Schon immer so kinderfreundlich ?

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Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon Tulipa » 27. Januar 2009 11:23

Hallo mal wieder,
vor ein paar Tagen wurde hier in einem thematisch ganz anderen Thread die Behauptung aufgestellt, dass Schweden schon immer besonders kinderfreundlich gewesen sei.

Durch den Film "stulen barndom" unseres ehemaligen Freundes Kent Sändh sowie dessen Erzählungen bin ich etwas in der Thematik drin - gestohlene Kindheiten in Kinderheimen, für die Betroffenen der reine Horror, und das vor wenigen Jahrzehnten.

Im Internet habe ich dazu z.B. folgendes gefunden:

http://www.nkmr.org/deutsch/kinder_gula ... hweden.htm

Was meint ihr dazu ?
Wer weiss mehr ?

LG
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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon janaquinn » 27. Januar 2009 12:36

Hej Tulipa,
ich finde den Artikel, schon aufgrund seines Alters von 26 Jahren, als nicht sehr repräsentativ. Damit will ich nicht bestreiten, dass es diese Vorkommnisse nicht gab, aber er ist auch sehr sehr einseitig geschrieben, vorallem da der Spiegel damals nicht gerade unabhänigig war. Dies hat sich bis heute etwas gebessert, aber es gibt sicherlich bessere Zeitungen als ausgerechnet den "Spiegel".

Das traurige Phänomen des Kindesentzugs gab und gibt es ja nicht nur in Schweden, auch in Deutschland findet man zuhauf Fälle, wo Kinder aus intakten Familien geholt werden, die Kinder, die es allerdings nötig hätten, zurückbleiben und es dann Fälle wie die kleine Michelle gibt, die jämmerlich verhungert ist.
Übereifrige Erzieher und Lehrer findet man überall, die hinter jedem blauem Fleck eine Misshandlung sehen...da bin ich z.Z. froh das meine Tochter nicht in eine deutsche Daggis geht, sonst hätte ich wahrscheinlich sofort das Jugendamt am Halse.
Warum die Mitarbeiter des Jugendamtes und Schulen damals so reagiert haben, kann man nur vermuten, wahrscheinlich hatten sie wirklich Angst um das Kind.
Berichte von Betroffenen sind immer einseitig, die Wahrheit erfährt man nur von beiden Seiten.

Ich für meinen Fall habe die Schweden bis zum heutigen Tag nur als extrem kinderfreundlich kennengelernt, die auf jedes Kind vorbehaltlos zugehen und es ernst nehmen.

Auch wenn wir in Yannic´s alter Schule wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben, so muss ich trotzallem sagen, liebevoll waren die Lehrer und Betreuer auf jedenfall.

LG JANA
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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon Tulipa » 27. Januar 2009 12:57

Ja, Jana,
auch ich bin immer wieder positiv beeindruckt, wie im heutigen Schweden Erwachsene mit Kindern umgehen und habe das im Forum auch hoffentlich immer so dargestellt.

Aber seit ich diese Erzählungen kenne, kann ich z.B. nicht mehr lachen, wenn Pippi L. von Polizisten abgeholt und in ein Kinderheim gesteckt werden soll. Und auch im alten Schloss-Gripsholm-Film gibt es doch diese unerfreulichen Kinderheim-Szenen.

LG
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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon priscilla » 27. Januar 2009 14:57

Hallo!

Dieser Artikel ist wirklich ziemlich alt. Schweden hat sich weiterentwickelt. Positiv weiterentwickelt. Schweden ist sehr kinderfreundlich. Das war sicher nicht immer so. In den 60er Jahren sah das ganze noch anders aus. Ich sage nur folkshem...

Meine Kinder werden hier in Schweden vollwertig akzeptiert. Man begegnet ihnen hier sehr zuvorkommend und freundlich. Die Leute können hier sehr gut auf Kinder eingehen.

Hälsningar

Priscilla

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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon janaquinn » 27. Januar 2009 15:36

Hej Tulipa,
naja, Tucholsky´s "Gripsholm" hat ja nun eigentlich nur soviel mit Schweden zutun, als das es in Schweden spielt. Und die Direktorin des Kinderheimes, wo Ada untergebracht ist, ist auch noch eine Deutsche, die Tucholsky wirklich mit den schlimmsten Eigenschaften zeichnet, die ein Mensch haben kann. Tucholsky hatte zeit seines Lebens ein sehr gespanntes Verhältniss zu Deutschland, woraus auch die Figur der Direktorin entstand...auch heisst der Roman: Schloss Gripsholm-Ein Sommermärchen" und ist reine Fiktion.

