Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

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Volker
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 2. Januar 2014 20:44

Hallo zusammen,

an schwedischen Schulen werden hemmungslos PCs, Notebooks und Tablet-PCs eingesetzt, weil der weit verbreitete Glaube besteht, dass alles, was modern ist, auch gut sei. Dabei ist es längst bewiesen, dass PCs, Notebooks und Tablet-PCs im Klassenzimmer und in der Kinderstube massiv vom Lernen abhalten. Aber in Schweden scheint sich dies noch nicht herumgesprochen zu haben.

Eine Google-Suche mit "datorer i skolan debatt" https://www.google.se/?gws_rd=cr&ei=u7f ... lan+debatt lässt mich buchstäblich den Magen umdrehen. Ich denke, dass diese Naivität inzwischen einer der Hauptgründe für die schwedische Schulmisere ist. Gibt man dann noch "stökiga klasser" ein, findet Google für so ein kleines Land gleich 134.000 Ergebnisse. Mich wundert das überhaupt nicht mehr.

So wie es aussieht, versuchen die meisten schwedischen Schulen die Schulkrise dadurch zu lösen, indem sie immer Geld in "elektronische Lernhilfen" pumpen, wodurch sich das Problem immer mehr verschlimmert. Irgendwann kommt das böse Erwachen und dieser Fehler wird dann leider auf Kosten einer ganzen Generation viel zu spät bemerkt.

Volker
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 22. Januar 2014 09:28

Hallo zusammen,

hier habe ich eine Meldung vom März 2007 gefunden, als Schweden noch halbwegs in Ordnung war. Eine kleine Gemeinde wollte ihr Schulwesen vollständig privatisieren, um bessere und billigere Schulen zu erhalten:

http://www.svt.se/nyheter/sverige/kommu ... -all-skola

"Mullsjö kommun i Västergötland vill lägga ut all skolverksamhet på entreprenad. -Hoppet är att få en bättre och billigare skola säger kommunalrådet Stefan Lindkvist till Ekot."

Aus heutiger Sicht klingt das vollkommen naiv. Nicht alle, aber viele aus dem bürgerlichen Lager haben geträumt mit Privatisierungen würde alles einfacher und besser. Sicherlich hatten die Menschen damals genug von einer Überregulierung, die sich zu sehr in das Leben der Menschen einmischt.

vibackup
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon vibackup » 22. Januar 2014 20:46

Volker hat geschrieben: Eine kleine Gemeinde wollte ihr Schulwesen vollständig privatisieren, um bessere und billigere Schulen zu erhalten:
...
Aus heutiger Sicht klingt das vollkommen naiv. Nicht alle, aber viele aus dem bürgerlichen Lager haben geträumt mit Privatisierungen würde alles einfacher und besser. Sicherlich hatten die Menschen damals genug von einer Überregulierung, die sich zu sehr in das Leben der Menschen einmischt.

