Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

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vibackup
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon vibackup » 6. März 2014 18:51

svenherold hat geschrieben:Weiß überhaupt nicht, warum diesen Pisa-Studien soviel Bedeutung beigemessen wird.

Sinnentnehmendes Lesen von Texten ist schon nicht unpraktisch...

//M

BlekingeNina
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon BlekingeNina » 14. Mai 2014 09:10

knut245 schrieb:
"Andrerseits denke ich gerade: was ist eigentlich so schlecht daran? Wenn Menschen mit dem Mittelmaß zufrieden sind und auf einem wirtschaftlich einfachen, aber auskömmlichen und sicheren Niveau vor sich hinleben, genießen sie ganz bestimmt mehr Lebenszufriedenheit als die, die sich immer nach der Spitze strecken und permanent in dem Gefühl gehalten werden, ihre Leistung reiche noch nicht aus, sie müssten noch besser werden. Das widerspricht natürlich der vorherrschenden Leistungsideologie und ist insofern gefährlich für die, die davon profitieren. Aber für die Menschen selbst nicht der schlechteste Weg, meine ich. Die Zahl derer, die aus dem Rattenrennen aussteigen, nimmt zu, und gerade hier unter den potenziellen Auswanderern ist das ja ein oft gehörtes Motiv."

Da stimme ich dir voll zu, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Menschen die Wahl haben und sich bewusst für diese Lebensweise entscheiden. Auch ich versuche, so einfach wie möglich zu leben, mir ist es wichtiger viel Zeit für die Kinder zu haben statt eine steile Karriere zu machen, in den Urlaub nicht zu fliegen sondern eine mehrtägige Radtour zu machen... Trotzdem bin ich über meine Ausbildung und meinen Hochschulabschluss froh. Weil das meinen Hprizont erweitert hat und ich mich nun bewusst für diese Lebensweise entscheide. Viele Schweden (und bestimmt auch viele Deutsche) sind was Bildung angeht mit dem Mittelmass sehr zufrieden, beim Konsum jedoch leider nicht! Ein wenig mehr Bildung könnte das vielleicht ins Gegenteil umkehren...

Das Problem für die Kinder und Jugendlichen ist, dass es ihnen in diesem Niedrig-Niveau-Spass-Bildungssystem nämlich nicht gut geht. Die ersten 2-4 Klassen sind noch "nett" und "lustig", danach wird es frustrierend. Ein paar konkrete Beispiele:

Eine Gruppe Schüler (8.Klasse) kam um 10:30Uhr zu mir in den Unterricht. Total "hängig". Ich fragte, was los sei. Antwort: "Ach weisst du, wir hatten eine Stunde mit Gruppenarbeit, die soll aber erst in 4 Wochen fertig sein, also waren wir fast die ganze Zeit auf face-book. DAnn hatten wir 35 min Pause, da waren wir auch auf face-book. Und dann noch eine Stunde, wo wir "selbständig" arbeiten sollten, also kaum was gemacht haben. Und jetzt sind wir müde..." Die Schüler an meiner Schule haben 5-6 Unterrichtsstunden pro Tag, auf die Zeit zw. 8 und 15 Uhr verteilt. (Praktisch für die arbeitenden Eltern)Unheimlich viel Leerlauf, der weder als echte Freizeit gesehen wird, noch zum Hausaufgaben machen genutzt wird. Den ganzen Tag ein "Rumgehänge" ohne das Gefühl, Fortschritte zu machen. Gegen 15:30 kommen die Schüler nach Hause und müssen dann, müde wie sie sind noch Hausaufgaben machen. Welch ein Stress...

