Neigung zu Sexualverbrechen erblich

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svenska-nyheter
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Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon svenska-nyheter » 9. April 2015 10:41

Die Neigung, Sexualverbrechen zu begehen, taucht in bestimmten Familien erhöht auf. Die Erklärung dafür, dass Angehörige einschlägig verurteilter Personen häufiger ähnliche Verbrechen begehen, ist zu großen Teilen in der Genetik zu suchen.

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(Diese Schweden-Nachricht stammt von SR International. Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Radio Schweden.)

Petergillarsverige
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Re: Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon Petergillarsverige » 9. April 2015 13:25

Die Kinder von Rauchern rauchen auch häufiger als Kinder aus nichtrauchenden Familien. Das ist sozusagen "erblich" ohne an das Erbgut gekoppelt zu sein.
Sexualverhalten wird gelernt, so oder so. In Familien wo die Frau als Sexualobjekt behandelt wird, dürfte sich dieser Lerneffekt auch auf die Kinder auswirken. Geht man respektvoll miteinander um, werden das auch die Kinder als Vorbild nehmen.

Man braucht daher die Genetik nicht zu bemühen.
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vibackup
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Re: Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon vibackup » 9. April 2015 19:00

Petergillarsverige hat geschrieben:Die Kinder von Rauchern rauchen auch häufiger als Kinder aus nichtrauchenden Familien. Das ist sozusagen "erblich" ohne an das Erbgut gekoppelt zu sein.
Sexualverhalten wird gelernt, so oder so. In Familien wo die Frau als Sexualobjekt behandelt wird, dürfte sich dieser Lerneffekt auch auf die Kinder auswirken. Geht man respektvoll miteinander um, werden das auch die Kinder als Vorbild nehmen.

Ich finde mit den sparsamen Angaben im Artikel die Studie bei PubMed nicht, und natürlich ist der vorgebrachte Einwand pauschal richtig: Lernverhalten spielt eine Rolle.
Und auch die Epigenetik ist wichtig, wie du korrekt bemerkst.

Allerdings ist Niklas Långström ein erfahrener Forscher, und in seinen übrigen Artikeln kümmert er sich in der Regel sehr genau um die sog "Confounders" (andere Faktoren, die auf das Ergebnis Einfluß haben).
Es sollte mich also wundern, wenn er ausgerechnet hier geschlampt haben sollte, bei so einem offensichtlichen Faktor, den er ja auch selber schon untersucht und als relevanten Faktor benannt hat:

Arch Sex Behav. 2015 Jan;44(1):149-56. doi: 10.1007/s10508-014-0296-0. Epub 2014 Apr 22.
Sexually coercive behavior following childhood maltreatment.
Forsman M1, Johansson A, Santtila P, Sandnabba K, Långström N.

Gerade weil der Einfluss der Erziehung so offensichtlich ist, würde mich das erstaunen.
Aber bis wir die Studie gesehen haben, ist das alles Spekulation.

