Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

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Tulipa
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Tulipa » 6. Dezember 2013 09:40

Hej,

ich denke auch, dass die Privatschulen in Schweden zur Segregierung und Chancenungleichheit beitragen. Für uns ganz egoistisch aber durchaus im positiven Sinn:

Seit dem Sommer haben wir das erste unserer Kinder auf einer Privatschule, der schon oben gelobten Englischen Schule. Und nach vielen frustrierenden Jahren auf der kommunalen Schule erleben wir nun erstmals echte angemessene Herausforderungen, nach Fleiß gestaffeltes Lob, erkennbaren Wissenszuwachs, Wert auf Pünktlichkeit (habt ihr gelesen, dass Schweden sogar Weltmeister ist, was Zuspätkommen der SchülerInnen angeht?) usw. usw.....

Und da sollen wir drauf verzichten, nur damit alle chancengleich gleich dumm bleiben, aber dafür während des Unterrichts Musik auf ihren I-dingsdas hören dürfen? Also nee, da ist mir das Hemd echt näher als die Jacke.

LG
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knut245
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon knut245 » 6. Dezember 2013 11:12

Tulipa hat geschrieben: angemessene Herausforderungen, nach Fleiß gestaffeltes Lob, erkennbaren Wissenszuwachs, Wert auf Pünktlichkeit


Wer sagt, dass nur Privatschulen so etwas leisten können? Das ist doch eine Frage der Einstellung der Lehrer zu ihrer Arbeit. Hier kommt für mich wieder diese unselige Einstellung von wegen "private können alles besser, der Staat ist zu blöd" durch. Diese Einstellung und ihre Folgen haben so großen Schaden angerichtet, und selten ist nach Privatisierungen etwas besser geworden, jedenfalls nicht für die Kunden. Gerade im schwedische Schulsystem sieht man die Folgen doch sehr gut: da besitzen irgendwelche Finanzinvestoren Ketten von Schulen und bringen es fertig, diese trotz auskömmlicher Zuschüsse an den Rand des Ruins zu bringen.

Gerade in der Schule ist der Lernerfolg fast ausschließlich eine Frage des Engagements der Lehrkräfte. Hier muss man ansetzen und ihnen die geeigneten Mittel und vor allem die Anerkennung an die Hand geben. Dann ist vollkommen egal, wer die Schule bezahlt.
Hier könnte auch etwas sinnvolles stehen, zum Beispiel ein Bier.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Tulipa » 6. Dezember 2013 11:13

ach ja,

an unserer schwedischen kommunalen Heile-Welt-Dorfschule waren wir übrigens all die Jahre so ziemlich die einzigen Ausländer, also fast alle anderen schwedisch-muttersprachlich.

Nun an der Englischen Schule ist die Herkunft der SchülerInnen viel gemischter, ich schätze dass mindestens die Hälfte entweder Migrationshintergrund oder internationale Verwandtschaft hat.
Vertreten sind auch durchaus nicht nur Familien der "besseren" Viertel (wohl auch, weil denen viel zu wichtig ist, im Herbst während der Schulzeit nach Thailand und im Frühjahr während der Schulzeit eine Woche in Skiurlaub zu fahren). Erstaunlich viele Kinder kommen aus dem ziemlichen verrufenen Einwandererviertel unserer Stadt. Entgegen vieler Meinungen kosten die Privatschulen in Schweden ja keine Schulgebühren, daran scheitert die "Chancengleichheit" hier also nicht.

Hejdå
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Tulipa » 6. Dezember 2013 11:19

knut245 hat geschrieben:Wer sagt, dass nur Privatschulen so etwas leisten können? Das ist doch eine Frage der Einstellung der Lehrer zu ihrer Arbeit.


Sage ich ja gar nicht, ich berichte ja nur von unseren Erfahrungen.

In unseren 6 Jahren hier an der kommunalen Schule durften wir übrigens auch fast nur sehr engagierte LehrerInnen erleben, das war nicht das Problem und ich will denen keinesfalls zu viel Schuld zuschieben. Nur waren die eben u.E. zu viel damit beschäftigt, immer alles "rättvist" = gerecht zu machen, die Kinder zu loben, die keine Lust zu Hausaufgaben hatten, denen zu helfen die durch ihre Thailandurlaube Wochen versäumten usw. usw.