Natürlich hast du recht: nur auf Privatisierung zu setzen, bringt es nicht.
Aber ob die Privatisierung alleine oder hauptsächlich das Problem ist, ist ja bisher nicht belegt; eher im Gegenteil: die Privatschulen bringen ja in der Regel bessere Resultate.
Das ist sicher auch ein Selektionseffekt, aber wohl nicht nur das...
Ich finde, auch die Argumente des Professor Spitzer sind bedenkenswert. Und Schweden ist das Land mit der höchsten Computernutzungsrate.
Und dann ist der öffentliche Dienst in Schweden nicht sonderlich gut funktionierend, und da muss man explizit die Schulen inkludieren.
Ob es das bringt, die Schulen wieder aus der kommunalen Führung zurück in staatliche Regie zu nehmen? Vermutlich erst einmal nicht, denn die Entwicklung von vielen Jahren lässt sich nicht kurzfristig nach oben korrigieren.
  • Ein Problem ist, dass die schwedische Schule ein Modell ist, dass personalintensiv gedacht ist. In den 90ern hatte der Staat aber einfach kein Geld mehr, und es wurde gespart. Man hat aber dennoch nicht das System geändert.
  • Und ein Problem ist eine sogar unter den Lehrern verbreitete Haltung von Kundschaftsfeindlichkeit; ich habe ernsthaft Diskussionen mit Lehrern gehabt, die es in erster Linie wichtig finden, dass ein Kind die Schule als den schönsten Platz in seinem Alltag erlebt; Wissensvermittlung sei nicht so wichtig. Auch wenn man besser lernt, wenn man sich etwas entspannt (nicht zu sehr, sonst lernt man schlechter), so kann es nicht das Primärziel der Schule sein, dass Kinder diese als den schönsten Platz empfinden. Zumindest nicht, wenn man nicht solche Quittungen kriegen will.
  • Ein weiteres Problem ist, dass der Lehrerberuf unattraktiver wurde, als die Schulen kommunal wurden. Das führt zu einer veränderten Gruppe die Lehrer werden, dann Lehrer für Lehrer... und irgendwann merkt das die Gesellschaft, was den Status weiter verschlechtert, immer weniger engagierte und kluge Personen werden Lehrer, und die, die es werden, scheitern schnell in einem schwerfälligen System, und schon haben wir einen circulus vitiosus in Gang. So etwas repariert man nicht mal eben in ein paar Jahren. Man darf nicht vergessen: die Jugendlichen, die 2012 im letzten PISA-test teilgenommen haben, zeigen heute die Fehler der Jahre 2004-2006. Damals haben die nämlich Lesen gelernt und die Grundlagen bekommen.
2007 war also viel dieses Prozesses bereits im Gang, nur eben noch nicht symptomatisch.
Hier ist also lange vieles falsch gelaufen, und die angewandten Rezepte waren oft kontraproduktiv.
Und das war für hier wohnende Eltern von schulpflichtigen Kindern, die mal ein anderes System erlebt hatten, lange sichtbar.
Ich will mich erinnern, dass das Erstaunen über das niedrige Schulniveau in Schweden schon Thema war, als wir nach Schweden kamen... die ersten hier wohnenden Deutschen, die wir trafen, waren sich darin einig: sollten sie mit Kindern nach D zurückkehren, so müssten die Kinder mindestens ein Jahr zurückgesetzt werden. Ich war damals neu hier und etwas befremdet von diesen Aussagen, aber offensichtlich hatten sie recht.

//M

Achja

Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Achja » 15. Februar 2014 12:30

Welche Erleichterung, dass es nun kein Tabu mehr ist, über die schlechte schwedische Schule zu berichten. Wenn man das vor 10 - 15 Jahren tat, wurde man in den Schweden-Foren umgehend "gesteinigt" und es wurde einem nie geglaubt. Von keinem Nicht-Schweden. Dabei hat sich im schwedischen Schulunterricht seitdem gar nichts geändert. Die beschriebenen Mißstände gab es schon alle, als wir 1998 nach Schweden zogen (und sehr davon überrascht wurden - glaubten wir doch (wie die meisten) dass Schweden ein vorzügliches Schulsystem hätte). Wie sehr sollten wir uns täuschen....Unsere armen Kinder. - Na ja, wenn man hier nach Abschluß des sog. 3-jährigen "Gymnasiums" das sogenannte "studentexamen" hat (das gar kein Examen ist und schon gar kein Abitur darstellt, denn das ist seit Jahrzehnten abgeschafft), dann glauben die Uni's im restlichen Europa, man hätte Abitur und darf daher dort studieren... also wenigstens etwas Gutes kam dabei raus. - Es ist gut, dass die Pisa-Studie nun offizielles Licht in die schwedische Schulwirklichkeit bringt - hoffentlich werden das viele auswanderungswillige Eltern lesen und gut darüber nachdenken, bevor sie ihre Kinder diesem Schulsystem aussetzen.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 25. Februar 2014 12:03

