Organspende in Schweden

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Organspende in Schweden

Beitragvon Petergillarsverige » 19. Juni 2012 07:48

So ganz passt das hier nicht in das Forum, ein besseres finde ich aber nicht.
Ich war gestern auf einer Veranstaltung zum Thema Hirntod und Organspende. Das angewandte Hirntodkriterium bedeutet nicht unbedingt, dass der Mensch wirklich tot ist. Es ist nur ein Aussetzen eines Teils des Gehirns und der Mensch kann durchaus sich noch bewegen und es gibt eine Menge Fälle wo Menschen seit Jahren ihrem Beruf nachgehen, obwohl der Hirntod mal diagnostiziert wurde.

In Schweden gibt es eine Informationslösung, das heißt die Angehörigen werden darüber informiert, dass man dem Menschen (vor seinem wirklichen Tod) noch ein paar Organe entnommen hat.

Wie bringt man das in Schweden fertig einer Organentnahme zu widersprechen?
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 19. Juni 2012 09:06

Hallo,

das muss eine merkwürdige Veranstaltung gewesen sein:

Petergillarsverige hat geschrieben:Es ist nur ein Aussetzen eines Teils des Gehirns ...

Das stimmt nicht. Als Hirntod definiert man den irreversiblen Ausfall aller Gehirnfunktionen. Insbesondere müssen auch die Hirnstammfunktionen irreversibel ausgefallen sein. Ohne Hirnstammfunktion findet aber keine selbständige Atmung mehr statt, weshalb ein Hirntoter ausschließlich noch durch Maschinen am Leben erhalten werden kann.

Petergillarsverige hat geschrieben:... und es gibt eine Menge Fälle wo Menschen seit Jahren ihrem Beruf nachgehen, obwohl der Hirntod mal diagnostiziert wurde.

Auch das stimmt nicht. Vermutlich wurden hier Hirntod und sog. klinischer Tod (Kreislaufstillstand) verwechselt.

Petergillarsverige hat geschrieben:In Schweden gibt es eine Informationslösung, das heißt die Angehörigen werden darüber informiert, dass man dem Menschen (vor seinem wirklichen Tod) noch ein paar Organe entnommen hat.

Und auch das ist falsch: Organe dürfen nur entnommen werden, wenn der Betroffene vorher seine Bereitschaft dazu erklärt hat, idealerweise durch Eintrag im Donationsregistret.

Petergillarsverige hat geschrieben:Wie bringt man das in Schweden fertig einer Organentnahme zu widersprechen?

Ein Widerspruch ist somit völlig unnötig.

MfG
Gerhard

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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon Petergillarsverige » 19. Juni 2012 11:20

Das ist beruhigend, dass in Schweden die Einwilligungslösung gilt.

Aber ein Hirntoter hat ganz bestimmt nicht den Tod des ganzen Gehirns erlitten. Hirntote können tatsächlich noch Bewegungen zeigen, Männer Erektionen. Das alles ist ohne Hirnfunktionen nicht denkbar. Sie atmen nicht mehr selbständig, würden ohne künstliche Beatmung sterben.
Es ist leider so, dass Hirntote durch die Organentnahme getötet werden. Das geben inzwischen auch Mediziner zu die Organe explantieren.

Hab herzlichen Dank für den Link.
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon Robur » 19. Juni 2012 11:52

Petergillarsverige hat geschrieben:....Aber ein Hirntoter hat ganz bestimmt nicht den Tod des ganzen Gehirns erlitten....

Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer hat der Hirntod folgende Definition:
"Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Dabei wird durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten."

Was bleibt da noch übrig vom Gehirn?
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon Petergillarsverige » 19. Juni 2012 12:48

Leider lässt sich dieses irreversibel Erloschen nicht exakt nachweisen und es bleibt eine Möglichkeit, dass der als Hirntod diagnostiziere Mensch noch lebt. Das ist wohl ganz offensichtlich der Fall. Eine als hirntod diagnostizierte Frau hat die Schwangerschaft noch fortgeführt.
Da die "Leichen" Abwehrreaktionen bei der Explantation zeigen, werden in manchen Staaten die Hirntoten narkotisiert, damit sie nicht unter großen Schmerzen bei der Explantation sterben.

Das mögen andere anders sehen. Aber wenn ich irgendwo im Urlaub bin, möchte ich nicht, dass in dem Land geltende Gesetze es möglich machen mich nach Hirntodfeststellung von Medizinern ausweiden zu lassen. Deshalb kann man sich in Österreich in ein Register eintragen lassen, dass man nicht bereit ist als Organspender zu dienen.
Die wichtige Frage ist nun, wie ist das in Schweden. Der schon genannte Link registriert diejenigen die zur Organspende bereit sind. Kann ich mich darauf verlassen, dass eine Nachricht an meinem Ausweis, dass ich kein Organspender bin, in Schweden beachtet wird?
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon knut245 » 19. Juni 2012 13:40

Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass man in Schweden einem Menschen mit ungeklärter Identität Organe entnimmt. Und wenn Deine Identität als Deutscher mit Wohnsitz im Ausland geklärt ist, glaube ich erst recht nicht, dass man Dir Organe entnähme. Selbst wenn in Schweden die Handhabung anders wäre als bei uns.
Hier könnte auch etwas sinnvolles stehen, zum Beispiel ein Bier.

