Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

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EuraGerhard
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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon EuraGerhard » 27. August 2014 16:56

Speedy hat geschrieben:Ob es nun die Weihnachtsfeier oder das Feierabendbier ist, ausserhalb der Arbeitszeit, nein danke.

Also von meiner Firma in Uppsala kenne ich das ganz anders: Mindestens alle zwei Wochen gibt es einen "Pubkväll", und die Weihnachtsfeier fängt zwar vielleicht während der Arbeitszeit an, geht dann aber bis in die Puppen. Das mag natürlich daran liegen, dass die Firma ursprünglich ein Ableger der Universität war und sich damit so manche studentische Tradition bewahrt hat.

MfG
Gerhard

vibackup
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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon vibackup » 27. August 2014 20:01

Jessica_Baader hat geschrieben:Höflichkeit habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Natürlich möchte ich nicht alle unter einen Kamm scheren. Es gibt viele nette und zuvorkommende Menschen, aber allgemein betrachtet, ist das leider so.

Ja, das scheint eine Entwicklung zu sein, die man sehen kann.
Ich habe ja eine Privattheorie, die darauf hinausläuft, dass die Idee, die Menschheit würde mit der Zeit bessere Gesellschaftsformen entwickeln, zumindest in mittleren Zeiträumen betrachtet Unsinn ist.
Stattdessen glaube ich, dass Gesellschaften in der Regel die Strukturen finden, die den jeweiligen Voraussetzungen am besten passen; dass diese Voraussetzungen ihrerseits von vorherigen (oder umgebenden) Gesellschaften geschaffen wurden, ist richtig, tut dem aber keinen Abbruch.
In Zeiten, in denen große Veränderungen in den Voraussetzungen auftreten, geschehen Verwirbelungen in Form von Diktaturen, Kriegen, Revolutionen, bis die Voraussetzungen und die Gesellschaftsstrukturen wieder zusammenstimmen.
Und unsere Kultur ist nun einmal eine reiche, in der wir in der Regel keine existentiellen Nöte leiden, und in der mein Fehler zumeist weder direkt zu meinem Tod noch zu einem Klankrieg oder dem Verhungern meiner Familie führt, was absolut weder in der Geschichte, noch in der derzeitigen Welt in anderen Kulturen die Norm ist.
Wir haben also viel Freiheit zum Experimentieren und für die Entwicklung unserer persönlichen Vorlieben und Empfindlichkeiten (unserer "Persönlichkeit").
Das kann man als eine hysterisch-narzisstische Kultur bezeichnen: wer am besten redet, sich am besten darzustellen weiß und die beste Show liefert, gewinnt.
Allerdings gilt das nur bedingt: (fast*) immer erfolgreich in unserer Kultur sind intelligente Menschen. In anderen Kulturen sind es andere Werte, die zum Erfolg führen: Ehrgefühl, Kooperativität, Körperkraft, Handwerksgeschick etc. Inwieweit die Intelligenz eine universelle Erfolgsgarantie darstellt, weiß ich nicht... die Tatsache, dass wir aber langsam immer intelligenter werden, und zwar weltweit, spricht dafür, allerdings haben wir nur noch sehr wenige Nomadenkulturen etc., die untersucht wurden.
So das sei dahingestellt.
Was hat das alles mit Höflichkeit zu tun?
Höflichkeit setzt das implizite Anerkennen einer Hierarchie voraus; in der derzeitigen Kultur aber ist das ein Bruch gegen ganz basale Regeln. Denn hier kann jeder alles werden, wenn man sich nur hinreichend gut darstellt.
Es gibt also keine feste Hierarchie, sondern diese wird potentiell ständig neu gebaut.
Daher führt Höflichkeit potentiell zu einem Statusverlust in diesem Wettrennen, nicht weil sie gutwillig ist (Höflichkeit ist nicht dasselbe wie Freundlichkeit), sondern wiel sie einen Status anstelle eines Prozesses impliziert.
Deshalb ist Höflichkeit in Schweden noch ungewöhnlicher als in Deutschland, weil man hier eben weiter ist in dieser individualisierten, säkularisierten Gesellschaft.
Nun gibt es selten reine Gesellschaften, sondern es gibt immer eine mindestens zweidimensionale Verteilung, in der etwa wie in einer Gaußverteilung die Menschen sich in unterschiedlichem Ausmaß konform zu einer vorherigen, derzeitigen oder entstehenden Kultur verhalten.
Wobei Landmenschen oft eher einer eher rigiden, aber kooperativen, kurz einer bäuerlichen, älteren Organisationsform folgen, während urbane Menschen mit steigender Urbanisierung (wobei diese auch virtuell sein kann, bspw durch Informationstechnologie) eher individualistischen, unhierarchischen, dynamischen, unkooperativen Regeln folgen.
Meine These deshalb: mit steigender Individualisierung wird Deutschland diesem Trend folgen, mit etwas Abstand, aber dennoch.
Bis sich die Voraussetzungen grundlegend ändern, wofür wir gerade (wie schon immer in der Geschichte) die Voraussetzungen schaffen.
Wohin das aber führt, das wage ich nicht vorherzusagen. Denn wie schon Bohr sagte:
"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen"

//M
*Auch in unserer Kultur ist Intelligenz ein teilweiser Nachteil, wenn man eine schizophrene Psychose erleidet; das Risiko des Selbstmordes steigt dann. Damit unterscheidet sich diese Erkrankung von allen anderen psychischen Erkrankungen.