Eine Sache doch: je mehr wir über das menschliche Verhalten verstehen, desto deutlicher wird es, dass fast immer mehrere Faktoren beteiligt sind, wenn man auf Gruppenniveau schaut (was quantitative Forschung ihrer Natur nach tut):
  • eine genetische Disposition, die in der Regel (von Ausnahmen abgesehen) aber keine Erbanlage für eine Erkrankung darstellt, sondern eine Neigung zu einer bestimmten Stoffwechsellage. Ein schönes Beispiel: Personen mit einer sogenannten Borderlinestörung haben gehäuft auf mindestens einem Chromosom 7 Kopien das Gens für einen Subtyp eines Rezeptors für Dopamin (DRD4), einer Substanz, die Informationen zwischen Nervenzellen in gewissen Teilen des Gehirns überträgt.
    Diese Variante ist aber keine Anlage für eine Borderlinestörung, sondern an sich ist es eher eine Erbanlage, die eine Fähigkeit zu erhöhter intellektueller Flexibilität, die Fähigkeit, eine Strategie schneller zu wechseln, allerdings auch eine Bereitschaft dazu, mit sich bringt. Wachsen diese Menschen in guten Bedingungen auf, dann haben sie guten Nutzen davon. Werden aber diese Menschen frühkindlichem Stress ausgesetzt, dann
  • kommt die epigenetische Veränderungen ins Spiel: Stress im frühen Kindesalter senkt den Ausdruck eines anderen Gens, nämlich eines Proteins, das zu einem Hormon mit dem Namen Kortison passt (ein Kortisonrezeptor) in einem spezifischen Teil des Gehirns, der als "Hippocampus" bekannt ist. Das ist leider nicht reversibel, diese "Abschaltung" bleibt lebenslang; zu ihrer Erblichkeit (ja, solche Veränderungen sind prinzipiell erblich) gibt es bisher keine Untersuchungen, was ich weiß. Was bedeutet das? Kortison ist ein Stresshormon, und wenn der Hippocampus weniger Rezeptoren dafür hat, so bedeutet das, daß dieselbe Menge Stresshormon ein viel "lauteres" Signal bedeutet, weil die folgenden Elemente der Kette hochreguliert werden. Diese Menschen haben dann deutlich größere Probleme mit Streß, vor allem mit emotionalem Streß. Dummerweise hat just der Hippocampus eine zentrale Rolle beim Lernen, und wird der mit Stresshormonen bombardiert, so schrumpft er, und das Erlernen funktioneller Strategien wird schwerer; genau das, was diese Menschen dringend brauchen. Die erhöhte Tendenz zum Wechsel von Strategien schlägt jetzt in ihr Negativ um: Impulse werden ungebremst(er) ausgeführt, man hat eine weniger lange Geduld, Situationen auszustehen.
  • Zuletzt das Erlernte: werden diese Menschen vermuteten oder wirklichen Separationssituationen ausgesetzt, so ist das das ultimative Stresssignal, denn das hat dieser Mensch ja gelernt. Außerdem behindern die vorherigen Schritte das Umlernen: eine Strategie, die von Impulsivität gekennzeichnet ist, macht eine Reflektion schwerer, und noch schwerer wird es, wenn ein zentrales Organ in diesem Prozeß gerade behindert wird. Da es andere Lernmechanismen im Gehirn gibt, die nicht gleichermaßen beeinflußt werden, müssen diese Menschen nicht weniger "intelligent" sein, wenn es um andere, weniger affektiv belegte Inhalte geht. Das gesamte Stresssystem wird maximal hochgefahren, mit einer Aktivierung eines eingebauten Notfallsystems, das wir Menschen alle haben, nämlich die sogenannten endogenen Opiate. Eigentlich sind diese Substanzen euphorisierend, betäuben den Schmerz, und helfen uns, bspw anstrengende Sportarten zu betreiben, zu rennen, ohne die Blasen an den Füßen zu spüren etc. Hier aber ist dieses System in einer Weise hochgefahren, wie es nur in extremen Situationen vorkommt, nämlich bei sehr schweren Verletzungen, wo es ums Überleben geht. Diese Menschen sind ja aber nicht so verletzt: in dieser Situation erleben viele dieser Menschen daher dann eine extrem unbehagliche Dissoziation, die sich allerdings durch starke Signale (Schmerz, Blut) durchbrechen läßt.
Du siehst: drei verschiedene Faktoren wirken hier zusammen. Keiner von denen führt alleine zu der genannten Störung, wohl aber alle drei zusammen. Ähnliche Untersuchungen hat man in Västerås zu der Geneigtheit zur Kriminalität gemacht; es gibt Gene, die dem Träger sehr nützen unter bestimmten Umständen, und sehr schaden unter anderen, und manchmal reicht es nicht mit einem, sondern es sind zwei oder drei Gene... und andere Gene, die einen Menschen ziemlich resistent gegen gute wie schlechte Einflüsse von außen machen (die sog. maskrosbarn); wenn man das sieht, dann beschleicht einen eine enorme Ehrfurcht vor der Natur (oder, wie du wahrscheinlich sagen wolltest, vor ihrem Schöpfer) wie fantastisch Dinge ineinandergreifen...

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Petergillarsverige
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Re: Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon Petergillarsverige » 10. April 2015 09:42

Diese genetische Disposition ist aber kein Erbmerkmal wie blaue Augen. Unstrittig ist wohl, dass Allergien durch solche Dispositionen nicht hervorgerufen werden, aber die Person durchaus anfälliger wird. Gerade bei Allergien sind es oft recht komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen mit Stoffen an die man überhaupt nicht denkt.
Sicher mag es Dipositionen geben die eine Person anfälliger für Sexualverbrechen macht. Es mag sein, dass gewisse Kulturen seit eh und je ein größeres sexuelles Verlangen haben, ansonsten würde das Volk aussterben. Umgekehrt wie die Zwerge bei Herr der Ringe. Nur, wir haben es gerlernt unsere Triebe zu steuern. Ich kann nicht jedes Stück Kuchen aufmampfen, welches ich irgendwo bei einem Bäcker sehe. Aber hier sehe ich eher den Schlüssel. Verhalten wird gelernt, nicht vererbt. Ein Beispiel: Es gibt den typischen Seemannsgang, man muss über das Schiff breitbeinig laufen, damit man nicht hinfällt bei schwankendem Schiff. Genauso breitbeinig bewegen sich die Seemänner an Land. Das ist gelerntes Verhalten. Wenn alle breitbeinig laufen, tun das auch die Kinder, auch wenn sie noch nie auf einem Schiff waren.
Angenommen ein neugeborenes Kind einer Seefahrerfamilie, alle laufen breitbeinig, wird von einem Bayern adoptiert und wächst in einem Alpendorf auf. Wir das Kind breitbeinig laufen? Wohl kaum. Wo sollte das Kind das breitbeinige Laufen lernen.
Gibt es einen Mechanismus, der eine Verhaltensweise derart im Gehirn manifestiert, dass es mindestens zu einer vererbbaren genetischen Disposition kommt. Ich kann es mir ehrlich nicht vorstellen.
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Re: Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon vibackup » 10. April 2015 20:02

Petergillarsverige hat geschrieben:Diese genetische Disposition ist aber kein Erbmerkmal wie blaue Augen.

