Nochmal Bullerbü-Syndrom

Tipps und Infos, Fragen und Antworten, Kultur - Menschen - Studium - Leben: Alles über Schweden!
Link zum Portal: http://www.schwedentor.de/land-leute
Fhre Schweden: Mit Stena Line nach Skandinavien: Sassnitz-Trelleborg

hansbaer

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon hansbaer » 25. Februar 2009 13:16

Im Zusammenhang mit der Bildungsdebatte habe ich hier etwas gepostet:
http://www.schwedentor.de/forum/erziehung-schule-in-deutschland-und-schweden,12594-230.html - gut für zusätzliche Eindrücke zum Bildungssystem.

Benutzeravatar
Haro
Aktives Mitglied
Aktives Mitglied
Beiträge: 282
Registriert: 26. April 2008 21:05
Schwedisch-Kenntnisse: Grundkenntnisse
Lebensmittelpunkt: Schweden
Kontaktdaten:

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon Haro » 25. Februar 2009 17:42

hansbaer hat geschrieben:Die Familienpolitik der letzten Jahre würde ich als ausgesprochen positiv bewerten. Was die Frau von der Leyen da auf die Beine gestellt hat, ist beachtlich - ich hätte es ihr nicht zugetraut, schon gar nicht, weil sie von der Union kommt. Die Elternzeit und der Ausbau von Kindergartenplätzen sind jedenfalls sehr zu begrüßen.

Lieber hansbaer

Ich habe drei erwachsene Töchter und mittlerweile drei Enkel die in Deutschland leben und sich jeden Tag mit der Familienpolitik rumärgern müssen. Das fängt bei nicht in voller Höhe ausgezahltem Kindererziehungsgeld an und hört bei einem fehlenden und einem viel zu teuren Kindergartenplatz auf und mittendrin ist noch ein vollkommen fehlender Betreungsplatz für ein Kleinkind. Bei den Bekannten meiner Töchter die auch Kinder im Vorschulalter haben sieht es auch nicht besser aus.
Wenn Du herkommst und diese Familienpolitik der Frau von der Leyen als positiv bewertest vermute ich mal das Du entweder ewig lange nicht in Deutschland warst oder keine Kinder in Deutschland hattest oder hast.
Ich frage mich was diese Frau so beachtliches auf die Beine gestellt hat außer das Kindergeld zu erhöhen. Seid sie Familienministerin ist sind höchsten ein paar Dächer mehr undicht geworden und ein paar Zentner mehr Putz von den Wänden der Schulen und Kindergärten gebröckelt. Eine Kindergelderhöhung kann man auch nicht unbedingt als Familienpolitik verkaufen. :(
Für mich sieht Familienpolitik so aus: Das vernünftige "Rahmenbedingungen" geschaffen werden, wo Familien vernünftig leben können, eine gewisse Planungssicherheit bekommen z.b. sichere Arbeitsplätze mit vernünftigen Löhnen und eine ausreichende Kinderbetreuung und Bildung. Dies alles ist in Deutschland nicht mehr oder nur sehr unzureichend vorhanden und deswegen kann ich das Gemurkse in Deutschland nicht als Familienpolitik bezeichnen.

Hie klein kleiner Auszug aus einem Artikel:
So ist der wahre Karrierekiller nicht das Kind, sondern die Kinderbetreuung: In Westdeutschland fanden 2006 – und seitdem hat sich wenig verbessert – gerade mal 1,3 Prozent aller Eltern von unter Dreijährigen einen städtischen Krippenplatz. Erst 2013 soll es darauf einen Rechtsanspruch geben.

Den ganzen Artikel findest Du hier:
http://www.wiwo.de/karriere/fehlende-ki ... en-296328/

Da wir ja selber in Hultsfred aufs Gymnasium gehen und dort einen SFI Kurs besuchen bekommen wir da ja einiges mit, z.b. wie ruhig, gesittet und sauber es dort zugeht.
Wenn ich dann das Schulsystem und den Zustand der Schulen in Schweden jedenfalls bei uns in der Gegend mit denen von Deutschland vergleiche kann ich die Schüler in Deutschland nur bedauern. Auch die Bekannten die wir in Schweden haben und die ihre Kinder hier zur Schule schicken bestätigen uns das öfter.

