Skogstroll hat geschrieben:
Besser kann man die SD kaum verharmlosen. Leute, lest eure Geschichtsbücher. Das ist alles schonmal dagewesen.
Tut mir leid, wenn der Eindruck entstand, dass ich die SD verharmlose. Das wollte ich wirklich nicht. Natürlich muss man diese Partei scharf im Auge behalten. Und ja - ich lese Geschichtsbücher, mit Vorliebe sogar. Deshalb weiss ich auch, dass die Rahmenbedingungen im 3. Reich weitaus günstiger für die Mechanismen waren, wie du sie weiter unten beschreibst, besonders für das Sündenbockprinzip. Und je größer die Misere, desto lauter der Ruf nach einem Führer, doch eine Misere gibt es in Schweden derzeit nicht, ausser einer etwas erhöhten Arbeitslosigkeit, die aber schon wieder rückgängig ist, da Schweden die Wirtschaftkrise besser gemeistert hat, als viele andere Länder. Ausserdem gab es damals noch keinen Präzedensfall, heute sind wir weitaus sensibler und aufgeklärter (trotz vieler Dumpfbacken - aber alle wissen heutzutage, was ein Nazi und ein Konzentrationslager ist).
Wenn ich dann aus der Geschichten Parallelen ziehen würde, dann folgende:
Die Nazis im 3. Reich profitierten (unter anderem) von der Unfähigkeit der Parteien der Weimarer Republik, mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise fertig zu werden. Die SD in Schweden profitieren von der exzessiven Einwanderungs-/Asylpolitik der vorangegangenen Regierungen. Gehen wir mal nach Deutschland, ca. 20 - 25 Jahre zurück. Da gab es doch dieses Thema schon mal. Die Partei hieß damals Republikaner (gibts die heute noch?).
Der Ton war damals allerdings schon deutlicher: "Deutschland den Deutschen" glaube ich mich zu erinnern. Kamen die auch in den Bundestag? Auf jeden Fall hatten die auch eine recht starke Periode, so wie die SD jetzt in Schweden.
Was ich sagen möchte: Die Kunst für die nicht-rechten Parteien ist, ihre Fehler in der Einwanderungspolitik zu korrigieren, ohne Parteien wie SD auf irgendeine Art und Weise Recht zu geben und Wasser auf deren Mühlen zu giessen. Und das ist nicht einfach. Wenn das aber erst einmal geschehen ist, dann verschwinden diese Parteien wieder in der Versenkung. Bis dahin jedoch sehe ich Parteien wie die SD als eine Art Indikator, ein Fieberthermometer so zu sagen. Da scheiden sich unsere Ansichten, Skogstroll. Ich finde sie nützlich, nach dem Motto, die Menge macht das Gift. Und wenn du die Kommentare auf den Internetseiten von vielen Zeitungen liest, dann wirst du sehen, dass viele Schweden einfach das Thema Einwanderung auf den Tisch haben möchten. Zur Debatte, zur Kritik. Sie sind höchst unzufrieden damit, dass man es nicht ansprechen darf.
Skogstroll hat geschrieben:
Die Mehrheit der Menschen kann einfach nichts akzeptieren, was anders (egal ob besser, schlechter, gleichwertig oder gar nicht vergleichbar) ist als sie selbst.
Ich halte die schwedische Gesellschaft für durchaus tolerant, aber es gibt auch etwas, das man Überfremdung nennt, und ich glaube genau da liegt im Augenblick das Problem.
Skogstroll hat geschrieben:
Woher kommt das? Nun, Menschen sind Herdentiere, und bei Herdentieren gibt es eine Rangordnung, und in der will niemand ganz unten stehen, auch nicht der dauerbesoffene, bildungsbefreite RTL-Gucker. Solche Menschen - und viele andere noch dazu, auch solche, die es besser wissen sollten - gewinnt man furchtbar einfach für sich, wenn man ihnen sagt, dass es da welche gibt, die noch unter ihnen stehen. Und das sind dann gern (sozial) schwache Randgruppen, seien es Einwanderer, Roma, Schwule, Juden, Samen oder Laestadianer. Daran kann sich dann der geistlose, aber genetisch vermeintlich korrekte Sofahocker aufrichten, da hat er jemanden, den er straflos totprügeln kann, wenn ihm danach ist.
