazu bei, daß mir vieles erst jetzt mehr und mehr auffällt. Das Mäntelchen einer ausschließlich schwedischen Identität paßt einfach nicht, wenn man darunter ja doch deutsch ist, es wird also immer eine andere Identität sein. Bei manchen ist das Mäntelchen länger und bedeckt das meiste, bei anderen sind die Ärmel eben zu kurz. Vielleicht ist bei mir im Moment der Kragen des schwedischen Mantels ein wenig abgewetzt und wird der Stoff an den Ellbogen etwas fadenscheiniger, dann scheint das hindurch, was darunter verborgen ist.
Ich erlebe inzwischen viel stärker, daß es Gegensätze gibt, auf der einen Seite Schweden, die recht kontinental sind, weil sie selbst Zeit im Ausland verbracht haben oder eine große Augeschlossenheit gegenüber Neuem zeigen. Auf der anderen Seite Schweden, die sehr ausgeprägte Vorurteile haben. Ich erlebe natürlich nur den Alltag in Skåne und habe deshalb kaum Vergleichsmöglichkeiten, deshalb dieser Thread (auch weil ich die von Volker erwähnte
Abwärtsspirale vermeiden möchte

Euch einen sonnigen Tag und nochmals vielen Dank für Eure Antworten,
Line