Gruß aus Småland :flagge:
Harald
Man muss dem Leben nur gelassen folgen und ihm ein Höchstmaß an Freude entnehmen.

http://www.ferienhaus-smaland.se

hansbaer

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon hansbaer » 25. Februar 2009 19:42

Haro hat geschrieben:Ich habe drei erwachsene Töchter und mittlerweile drei Enkel die in Deutschland leben und sich jeden Tag mit der Familienpolitik rumärgern müssen. Das fängt bei nicht in voller Höhe ausgezahltem Kindererziehungsgeld an und hört bei einem fehlenden und einem viel zu teuren Kindergartenplatz auf und mittendrin ist noch ein vollkommen fehlender Betreungsplatz für ein Kleinkind. Bei den Bekannten meiner Töchter die auch Kinder im Vorschulalter haben sieht es auch nicht besser aus.
Wenn Du herkommst und diese Familienpolitik der Frau von der Leyen als positiv bewertest vermute ich mal das Du entweder ewig lange nicht in Deutschland warst oder keine Kinder in Deutschland hattest oder hast.
Ich frage mich was diese Frau so beachtliches auf die Beine gestellt hat außer das Kindergeld zu erhöhen. Seid sie Familienministerin ist sind höchsten ein paar Dächer mehr undicht geworden und ein paar Zentner mehr Putz von den Wänden der Schulen und Kindergärten gebröckelt. Eine Kindergelderhöhung kann man auch nicht unbedingt als Familienpolitik verkaufen. :(


1. Du vergisst die Elternzeit - das ist eine erfreuliche Annäherung an das schwedische System. Ein wichtiger Schritt, die Kinderarmut zu reduzieren. Im Übrigen ist das deutsche Kindergeld höher als das schwedische (und jetzt noch höher).
2. Was jahrzehntelang versäumt wurde, kann man nicht in ein paar Jahren wieder zurechtbiegen. Ein Bauprojekt für ein Kindergarten, muss beschlossen, finanziert, ausgeschrieben und gebaut werden - das passiert nicht von heute auf morgen.
3. In meinem westdeutschen Kindergarten Mitte der 1980er Jahre gab es noch eine Mittagspause, in der man nach hause gehen musste, und wenn man nicht zu einer bestimmten Zeit da war, kam man nicht mehr rein. Eine Berufstätigkeit für Mütter war damals unmöglich. Mittlerweile hat sich in diesem Bereich einiges getan.
4. Die Dächer haben mit der Familienministerin nichts zu tun, sondern der Träger des Kindergartens. Das ist nie der Bund, sondern in aller Regel die Kommunen - und wenn es denen schlecht geht, sehen die Schulen und Kindergärten entsprechend aus.

Haro hat geschrieben:Für mich sieht Familienpolitik so aus: Das vernünftige "Rahmenbedingungen" geschaffen werden, wo Familien vernünftig leben können, eine gewisse Planungssicherheit bekommen z.b. sichere Arbeitsplätze mit vernünftigen Löhnen und eine ausreichende Kinderbetreuung und Bildung. Dies alles ist in Deutschland nicht mehr oder nur sehr unzureichend vorhanden und deswegen kann ich das Gemurkse in Deutschland nicht als Familienpolitik bezeichnen.


Es ist ein beliebtes Märchen, dass eine Regierung Arbeitsplätze schafft. Sie kann es gar nicht. Auch die Löhne kann sie nicht bestimmen. Für die Blockade eines (lächerlich niedrigen) Mindestlohns kann man sich bei den Herrschaften der Union bedanken. Eigentlich gebührt der Dank auch den Gewerkschaften, die es seit geraumer Zeit versäumen, anständige Tarifverträge auszuhandeln. Die christlichen Gewerkschaften bieten den Arbeitgebern geradezu maßgeschneiderte Tarifverträge. So verdient ein Friseur schonmal 5 € die Stunde - dafür kann die Regierung aber nichts, aber unhaltbar ist es trotzdem.
In Schweden gibt es übrigens auch keinen Mindestlohn, aber die Gewerkschaften machen sich so stark, dass anständige Löhne herauskommen.