Hallo zusammen,

nach langer Pause möchte ich mit einigen Fragen und einigen Gedanken auch wieder „meinen Senf“ dazu geben. Insbesondere interessiert es mich, wie es dazu gekommen ist, dass am Anfang des letzten Jahrzehnts Deutschland vom Pisa-Schock überrascht wurde und nach Schweden und Finnland schaute, denn damals war Schweden laut Pisa um einiges besser als Deutschland. Nun lese ich, dass schon damals der Lerneifer in Schweden geringer war, was ich nicht bezweifele. Dazu müsste man wohl genauer untersuchen, was und wie in der Pisa-Studie gemessen wird. Für mich ist das jedenfalls noch nicht klar und deshalb interessieren mich die Hintergründe. Wie kam es zu diesem Abstieg der schwedischen Schulleistungen? Wann traten die Ursachen dafür ein und warum?

Übrigens ist ja ein Schulwechsel innerhalb Deutschlands von einem Bundesland zum anderen auch nicht problematisch. Ein Schüler, welcher von Hessen nach Bayern wechselt, wird wahrscheinlich ein Jahr aufholen müssen.

//Ms Vorrede kann ich nur teilen. Inzwischen habe ich meine Meinung auch revidiert. Dazu fallen mir noch ein paar Gedanken ein. Es kommt wirklich nicht in erster Linie darauf an, ob eine Schule privat ist oder von der öffentlichen Hand geführt wird. Es kommt mehr darauf an, welche Vorstellungen, Wünsche und Ziele die Eltern, Schüler und Lehrer besitzen. Und wenn die ideale Schule als ein Abenteuerspielplatz und Freizeitpark angesehen wird, dann bieten das die privaten Schulen natürlich auch an. So funktioniert die Marktwirtschaft, wenn die Vorschriften das zulassen.

Das Schulsystem halte ich inzwischen nicht mehr für so entscheidend, wie ich das früher dachte. Es kommt eher darauf an, dass das Lernen vom Großteil der Gesellschaft für eine sehr interessante Tätigkeit gehalten wird, die einen weiterbringt und für die es sich einfach lohnt Zeit und Anstrengung zu investieren, weil es einfach so befriedigend ist, ständig „harte Nüsse zu knacken“, um dann irgendwann sagen zu können: „Vor drei Monaten konnte ich das und das nicht und jetzt kann ich das. Das hätte ich nie gedacht. Ich freue mich schon auf die nächsten Themen und Herausforderungen. Wo liegen meine Grenzen? Wo sind meine Stärken?“ Übrigens wollen Erwachsene das auch, wenn sie ein Seminar besuchen. Dafür strengen sie sich an und zahlen noch Geld dafür. Sie erwarten keinen Wellnessurlaub. Trotzdem sind die meisten hinterher entspannt und zufrieden, weil das versprochene Ziel erreicht wurde.

Es ist klar, dass für das Lernen die Schüler eine gute Führung brauchen, da sie ja noch nicht wissen, worauf es ankommt. Manche Schüler verzetteln sich in Details. Andere haben eher die Neigung zu Faktenwissen ohne sich um die Zusammenhänge zu kümmern. Auf der anderen Seite sollen Schüler so eigenständig wie möglich lernen. In der Theorie hört sich das schön an. In der Praxis hat der Lehrer 30 Schüler zu betreuen. Davon haben eine Menge Konzentrationsstörungen, Probleme im Elternhaus oder einfach keinen Bock auf Schule. Deshalb lehnen auch in Schweden privat geführte Schulen schwierige Schüler ab, obwohl sie das nicht dürfen. Nichts ist schöner als wissbegierige, brave Schüler zu unterrichten. Und einfacher ist das auch noch. Dafür steht dann die Schule auch noch glänzend da. Schwierige Schüler zerstören den Ruf einer Privatschule! Das ist das Problem. Eigentlich müsste der schwedische Staat für dumme Schüler mehr Geld erstatten als für intelligente. Das habe ich jetzt nicht sehr nett formuliert, aber ich hoffe, der Gedanke ist trotzdem verstanden worden. Die meisten dummen Schüler sind eigentlich nicht dumm, sondern haben nur eine falsche Einstellung zum Lernen oder ihnen kann oft auf eine andere Weise geholfen werden.

