Ich muss auch mal als Gastleser ... und nun -schreiber ... meinen Senf zu diesem Thema zugeben.
Wir leben nun seit knapp 3 Jahren in Schweden. Schweden war für uns ein Kompromiss aus familiären Gründen. Schweden war eigentlich unsere zweite Wahl. Sind auf`s Blaue, ohne Job, mit nur wenig Rücklagen (allerdings in`s eigene Haus) und nur sehr begrenzten Sprachkenntnissen in ein klitzekleines Dorf in Jämtland gezogen. Wir waren nicht gefrustet von D und die Arbeitssituation dort war auch gut für meinen Mann. Der Norden war immer mein Traum ... ich bin ein Winterkind, das vom Abenteuer und vom Norden träumte ... und von Weite und Stille ohne allgegenwärtige gesellschaftliche Zwänge.
Wir wurden hier auf das Herzlichste aufgenommen. Zwei unserer erwachsenen Kinder blieben in D, eines ging für eine Orientierungsphase mit nach S, aber nach 6-monatigem Aufenthalt wieder zurück: zu wenig los hier oben ... es fiel mir sehr schwer als Mutter, unser - wenn auch schon erwachsenens Kind - von dannen ziehen zu lassen, aber ich konnte es verstehen und habe es akzeptiert. Man muss zufrieden sein und sich wohlfühlen und das ist nicht immer nur von der Familie abhängig.
Nach einem halben Jahr kam nach 2 Bewerbungen der erste Job. Wir wurden von Schweden (ja, das gibt es) eingeladen, Gegenbesuche fanden auch statt (auch wenn man manche zweimal einladen musste), freiwillige Tätigkeit im hiesigen bygdegard wurden und werden ausgeführt (ich sage nie ab, wenn ich gefragt werde) ... matdagar, auktionsdag, hemvändarvecka, pubkvällar ... jetzt bin ich sogar in den Vorstand gewählt worden. Ich wurde zu Geburtstagen eingeladen, mitgeschleift bei kirchlichen Veranstaltungen, Musikveranstaltungen, etc. - ob ich wollte oder nicht

Es wurde sogar organisiert, dass ich an einer samischen Taufe teilnehmen konnte ... wenn wir nur mal einfach so irgendetwas ansprechen, mit dem wir uns nicht auskennen ... bara funderingar ... nur mal so dahergesagt ... dann können wir uns sicher sein, dass gleich zwei Mann springen, die dann weitere fragen, anrufen oder gleich mit uns persönlich hinfahren - um eine Lösung für uns zu haben. Auch sind uns bisher nur offene Schweden begegnet, die Geselligkeit lieben und gerne hören, wie man das als D sieht, oder wie man etwas in D macht und warum. Einfach ehrliches Interesse. Allerdings mehr Interesse an Deutschen oder anderen Nationen als wie an der samischen Bevölkerung. lappkäring ist unter vorgehaltener Hand ein Wort, was hier und da benutzt wird, von den diskriminierenden Witzen einmal ganz abgesehen - hier fehlt manchmal die political correctness.
Ja, es gibt auch Leute im Dorf, zu denen wir keinen Kontakt haben. Man grüßt sich höflich und das war es. Doch ich stelle fest, dass es meist dann auch diese Leute sind, die auch nicht zu den Dorfveranstaltungen kommen. Na und? Jeder, wie er möchte.
Ich mag es, dass es mir nicht krumm genommen wird, wenn ich einmal nicht zu einer "wichtigen" Veranstaltung gehe. Ich mag es, dass sich die Schweden bei öffentlichen Festen der Dorfgemeinschaft bei den freiwillig Arbeitenden mit bspw. tack för maten bedanken, ich mag es, wenn der eine im Hemd und Stoffhose und der andere in Jeans und Shirt kommen kann, ohne dass man sich falsch angezogen fühlt, ich mag es, wenn alle an einem Strang ziehen, ohne dass es nur einen "Macher" gibt, ich mag es, dass wenn die Schweden einen besuchen, sie nicht herumsitzen, bis ich denke, wann gehen sie denn endlich und dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauche, wenn ich mal hin und wieder als erste gehe ...
Und ja, es gibt sehr oft ausländerfeindliche Äußerungen bei Jugendlichen hier, auch und gerade hier oben. Uns Mitteleuropäern nicht gegenüber ... dafür anders aussehenden. Da geht es sicher um Angst vor dem Unbekannten, Zukunftsangst und mehr, die dann auf diese Ausländer projeziert wird.
Ich mag den freundlichen Umgang hier miteinander ... ich habe es noch nie erlebt, dass die Frauen negativ über jemanden klatschen, wenn es auch mal eine kleine Bemerkung hier und da gibt. Doch die ist nie spitz und nie böswillig.