Hie klein kleiner Auszug aus einem Artikel:
So ist der wahre Karrierekiller nicht das Kind, sondern die Kinderbetreuung: In Westdeutschland fanden 2006 – und seitdem hat sich wenig verbessert – gerade mal 1,3 Prozent aller Eltern von unter Dreijährigen einen städtischen Krippenplatz. Erst 2013 soll es darauf einen Rechtsanspruch geben.

Den ganzen Artikel findest Du hier:
http://www.wiwo.de/karriere/fehlende-ki ... en-296328/


Siehe oben - Krippenplätze wurden in 50 Jahren BRD fast nicht geschaffen. Da kann man nicht in ein paar Jahren eine Komplettversorgung erreichen. Seit 1998 fördert man die Schaffung neuer Kindergarten stetig, aber ein Land von 80 Millionen rüstet man nicht mal eben so mit Kindergärten aus.
In Schweden macht man das seit Jahrzehnten, und nur hierdurch ist das flächendeckend geworden - die Kindergartenplatzgarantie erreichen viele Kommunen übrigens auch nur unter erheblich Verrenkungen (oder gar nicht).

Ich finde es nicht fair, wenn man denen, die an der Kreuzung richtig abgebogen sind, mitten auf der Landstraße den Vorwurf macht, dass man noch nicht im nächsten Ort ist.

Da wir ja selber in Hultsfred aufs Gymnasium gehen und dort einen SFI Kurs besuchen bekommen wir da ja einiges mit, z.b. wie ruhig, gesittet und sauber es dort zugeht.
Wenn ich dann das Schulsystem und den Zustand der Schulen in Schweden jedenfalls bei uns in der Gegend mit denen von Deutschland vergleiche kann ich die Schüler in Deutschland nur bedauern. Auch die Bekannten die wir in Schweden haben und die ihre Kinder hier zur Schule schicken bestätigen uns das öfter.


In Schweden sind wie in Deutschland die Kommunen zuständig. Ich hab da nicht so den Überblick, aber ich bin sicher, im Land gibt es allerlei Kommunen, die Reparaturen an kommunalen Gebäuden vor sich her schieben.

Benutzeravatar
Haro
Aktives Mitglied
Aktives Mitglied
Beiträge: 282
Registriert: 26. April 2008 21:05
Schwedisch-Kenntnisse: Grundkenntnisse
Lebensmittelpunkt: Schweden
Kontaktdaten:

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon Haro » 25. Februar 2009 22:59

