Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

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Nico
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Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Nico » 22. April 2010 13:43

Etwas provokanter Titel für den neuen Thread den sich Skogstroll und Speedy gewünscht haben. Dann legt mal los.

Nach (kürzerem) Nachdenken komme ich zu dem (vorläufigen) Schluss, dass tatsächliches Erheben/Vorhalten von gewissen Daten nicht allein zum gefühlten Überwacht-werden führt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Gefühl, wie sorgsam mit den Daten umgegangen wird. Subjektiv scheint es bei diesem einen Unterschied zwischen S und D zu geben.

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Auswanderer
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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Auswanderer » 22. April 2010 16:27

Der Hauptunterschied zwischen S und D ist, dass in D der Datenschutz als Selbstzweck gilt, der wichtiger als alles andere ist. Es sind Kinder gestorben, weil die Ärzte die Jugendämter wegen Datenschutz nicht informieren konnten.

Die Deutschen haben eine panische Angst, dass jemand etwas über sie weiß. Aber eine bessere Ausrede als "ich war im Puff und meine Frau soll es nicht wissen" hat auch die FDP nicht.
Alla dessa dagar som kom och gick, inte visste jag att det var livet.

---Stig Johansson

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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Sumac » 22. April 2010 18:59

mal ganz überspitzt gesagt:
wer etwas zu verbergen hat, der hat was unrechtes getan.

ich verstehe nicht, warum eine volkszählung in DE zu massenhysterie wird.
ich versteh nicht, was so verkehrt ist, wenn mein fingerabdruck auf dem pass ist
sicher würden mir noch andere "ich versteh nicht" einfallen.

ich finde, man kein den datenschutz übertreiben, so wie es in DE teilweise der fall ist.
sicher gibt es bestimmte dinge, die einfach nicht öffentlich sein sollten, aber das ist in DE und auch in SE der fall.

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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon maxfritzi » 22. April 2010 20:46

Nico hat geschrieben:Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Gefühl, wie sorgsam mit den Daten umgegangen wird. Subjektiv scheint es bei diesem einen Unterschied zwischen S und D zu geben.

Welche(n)?
Ich frage einfach deshalb so dumm, weil ich ja nun mal hier in D leben muss und meine schwedischen Urlaubserfahrungen mich nicht wirklich dazu prädestinieren können, mich zu Unterschieden zwischen S und D in dieser Frage zu äußern.

Mit dem Datenschutz in D habe ich schon so meine Probleme.
Da fallen mir doch spontan schon mal solche Stichworte wie Bankgeheimnis vs. Finanzamt (gab wohl letztens sogar eine Gerichtsverhandlung vor dem Bundesfinanzgericht (?), als Banken gegen die Datensammelwut der Finanzämter klagten, wenn ich nicht ganz irre), ELENA oder auch die elektronische Gesundheitskarte ein.

So überwacht, nein, eher ausspioniert, wie jetzt, habe ich mich zu DDR-Zeiten (war meine Kinder-, Jugend- und Studentenzeit) bestimmt nicht gefühlt! Wenn der alte Erich (Mielke) damals das über mich gewußt hätte, was der heutige Staat über mich weiss....

Hej då :smt006

Max
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Tommy3

Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Tommy3 » 22. April 2010 21:54

Hej,

dieser Spruch von "Ich hab ja nichts zu verbergen" zeugt von totaler Blauäugigkeit. In Unrechtsstaaten baut die Überwachung der Mitbürger darauf, dass man möglichst numfassende Informationen hat, um entsprechende Repressalien ausüben zu können. Die Stasi hätte sich sicher über eine umfassende Datenbank über die Bürgfer gefreut. Hätten die Regimekriter auch sagen sollen: Ich hab ja nichts zu verbergen?
Anderes Beispiel: Pol Pot. Der wollte alle Akademiker aus ideologischen Gründen ausrotten, hatte aber keine Volkszählung zur Hand. Mangels besserer Methoden hat er dann die Brillenträger ermorden lassen. Die Akademiker hätten da ja eigentlich auch nichts zu verbergen gehabt, oder, SUMAC?

