Schulfach: livskunskap?

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Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Tulipa » 29. November 2010 20:22

Hej,

die Abgründe, die die schwedische Schule zu bieten hat, nehmen kein Ende:
Wer weiss denn etwas über das Unterrichtsfach "livskunskap" (übersetzt in etwa Lebenskenntnis, Wissenschaft vom Zusammenleben) ?

Dieses wird seit etwa 10 Jahren an wohl ziemlich allen schwedischen Grundschulen unterrichtet, entweder als eigenes Fach oder inhaltlich eingebaut.

Wer weiss etwas oder hat noch besser eigene Erfahrungen / Ansichten hierzu?

LG
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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Haui » 29. November 2010 21:32

Ist das evtl. das Fach ,,hemkunskap,,?
in dem die Kinder alle nuetzlichen Sachen
fuer des Leben lernen? Zum Beispiel: Lebensmittelkunde
Kochen, Heimarbeit?
Oder ist das Fach mehr Sozialkunde?
Gruss Haui
Man muss nicht jeden Berg selber besteigen,
aber man muss Wissen wer einen die Aussicht beschreibt

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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Tulipa » 29. November 2010 22:27

Haui hat geschrieben:Ist das evtl. das Fach ,,hemkunskap,,?
in dem die Kinder alle nuetzlichen Sachen
fuer des Leben lernen? Zum Beispiel: Lebensmittelkunde
Kochen, Heimarbeit?


Nein, schön wärs :)

Guck z.B. mal hier: http://sverigesradio.se/sida/artikel.as ... el=4185782

Hab ich heute wohl die Fortsetzung im Radio gehört und gleich unsere Tochter angesprochen. Die machen tatsächlich jede Woche eine Stunde so etwas ähnliches, wobei sie das sehr positiv darstellt. Nur auf Schuldinge/Klassenkameraden bezogen, wer da wen gekränkt hat und dann muss sich derjenige entschuldigen.

Mich ärgert mal wieder, dass wir Eltern zu einem ganzen Themenkomplex überhaupt nicht informiert werden, was in der Schule so gemacht wird. Und ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll :roll:

LG
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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Pink_Panther » 30. November 2010 00:33

Tulipa hat geschrieben:
Nein, schön wärs :)

Guck z.B. mal hier: http://sverigesradio.se/sida/artikel.as ... el=4185782

Hab ich heute wohl die Fortsetzung im Radio gehört und gleich unsere Tochter angesprochen. Die machen tatsächlich jede Woche eine Stunde so etwas ähnliches, wobei sie das sehr positiv darstellt. Nur auf Schuldinge/Klassenkameraden bezogen, wer da wen gekränkt hat und dann muss sich derjenige entschuldigen.

Mich ärgert mal wieder, dass wir Eltern zu einem ganzen Themenkomplex überhaupt nicht informiert werden, was in der Schule so gemacht wird. Und ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll :roll:

LG
Tulipa


Ich habe schon früher einmal gepostet, dass in Schweden die Kinder nicht den Eltern, sondern dem Staat gehören.
Diese provokante (und sicherlich übertriebene) Aussage lasse ich mal bewußt so stehen, vielleicht kommen ja noch mehr auf denselben Trichter ;-)

Meine Erfahrungen bauen auf Dialoge bei Elternabenden, bei Ärzten und sonstigen Einrichtungen, wo Kinder/Jugendliche zusammen mit ihren Eltern und den entsprechenden Amtsrepräsentanten zusammentreffen um etwas zu besprechen. Ich bin es von Deutschland so gewöhnt (aber das hat sich ja vielleicht auch geändert - korrigiert mich gerne), dass die Kinder gehört werden, und dann zusammen mit den Eltern Entscheidungen getroffen. Bis die Kinder mündig sind tragen ja auch die Erziehungsberechtigten die Verantwortung (und kennen ihre Kinder wohl auch am besten und haben wohl auch etwas mehr Lebenserfahrung als diese ;-) ).
In Schweden sehe ich die Eltern mehr als Zuhörer, die gegenwärtig sind, wenn Dritte zusammen mit den Kindern (teilweise sehr wichtige) Entscheidungen treffen. Es wird dann mehr oder weniger erwartet, dass man pflichtschuldigst nickt. Und dann der abschließende Satz: "Noch Fragen?".