Hallo hansbaer
hansbaer hat geschrieben:1. Du vergisst die Elternzeit - das ist eine erfreuliche Annäherung an das schwedische System. Ein wichtiger Schritt, die Kinderarmut zu reduzieren. Im Übrigen ist das deutsche Kindergeld höher als das schwedische (und jetzt noch höher).
Zu dem Thema Elternteilzeit kann ich Dir auch was sagen, mein Schwiegersohn wollte das machen und da hat er vom Arbeitgeber zu hören bekommen das die Frau an den Herd gehört. Der Arbeitgeber ist zwar vom Gesetz her dazu verpflichtet ihn dafür freizustellen aber, wenn man ungeliebte Mitarbeiter los werden will findet sich immer ein Grund. :? Und außerdem können die wenigsten Familien mit dem finanziellen Verlust zurecht kommen der dadurch ensteht, wenn der Hauptverdiener Elternteilzeit macht und dann auch nur Elternteilzeit bezahlt bekommt. (Da können nämlich schnell einige Hundert Euro in Monat fehlen.) Und das ist kein Einzelfall.
Und dann möchte ich die sehen die wegen dem Kindergeld eine Familie gründen und sich Kinder zulegen, meine Eltern haben damals für mich garnichts und für meine Schwester die letzten zwei Monate 50 DM bekommen. Wir sind auch nicht verhungert und bestimmt glücklicher groß geworden wie die Kinder heute weil damals die von mir angsprochenen "Rahmenbedinungen" vorhanden waren. Vor allen Dingen frage ich mich wieso bei dem "gewaltigen" Kindergeld was Du ansprichst die Kinderarmut seit ein paar Jahren in Deutschland drastisch ansteigt, bei dem Kindergeld müßte es denen doch bombig gehen. :(
hansbaer hat geschrieben:Es ist ein beliebtes Märchen, dass eine Regierung Arbeitsplätze schafft. Sie kann es gar nicht. Auch die Löhne kann sie nicht bestimmen.
Das die Regierungen Arbeitsplätze schaffen und die Löhne bestimmen kann davon hab ich garnichts geschreiben, (lesen!) die können nur die Rahmenbedinungen dafür schaffen und das machen sie nicht. Wer zockt den die Bruttolöhne die ja meistens ausreichend sind mit Sozialabgaben und Steuern ab? (DER STAAT) Eine Familie kann doch heute nicht mehr so wie früher über Jahre Planen weil sie nicht wissen was als nächstes für Steuererhöhungen oder Abgaben und Erhöhungen noch kommen. (AUCH KOMMUNALE, Müllabfuhr etc.)
hansbaer hat geschrieben:In Schweden sind wie in Deutschland die Kommunen zuständig. Ich hab da nicht so den Überblick, aber ich bin sicher, im Land gibt es allerlei Kommunen, die Reparaturen an kommunalen Gebäuden vor sich her schieben.
Ich bin auch kein Politiker und kenne mich da auch nicht so aus aber deswegen halte ich Kommunen trotzdem nicht für Privatleute oder sonst was sondern zähle die immer noch zum Staat, ist nämlich die selbe Kuh nur mit einem anderen Namen und anderer Farbe. Ergo ist der "Staat" für die Zustände in den Schulen und Kindergärten zuständig, wenn er nicht in der Lage ist seine Kommunen mit ausreichenden Mitteln zu versorgen.

Gruß aus Småland :flagge:
Harald
Man muss dem Leben nur gelassen folgen und ihm ein Höchstmaß an Freude entnehmen.

http://www.ferienhaus-smaland.se

hansbaer

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon hansbaer » 25. Februar 2009 23:38

Erst einmal vorweg: ich meinte eigentlich nicht Kinderarmut, sondern Kindermangel. Dass das Wort eigentlich was ganz anderes bedeutet, ist mir erst später aufgefallen.

Haro hat geschrieben:Zu dem Thema Elternteilzeit kann ich Dir auch was sagen, mein Schwiegersohn wollte das machen und da hat er vom Arbeitgeber zu hören bekommen das die Frau an den Herd gehört. Der Arbeitgeber ist zwar vom Gesetz her dazu verpflichtet ihn dafür freizustellen aber, wenn man ungeliebte Mitarbeiter los werden will findet sich immer ein Grund. :? Und außerdem können die wenigsten Familien mit dem finanziellen Verlust zurecht kommen der dadurch ensteht, wenn der Hauptverdiener Elternteilzeit macht und dann auch nur Elternteilzeit bezahlt bekommt. (Da können nämlich schnell einige Hundert Euro in Monat fehlen.) Und das ist kein Einzelfall.


Ähm - aber was ist denn dann deine Botschaft? Soll der Staat per Gesetz bessere Chefs vorschreiben? Man kann nicht per Gesetz die Einstellung der Menschen ändern.

Als Arbeitnehmer kann man da nur in die Offensive gehen: klagen, wenn er es wirklich macht, oder - viel effektiver - es an die Presse geben. Man kann es dem Staat ja nicht zum Vorwurf machen, dass man sich nicht traut, die Rechte in Anspruch zu nehmen, die er einem gibt.

Auch die Elternzeit kann man im Vergleich zu Schweden sehen: hier erhält man föräldrapenning, was auf Krankengeldniveau ausgezahlt wird - und das sind auch nur 80% des Lohns. Etwas mehr als in Deutschland, aber auch nicht sonderlich großzügig.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist das Elterngeld in jedem Fall.