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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon Petergillarsverige » 19. Juni 2012 14:43

In Österreich ist das so. Wer dort ist und einen Unfall hat, oder sonstwie mit schlechter Prognose in ein Krankenhaus eingeliefert wird, ist Organspender. Es sei denn er hat sich in Wien als Nicht-Organspender eintragen lassen.

Ich werde mich mal näher einarbeiten in die Texte zu obrigem Link.
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon karlskrona » 19. Juni 2012 15:41

Petergillarsverige hat geschrieben:In Österreich ist das so. Wer dort ist und einen Unfall hat, oder sonstwie mit schlechter Prognose in ein Krankenhaus eingeliefert wird, ist Organspender. Es sei denn er hat sich in Wien als Nicht-Organspender eintragen lassen.

Ich werde mich mal näher einarbeiten in die Texte zu obrigem Link.


Das gilt meines Wissens nach nur für Österreicher und nicht für Urlauber. Eine sehr sinnvolle Regelung meiner Meinung nach... aber wie ich sehe gehen da die Ansichten auseinander.
Was ich daran besonders sinnvoll finde? Jemand wie Petergillarsverige, würde sich als erklärter Organspendegegner bestimmt in ein derartiges "Organspende-nein-danke"-register eintragen lassen. Und alle anderen stehen dann als Organspender zur Verfügung sobald sie hirntot sind und können somit etlichen anderen Menschen das Leben retten.

Schade, das das nicht überall so ist...

LG, karlskrona

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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 19. Juni 2012 16:27

Petergillarsverige hat geschrieben:Hirntote können tatsächlich noch Bewegungen zeigen, Männer Erektionen.

Das ist richtig.

Petergillarsverige hat geschrieben:Das alles ist ohne Hirnfunktionen nicht denkbar.

Das ist falsch.

Es gibt zahlreiche Muskelbewegungen, die rein durch Reflexe, ohne Beteiligung des Gehirns, ausgelöst werden können. Und eine Erektion kommt sogar völlig ohne Muskelbewegung zustande.

Petergillarsverige hat geschrieben:Sie atmen nicht mehr selbständig, würden ohne künstliche Beatmung sterben.

Das Problem bei der Sache ist: Sterben ist in aller Regel kein plötzliches Ereignis, sondern ein langsamer Prozess. Die verschiedenen Körperfunktionen enden nicht alle gleichzeitig, sondern nach und nach. So wachsen z.B. Haare und Fingernägel auch noch Stunden nach dem wie auch immer definierten Tod weiter, selbst wenn zahlreiche lebenswichtige Organe schon längst zerstört sind. Hinzu kommt, dass die moderne Medizin manche Organfunktionen durch Maschinen ersetzen kann, andere hingegen nicht.

Jede Definition eines Todeszeitpunkts ist also in gewisser Weise willkürlich. Juristen und Ärzte, aber auch Angehörige eines Verstorbenen, wollen aber eine klare Definition haben.

Frühere Festlegungen, wie z.B. das Aussetzen der Atmung oder des Herzschlages, konnten bestenfalls den sog. klinischen Tod feststellen, bei dem ein "Aufwachen" des Betroffenen durchaus noch denkbar war. Und auch immer wieder vorkam, weshalb Begriffe wie "Scheintod" aufkamen.

Beim Hirntod müssen hingegen sämtliche Hirnfunktionen ausgefallen sein, und zwar irreversibel, also nicht wieder herstellbar. Ein Hirntoter nach heutiger Definition kann also niemals wieder das Bewusstsein erlangen (Ausfall des Großhirns), er kann niemals wieder koordinierte Bewegungen ausführen (Ausfall des Kleinhirns), und er kann auch niemals wieder selbständig atmen (Ausfall des Hirnstamms). Bei einem Abschalten der "lebens"erhaltenden Maschinen würde also sofort die Atmung aussetzen und es daher innerhalb weniger Minuten zu multiplem Organversagen aufgrund Sauerstoffmangels kommen.

Ich möchte Dich nicht von Deiner persönlichen Meinung zur Organspende abbringen, auch wenn ich selbst anderer Meinung bin (ich trage stets einen gültigen Organspendeausweis bei mir). Ich möchte lediglich einigen hanebüchenen Unsinn, der Dir offensichtlich auf jener Veranstaltung erzählt wurde, richtigstellen.

MfG
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Re: Organspende in Schweden

Beitragvon Petergillarsverige » 19. Juni 2012 16:39

Was mache ich mit jenen Leuten die als hirntod diagnostiziert wurden, sogar 2 mal in gewissem Abstand und die heute quicklebendig herumrennen?
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