Personnummer wirklich so kompliziert?

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olavu
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Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon olavu » 29. September 2016 14:00

Hallo zusammen,

ich werde im November mit meinem schwedischen Freund nach Schweden ziehen und plane mich dort selbstständig zu machen.
Kunden (aus Deutschland) habe ich bereits sicher und grundsätzlich sieht alles gut aus. Ich werde mich offiziell in DE abmelden.
Nun lese ich aber immer wieder Horrorstories zur Personnummer, die ich mir gern direkt besorgen möchte auch um an den SFI Kursen teilnehmen zu können.
Meine Angst ist nun, nur mit einer Samordningsnummer "abgespeißt" zu werden, die für eine Selbstständigkeit durchaus ausreichend ist und mich dann um eine private Krankenversicherung bemühen zu müssen, die natürlich ins Geld geht.
Nun meine Frage an euch Schweden-Erfahrene: ist meine Angst berechtigt oder sollte am Ende doch alles gar kein Problem sein?

Danke! :smt006

vibackup
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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon vibackup » 29. September 2016 22:43

Hej Olavu!

Kompliziert ist es eigentlich nicht; es gibt EU-Regeln für das Aufenthaltsrecht, und wenn man die erfüllt, dann hat man das Recht, in einem anderen EU-Staat offiziell wohnhaft zu sein, mit allem was dazugehört, also auch dieser netten für alle Behörden gleichen Nummer, mit der man alles über dich herausfinden kann.
Und wenn man die Kriterien runterkocht auf ihre Essenz, dann gilt:
  • du brauchst eine Adresse in der Gemeinde, in der du dich wohnhaft melden willst (surprise, surprise ;-)), kannst das also erst beantragen, wenn du wirklich dort wohnst, und nur bei dem Finanzamt vor Ort (in Schweden gehört das Einwohnermeldeamt zum Finanzamt) und nicht bspw bei der Botschaft.
  • du brauchst einen Job oder musst selbständig sein, dich darüber versorgen und Einkommensteuer zahlen.
Das ist es. es geht eben darum, dass EU-Bürger, die ihren Teil beitragen wollen, sich frei bewegen dürfen sollen, man will aber keinen Sozialstaattourismus.
Man wird in der Regel nicht abgeschoben, nur weil man die Kriterien nicht erfüllt (da gehört mehr dazu), aber hat eben auch keinen Anspruch auf gewisse Leistungen des Sozialstaates. das gilt in allen EU-ländern gleichermaßen, ist kein speziell schwedisches, sondern EU-Recht.
Viele verstehen nicht, dass das Aufenthaltsrecht an Bedingungen gebunden ist und wollen es bekommen, ohne die Bedingungen zu erfüllen.
Nicht erstaunlich, die Bezeichnung und auch wie es verkauft wird sind ja auch leicht irreführend, aber im Kern geht es um den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen.
Die Vereinigten Staaten von Europa gibt es nicht und wird es, so wie es aussieht, in absehbarer Zeit wohl auch nicht geben (obwohl es ja zeitweise wirklich aussah, als ob wir auf dem Weg dahin waren).
So entspann dich, wenn du die Bedingungen erfüllst, ist das in der Regel eine Formsache.
Wenn nicht, dann kannst du das Aufenthaltsrecht in dem Sinne nicht bekommen, aber eben eine andere Form, für die du eben in D weiterhin eine KV brauchst.

//M

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon EuraGerhard » 30. September 2016 08:17

Hallo Olavu,

die Samordningsnummer gibt es eigentlich nur für Personen, die zwar mit schwedischen Behörden zu tun haben, ohne aber in Schweden zu wohnen. Typisches Beispiel sind Ferienhausbesitzer: Sie sind in Schweden grundsteuerpflichtig, wohnen aber nicht bzw. zumindest nicht permanent dort. Ein anderes Beispiel wären ausländische Seeleute, die auf unter schwedischer Flagge fahrenden Schiffen anheuern.

Es ist auch durchaus möglich, zuerst nur eine Samordnings- und später eine vollwertige Personnummer zu bekommen. Bei uns war das genau so, da wir schon 2010 ein Grundstück in Schweden gekauft haben und damit grundsteuerpflichtig wurden, aber erst 2013, nach Abschluss des Hausbaus auf diesem Grundstück, wirklich umgezogen sind.

Die Besonderheit in Deinem Fall ist aber, dass es freiberufliche Tätigkeit so wie in Deutschland in Schweden praktisch nicht gibt. Praktisch jeder Selbständige, zumindest diejenigen, die ich kenne, hat in irgend einer Form seine eigene Firma. Meistens ist das eine AB, also eine Aktiengesellschaft(!!!), und der Selbständige ist dann zugleich 100%iger Anteilsinhaber und einziger Angestellter seiner AB.