Und dann möchte ich die sehen die wegen dem Kindergeld eine Familie gründen und sich Kinder zulegen, meine Eltern haben damals für mich garnichts und für meine Schwester die letzten zwei Monate 50 DM bekommen. Wir sind auch nicht verhungert und bestimmt glücklicher groß geworden wie die Kinder heute weil damals die von mir angsprochenen "Rahmenbedinungen" vorhanden waren. Vor allen Dingen frage ich mich wieso bei dem "gewaltigen" Kindergeld was Du ansprichst die Kinderarmut seit ein paar Jahren in Deutschland drastisch ansteigt, bei dem Kindergeld müßte es denen doch bombig gehen. :(


Wie gesagt: Kinderarmut hatte ich eigentlich gar nicht gemeint. Ich wollte nur herausstreichen, dass man in Schweden sogar weniger Kindergeld kriegt als in Deutschland.

Das die Regierungen Arbeitsplätze schaffen und die Löhne bestimmen kann davon hab ich garnichts geschreiben, (lesen!) die können nur die Rahmenbedinungen dafür schaffen und das machen sie nicht. Wer zockt den die Bruttolöhne die ja meistens ausreichend sind mit Sozialabgaben und Steuern ab? (DER STAAT) Eine Familie kann doch heute nicht mehr so wie früher über Jahre Planen weil sie nicht wissen was als nächstes für Steuererhöhungen oder Abgaben und Erhöhungen noch kommen. (AUCH KOMMUNALE, Müllabfuhr etc.)


Ja, wie soll er denn die Rahmenbedingungen schaffen?

Dass heute eine Familie weniger Spielraum hat, liegt vielmehr an gesunkenen Reallöhnen als an höheren Steuern.

Die letzte Lohnsteueränderung (nicht Erhöhung, Änderung) in Deutschland ist zehn Jahre (!) her. Das ist also definitiv nichts, was in den letzten Jahren gestiegen ist. Zudem ist man in Deutschland viel netter zu Ehepaaren und Eltern, was das angeht. Meines Wissens zahlt man in Schweden immer die volle Steuer, vollkommen egal, ob man Kinder hat oder nicht.
Die Krankenkassenbeiträge waren, soweit ich weiß, in den letzten Jahren dank Praxisgebühr ziemlich niedrig. Wie es mit der Rente aussieht, weiß ich allerdings nicht.

Und was kann bitteschön der Bund dafür, wenn die Müllgebühren angehoben werden? Wenn man wissen will, wieso die Gebühren gestiegen sind, kann man ja mit dem Fahrrad mal bei einem Stadtrat vorbeifahren. Der erklärt das einem.

Ich bin auch kein Politiker und kenne mich da auch nicht so aus aber deswegen halte ich Kommunen trotzdem nicht für Privatleute oder sonst was sondern zähle die immer noch zum Staat, ist nämlich die selbe Kuh nur mit einem anderen Namen und anderer Farbe. Ergo ist der "Staat" für die Zustände in den Schulen und Kindergärten zuständig, wenn er nicht in der Lage ist seine Kommunen mit ausreichenden Mitteln zu versorgen.


Du hast eine interessante Vorstellung von Regierung. Künftig beschweren wir uns also bei der Bundeskanzlerin über einen schlechten Bebauungsplan, beim Landwirtschaftsminister über die Müllgebühren, beim Entwicklungshilfeminister über die Festsetzung der Gewerbesteuer und beim Bürgermeister über Hartz IV.

Und dass die Straßenlampen kaputt sind, ist natürlich ganz klar die Schuld des Kultusministers.

Die Bundeskanzlerin könnte über die Höhe der Müllgebühren in der Uckermark soviel meckern, wie sie will - es liegt gar nicht in ihrer Gewalt, etwas daran zu ändern. Genausowenig hat der Bund etwas zu melden beim Schulwesen, den Universitäten, der Polizei und der Justiz.