Die schwedische Lobhudelei kann wirklich schädlich sein ( http://www.sueddeutsche.de/leben/erzieh ... -1.1865674 ). Ich selbst kann dieses ständige „jättebra“ ( in etwa „super gut“) nicht mehr hören. Es ist ja auch selten ein echtes Lob, sondern manchmal nur einfach eine „Höflichkeits-Desinteresse-Konfliktvermeidungsfloskel“.

Es ist aber auch klar, dass Lernen Erfolgserlebnisse vermitteln muss. Nur deshalb lernt man ja, damit sich der Erfolg einstellt. Und der Erfolg darf sich nicht automatisch einstellen, weil es ja dann wieder langweilig wird. Am besten ist es, wenn man beim Lernen versucht seine eignen Grenzen herauszufinden. Dann weiß man auch, wozu man geeignet ist. Das setzt Offenheit für Lob und Kritik voraus. Mit dem „jättebra“ hat das nichts zu tun.

Zu dem Professor Spitzer: Ich höre mir gerne seine Vorträge an, die sehr viele Anregungen bieten, die auch wissenschaftlich begründet sind. Manchmal schießt er in seinen Schlussfolgerungen wirklich über das Ziel hinaus und blendet die vielen Randbedingungen aus. Computer und Internet sind inzwischen ein wesentlicher Bestandteil unserer Welt und sehr nützlich. Ab einem bestimmten Alter funktioniert das Lernen mit Hilfe des Computers in vielen Fällen sogar besser. Aber das Thema versucht er zu vermeiden. Viele haben doch bereits die Erfahrung gemacht, dass gut gemachte Sprachkurse für den Einstieg sehr effektiv funktionieren. Der Fortgeschrittene lernt natürlich viel, viel effektiver die Sprache in echten, anregenden Gesprächen von Angesicht zu Angesicht. Bis dahin muss man aber erst einmal kommen sich in seiner Fremdsprache oder Zweitsprache so gut unterhalten zu können, dass es für den Muttersprachler keine Zumutung ist. Ein geduldiges Computerprogramm ist dann eine praktische Alternative. Berufs-Piloten lernen das Fliegen ja inzwischen auch hauptsächlich im Simulator, aber natürlich nicht nur. Und das klappt auch. Ein Verkehrsflugzeug gehört zu den sichersten Orten der Welt. Nach wie vor ist aber dringend davon abzuraten Kleinkinder mit Hilfe von „pädagogisch wertvollen“ DVDs, CDs und dem Kinder-TV das Sprechen beizubringen. Das führt tatsächlich zu einer Sprachentwicklungsverzögerung. Darüber sind sich inzwischen auch fast alle einig.

Noch etwas zum Schluss. Leider finde ich den Link nicht mehr dazu. Ein Lehrer an einer deutschen Schule hatte die Gelegenheit gehabt aushilfsweise eine 11. Klasse an einer anderen Schule zu unterrichten. Dort hatte er in seiner neutralen Funktion die Gelegenheit gehabt unter den Schülern eine Umfrage zu starten, welche Erwartungen die Schüler von ihrem Lehrer erwarten. Die deutschen Schüler wollten demnach einen fairen und gerechten Lehrer, der mit ihnen streng und diszipliniert umgeht, der sie quasi durch das Abitur paukt. Sie wünschten sich mehr Testklausuren, was natürlich mehr Arbeit für den Lehrer bedeutet und was ich auch für sinnvoll halte. Der Tenor war aber, dass deutsche Schüler glauben, die Schule müsste eine Quälerei sein, um ein gutes Abitur zu erlangen. Die Schule wird von einigen Schülern überspitzt formuliert als eine Folterkammer verstanden, in der der Lernstoff unter Schmerzen in das Gehirn hineingepresst wird, um so gestärkt fürs Leben ein gutes Abitur zu erlangen. Solche Gedanken sind natürlich auch Unfug. Aber hier sieht man doch, wie verschieden die deutsche und schwedische Kultur sein kann.