Naja und Pippi....das arme Mädel hat vollkommen allein in einem kunterbunten Haus gelebt nur mit einem Äffchen und einem Pferd und ihr Papa war Pirat (??)´, bitte berichtigen, wenn ich falsch liege. Also auch dies ist hat nicht wirklich viel mit der Realität zu tun.
Wenn es danach ginge, dürfte man Kindern auch nicht Michel vorlesen, weil der seinen Kopf in die Suppenschüssel steckt und Klein-Ida die Fahnenstange hochzieht, außerdem wird er mit schöner Regelmässigkeit im Schuppen eingesperrt und handiert dort mit einem Messer rum.... es sind Geschichten..nicht mehr und nicht weniger.

Was wirklich interessant wäre, dass wären Fakten und Zahlen, die allerdings sollten von beiden Seiten bestätigt sein und nicht nur einseitig.
Dann wird ein Schuh drauss

LG JANA,
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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon Imrhien » 27. Januar 2009 17:02

Hej,
ich habe gerad letztens irgendwo gelesen (komme leider nicht mehr drauf wo es war...), dass auch in Schwden die Zahlen an Misshandlung und so steigend sind. Nach aussen sieht es schon sehr toll aus und die meisten Leute werden ihre Kinder auch tatsächlich so behandeln wie es aussieht. Leider tun daheim nicht alle so wie sie es im Kindergarten tun. Es sind weitaus mehr Kinder von Schlägen auch in Schweden betroffen als man denkt.
Ein anderes Phänomen ist genau das Umgekehrte. Viele Eltern trauen sich schon gar nicht mehr ihre Kinder überhaupt in irgendeiner Weise zu massregeln. Das führt dazu, dass sie den Kindern in freundlichstem Ton sagen sie sollen doch bitte bitte nicht auf die Strasse laufen (habe ich selbst erlebt...). Oder die Eltern sind sichtlich schrecklich müde von der Arbeit und genervt und fertig. Sie sitzen dann im Kindergarten und versuchen mit Engelszungen auf die Kinder einzureden, dass sie sich dohc endlich anziehen sollen und diese tun nichts. Bei manchen Eltern denkt man dann schon, dass es nicht mehr lange dauern kann bis sie ausrasten... Sie bemühen sich echt um Fassung.

Was der Artikel allerdings schon zeigt auch wenner schon älter ist, er zeigt, dass Schweden nicht schon immer so kinderfreundlich war wie man in Deutschland denkt. Dazu muss man nur mal die Berichte der finnischen Kinder lesen die hier in Gastfamilien aufwuchsen. Was sie teilweise an üblen eingliederungsmassnahmen erlebt haben, das kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. Früher hat man nicht so auf Kinder geachtet. Auch nicht hier.

Grüße
Wiebke

nysn

Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon nysn » 27. Januar 2009 18:35

Wer sich für dieses Thema mehr interessiert, sollte sich das schwedische LVU - Gesetz mal anschauen.
(lagen med särskilda bestämmelser om vård av unga).

Dieses Gesetz behandelt, wann und aus welchen Gründen die Behörde das Recht hat, Kinder zwangsweise in Obhut zu nehmen - also von ihren Eltern wegzunehmen. Dieses Gesetz kommt in Schweden recht häufig zur Anwendung und nicht immer zum Vorteil der Kinder. Auch in dieser Beziehung vertraut man in Schweden tendenziell mehr dem Staat als den Eltern.

Hier z. B. ein Link: http://www.lvu.e-hem.com/

Die ganze Thematik ist ja äußerst schwierig, weil es ja in erster Linie gilt, das Wohl des Kindes abzuwägen.

Und ich bin mir nicht sicher, ob die Beamten von Socialtjänsten immer dieses Ziel vor Augen haben - manchmal, wenn man Berichte in den Zeitungen darüber liest, dann kommt es einem auch so vor, dass es auch oft um "Machtmissbrauch" und "Prinzipien/Willkür der Beamten" geht.