Nach Art. 28, Abs. 2 des Grundgesetzes ist der Bund nicht verantwortlich für die finanzielle Ausstattung der Kommunen. Die Kommunen finanzieren sich in erster Linie über die Gewerbesteuer und Gebühren. Man könnte es ja so wie in Schweden machen und die Kommunen einen Aufschlag auf die Einkommenssteuer erheben lassen.

Nur dann würden die Steuern ja steigen, und das Geschrei wäre mal wieder groß.

Benutzeravatar
Aelve
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1454
Registriert: 14. Januar 2008 11:20
Schwedisch-Kenntnisse: praktisch keine
Lebensmittelpunkt: Deutschland
Kontaktdaten:

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon Aelve » 26. Februar 2009 08:12

Hallo Hansbaer,

ich finde es ganz erstaunlich von Dir, wie Du, nachdem Du einräumen mußtest, dass es in Deutschland doch nicht so golden ist, wie aus Deiner sicheren Entfernung eingeschätzt hast, jetzt alles versuchst, diese Widrigkeiten als normal hinzustellen. Studierst Du Politikwissenschaft? Ich traue Dir zu, dass Du als Politiker in Deutschland gute Chancen hast, denn die rhetorischen Voraussetzungen bringst Du alle mal mit.

Erst streitest Du alle hier von in Deutschland lebenden Bürgern aufgezählten und vorgebrachten Mängel ab, wenn es dann aber bewiesen ist, dann ist der Bürger für das Dilemma in Deutschland selber schuld. Glaubst Du, dass irgend etwas von den aufgezählten Mängeln, die hier angekreidet werden, in naher Zukunft abgestellt werden, wenn sie nicht mal bei besserer Wirtschaftslage in Angriff genommen wurden?

Fakt ist doch, dass Schweden die Weichen für eine kinder- und familienfreundliche Politik schon vor Jahren richtig gestellt hat und Deutschland hat es nur halbherzig getan. Nicht umsonst haben die Verfassungsgerichte Deutschlands es mehrfach angekreidet, dass Familien zuwenig gefördert werden und dass politisch eine Änderung herbei geführt werden muß. Tatsache ist, dass die Mittelverwendung in Deutschland schief läuft, da wurden gerade in den letzten Jahren Aktiengesellschaften hofiert, der Mittelstand aber sträflich vernachlässigt. Ein Schelm, wer sich böses dabei denkt und evtl. daran glaubt,
dass sich Politiker mit Pöstchen in bestimmten Ämtern versorgt haben und nur deshalb bestimmte Steuererleichterungen beschließen.

Grüße Aelve
Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.
( Goethe)
http://www.traumhausschweden.de

Benutzeravatar
janaquinn
Alter Schwede
Alter Schwede
Beiträge: 2203
Registriert: 5. Oktober 2006 09:29
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon janaquinn » 26. Februar 2009 08:49

Hej Christa,
ich habe eigentlich nirgends gelesen, dass Fabian Deutschland als besonders golden dargestellt hat, er sieht die Probleme genauso reel, wie er auch die Probleme in Schweden reel sieht und sie auch anspricht.
Und auch wenn ich sicherlich kein Fan von Frau von der Leyen bin, aber auch sie kann nicht innerhalb von wenigen Jahren die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte ungeschehen machen. Die Frau versucht einfach einen guten Job zu machen und die Fehler der Vergangenheit zu beseitigen, aber das dauert nunma seine Zeit und ist nicht mit einem Fingerschnips zu erledigen.

Ich habe für meinen Sohn auch keinen Krippenplatz bekommen, musste ihn durch die Omi betreuen lassen, damit ich arbeiten gehen konnte und habe auch schon mal meinen Job verloren, weil die Omi einen Unfall hatte und Yannic nicht mehr versorgen konnte.
Den Kindergartenplatz habe ich nur deshalb schnell bekommen, weil die Leiterin bereit war auf den 3. Geburtstag zu warten und ihm den Platz freizuhalten, sonst wäre er auch nicht soo schnell in den Kindergarten gekommen.