Meine Zusammenfassung: Es geht nicht darum, dass die Schule Freude bereitet, sondern darum, dass in der Schule das Lernen Freude bereitet. Vielleicht kann man das so auf einen Nenner bringen.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Tulipa » 26. Februar 2014 09:27

Achja hat geschrieben:Welche Erleichterung, dass es nun kein Tabu mehr ist, über die schlechte schwedische Schule zu berichten. Wenn man das vor 10 - 15 Jahren tat, wurde man in den Schweden-Foren umgehend "gesteinigt" und es wurde einem nie geglaubt. Von keinem Nicht-Schweden. Dabei hat sich im schwedischen Schulunterricht seitdem gar nichts geändert.


Ja! Auch ich empfinde es als regelrechte Erleichterung, dass nun endlich deutsche Verwandte/Bekannte unsere Sorgen und Nöte wegen der schwedischen Schule ernst nehmen.
Wie ärgerlich und unergiebig waren diese Diskussionen noch vor einigen Jahren. Wir konnten uns den Mund fusselig reden mit schlechten Erfahrungen im schwedischen Schulsystem, es hat uns einfach niemand geglaubt!

Als Ironie des Schicksals haben wir fast zeitgleich mit der neuesten Pisa-Studie nun endlich für unser ältestes Kind in Schweden eine Schule gefunden, mit der wir (bisher) rundum zufrieden sind: eine der geschmähten Privatschulen, genauer gesagt die Englische Schule.
Und noch besser: dort lernten wir etliche Familien kennen, die auch mit der kommunalen Schule nicht glücklich sind/waren; endlich ist also auch echter Austausch über Schulprobleme mit Einheimischen möglich.

Dennoch kann man nicht alles schwarz-weiss sehen. So schwanken wir, auch unser nächstältestes Kind dort zum Herbst einzuschulen. Denn das hiesse Aufgabe der meisten Freunde und der vor Ort gewachsenen guten Klassengemeinschaft, längere Busfahrt anstatt weniger Minuten Fahrrad oder Fussmarsch, usw.
Obwohl wir ganz klar die Englische Schule als die bessere ansehen, fällt die individuelle Abwägung dann doch nicht leicht.

LG
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 26. Februar 2014 11:28

Vor einigen Jahren hatte mir ein Junge ganz stolz und freudestrahlend sein Abschlusszeugnis der 9. Klasse gezeigt. Er hatte wirklich über alle Backen gestrahlt. Richtige Noten gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Im Zeugnis wurden die Abschlussnoten nur in „Bestanden“, „Gut bestanden“, und „Sehr gut bestanden“ aufgelistet. Bei ihm kamen die wichtigen Fächer Mathematik und Physik allerdings überhaupt nicht im Zeugnis vor, weil er sie nicht bestanden hatte. In Deutschland hätte er also keinen Schulabschluss und er würde bei Bewerbungen als Dummkopf dastehen. Aber in Schweden wird den Kindern und vielen Eltern etwas vorgemacht, anstatt ihnen reinen Wein einzugießen.