Beispiel 2: Eine Klasse bekam die Aufgabe, zum Thema "Liebe" ein kleines Heft zu schreiben. Jeder einzelne Schüler sollte dazu: 1. Ein Gedicht zum Thema suchen und dieses interpretieren. 2. Ein Lied zum Thema suchen und dazu einen Kommentar schreiben 3. Ein Buch zum Thema lesen und eine Inhaltsangabe und einen eigenen Kommentar schreiben...Insgesamt 10 kleinere und grössere Aufgaben in dem Stil. Abgabe in 5 Wochen. Die Schüler sollten während 5 Wochen "selbständig" während des Unterrichts daran arbeiten. Computer an, Lehrer sitzt vorne, wer Fragen hat, meldet sich. Die einzelnen Aufgabentypen waren jedoch NICHT vorher gemeinsam geübt worden, d.h. die Schüler wussten gar nicht, wie man an ein Gedicht herangeht... Reaktion von fast allen: "Ich weiss gar nicht richtig, wie ich anfangen und was ich machen soll, ausserdem noch sooo lange Zeit, da schau ich lieber mal schnell in face-book ein oder suche mir nette Musik, die ich über Kopfhörer höre." Drei Tage vor dem Abgabetermin bricht dann Panik aus: Sooo viel soll ich in drei Tagen machen, was für ein Stress, das schaffe ich nie!! D.h. viel unstrukturiertes Rumgehänge, wenig Anleitung zur Arbeitsorganisation und dadurch gefühlt chronische Überforderung bei tatsächlich relativ niedrigen Anforderungen. Viele Schüler halten die Schule (zu Recht) für Zeitverschwendung, die Zahl der skoltrötta (schulmüden) ist hoch, oft sind das die eigentlich aufgewecktesten Kinder.

Beispiel 3: Uns wurde Anfang des Schuljahres in einer Konferenz u.a. gesagt wir sollten vermeiden, die Schüler laut vorlesen zu lassen. Das könnten nicht alle so gut, für die sei es dann peinlich.Vor dem Hintergrund hat mich dann folgendes Erlebnis weniger gewundert: Ein Junge (8.Klasse) machte eigentlich einen gar nicht dummen Eindruck, war in praktischen Fächern gut, in allen theoretischen Fächern aber extrem hart am Kämpfen. Gegen Ende des Jahres wurde endlich eine "Testung" durch einen der Spezialpedagogen veranlasst. Ergebnis: der Junge hatte eine Lesegeschwindigkeit von 60Wörtern/Minute, d.h. ein Wort pro Sekunde. Versucht mal, in dem Tempo einen Text laut zu lesen. Am Ende des Satzes weiss man nicht mehr, wie er angefangen hat, man hat keine Chance, einen längeren Text zu verstehen. Das war in 8 Schuljahren weder den Eltern noch den Lehrern aufgefallen!!!
Da die vorherrschende Methode darin bestand, dass die Schüler selbständig still Texte lasen, hatte das Kind keine Chance!

In Deutschland hat mal ein Fünftklässler, nach seinen Erwartungen an die neue Schule zu einer Kollegin gesagt: "Sie sollen nicht nur mit uns spielen. Sie sollen uns auch was beibringen."
Ein gutes Klima in der Klasse, ein freundlicher Umgangston ist dafür Voraussetzung. Aber es reicht nicht.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 14. Mai 2014 12:25

Vielen Dank für deinen Bericht aus dem real existierenden schwedischen Schulalltag. Da kann man ja nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen.

Da verstehe ich einiges besser. 2010 wurde auf Initiative von Jan Björklund ein neues Schulgesetz eingeführt, dass den Lehrern mehr disziplinarische Maßnahmen in die Hand gibt. Seitdem fühlen sich Jahr für Jahr noch mehr Schüler durch den Lärmpegel gestört. Wie ich nachgelesen habe, trauen sich die Lehrer nicht die Disziplinarmaßnahmen anzuwenden, weil sie weder von den Rektoren dabei unterstützt werden noch von den Eltern der Problemkinder Zusammenarbeit erwarten können. Es handelt sich hier also um ein echtes kulturelles Problem. Kann man das so sehen?

Ich kann mich noch erinnern wie Jan Björklund, dessen Lieblingsthema seit Jahren die Schuldisziplin ist, von dem grünen Politiker Per Fridolin in einer Parlamentsdebatte zusammengestaucht wurde, er solle doch endlich mal die Schulen mit modernen elektronischen Lehrmitteln und Computern ordentlich aufrüsten. Bei der vorherrschenden pädagogischen Einstellung würde das die Gesamtsituation wohl noch schlimmer machen und die Schüler würden sich wohl hoffnungslos in Wikipedia, Facebook, Google und was weiß ich alles verzetteln. Dann werden dann die Kinder mit einer lustigen Powerpoint-Präsentation nach der anderen "zugeballert", so dass zum Schluss überhaupt nichts mehr im Kopf hängenbleibt.

Wenn der Großteil der Lehrer offenbar Null Ahnung vom Unterrichten hat, dann nützt jede Maßnahme nichts, selbst kleine Klassen zeigen keine Wirkung. Mehr Geld für die Schulen führt dann zu noch schlechteren Schulergebnissen, ist dann meine Befürchtung. Ich glaube nicht, das Geld das Hauptproblem ist.