Dazu zwei Beispiele:

- Ich war mit meiner damals 16-jährigen Stieftochter bei einer Ärztin. Unsere Tochter hatte seit langer Zeit starke Kopfschmerzen, ohne dass man einen Grund gefunden hat. Nach der in Schweden (oder vielleicht nur bei uns) üblichen Zeit des blinden Ratens (probier das, probier jenes) wollten wir dann doch eine etwas gründlichere Untersuchung. Um nicht wieder abgewimmelt zu werden, schickte meine Frau mich (liegt wohl an meiner direkten, unschwedischen Art, ich komme meistens weiter damit, hihi) als Begleitperson. Ich wurde von der Ärztin vollkommen ignoriert (habe auch erst mal zugehört, aber war aus dem Gespräch vollkommen ausgeschlossen). Als dann, nachdem die Ärztin versucht hatte alles zu verharmlosen, unsere Tochter (ohne wenigstens Blickkontakt mit mir) gefragt wurde, ob sie wirklich dieses Computerröntgen für erforderlich hielt antwortete ich dann etwas barsch "Ja! Wir, die Eltern halten das für erforderlich. Wir tragen ja schließlich die Verantwortung für unsere Kinder!"
Was wäre gewesen, falls da ein Tumor gewesen wäre und sich unsere Tochter zu einem "nein" überreden lassen hätte? Wie kann man nur so wichtige Entscheidungen Minderjährigen überlassen und die Eltern völlig übergehen?
Nachspiel: Die Ärztin rief später bei meiner Frau an und fragte sie nach dem Verhältnis zwischen unserer Tochter und mir aus. Durch die Blume also, ob ich mit ihr streiten würde. Oder ob wir ein vielleicht "allzugutes Verhältnis" miteinander hätten. Leider ohne Erfolg ....
Es war mir ein regelrechtes Vergnügen etwa ein Jahr später wieder dorthin zu gehen. Mit meiner jüngeren Stieftochter. Wegen Verschreibung der Pille gegen Menstruationsbeschwerden :lol: :lol: :lol:
Ich war gut vorbereitet und genoß die Dialoge ........


- Unser 10-jährige Sohn war Opfer eines recht ernsthaften Zwischenfalls an der Schule. Ich habe gleich den Rektor angerufen und dieser hat den "Trygghetsrådet" angewiesen, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Dieser wollte auch direkt mit unserem Sohn reden - allein! Da wurde natürlich nichts draus ;-) Ich meine, ich habe eine halbe Stunde gebraucht um alles aus meinem total verstörten Kind herauszubekommen, behutsam und dennoch unter Tränen. Was glauben denn diese Menschen? Dass dieses Kind sich dann einer Gruppe von Erwachsenen (teilweise fremd) vorstellt und fröhlich sachlich alles der Ordnung nach berichtet ohne etwas Wichtiges auszulassen? Ich weiss, dass ich manchmal nicht "schwedisch" reagiere, aber soweit werde ich mich niemals anpassen! Und da habe ich die volle Rückendeckung meiner Familie, das weiß ich!
Auch bei dem folgenden Gespräch war es so, dass ich nicht gefragt wurde. Wollte ich etwas sagen, dann mußte ich mich selbst aktiv zu Wort melden.

Das waren nur 2 Beispiele. Sie stehen stellvertretend für viele andere Situationen, wo es ähnlich war, wenn vielleicht auch nicht so extrem. Ich habe einfach das Gefühl, das man als Elternteil nicht länger Entscheidungsträger ist, sondern nur noch Beisitzer. Diese Rolle werde ich allerdings niemals akzeptieren .....

/Paul

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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Tulipa » 30. November 2010 10:08

Danke lieber Paul, sehr interessant, was du berichtest.

Ich beobachte auch immer wieder, dass Erwachsene und speziell "myndigheter" überwiegend mit dem Kind reden und ich mehr oder weniger ignoriert daneben stehe. Bisher habe ich das aber ganz anders gedeutet als du. Besonders als unsere Kinder noch sehr klein waren, fand ich diese schwedische Art echt toll. In D ist es doch umgekehrt üblich, dass Kinder kaum beachtet und über deren Kopf hinweg über sie mit den Eltern geredet wird.

Hmmm, mal wieder eine Sache, an der ich dran bleiben werde :roll:

LG
Tulipa

P.S.: gerade habe ich die Lehrerin gefragt, ob ich mal wieder im Unterricht dabei sein könnte. Sie schien sehr erfreut, ja gern, jederzeit. Hat in keiner Weise versucht das abzuwimmeln. Als ob die Lehrer das wirklich gut finden, wenn Eltern ganze Tage mit ihren Kindern in der Schule sind, kann das sein?

LG
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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Pink_Panther » 30. November 2010 10:19

Tulipa hat geschrieben:
P.S.: gerade habe ich die Lehrerin gefragt, ob ich mal wieder im Unterricht dabei sein könnte. Sie schien sehr erfreut, ja gern, jederzeit. Hat in keiner Weise versucht das abzuwimmeln. Als ob die Lehrer das wirklich gut finden, wenn Eltern ganze Tage mit ihren Kindern in der Schule sind, kann das sein?

