Imrhien hat geschrieben:
Hej,
ich habe mir den Spiegelartikel mal durchgelesen und finde ihn nur grausam. Er ist ja schon etwas älter und daher kann man davon ausgehen, dass sich da viel getan hat. Es erklärt doch einige Dinge. Denn, sooo lange ist das ja nun auhc nicht her. Viele der heutigen Eltern, haben das als Schreckensgespenst in ihrer Kindheit erlebt, oder haben es erleben können. Werden sicher auch nicht alle so gesehen oder bemerkt haben. Wobei... wenn man die Zahlen sieht und wenn die stimmen...
Jedenfalls wundert mich dann nicht, dass hier bei manchen Eltern wirklich so eine Sorge verbreitet ist, den Kindern mal lauter und deutlicher zu sagen wo die Grenze ist. Wenn sowas in den 80ern zu Kindesentzug führen konnte, ist es normal, dass viele vorsichtig sind. Eine Bekannte hier im Ort hat mir letztes Jahr eine Geschichte erzählt, die sich genau so abgespielt haben soll, vor etwa 10 Jahren erst. Das fand ich, klang sehr übertrieben. Nun finde ich aber, dass es vielleicht nicht ganz so übertrieben war wie gedacht. Jedenfalls klang es sehr nach der Praxis, die da in dem Artikel beschrieben wurde. Eine Familie wurde von Nachbarn angezeigt und das Sozialamt hat sie vorgeladen. Noch während die mutter in einem Zimmer mit denen redete, hat ein anderer die Kinder aus dem Nachbarzimmer raus und in eine Pflegeeinrichtung gebracht. Die Mutter wusste mehrere Wochen nicht wo ihre Kinder waren. Sie musste lange darum kämpfen, dass sie ihre Kinder sehen durfte. Der Psychiater, der ein Gutachten über die Kinder erstellen sollte, meinte, dass sie emotional durcheinander wären und nicht stabil. Ach??? Wenn meine Kinder von mir weggenommen werden, ohne dass sie wissen warum und wohin und nicht mit mir reden dürfen, sind die sicher auch emotional unausgeglichen. Und dass die mutter hysterisch war, ist auch verständlich, ich wärs auch.
Wie gesagt, ich weiss nicht obs stimmt, ich kenne den Fall nur vom hörensagen aber es klang nun doch verdächtig, dass sowas angeblich sehr gehäuft im kinderfreundlichen Land Schweden vorgefallen sein soll. Zum Glück vor langer Zeit und aus neuester Zeit ist mir nichts bekannt.
Grüße
Wiebke
Ja, das klingt schon ziemlich schwedisch. Als frisch Eingewanderter hatte ich auch einige Diskussionen mit meiner Frau, über Dinge, die mir sehr fremd vorkamen. Zum Beispiel, dass Kinder im Kindergarten systematisch ausgehorcht wurden, wie es denn zuhause zugeht. Um auch nur den kleinsten Hinweis auf unerlaubte Züchtigungen usw zu finden. Meine Frau erklärte mir dann, das Kinder in Schweden eher dem Staat gehören, als den Eltern. Vielleicht übertrieben, aber es erklärt jedenfalls die Tendenz, warum immer mehr Eltern die Erziehung ihrer Kinder den staatlichen Institutionen wie Kindergarten und Schule überlassen.
Zur Diskussion um den lockeren Datenschutz in Schweden:
1984 lässt grüßen! Big Brother is watching you! Ich habe nichts zu verbergen, aber möchte trotzdem meine Privatsphäre haben!
Was ich verdiene, ob mein Auto finanziert ist, oder ob ich in Scheidung lebe oder in wilder Ehe, das geht keinen was an, verstanden?
Und schon gar nicht den Nachbarn, der sich hinter meinem Rücken über mich das Maul verreissen möchte. Die Schweden sind in vieler Hinsicht völlig naiv. Diesen Exhibitionismus im Internet, wo bereits Jugendliche alle ihre Daten preisgeben, kann ich weder verstehen noch gutheissen. Der Fall Schürrer (deutsche Hammermörderin in Schweden) gibt einen kleinen Fingerzeig, wohin so etwas führen kann.
Was würde geschehen, wenn alle anhand der Autonummer den Fahrzeughalter ausfindig machen könnten. Die kleinste Nötigung auf der Autobahn könnte zu Mord und Totschlag führen. Und keiner soll jetzt kommen und sagen, dass die Schweden soetwas nicht machen. Hier gibt es genauso viel Durchgeknallte wie in Deutschland (oder sogar mehr, im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte), man liest jeden Tag in der Zeitung die unglaublichsten Sachen. Nein Danke!
Eine weitere interessante Sache: Wenn man gegen staatliche Einrichtungen (aktuellstes Beispiel: Försäkringskassan!) prozessiert, bekommt man selbst wenn man gewinnt, seine Prozess- und Anwaltskosten NICHT erstattet. Noch Fragen? Kein Wunder, dass sich viele Ämter aufführen wie der liebe Herrgott. Ärztliche Atteste werden nicht anerkannt, Leute mit gebrochenen Beinen werden zum Arbeiten geschickt, und, und, und .....
Als ich bei passender Gelegenheit diesen Umstand bei einem Anwalt zur Sprache brachte (war nicht ich selbst der gegen die Försäkringskassan prozessierte) antwortete dieser mir, dass er dies auch für völlig falsch hält, und sogar eine Abhandlung darüber geschrieben hat. Als Grund dafür, dass der Staat keine Prozesskosten gegen ihn erstattet sagte er sinngemäß:
"Mann meint in Schweden, dass der Staat eine fürsorgende Rolle hat, und die Interessen seiner Bürger wahrnimmt. Daher denkt der Staat, dass er den Bürger nicht entschädigen muss, wenn er gegen Ihn klagt. Dies führt natürlich zu einem völligen Ungleichgewicht."
Und letztlich spiegelt sich die Rolle des Staates auch im Strafmass wieder:
Man kann nachdem man ein Kind vergewaltigt oder jemanden umgebracht hat, nach wenigen Jahren wieder auf freiem Fuß sein, aber wehe man legt sich mit dem Staat an ... besonders in Steuerangelegenheiten. Und das Beispiel Anna Lindh hat schon gezeigt, dass ein Mord an einem Politiker viel strenger bestraft wird, als der Mord an einem unschuldigen Kind.
Ich weiss, dass das alles nun etwas polemisch klingt, besonders das Letztgesagte, aber es ist leider nunmal so.
Ich bitte bei dieser Gelegenheit auch, mir nachzusehen, wenn ich mich vielleicht in Euren Augen sehr negativ über Schweden äußere. Aber das ist nur mein Versuch, die rosarote Schwedenbrille, die man als Deutscher nun einmal hat, etwas zurechtzurücken. Schweden hat eine wunderbare Landschaft. Aber viele andere Sachen sind nicht mehr so, wie sie mal waren, und andere Dinge gehören in die Welt der Fabeln.
Wenn ich hier so im Forum lese, glaube ich ein gewisses Muster erkennen zu können: Die meisten Auswanderer (wie ich auch) sind so die ersten 5 Jahre zufrieden bis euphorisch über ihre neue Heimat. Danach beginnt für viele die Fassade zu bröckeln und man merkt, dass das Gras auf der anderen Seite auch nicht grüner war