Erstmal Geschichtsbücher lesen, bitteschön!

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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Dietmar » 22. April 2010 22:08

Hi Tommy,

nicht vom Thema ablenken ;-) Es geht um Schweden, nicht um irgend einen asiatischen "Unrechtsstaat".
Und Geschichtsbücher hat bestimmt jeder hier schon mal gelesen; die Aufforderung war also überflüssig.

Gruß,
Dietmar

Sumac
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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Sumac » 23. April 2010 04:01

Dietmar hat geschrieben:Hi Tommy,

nicht vom Thema ablenken ;-) Es geht um Schweden, nicht um irgend einen asiatischen "Unrechtsstaat".
Und Geschichtsbücher hat bestimmt jeder hier schon mal gelesen; die Aufforderung war also überflüssig.

Gruß,
Dietmar


danke dietmar und außerdem sollte Tommy3 mal genauer lesen....
ich habe geschrieben: mal ganz überspitzt gesagt, man sollte schon wissen, wie das dann gemeint ist.

back zum thema:
wenn über die personnummer gesprochen wird, dann fällt mir sogleich die "neu" eingeführte steuernummer in DE ein. das ist in den ansätzen der PN gleich zu setzen.

tilmann

Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon tilmann » 23. April 2010 05:01

Hej!

Der Satz, dass man nichts zu verbergen habe, hat nichts mit Schweden zu tun.

Und falls man etwas überspitz sagt, um nachher dann zu sagen, dass es nicht so ernst gemeint war, dann hätte man es besser direkt sein lassen sollen.

Der Bielefelder foebud hat einen schönen Aufkleber (https://shop.foebud.org/aufkleber/aufkl ... tueck.html), auf dem steht "Aus hygienischen Gründen wird diese Toilette Videoüberwacht." Manche Sachen will man vielleicht nicht öffentlich machen.

Tilmann

Fjosok

Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Fjosok » 23. April 2010 06:04

Hej!
Ich denke, Dietmar hat es genau auf den Punkt gebracht. Schweden ist Schweden und war niemals ein Unrechtsstaat. Mir fällt es als Deutschem auch sehr schwer, Dinge wie SPAR-Adressregister zu akzeptieren, wo jede Firma praktisch alle nötigen Daten über Dich bekommen kann. Aber auch Statistiska Centralbyråns Umfragen, die nicht wirklich anonym sind, weil alles mit einem Code gekennzeichnet ist ("damit man weiss, wer noch nicht geantwortet hat"). Was man damit alles anstellen könnte... und und und

Aber, und das ist eben schwedenspezifisch, der Staat hat seinen Bürgern nie Unrecht im Sinne der übrigen "Überwachungsstaaten" angetan - und die Schweden vertrauen darauf, dass das so bleibt/ können sich nicht vorstellen, dass so etwas hier passieren würde.
Dieses Urvertrauen in den Staat, ins "system", fällt in mehreren Bereichen, nicht nur dem Datenschutz, auf.

Hälsningar
Fjosok

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Re: Schweden = sozialistisch-totalitärer Überwachungsstaat?

Beitragvon Skogstroll » 23. April 2010 07:52

Sumac hat geschrieben:mal ganz überspitzt gesagt:
wer etwas zu verbergen hat, der hat was unrechtes getan.

Diese Ansicht halte ich für direkt gefährlich, weil sich mit dieser Argumentation letztlich jede Form von Datenschutz und letztlich Demokratie aushebeln lässt. Willkommen bei 1984.
Und weil wir einmal bei England sind: Mittlerweile kommt dort auf 13 Bürger eine Überwachungskamera. Ist es dadurch sicherer geworden? Befriedigt wird dadurch nur der Überwachungswahn eines Staates, der seine Bürger als potentielle Verbrecher und Terroristen einstuft. Siehe http://www.youtube.com/watch?v=SGD2q2vewzQ.