Eben das war meine Aussage. Ich hoffe, das ist klargeworden?
Petergillarsverige hat geschrieben:Gibt es einen Mechanismus, der eine Verhaltensweise derart im Gehirn manifestiert, dass es mindestens zu einer vererbbaren genetischen Disposition kommt. Ich kann es mir ehrlich nicht vorstellen.

Das verstehe ich. Es ist auch schwer vorzustellen. Und ich habe es vielleicht auch nicht so einfach dargestellt, wie ich hätte sollen. meine Antwort ist:
Ja, und nein.

Dass ein Gen eine Eigenschaft kodiert, gibt es, aber ich denke, diese Zusammenhänge sind die einfachen, die lange entdeckt worden sind. So etwas wird man wohl eher nicht mehr finden. Vergiß also diese Idee. Davon redet niemand mehr, das ist Schnee von gestern.

Verhalten als solches ist in der Regel nicht erblich. Und natürlich muss eine Veränderung nicht im Gehirn, sondern in den Keimbahnzellen manifestiert werden, um vererblich zu sein. Vielleicht hilft ein Bild:
Die Genetik gibt dem Individuum einen Reaktionskorridor mit unscharfen Grenzen vor, und je weiter das Individuum in diesem Korridor nach außen geht, desto schwerer wird das. Dieser Korridor wird durch Interaktion mit der Umwelt verändert, erweitert oder verengt. Dabei geschehen Veränderungen in der Aktivität von Genen. Und diese Markierungen ("dieses Gen nicht ablesen") können erblich sein. Das ist nichts wirklich neues, das Konzept sollte dir bekannt sein: es kommt an mehreren Stellen in der Bibel vor, bspw hier: 2. Mose 20, 4
Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied, die mich hassen
Hier wird also die Sünde der Väter "vererbt" an Kinder und Kindeskinder. Das hat man also schon damals richtig beobachtet (allerdings nicht deuten können).
Hier in Schweden gab es unlängst eine Untersuchung, nach der das Risiko eines Mannes in Nordschweden, einen Herzinfarkt zu erleiden, nicht unwesentlich von der Frage beeinflußt wird, ob seine Großmutter mütterlicherseits (Mormor) eine Hungerperiode erlebt hat. Man kann Mäuse auf Kirschenblütenduft konditionieren, so daß diese darauf mit Angst reagieren. Und deren Nachkommen (die nie mit diesem Duft in Berührung kamen) zeigen bei der ersten Begegnung deutliches Angstverhalten, was andere Mäuse des gleichen Stammes nicht tun. Und klassisch sind die Agoutimäuse, an denen ja faszinierende epigenetische Veränderungen zu beobachten sind.
Dein Denkfehler ist vielleicht, daß du Verhalten in physiologisches und psychologisches Verhalten trennst? Falls dem so ist: das ist wohl ein veraltetes Modell.

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Re: Neigung zu Sexualverbrechen erblich

Beitragvon vibackup » 13. April 2015 18:02

Ich habe Antwort von SR erhalten; diese Studie ist gemeint:
N. Långström, K. M. Babchishin, S. Fazel, P. Lichtenstein, and T. Frisell, “Sexual offending runs in families: A 37-year nationwide study,” Int. J. Epidemiol., p. dyv029, Apr. 2015.
(Advance access)

Långström und Mitarbeiter haben tatsächlich drei wesentliche Faktoren gefunden, die auf das Risiko einwirken:
  • genetics (40%)
  • non-shared environment, also Faktoren, die nur einen betreffen und nicht beide (58%)
  • shared environment: hier kommen die Faktoren rein, die du, Peter, betonst (2%)
Tja...
Hier die Studie zum Nachlesen:
http://ije.oxfordjournals.org/content/e ... 2bff#sec-2

Gewisse Annahmen kann man hinterfragen:
Family environment was assumed to be shared (i.e. perfectly correlated) among full siblings and maternal half-siblings. In contrast, we assumed it to be non-shared (i.e. uncorrelated) by paternal half-brothers.
auch, da sie aus anderen, nicht notwendigerweise identischen Populationen stammen:
A previous study with a related sample of violent non-sexual offenders found that 83% of maternal half-siblings were indeed registered as living in the same home compared with only 3% of paternal half-siblings.
und/oder weil sie Dinge übersimplifizieren:
Under assumptions of minimal or no statistical interaction or correlation between genetic and environmental factors, and no direct effects of one relative’s phenotype (sexually violent offending or not) on the other’s
Dann sehe ich nicht, daß man für Psychopathie kontrolliert hat; das wäre ein erheblicher confounder.
Damit wird nicht die Frage der Erblichkeit beeinflusst, aber es gäbe eine andere Erklärung.
Ansonsten diskutieren die Verfasser die Schwächen, die sie selber sehen, wie üblich, unter dem Abschnitt "Discussion" ab "There are a number of limitations with this study."
Dennoch scheint es sich um recht robustes Handwerk zu handeln, aber wir werden sehen, ob jemand den Ball aufnimmt und eine Reproduktion in einem anderen Land probiert.

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