Als ich meine Software-Schulungen abhielt, hatten die Teilnehmer nur Computer, auf denen die Schulungssoftware installiert war. Den eigenen Computer durften sie nicht verwenden, damit sich die Teilnehmer, fast alle Vollakademiker, nicht auf die Idee kommen sich mit ihren Excel-Tabellen fachfremd zu beschäftigen. Einen Internetanschluss gab es bewusst nicht, da sonst viele während des Unterrichts "dringende" E-Mails beantwortet hätten. Mobiltelefone waren strikt verboten, um nicht während des Unterrichts belästigt zu werden. Die meisten Teilnehmer wollten das auch so, um Ruhe zu haben. Weniger ist also manchmal mehr.

Eine Schule sollte den ganzen elektronischen Krimskrams mit Ausnahme des Taschenrechners aus dem Unterricht weitgehend verbannen, um sich wieder auf den Stoff konzentrieren zu können. Natürlich kommt kein Mensch mehr heute an einem PC vorbei. Der sinnvolle Umgang damit muss aber schrittweise erarbeitet werden. Wenn ich in Google oder Wikipedia recherchiere, klappt das nur, weil ich weiß, worauf es ankommt und das hängt mit dem Hintergrundwissen zusammen. Die meisten Schüler können das einfach noch nicht.

Der viel kritiserte Frontalunterricht ist überhaupt nicht so schlecht, wie viele denken. Der Trick dabei ist als Vortragender zu wissen, was die Zuhörer dabei denken und darauf einzugehen. Ein Vortrag ist im Prinzip ein gesteuerter Dialog im Stillen. Nun hält kein Schüler und kein Lehrer 5 Stunden Frontalunterricht durch. Der muss natürlich durch Übungen, Diskussionsteile und Pausen aufgelockert werden. Leider ist das 45-Minuten-Schulstundenraster an deutschen Schulen auch nicht optimal, weil 45 Minuten oft zu kurz sind. Zwei Stunden an einem Thema mit frei gewählten Pausen sind oft viel besser.

Und dann muss der Frontaluntericht immer den Bezug zur Wirklichkeit suchen. Wer also im Geschichtsunterricht so anfängt: "Wir fangen heute mit der Französichen Revolution an mit den Seiten 133 zwei Hälfte bis Seite 142.", der hat schon mal verloren. Gähn. "Was wäre unser Leben ohne die Französiche Revolution und wie lässt sich die aktuelle Revolution in Ägypten mit der Französischen Revolution vergleichen? Was ist da ähnlich, was läuft anders? Was sind die Auslöser einer Revolution? Könnte es bei uns auch eine Revolution geben? Wie stehen die Chancen dafür?" Das klingt doch schon ganz anders. So gesehen ist die Französiche Revolution spannend. Mir ihr hat unser selbständiges Denken eigentlich angefangen. Ohne die Erfahrungen der Französichen Revolution in unserem kollektiven Bewusstsein würde ich mich doch überhaupt nicht trauen diese Zeilen zu schreiben. Inzwischen hat man ja gelernt nicht jeden gleich einen Kopf kürzer zu machen, weil er nicht 100% gleicher Meinung zu sein scheint.

Offenbar muss ich den Eindruck gewinnen, das noch nicht einmal die meisten Lehrer wissen, wie Lernen funktioniert. Was lernen denn die Anwärter in ihrem Studium, das nun in Schweden Pflicht geworden ist? Unter solchen Voraussetzungen wird doch jede Schulreform zur Makulatur.

Mir ist aufgefallen, dass viele Schweden für alles und jenes einen Kurs benötigen. Ziel einer jeden Schulbildung sollte es doch sein, irgendwann sich tatsächlich mit Hilfe von Fachbüchern den Stoff selbst erarbeiten zu können. Dazu benötigen die Schüler aber Grund- und Faktenwissen und auch das Wissen und das Training, wie man selbstständiges Lernen anpackt. Dafür hat die Menschheit mehrere 1000 Jahre gebraucht. Dieses Basiswissen kann kein Schüler selbst erarbeiten.