Und wiedermal hast du einen Satz geschrieben, der auch auf dich und deinen Blick auf Schweden bzw. auf uns die in Schweden leben angewandt werden kann. Auch du streitest die Mängel Schwedens kategorisch ab, obwohl hinreichend und von vielen Seiten ausreichend beschrieben und bestätigt.
WIrd da nicht mit zweierlei Mass gemessen??
Man kann nicht ein Land auf einen Thron heben, welches man eigentlich nur aus dem Urlaub und vom Hörensagen kennt, aber gleichzeitig den Leuten, die jahrelang in Deutschland gelebt haben, das System genauso gut kennen, jegliche Art von positiven Denken streitig machen.

Es liegt sicherlich einiges im Argen in Deutschland, das streitet auch niemand ab, aber es gibt genauso viele positive Seiten in diesem Land. Zumal man auch nicht vergessen sollte, dass Schweden gerademal 10% der Einwohner Deutschlands hat, wovon ein grosser Teil auf den Süden und die Mitte bis ca. Dalarna konzentriert ist, Deutschland ist flächendeckend bewohnt, da bleibt nicht viel Platz übrig.
Damit möchte ich nicht alles gutheissen, was in Deutschland geschieht, aber man sollte der Politik auch eine Chance geben, den richtigen Weg zu finden.

LG JANA
Gestern ist Vergangenheit. Der Morgen ist ein Geheimnis. Heute ist ein Geschenk

nysn

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon nysn » 26. Februar 2009 08:53

Das mit der "besseren" Familienpolitik ist wohl einer der wenigen Punkte, mit dem sich Schweden positiv abhebt.
Sicher ist es hier gut geregelt mit Elternzeit und Kinderbetreuung im Hort/Kindergarten (Dagis). Doch das ist nur ein Aspekt - und deshalb kann man ja nicht das ganze Land in schillendsten Farben immer über den grünen Klee loben.

Was Leute mit dem "Bullerbü-Sydrom" auch auszeichnet ist, dass Schweden immer als homogenes Land gesehen wird - also in ganz Schweden, überall soll es gleich gut sein.

Das stimmt so nicht!

Auf dem Land, wo es günstige Häuser gibt, gibt es oft nur ein geringes Angebot an Arbeitsplätzen. In den Städten, wo es die meisten Arbeitssstellen gibt, ist das Wohnen oft "horribel" teuer und viele Kommunen haben auch lange Warteschlangen auf Dagis-Plätze (dieses Thema ist nach den Sommerferien immer ein Dauerbrenner in den schwedischen Medien - wenn man also Schwedisch gelernt hat und die Zeitung lesen kann, kann man das auch mitverfolgen).

Ebenfalls sollte man erwähnen, dass Schweden trotz höchstem Anteil erwerbstätiger Frauen in Europa es auch nicht geschafft hat, diese aus den sog. "Frauenberufen" herauszubringen. Die meisten Frauen sind seit 40 Jahren immer in den gleichen Berufsgruppen vertreten - vorwiegend Erziehung, Pflege, Dienstleistung - klassische Niedriglohnsektoren. Werden wie momentan viele Leute gekündigt, trifft es auch die Frauen wieder am härtesten. Es ist nur eine Frage der Zeit, ab wann wieder die Hälfte des Personals in Dagis/Krankenhäuseren/Kommunen "vikarierende Frauen" sind - mit zeitbefristeten Anstellungen, teilzeitkrankgeschrieben usw.

S-nina

hansbaer

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon hansbaer » 26. Februar 2009 08:58

Normal gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben.

Aelve, das Problem, was wir hier immer haben, ist ein Denken in Schwarz-Weiß-Mustern. In Deutschland alles scheiße, in Schweden alles toll. So funktioniert diese Welt aber nun einmal nicht.
Deutschland hat Makel, und wenn du meine Beiträge durchliest, habe ich davon auch einige genannt. Ich kann die Liste auch gerne verlängern: ein überkommenes Steuersystem, zu langsame Verkehrsplanung, zögerliche Reformierung der Kfz-Steuer, ein zum Untergang verurteiltes Rentensystem, ...
Es gibt auch einen bedrückenden Mangel an mutigen neuen Konzepten und charismatischem Führungspersonal.