Und so gibt es zwar kaum noch Juden in Europa, aber paradoxerweise immer noch Antisemitismus, obwohl kaum ein Judenhasser überhaupt einen Juden persönlich kennen dürfte.
Das stimmt, und es ist umso ausgeprägter, je schlechter es den Menschen geht. Danach sollte der Harz4-Empfänger besonders rechts-gefährdet sein. Im Fall Schweden jedoch, denke ich, sieht du etwas zu schwarz (was ja an für sich ganz ok sein kann

). Den Arbeitslosen und Sozialempfängern geht es hier immer noch ganz gut. Ausserdem reicht es nicht, wenn eine rechte Partei die parlamentarische Mehrheit erlangen würde, um Menschen zu Tieren zu machen. Jedenfalls nicht in Schweden. Die Leute hier haben durchaus Moral und Gewissen. Sobald die SD Sachen bringen würde, die dagegen verstossen, wären die weg vom Fenster. Die SD mußten ja in ihren eigenen Reihen aufräumen und die typischen Nazi-Proleten rauswerfen, um überhaupt dahin zu gelangen, wo sie jetzt sind. Die wissen genau, dass ganz Schweden ihnen auf die Finger schaut. Wenn ich allerdings an Jimmie Åkessons Stelle wäre, dann würde ich abermals aufräumen, und am Ende eine ganz normale, konservative (wenn auch populistische) Partei haben, die durchaus Aussicht auf Erfolg hat weil die restlichen Parteien stur auf ihren Kurs beharren. Ein interessanter Gedanke, finde ich.
Skogstroll hat geschrieben:
Demokratie zeigt sich im Umgang der Gesellschaft mit den Schwachen.
Nein, nicht nur. Für mich zeigt sich Demokratie in der Fähigkeit, andere Meinungen zu akzeptieren und Lösungen zusammen zu suchen. Die klassischen Parteien in Schweden zeigen nichts davon. Nur sie selbst sind berechtigt, das Thema Einwanderung zu beurteilen, nur sie wissen, was gut für die Bevölkerung ist, und was nicht. Jeder andere, der Einwanderung kritisiert, ist ein Rassist und Nazi. Wo ist da die Demokratie? Beispiel Deutschland: Klar ist Seehofer für seinen Ausspruch kritisiert worden, gleichzeitig hat der türkische Ministerpräsident die deutschen Türken zum deutsch lernen aufgefordert. War das nicht ein Beispiel für eine funktionierende Demokratie? Für eine Annäherung trots Diskussion mit harten Bandagen? In Schweden undenkbar!
Skogstroll hat geschrieben:
Natürlich sind die SD reine Nazis, nicht nur ein paar vereinzelte "rechte Elemente" darunter.
Der Verdacht besteht natürlich, aber gibt es dafür Beweise? In dubio pro reo ......
Skogstroll hat geschrieben:
Und genauso sagt man das (noch) nicht offen, denn noch hat man erst ein paar Prozent der Wähler, noch muss man gewisse Rücksichten nehmen. Der Kern der SD ist nunmal Populismus, und noch sind Worte wie "Nigger" tabubelegt. Aber das ist nur eine Zeitfrage.
Und das wird der Zeitpunkt sein, wo sie wieder in der Versenkung verschwinden werden.
Und es ist vollkommen richtig, Worte wie "Nigger" zu tabuisieren. Wenn man allerdings Worte wie "Negerbåll" (Süssigkeit) aus dem schwedischen Wortschatz verbannen möchte, oder gar Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf umschreiben möchte, weil das Wort "Negerkung" (Negerkönig) vorkommt, dann kann man sich fragen, ob dieser Aktivismus nicht doch zu weit geht. Siehe Multikulturell-Hype, wie ich in anderen Threads schon schrieb.
Skogstroll hat geschrieben:
Man sehe sich nur die kulturpolitischen Ziele der SD an, dort sind sie am offensten, denn dort greift der Populismus schon so weit. Kunst, Kultur - das ist was, was mit Bildung und Denken zu tun hat, und damit hat es Medelsvensson nicht so. Otto Normalverbraucher auch nicht. Also soll es in der Kultur nur noch original schwedisch und volkstümelnd zugehen.
Das stimmt! Ein guter "Tankeställare"!
/Paul