Schule ist in Schweden offenbar für nicht wenige eine Verwahranstalt, wo Kinder sich mit anderen Kindern treffen, um die Zeit mit sozialen Aktivitäten der Sinnlosigkeiten totzuschlagen und wo sie abgefüttert werden, damit beide Elternteile arbeiten können. Wissensvermittlung ist Nebensache. Beim Abitur gehts nur darum, sich eine weiße Mütze aufzusetzen, schreiend auf einem Traktoranhänger die Stadt unsicher zu machen, um sich anschließend zu besaufen. Und danach glauben viele erwachsen zu sein und wundern sich, wenn sie in irgendeinem Callcenter als Telefonverkäufer doch nicht das große Geld verdienen, wie ihnen versprochen wurde. Herausforderungen sind in diesem System schlecht, da sie Stressauslöser sind. Wozu überhaupt Mathe-Untericht? Braucht man nicht. Es gibt doch genügend indische Softwarespezialisten, die gerne in Indien oder Schweden für uns arbeiten wollen. Im übrigen gibt es doch für fast alles im Internet schon ein Berechnungsprogramm. Ich hoffe meine Äußerungen waren nicht zu drastisch. Manchmal muss ich meiner Ironie einfach freien Lauf lassen.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 17. Mai 2014 17:36

Hallo zusammen,

es tut sich was in Schweden nach dem Pisaschock. Mit der "matematiklyftet" soll der Matheuntericht verbessert werden. Allerdings fängt Schweden ziemlich weit unten an, denn die Lehrer müssen sich erst einmal selber für den Unterricht fortbilden:

https://matematiklyftet.skolverket.se/m ... 3x49hd2_85

Die Fortbildung besteht aus dem Durcharbeiten des Unterrichtsmaterials und einigen Treffen mit Kollegen, um darüber zu diskutieren, wie der Unterricht gestaltet werden könnte.

Dieser Fragebogen gibt vielleicht eine Vorstellung davon, über was sich die Lehrenden dabei Gedanken machen müssen:

https://matematiklyftet.skolverket.se/m ... dition=web

Mathematik ist zu 90% Übung, also das Lösen von Aufgaben. Und das kommt hier überhaupt nicht vor. Das kann kein noch so guter Unterricht ersetzen. Lehrer und Schüler benötigen also jede Menge Fallbeispiele, am besten mit ausfürlichen Lösungswegen für die Selbstkontrolle. Der Mensch lernt am besten durch viele Beispiele, die er selbst durcharbeitet. Das ist schon anstrengend. Vielleicht ist das aber in Schweden unzumutbar.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon stavre » 17. Mai 2014 18:16

man achte auf das wort-diskutieren-

Die Fortbildung besteht aus dem Durcharbeiten des Unterrichtsmaterials und einigen Treffen mit Kollegen, um darüber zu diskutieren, wie der Unterricht gestaltet werden könnte.

das tun se bis zur vergasung und kommen keinen schritt weiter

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon BlekingeNina » 17. Mai 2014 20:22

Ja, das kenne ich auch...und sogar das findet höchst selten statt. Bei uns gibt es -zig Veranstaltungen (Fortbildungen, Möten; Arbeitsgruppen...) dazu, wie man Schülerleistungen beurteilt, aber eigentlich nie was dazu, wie man den Schülern erst mal was beibringt! Wo bleibt die Didaktik???? Kommt das in der Ausbildung nicht vor? Ich habe selbst im theoretischen Teil der Ausbildung auch kaum Didaktik gelernt, dafür aber im Referendariat, durch gute Lehrer und Ausbilder, denen ich zuerst zugeschaut und die mich dann konstruktiv-kritisch beim eigenen Unterricht angeleitet haben.

Hier sollen die Leute ja nun nach den neuen Ausbildungsvorgaben nach dem Studium nun auch eine Art Referendariat (Introduktion) machen, d.h. eine Zeit lang erst mal unter "Aufsicht" eines Mentors unterrichten. Wie immer aber sehr schwammig, neulich las ich in einer Lehrerzeitschrift, dass es empfohlen wird, diesen Unterricht unter Aufsicht schon in einem seiner eigenen Fächer zu machen, falls dies an der Schule möglich ist (!)

Zum Mathe-Unterricht: Wie Volker schreibt, bedarf es viel angeleiteter Übung. Beim Gleichungslösen also gemeinsam erst einfache Gleichungen durchgehen, im Dialog, mit "lautem" Denken. Mehrere gemeinsame Beispiele an der Tafel. Dann kommt ein Schüler vor und versucht es, die anderen und der Lehrer denken und helfen mit, dann versuchen die Schüler selbst 2 Gleichungen vom gleichen Typ während ein Schüler vorne rechnet, damit man den Weg und das Ergebnis vergleichen kann, evtl. auf typische Fehlermöglichkeiten hinweisen kann. Wenns alle kapiert haben, ein paar vom gleichen Typ in Stillarbeit (-> Erfolgserlebnis), evtl. noch als Hausaufgabe. Erst dann die nächste Schwierigkeitsstufe.