Das hat aber wenig damit zu tun, was Haro und du hier präsentieren. In eurer Darstellung erscheint Deutschland vollkommen hoffnungslos. Ja, es ist ein Land, in dem die Kinder auf der Straße betteln und das Volk in einem unglaublichen Elend lebt. Ein funktionierender Staat existiert nicht mehr, Warlords regieren. UNHCR und das internationale Rote Kreuz sind überfordert, weil eine Hungersnot droht und in den ganzen Flüchtlingslagern Chaos herrscht.

Ihr sprecht einem Land mit funktionierenden Institutionen ab, Verbesserungen zu bewirken. Es ist alles schlecht, und es kann eigentlich nur alles noch viel schlechter werden. Und weil das so ist, sieht man auch die Fortschritte nicht. Dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts von einem Ökozwerg zur führenden Windkraftnation gemacht hat, darüber sprechen die Leute nicht. Man ist so zerfressen vom Pessimismus, dass man sich so etwas nicht einmal mehr eingestehen will.
Wenn man dies tut, versperrt man den Weg für Reformen. Man öffnet Tür und Tor für Demagogen von links wie rechts, die groß im Meckern sind und klein in der Tat. Dann wählen die Leute Parteien, deren Personal sie nachts nicht auf der Straße begegnen wollten.

Politik ist die Kunst des Möglichen. Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Es ist auch naiv zu glauben, eine Reform könne nur gute Seiten haben. So hat auch das Elterngeld seine Nachteile, das EEG hat es auch - aber man muss Vorteile gegen Nachteile abwägen, und da sind beide Maßnahmen eine Verbesserung.

Das ist in Schweden übrigens nicht anders.

Benutzeravatar
Aelve
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1454
Registriert: 14. Januar 2008 11:20
Schwedisch-Kenntnisse: praktisch keine
Lebensmittelpunkt: Deutschland
Kontaktdaten:

Re: Nochmal Bullerbü-Syndrom

Beitragvon Aelve » 26. Februar 2009 09:06

Hallo Jana, S-Nina und Hansbaer,

ich habe nie behauptet, dass in Schweden der Garten Eden ist. In allen meinen postings, wo es um diese Fragen ging, habe ich sogar gesagt, dass es kein Land ohne negativen Seiten gibt. Jeder muß aber für sich entscheiden, welche Vorteile ihm wichtig sind, wo er leben möchte, was er akzeptieren kann und was ihm total gegen den Strich geht. Das wurde hier doch schon mehrfach erwähnt, dass nicht jeder Vorteil eines Landes für jeden zutrifft, für den einen ist es gut für den anderen schlecht. Das ist normal und nicht wegzudiskutieren.
Habe ich aber Familie und suche ich Ruhe und eine schöne Natur, will ich soziale Gerechtigkeit, auch wenn das für einen Gutverdiener hohe Steuern bedeutet, dann bin ich in Schweden gut aufgehoben. Will ich Karriere, will ich Trubel haben und habe keine Familie, dann ist Deutschland gegebenenfalls besser für mich.
Es kommt auf jeden einzelnen Fall an. Und die gesetzte Priorität kann wechseln, je nachdem in welcher Lage ich mich befinde, welche Dinge mir gerade wichtig sind. Ich bin aber der Meinung, dass ich so realistisch sein muß, wenn ich ausgewandert bin, dass ich dann natürlich auch Nachteile in Kauf nehmen muß. Entscheidend ist doch letztendlich, dass ich die Vorteile eines Landes mit den daraus entstehenden Nachteilen aufwiegen muß und dann für mich entscheiden muß, was für mich schwerer wiegt und was für mich leichter zu ertragen ist.
Wir sollten vielleicht mal dazu übergehen, einzusehen, dass uns niemand ein sorgenloses Leben versprochen hat und auch einsehen, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat, mal schwerer mal leichter.

Grüße Aelve
Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.
( Goethe)
http://www.traumhausschweden.de


  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Schweden“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 11 Gäste