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Gottfried
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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon Gottfried » 28. August 2014 10:41

Danke Michael für Deine ausgezeichnete Einsicht in die Dinge. Muss ich noch vertiefen….
Sehr interessante Betrachtung!
Gott sei Dank bin ich ein bisschen blöde, dafür aber höflich Bild . Das liegt aber vielleicht auch am Alter Bild . Für mich waren Werte wie Höflichkeit noch eine Tugend, eine rücksichtsvolle Verhaltensweise und den Respekt vor dem Gegenüber.
LG

unbekannt

Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon unbekannt » 28. August 2014 11:20

Interessante These. Höflichkeit hat ja auch eine Schutzfunktion, um Distanz und damit die Position des anderen zu wahren oder anzuerkennen, was in einer hierarchischen Klassengesellschaft besonders wichtig ist. Bei Freundlichkeit geht es im Gegenteil um Offenheit und Nähe für die im übertragenen Sinn gegenseitige Fellpflege. Die richtige Mischung zwischen Distanz und Nähe zu finden ist ja eine große Triebfeder für viele Überlegungen und in der Praxis manchmal nicht so einfach zu finden.

Ich war wieder mal in Deutschland und dort ist mir gleich der höfliche Umgangston zu fremden Menschen aufgefallen. Mir kam das in den ersten Tagen alles zu steif und verkrampft vor. Da sehnte ich mich wieder nach der gelassenen Freundlichkeit, die viele Schweden meistens ausstrahlen. Das Gefühl in Schweden als Mensch und nicht als Kunde behandelt zu werden, ist recht angenehm. Das ist tatsächlich manchmal so. Ist eine Ware z.B. nicht vorrätig, dann schicken schwedische Verkäufer einen gerne zur Konkurrenz und geben sich dabei noch die größte Mühe einen den Weg zu erklären. Inzwischen hat sich das aber gelegt, weil der Wettbewerb härter geworden ist.

Davon habe ich auch gehört, dass die Menschen in Europa und insbesondere in den USA immer narzisstischer werden, wie es große, regelmäßig stattfindende Umfragen an Studenten gezeigt haben. Narzisstische Menschen sind aber nicht gerade diejenigen, die an ihrer Persönlichkeitsentwicklung – also an ihren inneren Werten – arbeiten. Da treten sie eher auf der Stelle, während es ihnen in der Hauptsache nur darum geht sich optimal zu präsentieren und den anderen den Rang abzulaufen.

Man stelle sich den Extremfall einer Gesellschaft vor, die nur aus knallharten Narzissten besteht. Diejenigen, die intelligenter sind, können sich dann tatsächlich besser darstellen, sind raffinierter, können die besseren Netzwerke aufbauen, Allianzen schmieden und langjährige Mitstreiter zum taktisch richtigen Zeitpunkt wieder wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Ja, dieses Ränkespiel um Macht, Einfluss und Geld ist ja auch der Stoff für unendlich viele TV-Serien nach dem Muster von Dallas. So eine Gesellschaft entwickelt sich aber nicht weiter, weil Narzissten es vermeiden ihr eigenes Handeln grundsätzlich in die Kritik zu nehmen. Sie halten lieber an ihre vorgefassten Meinungen fest, welche ihnen eine trügerische Sicherheit geben. Langfristig stehen also die Chancen schlecht für so eine Gesellschaft.

Wo das hinführt, ist zum Beispiel an der us-amerikanischen Gesellschaft zu sehen: Hohe Verbrechensrate, Drogen, Unruhen, Armut in großen Teilen der Bevölkerung und ein marodes Sozialsystem. Gesellschaftliche Reformen sind kaum durchzusetzen. Die USA haben bereits ihre Vormachtstellung in der Welt verloren. Interessant ist ja auch, dass der IQ in den USA einen besonders hohen Stellenwert hat. Aber was nutzt ein hoher IQ, wenn er überwiegend dazu genutzt wird sich gegenseitig fertig zu machen oder dieser IQ zur Erlangung von Statussymbolen genutzt wird, die eigentlich keinen Nutzen haben. Dabei beschreibt der IQ, den ein Intelligenztest misst, nur einen bestimmten Teil der menschlichen Gehirnleistung. Ich habe noch in Erinnerung, dass es ab einem IQ von 90 aufwärts (also leicht unterdurchschnittlich) keine Korrelation mehr zwischen dem gemessenen IQ und dem Einkommen geben soll.