In Schweden kenne ich das so: 1. Teil der Stunde = Genomgång (der Lehrer erklärt in einer Art Mini-Vorlesung an der Tafel wie man Gleichungen löst)
2. Teil der Stunde = eget arbete (die Schüler lösen selbständig die Aufgaben im Gleichungskapitel im Buch, zur Erhöhung der Gemütlichkeit suchen sie dafür erst geeignete Musik, die sie über Kopfhörer hören, viele setzen sich in den Korridor in eine der Sitzgruppen, kommen am Ende der Stunde wieder ins Klassenzimmer. Am Ende einer Aufgabe verlgeichen die Schüler mit den Lösungen hinten im Buch. Da steht allerdings nur die Lösungszahl, nicht der Weg...)

Tatsächlicher Ablauf: die Schüler geben bei der geringsten Schwierigkeit auf... hören Musik und sitzen die Zeit ab.

Natürlich sollen die Schüler auch selbständig und kreativ Matheaufgaben lösen können, dazu muss man ihnen aber erst mal das grundlegende Handwerkszeug beibringen.

Die Lehrern, die versuchen, effektiven, angeleiteten Unterricht zu machen, kämpfen gegen die Widrigkeiten des Systems: aus Gerechtigkeitsgründen soll man keine Niveaugruppen bilden, d.h. extrem schwache und extrem leistungsstarke Schüler sollen in der gleichen Unterrichtsgruppe sein (ein Sitzenbleiben gibt es ja auch nicht, so hat man z.T. Schüler denen 17+8 grösste Schwierigkeiten bereitet in der 9. Klasse mit dabei beim Gleichungslösen...). Gleichzeitig soll jeder einzelne optimal gefördert werden. Für die meisten Lehrer in der Praxis nur durch "selbständige Schülerarbeit" zu lösen. Wer anderes versucht, gehört bald zu den Krankgeschriebenen...

Wollte eigentlich nur kurz was schreiben, bei dem Thema kommt mir aber leicht die Galle hoch...

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 18. Mai 2014 08:38

Zum Glück gibt es auch Lichtblicke im schwedischen Matheuntericht:

http://www.ufm.umu.se/om-ufm/nyheter/ny ... .cid227255

http://www.svt.se/nyheter/regionalt/vas ... r-eleverna

Die Idee mit den farbigen Hütchen, mit denen die Schüler ihr Mitkommen signalisieren, gefällt mir sehr gut und es funktioniert auch. Die Kinder in der 4. Klasse scheint das Rechnen richtig Spaß zu machen. Es passiert ja dauernd eine Rückmeldung beim Üben. Das ist der entscheidende Punkt der ganzen Geschichte. Beim Rechnen gibt es ja nicht so viel zu erklären. Es ist hauptsächlich Übung. Die Fehler entstehen meistens durch fehlende Konzentration und mangelnde Routine. Nur komisch, das bei diesem Beitrag die Wörter "Training" und "Übung" vermieden werden. Manche Schweden scheinen damit ein Problem zu haben, vielleicht weil sie glauben, es könnte etwas mit Indoktrination und Gehirnwäsche zu haben könnte, was das freie Denken einschränkt. Ich weiß es nicht.

Es gibt schon schwedische Trainingsprogramme für das Rechnen: http://nomp.se/ welche nach dem Belohnungssystem funktionieren. Solche Programme funktionieren in den unteren Klassen gut unter Aufsicht von Lehrern. Und so scheint auch das Konzept zu sein. Trotzdem finde ich, dass die Kinder darüber hinaus auch mit Bleistift und Papier üben müssen, alleine schon deshalb, um Mathe und Rechnen in verschiedenen Situationen anwenden zu können.