Aber zurück zum "sozialistischen" Schweden. Sicher gibt es sowas wie Datenschutz in Schweden praktisch nicht, was das Land aber noch nicht zum totalitären Überwachungsstaat qualifiziert. Problematisch daran sehe ich eher die Möglichkeit des Missbrauchs. Denn Papa Staat weiss sehr, sehr viel über seine Kinderchen. Und letzlich sind Weg und Nutzung der Daten praktisch weder zu überwachen oder nachzuvollziehen. Und wir alle hinterlassen wesentlich mehr Datenspuren, als wir uns bewusst sind. Zum Beispiel ich gerade jetzt durch das Schreiben dieses Beitrages. Durch richtige Kombination vorhandener Daten liessen sich leicht Name und Adresse herausfinden. Mein Mobiltelefon verrät, wann ich mich wo aufgehalten habe. Und dank FRA-lagen geht noch viel mehr.

Kommerziell wird die Schnüffelei längst betrieben. Mit jeder Google-Anfrage verraten wir etwas über uns, u.U. sehr persönliche Sachen. Google erstellt damit detaillierte Nutzerprofile und verkauft diese zu Werbezwecken. Und da liegt der Fluch der digitalen Informationsspeicherung: Es ist nicht die Frage ob, sondern eigentlich nur wann alle diese Informationen jedem zur Verfügung stehen, der daran interessiert ist (und bereit ist, dafür zu zahlen).


Aber zurück zu Schweden, und wenn ich da von "sozialistisch" rede, dann meine ich eigentlich viel harmlosere - wenn auch bisweilen ärgerliche - Erscheinungen. Da gibt es z.B. den oft gebrauchten Begriff der "arbetarrörelse", der sich beim besten Willen nur mit "Arbeiterbewegung" übersetzen lässt. Oder Arbeiterliteratur.
Da gibt es noch richtige Maidemos, wenn auch meistens recht spärlich besucht. Da ist "Kapitalist" noch ein Schimpfwort, jedenfalls in Norrbotten.

Soweit, so lustig, aber da ist z.B. auch der unselige Drang zur Zentralisierung, zur Zusammenlegung, zur Schaffung grosser, zentraler, unbeweglicher und uneffektiver Einheiten. Grosse Krankenhäuser, riesig, voll ausgestattet, nur hunderte Kilometer weit weg. Dorfschulen werden geschlossen, Gymnasien, die mal 200 oder 300km voneinander entfern waren, zu einem Moloch zusammengelegt.
Apropos Schule: Der Schulbesuch muss kostenlos sein, koste es, was es wolle. Bis hin zum Bleistift. Das Schulessen wird zentral zusammengerührt und täglich über hunderte Kilometer breitgekarrt. Kostenlos, versteht sich. So schmeckt es auch. Lokalen Schulen wird verboten, das Essen lokal zuzubereiten.

Da ist die Machtausübung und Selbstbeweihräucherung lokaler, im Norden durchweg sozialdemokratischer Kommunalfürsten. Da ist die bisweilen groteske Rolle der Gewerkschaften. Da gibt es das LAS (lagen om anställningsskydd), das dem faulsten Sack seine Anstellung garantiert, wenn er sich nur einmal lange genug in einer Firma gehalten hat, das aber junge Leute immer wieder auf die Strasse setzt.

Und da ist die Gleichmacherei, die Ächtung von Leistung und von allem, was irgendwie positiv auffällt. Die Einstellung, das Gerechtigkeit ist, wenn alle das Gleiche kriegen. Die Geringschätzung von (Aus-) Bildung und überhaupt jeder Form von Kultur.

Nicht alles, aber vieles davon erinnert mich an den Alltag in der DDR - wobei dort zumindest die Kultur gefördert wurde, wenn auch vielleicht nur aus Prestigegründen.

ABER: Man soll sich bewusst sein, dass dieser Vergleich doch sehr punktuell ist und insofern - vorsichtig gesagt - gewaltig hinkt. Schweden hat ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit all seinen Härten, und all das Gerede von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit ist dann sehr schnell doch nur Gerede.

Wer's nicht glaubt, der bummele mal durch die Stockholmer Yachthäfen.

Skogstroll


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