Das mit der eigenen AB hat zwei entscheidende Vorteile: Erstens können im Falle einer Pleite die Gläubiger lediglich auf das Vermögen der AB, nicht aber auf das übrige Privatvermögen zugreifen. Und zweitens genießt der Firmeninhaber, der ja eben zugleich Angestellter seiner eigenen Firma ist, sämtliche Vorteile des Angestelltendaseins, wie eben Zugang zum (staatlichen) Gesundheitssystem, zur Rentenversicherung etc. Und dazu gehört eben die Personnummer!

Leider kann ich Dir nicht sagen, wie Du es genau anstellen musst, dass Du in Schweden Deine eigene Firma registrierst. Aber sobald das geschehen ist und Du einen festen Wohnsitz in Schweden vorweisen kannst, sollte der Zuteilung einer Personnummer nichts mehr im Wege stehen.

MfG
Gerhard

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon Auswanderer » 30. September 2016 12:16

EuraGerhard hat geschrieben:Die Besonderheit in Deinem Fall ist aber, dass es freiberufliche Tätigkeit so wie in Deutschland in Schweden praktisch nicht gibt.



Es gibt doch, zumindest in Deutschland, viele Freiberufler.

Übrigens, ich habe eine richtige Personennummer, ohne in Schweden gewohnt zu haben. War nötig, um dort einmalig Geld (Aufwandsentschädigung) zu bekommen.
Alla dessa dagar som kom och gick, inte visste jag att det var livet.

---Stig Johansson

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon EuraGerhard » 30. September 2016 14:43

Auswanderer hat geschrieben:Es gibt doch, zumindest in Deutschland, viele Freiberufler.

In Deutschland schon.

MfG
Gerhard

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon olavu » 1. Oktober 2016 15:39

Hej,

Das klingt ja erstmal alles ganz positiv! Grundsätzlich habe ich dabei auch keine Hintergedanken bzw. versuche möglichst viel Geld vom Staat zu bekommen o.ä., aber ich habe einfach Angst dass die Behörden mit der Flüchtlingswelle dieses und letztes Jahr anfangen erstmal alles abzulehnen.

EuraGerhard hat geschrieben:Die Besonderheit in Deinem Fall ist aber, dass es freiberufliche Tätigkeit so wie in Deutschland in Schweden praktisch nicht gibt.


Ich habe tatsächlich vor eine Enskild Firma zu registrieren, das scheint für mich momentan am besten zu passen und auch am unkompliziertesten zu sein.
Die Reihenfolge hat mir eine Weile Kopfschmerzen bereitet, aber nach Gesprächen mit dem Skatteverket werde ich mir zuerst eine Steuernummer geben lassen (vermutlich dann mit der Samordningsnummer) und dann die Personnummer angehen.

Danke bis hierhin und über weitere Erfahrungsberichte freue ich mich!
:danke:

EuraGerhard
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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon EuraGerhard » 2. Oktober 2016 20:21

olavu hat geschrieben:... aber ich habe einfach Angst dass die Behörden mit der Flüchtlingswelle dieses und letztes Jahr anfangen erstmal alles abzulehnen.

Keine Sorge, abgelehnt wird deshalb nichts. Und überdies ist die große Flüchtlingswelle sowieso schon wieder abgeebbt.

MfG
Gerhard

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon olavu » 2. Februar 2017 12:14

Hej tillsammans,

ich wollte nur mal ein Update geben, falls irgendjemand dieselben Fragen hat wie ich und auf diesen Beitrag stößt, sowas hätte ich mir bei einigen Forenbeiträgen auch gewünscht :)
Ich bin mittlerweile seit 3 Monaten in meiner neuen Heimat angekommen und habe schon einiges mit den Behörden zu tun gehabt.
Gleich am 2. Tag nach meiner Ankunft bin ich zum Skatteverket um meine enskild firma anzumelden und eigentlich wollte ich das auch gleich mit der Personennummer verbinden.
Naja die Dame an die ich dort geraten bin ist, mit Verlaub, eine richtige Hexe. :evil: Sie hat extrem empfindlich reagiert was die Personnummer anging, sodass ich dann für mich beschlossen haben es langsam anzugehen und erstmal nur meine Firma zu gründen. Aus diesem Grund muss ich übrigens freiwilliges Mitglied in der deutschen Krankenversicherung bleiben, da ich später ansonsten keinen korrekten Nachweis über eine bestehende KV abgeben kann, private Versicherungen werden da wohl nicht anerkannt, da diese nicht das S1 Formular ausstellen können.