Ich erlebe keine Selbstüberschätzung bei "den Schweden", sondern einfach eine gute Portion Nationalstolz. Ich glaube, sie können auch stolz auf sich und ihr Land sein ... so ein weites Land und eine recht gute Infrastruktur ... aus einer armen Auswanderernation ist ein wohlhabendes Land geworden.
Ich finde auch ihre Art ... ta det lungt ... det ordnar sig ... völlig okay. Genau so ist es - warum soll man alles so aufbauschen, tausend Mal über irgendetwas diskutieren, was sich doch nicht ändern lässt. Ich glaube, das ist oftmals ein Problem vieler ausgewanderter Deutscher ... alles zu vergleichen ... zu zerpflücken bis ins kleinste Detail ... die Welt dreht sich immer weiter ... mit uns und ohne uns ... Schweden ist nicht nur Wald und Seen, Mittsommer und Astrid Lindgren ... Elche sind nicht nur schön anzusehende wildlebende Tiere, sondern auch eine Gefahr im Straßenverkehr ... in Schweden ist nicht alles besser, in D nicht alles schlechter und auch nicht alles besser. Das perfekte Land für alle wird es wohl nie auf dieser Welt geben.
Ich kann nur mein Empfinden hier wiedergeben: Ich bin vollends zufrieden. Und glücklich hier. Schweden ... nein das will ich nicht sagen, aber Jämtland ist zu meinem Zuhause geworden. Ich fühle mich hier wohl, so wohl wie noch nie in meinem ganzen Leben zuvor. Ich war seither noch nie in D und beabsichtige dies auch nicht in näherer Zukunft (unsere Familie und Freunde besuchen uns hier und lernen so auch ein bisschen Schweden kennen ... und vielleicht auch lieben). Nicht weil ich alles schon kenne oder nicht will, nein, in mir verlangt nichts nach D (na ja, mal ein wirklich knackiges Bauernbrot einmal ausgenommen). Ich lebe gerne hier! Und ich mag die Schweden, die ich hier kennenlernen durfte. Ich mag ihre unformelle Art, ihre Art anderen Freiräume zu gewähren, aber auch ihre Art, bei Festen ausgelassen sein zu können. Was ich nicht verstehen kann und will ist ihr eigenartiger Umgang mit Alkohol ... das Verteufeln von Zigaretten, aber das Tolerieren von Snus ... und noch so ein paar Dinge, die sich mir partout nicht erschließen wollen. Na und, dann ist es halt so, ich kenne es halt anders, aber ich will und muss niemanden mit meiner Ansicht überzeugen.
Und wenn - gerade im Winter - die Schweden lieber ihre Zeit zuhause bei der Familie verbringen, so macht es sie liebenswert für mich. Es kommt halt darauf an, wie man die Prioritäten setzt ... Überstunden und anschließendes Feierabendbier mit Kollegen oder halt Familie ...
Unser direkter Nachbar ist der hilfreichste Nachbar, den wir jemals in unserem Leben gehabt haben.
On the job ... mein Mann hat supernette Kollegen und Kolleginnen, mit denen man zwar nach der Arbeit mal ein Bierchen trinkt, oder auch mal angeln geht, doch man wird wohl keinen gemeinsamen Urlaub verbringen ... die Arbeitseinstellung der Kollegen ist vielleicht nicht ganz so ... na ja, deutsch ... zwar vielleicht gerade noch so ebenso effektiv, doch vielleicht nicht so kostenbedacht ... mit einem Chef, der wirklich an seinen Mitarbeitern interessiert ist und für den das ... allt bra? ... nicht nur eine Floskel ist, der aber als Unternehmer in D wohl noch etwas an seiner Gewinnmaximierung arbeiten könnte. Aber hier ist es halt so - warum sollten wir es ändern wollen.
In der VC von Anfang an keine Probleme. Wir haben bisher keine akuten Notfalltermine gebraucht, doch auch da gibt es kein Problem, wie ich aus dem Bekanntenkreis weiß: man geht einfach hin und kommt auch dran. Im Gegenteil ... elektronisches Rezeptverfahren find ich einfach und unkompliziert, Termin in der VC bestellen wir per internet ... innerhalb von 2 Wochen steht er, ist okay. ZA-Termin innerhalb von 4 Wochen - in D mussten wir länger warten. Man kommt unverzüglich dran und muss nicht erst mal eine halbe Std. im Wartezimmer und dann noch eine Viertelstunde auf dem Stuhl verbringen, bis endlich mal die Behandlung beginnt. Inkompetenz ist meinem Mann (KHK/alter Infarkt) hier noch nicht begegnet.