Und wie war der deutsche Matheunterricht vor über 40 Jahren, wie ich ihn in der Schule teilweise erlebte? Der Lehrer laberte irgendwas an der Tafel vor, wobei man meistens dabei eingeschlafen ist oder die Gedanken woanders waren. Dann gab es Hausaufgaben. Die hatte man dann widerwillig daheim versucht zu lösen, wobei man nie wusste, ob man falsch oder richtig lag. Das war eine Qual. Lernen ist Qual, war die wichtigste Lektion - und Mathe ist Folter. Ein paar Tage später gab man die Hausaufgaben ab und noch ein paar Tage später bekam man die Korrekturen zurück. Die Kritzeleien der Lehrer waren unverständlich und haben dem Schüler meistens nur signalisiert, dass er zu blöd für Mathe ist. Oft lag es nur daran, das einfache Grundlagen fehlten, die man irgendwann verpasst hatte. Aber das bekam der Schüler oft nie mit und wenn, dann zu spät. Wer Glück hatte, bekam einen guten Mathenachhilfelehrer, den die Eltern bezahlen mussten. Es ging ja eigentlich nur darum, nicht die Klasse wiederholen zu müssen. Mathe war anscheinend nur eine Methode um die Dummen von den Schlauen aussortieren zu können. Man konnte aber das System austricksen, wenn die Dummen Mathenachhilfe bekamen. So war bei nicht wenigen der Eindruck. Eine Katastrophe.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon vibackup » 18. Mai 2014 09:51

Volker hat geschrieben:Zum Glück gibt es auch Lichtblicke im schwedischen Matheuntericht:

http://www.ufm.umu.se/om-ufm/nyheter/ny ... .cid227255

Sieht die Seite nur bei mir so komisch aus?
umea.png

Volker hat geschrieben:http://www.svt.se/nyheter/regionalt/vasterbottensnytt/mattelyft-for-larare-starker-eleverna

Coole Ideen... schön, kreativen Lehrern zuzuschauen.
Volker hat geschrieben:Es gibt schon schwedische Trainingsprogramme für das Rechnen: http://nomp.se/

Das sieht interessant aus, danke.
Volker hat geschrieben:Und wie war der deutsche Matheunterricht vor über 40 Jahren, wie ich ihn in der Schule teilweise erlebte?
...
Eine Katastrophe.

Ich habe verschiedene Lehrer gehabt, von dem von dir beschriebenen bis zu einem solchen, der richtig gut waren und der Mathe unglaublich spannend machte. Leider musste er gehen, denn er fiel unter den sog. "Radikalenerlass". Das hat uns Schüler etwas überrascht, denn er war einer der wenigen Lehrer, die aus unserer Sicht vollständig unpolitisch waren... welcher Richtung er angehörte, haben wir nie erfahren und auch nicht erraten können... wegen Inkompetenz haben sie leider keinen gehen lassen.
Diesen Faktor (schlechte Lehrer) wird man aber, glaube ich, nicht vollständig ausschalten können, nur unwahrscheinlicher machen. Ich sehe es ja bei den Medizinstudenten; es ist leicht, jemanden wegen mangelndem Wissen durchfallen zu lassen, aber schwer und extrem teuer, die Kompetenz und Motivation zu beurteilen, ohne auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen, und den Prozess rechtsunsicher zu machen und (Hochschul-)Lehrerwillkür (also uns) allzuviel Spielraum zu geben... aber ein Konsens in der Gesellschaft, dass Anforderungen an Studenten und Schüler prinzipiell etwas Gutes sind, ist glaube ich hilfreich.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 18. Mai 2014 12:05

Die Seite http://www.ufm.umu.se/om-ufm/nyheter/ny ... .cid227255 sieht bei mir wie folgt aus:

hemsida umea universitet.png
hemsida umea universitet.png (20.14 KiB) 554 mal betrachtet


Dort steht: "Om resultaten i Umeå skulle överföras till riket som helhet, skulle Sverige avancera från 26:e plats i Pisa-rankingen till andra plats, konstaterar forskningsledaren Torulf Palm vid Umeå universitet."

Vom Pisa-Platz 26 auf Platz 2 soll diese "Hütchen-Methode" verhelfen, wenn sie in ganz Schweden zum Einsatz kommt. Wenn ich richtig vermute, funktioniert diese Methode auch in relativ großen Klassen und ohne elektronische Superaufrüstung. Sie wird also kaum oder kein zusätzliches Geld kosten. Sie könnte übrigens auch in Deutschland zum Einsatz kommen, wenn der Wille da ist. So gut steht Deutschland auch nicht in der Pisa-Studie da.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon vibackup » 18. Mai 2014 12:30

Volker hat geschrieben:Die Seite http://www.ufm.umu.se/om-ufm/nyheter/ny ... .cid227255 sieht bei mir wie folgt aus:

hemsida umea universitet.png


Deutlich besser und vermutlich wie intendiert.
Die Mail an die Universität habe ich losgeschickt; welchen Browser/welche Version verwendest du?
Ev sind die Umeåer immer noch dabei, Webseiten für spezielle Browser zu optimieren...

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