Hejdå
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Volker » 6. Dezember 2013 11:51

Hallo zusammen,

dann darf ich mich mal "outen". In meinem halben Leben habe ich über 100 Seminare abgehalten, Lernprogramme geschrieben, Lehrfilme produziert und einige Jahre als Lehrbeauftragter unterrichtet. Wenigstens bilde ich mir ein ein bisschen von Pädagogik zu verstehen, wenn es um die Wissensvermittlung für Erwachsene und Heranwachsende geht. Das meiste davon lässt sich auch auf Schüler ab etwa 16 Jahre übertragen.

Nun habe ich mir mal http://sv.wikipedia.org/wiki/Svensk_skoldebatt angeschaut. Dieses jahrzehntelange "Gewurschtel" der ideologisch geprägten Vorstellungen von Pädagogik ist wohl ein Grund für die gescheiterte schwedische Schulpolitik, die offenbar keine Ahnung von den psychologischen Erkenntnissen hat, die sich insbesondere in den letzten 10 Jahren herauskristallisiert haben.

Die "Englische Schule" wird mir immer sympathischer. Insbesondere der Ausdruck "nach Fleiß gestaffeltes Lob" fasst eine Kernaussage effektiver Pädagogik zusammen. Es darf nicht nur das Endergebnis durch gute Schulnoten belohnt werden, es muss auch die Leistungsbereitschaft honoriert werden und dies fördert wieder das Durchhaltevermögen, was nichts anderes als Selbstdisziplin ist. Wer aber Durchhaltevermögen hat, der hat auch früher oder später Erfolgserlebnisse und damit keine Angst vor der eventuellen Kritik durch schlechte Noten, wenn diese aufzeigen, wie die Schwächen behoben werden können - Stichwort Frustrationstoleranz. Solche Schüler wollen sogar Kritik vom Lehrer, um besser zu werden. Schulnoten im klassischen Sinn ("Setzen 6") motivieren aber nur die etwas besseren Schüler und demotivieren die etwas schlechteren. Ich betrachte das in manchen Fällen als ein Mobbing durch Lehrer. Jedenfalls zu meiner Schulzeit kam das noch vor. Das ist aber meiner Meinung nach in vielen Schulsystemen im Grunde so gewollt, um unliebsame Schüler zu entfernen, denn es macht viel mehr Spaß und es ist auch viel einfacher "begabte" Schüler zu unterrichten. Als Lehrer muss man dann auch nicht viel können. Die Frage nach dem Für und Wider von Schulnoten muss also differenziert betrachtet werden.

Lernen ist anstrengend und fordert Konzentration, aber es muss unbedingt Freude bereiten. Ohne diese glücklich machenden Erfolgserlebnisse geht Lernen irgendwann nicht mehr. Wer durch Lernerfolge motiviert ist, der kommt selbstverständlich auch pünktlich und folgt dem Unterricht. Gute Lehrer können zur Eigenmotivation der Schüler beitragen, wenn die Rahmenbedingung stimmen. Das hier von mir Beschriebene ist natürlich ein Idealfall, dem man aber recht nahe kommen kann. Ich habe das selbst sehr oft erlebt, wenn ich als Lehrer selbst besonders gut drauf war und dann noch eine Gruppe zu unterrichten war, die aufgeschlossen an das Thema heranging, sich gegenseitig geholfen hat und die Schwachen mitzog. Da wurde abends bei einem Gläschen Bier noch weiter über den Stoff diskutiert. Eine gute Grundstimmung ist wichtig für eine effektive Lernumgebung, viel viel wichtiger als die Frage nach der richtigen Schultafel und anderen modernen Lehrmitteln, die oft kontraproduktiv sind, also vergeudetes Geld.

Die Realität sieht oft ganz anders aus. Wenn die Klasse voll mit ADHS-Kindern (Zappelkindern) und anderen Problemfällen ist, dann geht das für alle - Schüler und Lehrer - an die Substanz. Und die an sich guten Schüler wollen von Schule dann auch nichts wissen und schwänzen die Schule oder hören Musik während des Unterrichts. Begabte Schüler "verblöden" dann. Es ist also in den meisten Schulsystemen wichtig in der richtigen Wohngegend zu leben mit guten Schulen und vielen Schülern aus intakten Familienverhältnissen, in der ein Interesse an Bildung besteht. Die Lehrer müssen dann noch nicht einmal besonders gut sein.