Ich habe manchmal den Eindruck, einige Schweden denken fast schon so wie folgt und das will ich mal übertrieben als Glosse darstellen: „Aber warum auch Mathe und Physik selbst noch lernen? Dafür gibt es doch Taschenrechner, Computerprogramme und dann noch die gut ausgebildeten Einwanderer aus allen Ecken der Welt, die doch so gerne in das Musterland Schweden ziehen und hier einfach endlich glücklich werden in diesem friedlichen Land. Und dann tut man diesen Menschen aus dem armen Deutschland oder Indien doch etwas Gutes an und wir helfen ihnen Arbeit zu finden. Mein Sohn oder meine Tochter soll erst das tun, was ihr oder ihm im Moment so richtig Spaß macht. Irgendwie wird er oder sie schon einen Platz in der Gesellschaft finden.“

Manche Schweden glauben in einem postindustriellen Land zu leben, dessen Wirtschaft nur noch vom Dienstleistungsgewerbe seinen Wohlstand zu finanzieren braucht, wobei niemand eine genaue Vorstellung davon hat, was unter Dienstleistungsgewerbe alles zu verstehen ist. Es klingt aber netter und umweltfreundlicher als diese schmutzige, nach Schmieröl stinkende Industrie. Dass Schweden fleißig am Rüstungsexport verdient, wird dabei ausgeblendet.

Sich Techniker, Handwerker und Ingenieure aus dem Ausland zu holen, ist in Schweden eine sehr alte Tradition. Die Geschichte Louis De Geer ( http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_De_G ... %931652%29 ), welcher in Schweden die für damalige Zeit moderne Hochofentechnik und Eisenindustrie einführte, ist ein schönes Beispiel dafür. Er ermöglichte überhaupt, dass die Schweden größere Kanonen gießen konnten. Viele Schweden sind stolz darauf, wenn sie unter ihren Vorfahren Einwanderer aus Holland, Deutschland oder Belgien vorweisen können.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 26. Februar 2014 13:20

Volker hat geschrieben:Sich Techniker, Handwerker und Ingenieure aus dem Ausland zu holen, ist in Schweden eine sehr alte Tradition.

Aber keineswegs nur eine schwedische Tradition. Im Gegenteil, ohne einen ständigen Austausch von Kultur, Wissen, Techniken, und auch den dazugehörigen Personen wäre die Menschheit niemals über das technische und kulturelle Niveau der Bronzezeit hinausgekommen, wenn sie dieses überhaupt je erreicht hätte. Man denke nur an das Porzellan, das im Englischen nicht ohne Grund "China" heißt. So mancher deutsche Fürst hat sich im 17. Jahrhundert französische Hugenotten in sein Reich geholt, als diese aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Auch die gesamte industrielle Revolution war nur aufgrund eines regen wissenschaftlich-technischen Austauschs möglich.

Problematisch wird es nur dann, wenn ein Land sich auf dem Wissen und den Fähigkeiten der aus dem Ausland eingeworbenen Fachkräfte ausruht.

MfG
Gerhard

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 26. Februar 2014 14:18

Hallo Gerhard,

ja so ist das. Der kulturelle und wissenschaftliche Austausch ist unverzichtbar. In Schweden war das aber extrem. Göteborg war einst eine ausschließlich holländische Stadt. Die Bevölkerung von Kalmar und Stockholm bestand zeitweise zu über 50% aus deutschen Handwerkern. Die schwedische Bevölkerung ist genetisch gesehen mehr mit den Norddeutschen verwandt als mit den Norwegern oder Dänen.

Vor 150 Jahren war Schweden eines der ärmsten Länder Europas. In den 1950er bis 1970er Jahren gehörte es zu reichsten und sozial fortschrittlichsten. Jetzt ist Schweden wirtschaftlich und sozial eher europäischer Durchschnitt. Die anderen Länder haben aufgeholt. Hätte es nicht die schöne Natur und die Ruhe, wäre Schweden für die meisten Deutsche zum Einwandern und als Urlaubsland uninteressant.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon svenherold » 6. März 2014 10:27

Weiß überhaupt nicht, warum diesen Pisa-Studien soviel Bedeutung beigemessen wird. Das ist doch eh nur ein Auswahlverfahren, welches Land die Kids am Besten an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpasst. "Employbility" ist doch keine Bildung.


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