S-nina

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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon janaquinn » 27. Januar 2009 19:59

Hej Nina,
danke für den Link, werde ihn mir nach dem Urlaub ganz in Ruhe durchlesen.
Aber du hast vollkommen recht, es ist ein sehr sehr schmaler Grat zwischen Kindeswohl und Amtsmissbrauch, man muss schon sehr fähig sein, um die kleinen Zwischentöne zu erkennen.
Wie geschrieben, ich brauche mir nur meine 3jährige und deren blaue Flecken anschauen....für mich als Mutter dieses Wirbelwindes ist es normal, für andere könnte es nach Kindesmisshandlung aussehen....wenn mir jemand was böses wollte.

Was gut zu wissen wäre, ist ob die Jugendämter hier in Schweden ähnlich überlastet und unterfinanziert sind, wie in Deutschland oder auch in den Staaten. Und warum der schwedische Staat den Eltern soo wenig über den Weg traut.
Eine Trennung von Eltern und Kind(ern) ist niemals, oder nur in sehr schlimmen Fällen, zum Wohle des Kindes, es muss also wirklich schon gravierende Probleme geben, dass der Staat wirklich das Recht hat einzugreifen.

In Deutschland versagen die Jugendämter scheinbar viel zu oft, gerade die wirklichen Problemfälle werden übersehen, oft mit tödlichen Ausgang für die Kinder. Woran es liegt? An fehlenden Geldmitteln, an schlecht ausgebildeten oder vollkommen überlasteten Sachbearbeitern...zumindest in meinen Augen.

LG JANA
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Re: Schon immer so kinderfreundlich ?

Beitragvon Imrhien » 27. Januar 2009 21:33

Ich kenne aus eigener Erfahrun die Praxis in Deutschland. ich habe mich oft darüber geärgert, dass Kinder so lange in Familien bleiben "müssen" und dass es so schwer ist sie da raus zu holen. TROTZDEM bin ich der Meinung, dass es richtig ist, dass es so ist. Der Schaden der angerichtet werden kann in einer normalen Familie bei einem normalen Kind, das so ein Trauma erleben muss von den Eltern losgerissen zu werden und nicht mal zu verstehen weshalb, der ist so gross, dass es aus einer normalen Familie eben eine Familie mit Akte werden kann. Mit Akte meine ich eben eine die behördlich aktenkundig ist. Viele Helfer drin, in jeglicher Form. Das kann Langzeitfolgen haben die man gar nicht abschätzen kann. Wie soll dieses Kind je Vertrauen haben? Es wird immer und jederzeit Angst davor haben wieder in so eine Situation zu kommen.
Ich gebe nicht so viel auf solches Geschwätz, man weiss ja, dass sowas meist aufgebauscht wird. raurigerweise ist aber auch meist ein kern Wahrheit drin. Hier in der Gegend geht auch die Geschichte um wie vor ein paar Jahren ein Kind von den Eltern weggenommen wurde. Irgendwer hatte wohl irgendwie das Gefühl, dass es dem Kind schlecht ginge. Wie und warum weiss ich nicht mal mehr aber es war wohl so, dass das Jugendamt angeblich mit Kind und Eltern im Amt war und das Kind getrennt befragt wurde. Die Eltern haben ihre Tochter dann, so die Geschichte, mehrere Wochen nicht mehr gesehen. Eine Beamtin war mit dem Kind zu einer Pflegefamilie gefahren. Dort meinte man, dass sie sehr auffällig wäre... Ist das ein WUnder??? Das Kind kam zu den Eltern zurück aber bis sie endgültig wieder Sorgerecht hatten, dauerte es eine ganze Weile.
Ich kenne die Details nicht. Angeblich stand dann in der Zeitung, dass die Vorwürfe vor Gericht als nicht gegeben abgelehnt wurden und sie eine Entschädigung bekommen hätten. Aber die Mutter und das Kind brauchten lange psychologische Behandlung.
Ich weiss nicht ob das so stimmt. Wenn ja, dann mache ich mir echt Sorgen. Das wäre nicht der Ansatz der das Kindeswohl im Blick hat. Lieber warte ich da und schaue genauer hin.
Da ich selber Familien begleitet habe und Fälle kenne wo das oft sehr grenzwertig war, weiss ich wie schwer das ist zu entscheiden. Ich möchte die endgültige Entscheidung gar nicht treffen müssen.

Grüße
Wiebke


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