Nun kommt etwas, was nicht so gerne zur Sprache kommt, weil es nämlich ein Dilemma ist. Die meisten postindustriellen Volkswirtschaften benötigen ganz grob gesagt 30% ungelernte und angelernte Arbeiter, 30% qualifizierte Arbeitskräfte und etwa 30 bis 40% Akademiker. Bei optimaler Förderung aller Kinder schon ab dem ersten Lebenstag und eigentlich auch ab der Zeugung (z.B. kein Tropfen Alkohol und kein Tabak während der Schwangerschaft) wären wahrscheinlich mindestens 3/4 der Kinder für akademische Berufe geeignet. Das ist auf jeden Fall weit mehr als der tatsächliche Bedarf. Dies erklärt die vielen Lippenbekenntnisse über Chancengleichheit der Kinder andererseits und andererseits die Sprüche nach der Art wie "Leistung muss sich wieder lohnen.", denn eigentlich wollen viele überhaupt nicht, dass alle eine gleichermaßen hohe Leistungsbereitschaft erlernen. In Schweden ist eher die Vorstellung weit verbreitet eine gleichermaßen niedrige Leistungsbereitschaft mitzubringen. So kann man natürlich auf eine recht bequeme Art eine "Chancengleichheit der verpassten Chancen" erreichen.

Ich könnte noch mehr schreiben. Das Thema ist komplex und birgt ein hohes Risiko zu Missverständnissen. Mathematikgrundlagen müssen zum Beispiel anders unterrichtet und gelernt werden als Geschichtsverständnis und und und ... . Welchen Auftrag hat die Schule überhaupt? Nur berufsbezogene Wissensvermittlung oder auch Persönlichkeitsbildung? Was ist die richtige Mischung? Aber wer liest sich dann das alles durch.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon Tulipa » 6. Dezember 2013 12:15

Danke, Volker, für die Unterstützung!

Wir haben aber auch zu viele Jahre miterlebt, wie die engagierten und motivierten LehrerInnen unserer Dorfschule gleich nach den Sommerferien anfangen zu bitten und zu betteln. Und zwar, dass die Familien doch bitte zumindest nicht während der einzigen "Prüfungen" in den 6 ersten Schuljahren hier - der nationella prov im Frühjahr der 3. Klasse - in den Urlaub fahren möchten.

Trotzdem haben sich kein einziges Jahr alle Familien daran gehalten, Argument: Verreisen wärend der Ferien können wir uns nicht leisten. Und da jeder Schüler Recht auf Lernen im eigenen Tempo hat, verbringen die tapferen LehrerInnen dann jedes Frühjahr etliche Tage damit, für die Nachzügler extra Prüfungen zu organisieren.

Was wohl sowohl die sonnengebräunt zurückkommenden wie auch die bleich und brav im Unterricht gebliebenen Kinder daraus bezüglich der Wichtigkeit von Bildung und Leistung lernen...

LG
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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon meckpommbi » 6. Dezember 2013 18:00

klar wuerde ich wenn ich jetzt kinder in der schule hätte auch versuchen das beste fuer sie zu finden tulipa keine frage
auch finde ich das abschaffen von leistung in schwedischen schulen absolut kontraproduktiv
und trotzdem bin ich gegen privatisierung
es muss doch moeglich sein das an staatlichen schulen wieder umgedacht wird und ich hoffe diese studie ist ein weckruf
ihr koennt mich jetzt ja steinigen aber ich finde die schule die wir zu ddr zeiten hatte war trotz aller politischer ueberbordung gut - die allgemeinbildung hatte einen hohen stellenwert es wurde auch versucht moeglichst wenige durchs raster fliegen zu lassen aber nicht um jeden preis
und wenn ich es richtig verstehe hat das in schweden noch vor 10 jahren gut funktioniert (?)

@heike die zeit ist fuer mich seit dem guttenberg skandal gestorben und auch sonst habe ich in anderen deutschen medien gar nichts dazu gelesen - ich bin einfach aus meiner lebenserfahrung einer anderen meinung
privatisierung ist kein heilmittel sondern in manchen bereichen eine krux macht mehr kaputt als das es hilft
gruss birgit

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon vibackup » 6. Dezember 2013 19:08

Gerade in der Schule ist der Lernerfolg fast ausschließlich eine Frage des Engagements der Lehrkräfte. Hier muss man ansetzen und ihnen die geeigneten Mittel und vor allem die Anerkennung an die Hand geben. Dann ist vollkommen egal, wer die Schule bezahlt.


:danke:

@ Volker: kann ich voll unterschreiben.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon knut245 » 7. Dezember 2013 15:39

Danke Dir :D
Hier könnte auch etwas sinnvolles stehen, zum Beispiel ein Bier.

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Re: Vernichtendes Pisa-Resultat für Schweden

Beitragvon stavre » 7. Dezember 2013 17:27

fängt das nicht schon im elternhaus an,wie die kinder erzogen , bezw. nicht erzogen sind?

einfach nur im dagis abgeben reicht nicht


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