Da ist mir das in gesellschaftlichen Dingen experimentierfreudige Schweden schon angenehmer. Auch wenn hier vieles daneben geht, ist man für Korrekturen immer bereit und gesteht gerne mal Fehler ein und verspricht Besserung. Selbst Politiker geben offen zu, dass sie auf bestimmte Fragen keine Antworten wissen. Das ist fast schon einmalig ehrlich. Viele Schweden setzen auch den Wert der PISA-Ergebnisse in Frage und sehen die Stärke Schwedens hingegen darin in gemeinsamen Diskussionen im Team auf optimale und ungewöhnliche Ideen zu kommen. Sie setzen also bei wichtigen Entscheidungsfindungen mehr auf die Intelligenz der Gruppe als auf die Intelligenz des Einzelnen. In einem guten Team, das neue Dinge ausprobiert, ist natürlich gegenseitige, offene Freundlichkeit wichtiger als die Höflichkeit als Schutzfunktion, denn dann werden aus übertriebener Höflichkeit vielleicht gerade die entscheidenden Dinge nicht ausgesprochen. In der Vergangenheit hat das schwedische Prinzip jedenfalls oft ganz gut geklappt. In diesem Sinne ist Schweden noch für einige Überraschungen gut. Mein Zweckoptimismus lasse ich mir nicht nehmen. Ob aus Schweden bereits „die Luft raus ist“, weiß ich nicht. Meisten kommt es aber doch anders als erwartet.

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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon SchwedenBox » 31. August 2014 17:04

Hallo Jessie und Erika,

Ja, ich weiß wovon ich rede. Meine Familie lebt seit vielen Jahren in Schweden (Småland).

Und ja, ich sehe Schweden relativ kritisch, speziell nachdem ich über mehr als 20 Jahre die Veränderungen in Schweden miterlebt habe.

Allerdings, heißt das nicht, dass ich alles schlecht finde. Ich trage nur nicht mehr die sprichwörtliche rosa Brille.

Es gibt Dinge, die sich negativ entwickelt haben, die man sicher kritisieren kann. Für kulturelle Unterschiede, mit denen klarzukommen mir schwerfällt, kritisiere ich natürlich nichts und niemanden. Das ist bitte insoweit nur als wertfreie Beobachtung zu verstehen. Solche Beobachtungen teile ich nur gern, da dies anderen als Vorbereitung hilfreich sein mag.

Fazit: Schweden hat sicher viele Vorzüge gegenüber anderen Plätzen, die ich auch gut kenne. Es gibt aber auch Nachteile. Jeder muss für sich abwägen, was ihm/ihr wichtig ist.

In diesem Sinne.

Beste Grüße aus Småland

SchwedenBox

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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon Blåbärtroll » 31. August 2014 17:39

Bezogen auf die Frage des Threads:

Nja, ich weiss nicht. :|
Gibt es nicht innerhalb aller Länder unterschiedliche Persönlichkeitstypen und Charaktereigenschaften?

Lagom är kanske bäst?!

:wink:
Man vet ju aldrig riktig säkert ... ;)

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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon Jessica_Baader » 1. September 2014 14:33

Blåbärtroll hat geschrieben:Bezogen auf die Frage des Threads:

Nja, ich weiss nicht. :|
Gibt es nicht innerhalb aller Länder unterschiedliche Persönlichkeitstypen und Charaktereigenschaften?

Lagom är kanske bäst?!

:wink:



Ja das stimmt.Man findet in jedem Land gute und schlecht Menschen. Jene, die unser Vertrauen nicht missbrauchen und andere, die unsere Gutmütigkeit scharmlos ausnutzen.

Doch hängst es auch immer damit zusammen, wie der wirtschaftl. Stand in eines Landes ist.
Deutschland und vor allem Berlin ist da Vorzeigebeispiel.
Alles unpersönlich und wenn du was weitersagst, eine Idee, kannst du davon ausgehen, dass es bald viele andere wissen...

filifjonkan
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Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon filifjonkan » 5. September 2014 19:10

mich würde interessieren, wann das wort "besserwisser" dem schwedischen Wortschatz zugefügt wurde. Das war doch nicht erst kürzlich, oder? Weiss jemand das zufälligerweise?

Nobody is Perfect

Re: Sind Deutsche unangenehme Besserwisser?

Beitragvon Nobody is Perfect » 30. September 2014 18:56

filifjonkan hat geschrieben:mich würde interessieren, wann das wort "besserwisser" dem schwedischen Wortschatz zugefügt wurde. Das war doch nicht erst kürzlich, oder? Weiss jemand das zufälligerweise?


Seit sich die Dunkeldeutschen, die uns "Besserwessis betiteln" Besserwissend in Swe eingefunden haben. Also ca. 25j.


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