Auch wir haben deutsche Bekannte, die wir gerne, aber viel zu selten treffen, da sie zu weit weg wohnen. Dazu stehe ich. Ich freue mich, hin und wieder einmal Deutsch zu sprechen, mit Deutschen über deutsche Politik zu reden, mit ihnen über schwedische Politik zu reden, über gemeinsame Erfahrungen, Sorgen und Zukunftspläne. Warum auch nicht - wir sind Deutsche mit Migrationshintergrund in Schweden und keine "eingeborenen" Schweden. Und trotzdem besteht unser "soziales Netzwerk" ansonsten nur aus Schweden. Aber macht uns das besser ... oder schlechter ...
Uns haben in diesen knapp 3 Jahren viele ... sehr, sehr viele ... Deutsche (Ausgewanderte, Ferienhausbesitzer und Touris) besucht: Es gab angenehme Zeitgenossen und weniger angenehme. Beide Extreme sehr seltene Spezies.
Natürlich gibt es Nachteile gegenüber unserer Herkunftsgegend in D hier oben ... weite Wege, kein Supermarkt um die Ecke, keine 3 Fachärzte für jedes Wehwehchen am Ort, nicht die Jobwechselmöglichkeiten wie in D, Mücken und knots im Sommer, keine Kneipe um die Ecke, die wir nicht brauchen, aber auch kein Restaurant in der Nähe, in das man spontan mal abends um 8 mit deutschem Besuch gehen könnte, weder Quantität noch Qualität kultureller Veranstaltungen - und so gibt es noch einiges mehr. Aber es ist halt so ... wir wussten das vorher und trauern dem nicht nach. Anstatt ins Restaurant zu gehen, grillen wir am See - sowohl im Sommer als auch im Winter und gerade im Winter ist das ein Erlebnis für unsere Familien, im winterlichen Halbdämmerlicht am Nachmittag auf Rentierfellen auf einem Baumstamm am See zu sitzen und dick eingepackt ganz ungezwungen ein Steak oder den selbstgefangenen Fisch zu genießen ... die Stille, die Weite in sich aufzusaugen. Ja, das kann ich nur so poetisch schildern, weil wir es so empfinden.
Ich denke, alles ist einfach eine Sache der persönlichen Zufriedenheit. Wenn man die nicht hat, wird man sich nirgendwo wohlfühlen.
In einigen vorangegangenen Postings wurde die fehlende Aufgeschlossenheit der Schweden bemängelt, von aufgesetzter Freundlichkeit und nichtvorhandener Toleranz und sogar von irgendwelchem für Deutsche fast unerklärlichen Verhaltenskodex wurde geschrieben ... uns noch nie - und das meine ich vollends ehrlich - begegnet! Sollte man sich vielleicht nicht selber fragen, ob man nicht falsche Erwartungen hatte? Oder ob man vielleicht nicht selber ein Aufgeschlossenheitsdefizit hat, die Schweden so zu nehmen, wie sie sind: nämlich m. E. nach unkompliziert und sehr liebenswert, aber vielleicht genau wie bei uns selber mit persönlichen Eigenheiten, Ecken und Kanten.
Wir können uns nicht mehr vorstellen in D zu leben, dies hat aber nichts mit "den Deutschen" oder Deutschland an sich zu tun. Jämtland ist unsere Heimat geworden, nicht nur unser Zuhause. Nach D werden wir zu Beerdigungen oder Hochzeiten fahren, aber wohl keinen Urlaub dort verbringen. Wer weiß, viele Menschen werden im Alter noch zu Kirchgängern - vielleicht erwischt uns dann stattdessen das Heimweh. Aber dies ist aus heutiger Zeit für uns unvorstellbar.
Doch wenn es anderen so ergeht, warum sollte man unzufrieden in S leben? Gerade, wenn Paare/Familien durch einen Kompromiss hier zusammenleben. Es ist einfach eine Entscheidung im Leben, der eine andere Entscheidung irgendwann einmal vorausging. Eine Entscheidung kann man korrigieren. Und das würde ich nicht als Scheitern beurteilen. Ich persönlich würde nur durch eine gewisse Portion Selbstreflektion erörtern wollen, warum ich die jeweiligen Entscheidungen in dieser Weise zu dem jeweiligen Zeitpunkt getroffen hätte oder ob ich noch immer auf der Suche nach was-weiß-ich-auch-immer wäre und dann nur aus diesem Grund das vermeintlich kleinere Übel = die alte Heimat D wählen würde.
So, das war meine ganz persönliche Sicht der Dinge und unsere Erfahrungen in der schwedischen Gesellschaft.