Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

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Unfassbar

Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Unfassbar » 29. Januar 2010 16:21

Hallo,

nicht, daß man in Schweden nicht täglich von Krankenhäusern und Vårdcentralen liest, die sich z.T. eklatanter Versäumnisse an Patienten schuldig machen. Oder daß nicht immer mehr Todesfälle von fehlbehandelten und daraufhin gestorbenen Kindern in Krankenhäusern (Astrid-Lindgren-Krankenhaus, Stockholm) in den Medien berichtet würden.

Daß aber gleichzeitig neun (9!) Ärzte, darunter auch Oberärzte, im gleichen Krankenhaus (Mälarsjukhuset Eskilstuna) nicht in der Lage waren, bei einem 2-jährigen eine akute Blinddarmentzündung (kurz vor dem Durchbruch) zweifelsfrei zu diagnostizieren und entsprechend schnell zu handeln (ihre Untätigkeit resultierte im Tode des Kindes: der Blinddarm platzte, das Kind starb an Blutvergiftung), das übertrifft sogar alles bisher da gewesene.

Statt dessen gab man dem Kind einen Einlauf, wartete in aller Gemütsruhe auf die Ergebnisse seiner Blutuntersuchung (die Blutabnahme selbst wurde ja durch das widerspenstige Kind sooo verzögert) und röntge auch mal angelegentlich des Kindes Lungen. Daß man bei der Gelegenheit auch mal schnell den Ultraschall-Apparat (in der gleichen Abteilung) anschmeißen könnte, um sich den Blinddarm anzusehen, darauf kam keiner... in Schweden muß ja immer alles der Reihe nach gehen, also erst mal das Ergebnis der Blutuntersuchung abwarten...

Zu spät.

Nachzulesen hier:
http://www.svd.se/nyheter/inrikes/sjukh ... 168921.svd

Scheint empfehlenswert zu sein, Medizin zu studieren, bevor man (mit Kindern) hierher kommt...Damit man sich und seinen Lieben im Notfall selbst helfen kann.

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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon HeikeBlekinge » 29. Januar 2010 17:05

in Schweden muß ja immer alles der Reihe nach gehen, also erst mal das Ergebnis der Blutuntersuchung abwarten...


Und das Ergebnis einer Blutuntersuchung ist gerade beim Blinddarm mehr als fraglich zu betrachten! (Können schwedische Ärzte eigentlich kein Ultraschallgerät richtig bedienen??)
Erst letzte Woche hat hier eine Frau den zuständigen Gyn verklagt, oder halt das System. Ich dachte ich lese nicht richtig als es in der Zeitung stand! Sie hatte genau dieselbe Geschichte und Odyssee hinter sich wie ich selbst.
Not-Op nach Fehldiagnosen, angeblich unerklärliche Schmerzen, erneute Fehldiagnose trotz deutlicher Anamese die nur auf erneute Zyste schliessen lassen konnte - ok: Ihr hatte man zudem klar machen wollen sie sei schwanger trotz ihres Alters und Partnerlosigkeit. Im Endeffekt ja mittlerweise fast egal, denn jetzt hat sie nur noch einen Eierstock da durch die Fehldiagnose das Ding halt durchwuchert wurde und nicht mehr zu retten war.
Man hat echt ein "gutes Gefuehl" wenn man an das hiesige Gesundheitssystem denkt! Aber jetzt kommen sicher wieder welche, die das alles als menschlich und fehlbar bezeichnen, und das es ueberall vorkäme!
Ja, klasse! Verteidigt es nur! Durch so ein Verteidigungsgehabe kann man mit Sicherheit auf die dringende Besserung des schwedischen Gesundheitssystems hoffen!

Grausam genug, das es in den heutigen Zeiten in einem westlichen und hochstandarisiertem Land mit hoher Bildung noch einen Todesfall aufgrund Blinddarmentzuendung geben muss! Ich wuensch keinem der Verantwortlichen - oder denen die erst gar keine Verantwortung uebernehmen wollen! - etwas Schlechtes. Nur ab und dann vielleicht ein wenig heftigere Unterleibschmerzen!
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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Älven » 29. Januar 2010 17:23

Hejsan,
und ich werde nichts gegenteiliges im raum schmeissen :-)
nur soviel, sollte ich eure dargestellten gesundheitserfahrungen auch nur ein einziges mal an meinen sehr kranken mann oder mir festellen, würden mich in schweden keine 10 pferde mehr halten.

liebe grüsse
älven
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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon hottehue » 29. Januar 2010 17:28

Na da freu ich mich aber mit meiner Tochter dahin zuziehen :? Da muss man sich immer Sorgen machen, die muss wohl doch wieder ihre Notfallkette anziehen, aber ob die dann jemand von den Ärzten überhaupt entdeckt? :smt064

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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Infosammler » 29. Januar 2010 19:57

Hej hej,
kurzer Bericht über zwei Blindarmentzündungen in Deutschland.
Der Sohn eines Bekannten hatte eine Blindarmentzündung. Die Ärzte haben sehr lange gewartet, Blutwerte waren nicht in Ordnung. Zum Schluß eine Not-OP. Dem Jungen ging es nach der OP immer schlechter, 2 weiteren OP folgten, es stand lange sehr kritisch um das Kind.

Meine Tochter ca 3 Wochen später, starke Bauchschmerzen. Das Blutbild war in Ordnung. Das Ultraschall war nicht ganz eindeutig. Also haben sie eine endoskopie gemacht. Und siehe da, es war der Blindarm und sie war nach 5 Tagen wieder zuhause.

