Sumac hat geschrieben:
mal ganz überspitzt gesagt:
wer etwas zu verbergen hat, der hat was unrechtes getan.
Diese Ansicht halte ich für direkt gefährlich, weil sich mit dieser Argumentation letztlich jede Form von Datenschutz und letztlich Demokratie aushebeln lässt. Willkommen bei 1984.
Und weil wir einmal bei England sind: Mittlerweile kommt dort auf 13 Bürger eine Überwachungskamera. Ist es dadurch sicherer geworden? Befriedigt wird dadurch nur der Überwachungswahn eines Staates, der seine Bürger als potentielle Verbrecher und Terroristen einstuft. Siehe
http://www.youtube.com/watch?v=SGD2q2vewzQ.
Aber zurück zum "sozialistischen" Schweden. Sicher gibt es sowas wie Datenschutz in Schweden praktisch nicht, was das Land aber noch nicht zum totalitären Überwachungsstaat qualifiziert. Problematisch daran sehe ich eher die Möglichkeit des Missbrauchs. Denn Papa Staat weiss sehr, sehr viel über seine Kinderchen. Und letzlich sind Weg und Nutzung der Daten praktisch weder zu überwachen oder nachzuvollziehen. Und wir alle hinterlassen wesentlich mehr Datenspuren, als wir uns bewusst sind. Zum Beispiel ich gerade jetzt durch das Schreiben dieses Beitrages. Durch richtige Kombination vorhandener Daten liessen sich leicht Name und Adresse herausfinden. Mein Mobiltelefon verrät, wann ich mich wo aufgehalten habe. Und dank FRA-lagen geht noch viel mehr.
Kommerziell wird die Schnüffelei längst betrieben. Mit jeder Google-Anfrage verraten wir etwas über uns, u.U. sehr persönliche Sachen. Google erstellt damit detaillierte Nutzerprofile und verkauft diese zu Werbezwecken. Und da liegt der Fluch der digitalen Informationsspeicherung: Es ist nicht die Frage ob, sondern eigentlich nur wann alle diese Informationen jedem zur Verfügung stehen, der daran interessiert ist (und bereit ist, dafür zu zahlen).
Aber zurück zu Schweden, und wenn ich da von "sozialistisch" rede, dann meine ich eigentlich viel harmlosere - wenn auch bisweilen ärgerliche - Erscheinungen. Da gibt es z.B. den oft gebrauchten Begriff der "arbetarrörelse", der sich beim besten Willen nur mit "Arbeiterbewegung" übersetzen lässt. Oder Arbeiterliteratur.
Da gibt es noch richtige Maidemos, wenn auch meistens recht spärlich besucht. Da ist "Kapitalist" noch ein Schimpfwort, jedenfalls in Norrbotten.
Soweit, so lustig, aber da ist z.B. auch der unselige Drang zur Zentralisierung, zur Zusammenlegung, zur Schaffung grosser, zentraler, unbeweglicher und uneffektiver Einheiten. Grosse Krankenhäuser, riesig, voll ausgestattet, nur hunderte Kilometer weit weg. Dorfschulen werden geschlossen, Gymnasien, die mal 200 oder 300km voneinander entfern waren, zu einem Moloch zusammengelegt.
Apropos Schule: Der Schulbesuch muss kostenlos sein, koste es, was es wolle. Bis hin zum Bleistift. Das Schulessen wird zentral zusammengerührt und täglich über hunderte Kilometer breitgekarrt. Kostenlos, versteht sich. So schmeckt es auch. Lokalen Schulen wird verboten, das Essen lokal zuzubereiten.
Da ist die Machtausübung und Selbstbeweihräucherung lokaler, im Norden durchweg sozialdemokratischer Kommunalfürsten. Da ist die bisweilen groteske Rolle der Gewerkschaften. Da gibt es das LAS (lagen om anställningsskydd), das dem faulsten Sack seine Anstellung garantiert, wenn er sich nur einmal lange genug in einer Firma gehalten hat, das aber junge Leute immer wieder auf die Strasse setzt.
Und da ist die Gleichmacherei, die Ächtung von Leistung und von allem, was irgendwie positiv auffällt. Die Einstellung, das Gerechtigkeit ist, wenn alle das Gleiche kriegen. Die Geringschätzung von (Aus-) Bildung und überhaupt jeder Form von Kultur.
Nicht alles, aber vieles davon erinnert mich an den Alltag in der DDR - wobei dort zumindest die Kultur gefördert wurde, wenn auch vielleicht nur aus Prestigegründen.
ABER: Man soll sich bewusst sein, dass dieser Vergleich doch sehr punktuell ist und insofern - vorsichtig gesagt - gewaltig hinkt. Schweden hat ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit all seinen Härten, und all das Gerede von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit ist dann sehr schnell doch nur Gerede.
Wer's nicht glaubt, der bummele mal durch die Stockholmer Yachthäfen.
Skogstroll