LG
Tulipa


Ich habe bisher nicht das Gefühl gehabt, vor verschlossenen Türen zu stehen, insofern kann ich deine Erfahrung bestätigen. Aber das kommt wohl immer auf den Einzelfall an.

Summa summarum: Was mich stört ist der Eindruck, dass Behörden, Schulen und das Gesundheitssystem diese Einstellung haben "Wir wissen besser als du, was gut für dein Kind ist". Das habe ich des öfteren bemerkt und es macht mich geradezu rasend :-(

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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Tulipa » 30. November 2010 10:36

Meist glaube ich aber, dass das gar nicht böser Wille ist, sondern dass da ganz einfach Welten aufeinander prallen. Das man etwas selbstverständlich findet und gar nicht auf die Idee kommt, für den anderen ist etwas ganz anderes selbstverständlich.

So auch dieses ständige Angebot, Fragen zu stellen: das kann ich doch nur, wenn ich von Dingen überhaupt weiss, dass es sie gibt.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Treffen im Kindergarten. Ich keine Ahnung von nix. Keine allgemeinen Erklärungen, ich solle halt fragen, was ich wissen will. Dann hat das fröken immer mit einer anderen mama über die Kinderwagen geredet, das schienen alle sehr wichtig zu finden. Erst eine ganze Weile später fand ich heraus, dass die Kinder alle mittags draussen darin schlafen, wäre ich ja nie auf die Idee gekommen und konnte daher auch nicht fragen.

LG
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tilmann

Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon tilmann » 30. November 2010 10:57

Ohne das wirklich beurteilen zu können, würde ich das "schwedische" Verhalten eher so deuten, dass die Kinder ernstgenommen werden und als eigenständige Personen wahrgenommen werden.
/Tilmann

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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon Tulipa » 30. November 2010 11:12

tilmann hat geschrieben:Ohne das wirklich beurteilen zu können, würde ich das "schwedische" Verhalten eher so deuten, dass die Kinder ernstgenommen werden und als eigenständige Personen wahrgenommen werden.
/Tilmann


Ja, und das finde ich wie gesagt ganz toll, vor allem bei den Kleinen!

Aber vieles möchte ich eben doch mir als Mutter vorbehalten. Oder zumindest informiert werden, was da abgeht. In o.a. Radiobericht z.B. übersetzt, dass Kinder sich in dem Schulfach mit der ganzen Klasse darin üben, gegenseitig kränkende Dinge zu sagen: wen man doof und eklig findet und warum. Oder dass sie sagen sollen, ob sie schon mal vergewaltigt wurden oder einen Alkoholiker in der Familie haben.

Na, Ausnahmen bestätigen die Regel: auf dem letzten Elternabend mit mal wieder nicht stattfindender Diskussion sagte eine Mama laut und deutlich in die Runde, ihr Sohn dusche immer in der Unterhose. Schweigen, dann die Lehrerin verständnisvoll: du willst das nicht? (was?) Mama nochmal extra deutlich, nein, das wolle sie nicht. (was?)

Hab ich so gedeutet, dass sie nicht will, dass ihr Sohn sich ganz ausziehen muss und sie das deswegen allen so klar gesagt hat. Oder war es genau umgekehrt gemeint?

LG
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Re: Schulfach: livskunskap?

Beitragvon janaquinn » 30. November 2010 11:17

Pink_Panther hat geschrieben:Summa summarum: Was mich stört ist der Eindruck, dass Behörden, Schulen und das Gesundheitssystem diese Einstellung haben "Wir wissen besser als du, was gut für dein Kind ist"


Hej Paul,
kann ich nun nicht so bestätigen, obwohl wir wirklich ständig Kontakt zu Ärzten, Behörden ect. haben. Vielleicht am Anfang, wo das schwedisch noch nicht so sass, aber mittlerweile..nein, wir lassen es auch garnicht erst zu. Wir sind die Eltern, wir bestimmen und wissen, was richtig ist für unsere Kinder. Klar, manch ein Sachbearbeiter ist schwerer von Begriff, aber da wird nachgehakt und nachgehakt, bis alles i.O.
Hatten erst vor kurzem einen Disput mit der Schule, wo wir klar gemacht haben, dass der Einfluss der Schule an unserer Haustür aufhört und wir eine Überschreitung nicht aktzeptieren.

Grüsse JANA, die sich Tilmanns meinung anschliesst :wink:
Gestern ist Vergangenheit. Der Morgen ist ein Geheimnis. Heute ist ein Geschenk


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