Es waren verschiedene Krankenhäuser, jedes war 9 km weit weg. Wir wohnen in der Mitte. Und wir leben in Deutschland. Bei Krankheit ist es egal wo man ist, man muss nur Glück zur richtigen Zeit den richtigen Arzt zu finden. Egal ob es im Norden, Süden, Osten, Westen oder auf der Rückseite des Erdball ist.

Gruß Claudia
Var inte för optimistisk, ljuset i slutet av tunnel kan vara ett tåg. Franz Kaffka

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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Unfassbar » 29. Januar 2010 20:03

Hej,

ich finde, gerade wenn man mit Kindern herzieht, ist Information alles. Das sind übrigens keine Schauergeschichten, sondern mittlerweile fast tägliche Nachrichten in den beiden großen und angesehenen Tageszeitungen des Landes, Svenska Dagbladet und Dagens Nyheter. Was glaubst Du, wie es uns allen geht, die schon mit Kindern hier sind - und von all dem vorher gar nichts wußten? Ich kann Dir versichern, daß das Nicht-Wissen nicht die bessere Option ist... Übrig bleibt nur zu hoffen, daß bloß kein Ernstfall eintritt, weder bei Groß noch Klein.

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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon HeikeBlekinge » 29. Januar 2010 20:29

Übrig bleibt nur zu hoffen, daß bloß kein Ernstfall eintritt, weder bei Groß noch Klein.


Stimmt! Genau das wuensche ich jedem von Herzen!
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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Fanny » 29. Januar 2010 20:38

Ich lebe nicht in Schweden!

Unser Freund wurde am 7.Dezember ins Krankenhaus gebracht. Er hatte Krebs.
Es ging ihm sehr schlecht. Daran hat sich auch nicht viel geändert bis zum 13.Januar 2010.
Trotzdem wurde er entlassen, obwohl er alleine gelebt hat.
Er war eine Woche zuhause, dann brachte man ihn in ein Pflegeheim.
Am 21.Januar ist er gestorben.

Ich kann nicht begreifen, warum man einen so kranken Menschen nach Hause schickt, wenn bekannt ist, dass er ganz allein ist und sich selbst nicht versorgen kann.
Auch stand zu dem Zeitpunkt fest, dass er nicht mehr lange leben würde. Ich bin zutiefst erschüttert.
Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. (Albert Schweizer)

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Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Hanjo » 29. Januar 2010 21:04

Unfassbar hat geschrieben:Hej,
ich finde, gerade wenn man mit Kindern herzieht, ist Information alles.
Das stimmt in jedem Fall - auch die negativen.
Unfassbar hat geschrieben:Das sind übrigens keine Schauergeschichten, sondern mittlerweile fast tägliche Nachrichten in den beiden großen und angesehenen Tageszeitungen des Landes, Svenska Dagbladet und Dagens Nyheter.
Ist klar, eine gute Nachricht ist keine Meldung wert, nur eine schlechte - und ob diese beiden m.E. bildzeitungsähnlichen Tidningar als Maßstab gelten sollen - na, da hab ich meine Zweifel, für mich eher nicht.
Unfassbar hat geschrieben:Was glaubst Du, wie es uns allen geht, die schon mit Kindern hier sind - und von all dem vorher gar nichts wußten?
Also doch nicht vorher umfassend schlau gemacht? Solche Hinweise wie von Dir habe ich schon 2001 in den damaligen Schwedenforen gelesen
Unfassbar hat geschrieben:Ich kann Dir versichern, daß das Nicht-Wissen nicht die bessere Option ist... Übrig bleibt nur zu hoffen, daß bloß kein Ernstfall eintritt, weder bei Groß noch Klein.
In jedem Fall, geht wohl jedem so, aber auch in Deutschland und anderswo und ist in keinem Fall zu verschweigen.

Bei allem Unverständnis für solche schlimmen Vorkommnisse: Es sind auch in Schweden keine Regelfälle, sondern Ausnahmen - natürlich für die Betroffenen schlimm genug und in keinem Fall unter den Tisch zu kehren, sondern aufzudecken, das allerdings seriös und gerichtlich verwertbar.

Auch in anderen Ländern werden Fehler - große sogar - gemacht im ärztlichen Bereich - von Deutschland weiß man, dass sie so weit es geht verschwiegen werden und sich Ärzte gegenseitig grundsätzlich gute Arbeit bescheinigen. Gutachter aus dem ärztlichen Bereich werden angehalten, im Sinne ihres Berufsstandes zu schreiben. Versicherungen der Ärzteschaft decken in der Regel alles, andernfalls müssten sie ja bezahlen - und den beteiligten Ärzten kostet es in der Regel die Zulassung, wenn ihnen ein Fehler nachgewiesen wird, also ist es in deren Interesse, den Nachweis zu verhindern.

In allen nachgewiesenen fehlerhaften Fällen wird den beteiligten Ärzten der Prozess gemacht, in D wie auch in S.

In keinem Fall aber ist Panikmache und Hysterie angesagt
meint
Hanjo
Wer seine Träume erfüllen will, muss erst einmal aufwachen

Tommy3

Re: Neun Ärzte und ein geplatzter Blinddarm

Beitragvon Tommy3 » 29. Januar 2010 22:36

Hej,

es geht hier nicht darum, deutsche und schwedische Verhältnisse zu vergleichen. Es geht darum, schwedische Verhältnisse zu verdeutlichen, für die Zeitgenossen, die nach Schweden ziehen wollen.
Ich überlege, mir einen eigenen Defibrillator zu kaufen. Der kann eine bei Herzklabastern das Leben retten, kostet 25000 SEK. Ruft man den Krankenwagen an, dauert es eine halbe Stunde, bis der kommt, auch in relativ gut bewohnten Gegenden. Dann ist man tot.
Viel Spass!


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