Sie hat mir dann aber mehr oder weniger dabei geholfen das Formular auszufüllen, sich also zumindest ein bisschen bemüht. Hat mir aber keine großen Hoffnungen gemacht dass das klappt und meinte dass ich nicht zu sehr hoffen sollte und alles auch abgelehnt werden könnte.
Danach war ich schon ziemlich geknickt, musste nun aber erstmal warten.
Einen knappen Monat später hatte ich dann einen Brief vom Skatteverket in der Post mit 8 Fragen, die die Firmengründung anging. Fragen zum Businessplan, Frage nach einer steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung aus DE aber unter anderem auch warum ich denn keine Personnummer habe :lol:
Ich habe alles beantwortet und per E-Mail (!) verschickt und seitdem habe ich Kontakt mit "meiner" superkompetenten Sachbearbeiterin beim Skatteverket die mir bei allen steuertechnischen Fragen zu meiner Firma zu Seite steht :)
Es hat dann noch ca. 4 Wochen gedauert bis ich meine Steuer und Umsatzsteuernummer am 20.12. bekommen habe, juchuuu
Nachdem die ersten Rechnungen geschrieben waren habe ich mich dann entschlossen die Mission Personnummer anzugehen. Also wieder auf zum Skatteverket, da man die am besten im Servicekontor beantragt.
Wie solls auch anders sein, die Hexe war im Dienst, konnte sich nicht mehr an mich erinnern, war aber genauso unfreundlich... Ende vom Lied ist, dass ich den Antrag für die Personnummer ausgefüllt und mit etlichen Unterlagen abgegeben habe. Mir wurde aber mal wieder keine Hoffnung gemacht und es könnte jetzt 2-20 Wochen (na danke!) dauern bis ich Antwort bekomme.
Also to be continued, ich halte euch auf dem Laufenden wie lange es diesmal geht und ob was Positives dabei herauskommt.

:smt006

unbekannt

Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon unbekannt » 5. Februar 2017 22:54

Vielen Dank für den aktuellen Bericht, der besorgniserregend ist.

Vor über 10 Jahren bin ich auch als Selbständiger eingereist. Ich bekam problemlos meine personnummer, auf die ich etwa 14 Tage warten musste. Krankenversichert war ich auch gleich automatisch. Erst mit Hilfe dieser personnummer hatte ich meine Firma Monate später angemeldet, da ich mir über die Rechtsform noch nicht im Klaren war. Dafür bekam ich eine kostenlose Beratung von der Gemeinde. Meine Kunden sind zu 100% aus dem schwedischen Ausland. Also besser kann es ja aus volkswirtschaftlicher Sicht für Schweden nicht sein.

Was heute in Schweden abläuft, kann ich kaum glauben. Wenn man bedenkt, wie Schweden heute mit EU-Einwanderern auf abschreckende Weise umgeht, die ihren Arbeitsplatz noch gleich mitbringen, der wahrscheinlich noch eine hohe Exportquote besitzt, ist dieses Verhalten aus volkswirtschaftlicher Sicht desaströs und nur mit Unwissen zu erklären.

Der schwedische (wie auch der deutsche) Wirtschaftsboom ist zum Teil durch erhöhte Binnennachfrage bedingt durch den plötzlichen Bevölkerungszuwachs keynesianistisch begründet. Also vorerst auf Pump. Die Rechnung für alle kommt also noch, da die allermeisten Migranten nur schwer oder überhaupt nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. Die Folge sind höhere Arbeitslosigkeit und weniger Lohn für die unteren Einkommensgruppen. Unter https://youtu.be/JW8_OPr9JLU ist das von Prof. Hans-Werner Sinn (ifo-Institut) bestens erklärt und mit Zahlen begründet. Auch wenn der Vortrag fast schon ein Jahr alt ist, sind die Grundgedanken zur Einwanderungspolitik nach wie vor aktuell, im Prinzip auf Schweden übertragbar und zudem durchgerechnet. Treffender kann man es eigentlich nicht mehr formulieren, wie es im Kommentar zum Video lautet:

"Aus ökonomischer Sicht gibt es für die freie Bewegung von Arbeitskräften nicht nur innerhalb eines Landes, sondern auch über die Grenzen hinweg gute Gründe. Migration ist für die beteiligten Volkswirtschaften positiv, wenn sie durch Lohn- und Produktivitätsunterschiede ausgelöst wird, doch wird sie verzerrt, wenn sie außerdem durch Nettotransfers des Staates angeregt wird, wie in Form sozialstaatlicher Leistungen, Steuern und einer frei verfügbaren Infrastruktur.

Derzeit führt auch die demographische, wirtschaftliche und politische Entwicklung in Ländern außerhalb Europas zu einer verstärkten Zuwanderung aus diesen Nachbarregionen nach Europa, insbesondere nach Deutschland. Das kann zu einem Abschreckungswettbewerb zwischen den möglichen Zielländern führen und den Sozialstaat erodieren."

Den meisten Schweden sind diese Zusammenhänge überhaupt nicht klar. Dennoch viel Erfolg, Freude und Gesundheit in Schweden!

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Re: Personnummer wirklich so kompliziert?

Beitragvon Hexenhäuschen » 6. Februar 2017 13:55

Es ist wirklich besorgniserregend - zumal ich neulich gelesen habe, daß es selbst für EU-Bürger nahezu aussichtslos ist, ohne diese Personennummer ein Konto zu eröffnen...

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