Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

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jörgT
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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon jörgT » 17. Oktober 2006 17:41

Hej Auswanderer, zurück zu sachlichen Informationen.
In der ersten Regierungserklärung gestern haben sich folgende Eckpunkte herauskristallisiert:
- Kürzung des Arbeitslosengeldes und gleichzeitige Erhöhung der Beiträge zur A-kassa
- Senkung der Einkommenssteuer für Einkommen zwischen 100.000 und 300.000 Skr
- geringere Entgelte im Krankheitfall
- Erhöhung der Autoversicherung
- Abschaffung von Plusjob, Ausbildungsvikariat, datortek (eine Form der PC-Ausbildung) und des (sehr populären) friår
- Schliessung von Arbetslivsinstitut, Integrationsverket, Tierschutzeinrichtung
Erklärtes Ziel ist die Senkung der Arbeitslosenzahlen und die Reduzierung der staatlichen Institutionen.
So ist die Lage. Es soll mehr Geld für die Altenbetreuung geben, im Schulwesen sind (noch?) keine Einsparungen geplant.
Beantwortet das zumindest einen Teil Deiner Fragen?
Mehr kann man sicher erst in ein paar Monaten sagen ...
Jörg

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Auswanderer » 17. Oktober 2006 19:09

jörgT hat geschrieben:Hej Auswanderer, zurück zu sachlichen Informationen.
In der ersten Regierungserklärung gestern haben sich folgende Eckpunkte herauskristallisiert:
- Kürzung des Arbeitslosengeldes und gleichzeitige Erhöhung der Beiträge zur A-kassa


Mit welcher Begründung? Ist sie vorher nicht mit ihrem Geld
ausgekommen? Wenn doch, dann paßt das nicht zusammen:
entweder Kürzung der Beiträge und des Arbeitslosengeldes, oder
Erhöhung von beidem. Oder soll die Laufzeit länger werden? Oder
will man etwas anderes quersubventionieren?

jörgT hat geschrieben:- Senkung der Einkommenssteuer für Einkommen zwischen 100.000 und 300.000 Skr


Das sind Jahresbeiträge, oder? Ich denke, es geht um eine Senkung
der kommunalen Einkommenssteuer, die nationale bleibt bei 50% oder
was auch immer auf den Betrag über kr 300.000?

jörgT hat geschrieben:- geringere Entgelte im Krankheitfall


Mit welcher Begründung? Glauben sie, dass die Leute krank spielen?
Wie sehen die Zahlen genau aus? (Gleiche Frage für alle anderen
Zahlen---also was war vorher, was war nachher?)

jörgT hat geschrieben:- Erhöhung der Autoversicherung


Braucht sie mehr Geld, oder soll etwas anderes damit finanziert
werden?

jörgT hat geschrieben:- Schliessung von Arbetslivsinstitut, Integrationsverket, Tierschutzeinrichtung


Mit welcher Begründung? Oder nur, um Geld zu "sparen"? ("Sparen"
heißt eigentlich, Geld für später aufbewahren, nicht einfach weniger
ausgeben.)

jörgT hat geschrieben:Erklärtes Ziel ist die Senkung der Arbeitslosenzahlen und die Reduzierung der staatlichen Institutionen.


Erstes Ziel ist erstrebenswert. Glauben aber ernsthafte
Wirtschaftswissenschaftler, dass diese Maßnahmen zu diesem
Ziel führen werden? Glaubt man, dass das zweite Ziel Voraussetzung
für das Erreichen des ersten ist, oder will man "aus Prinzip" die
Staatsausgaben kürzen.

jörgT hat geschrieben:So ist die Lage. Es soll mehr Geld für die Altenbetreuung geben, im Schulwesen sind (noch?) keine Einsparungen geplant.


Mich interessieren nicht nur (aber auch) Einsparungen, sondern auch,
ob strukturelle Änderungen geplant sind. Wo will man hinkommen?

jörgT hat geschrieben:Beantwortet das zumindest einen Teil Deiner Fragen?


Ja, danke. Klar, ich lese auch schwedische Zeitungen, aber da dort
ausgegangen wird, dass man den Status Quo kennt, ist nicht immer
klar, wie schwerwiegend eine geplante oder durchgeführte Änderung
ist.

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Skogstroll » 18. Oktober 2006 11:13

Hej Auswanderer,

wenn Du Begründungen für die derzeitige Politik suchst, solltes Du Dich an Herrn Reinfeldt und sein Kabinett (bzw. das, was davon noch übrig ist) wenden. Für mich sieht das ganze im Moment aus wie Hartz I-IV aus schwedisch, man unterstellt gewissermassen, dass die, die nicht arbeiten, es nur nicht wollen.
Auf welchen Gebieten liegt Schweden unter deutschem Niveau? Auf einigen. Da sind z.B. die Einkommen, und nicht nur die der Reichen. Das ganze Lohnsystem ist etwas nivellierter als in D, aber es ist generell niedriger.
Das gesamte Gesundheitssystem ist sehr gewöhnungsbedürftig und sehr von Zentralisierung geprägt. Wenn du am Samstag Zahnschmerzen bekommst, dann solltest du Schmerztabletten zu Hause haben oder hart im Nehmen sein. Der Notdienst ist vielleich 200km weit weg und hat am Sonntag eine Stunde geöffnet. Dann also bis Montag in der Folktandvård, sofern das kein Feiertag ist. Im Sommer ist das Gesundheitssystem sowieso geschlossen, es gibt nur Notversorgung in den grösseren Städten.
Auf nicht akute Behandlungen (z.B. die Operation eines Leistenbruchs) muss man evtl. monatelang warten. Eine gewisse Schmerztoleranz empfiehlt sich also.
Dem Schulsystem bescheinigt die PISA-Studie zwar noch bessere Resultate als in Deutschland, aber mit fallender Tendenz, was u.a. an einer Schule liegt, die es recht konsequent vermeidet, die Schüler nennenswert zu fordern. Zeugnisse gibt es z.B. erst ab der 7. oder 8. Klasse.
Wenn Du einen Handwerker suchst, dann wirst Du in Schweden den Begriff Servicewüste neu definieren!
Das klingt jetzt alles sehr negativ und nun muss ich mich fragen lassen, wie ich es hier aushalte. Nun, Schweden hat auch seine entschieden positiven Seiten, un dich fühle mich unterm Strich sehr wohl hier. Aber es ist ganz bestimmt nicht das Paradies (diese Vorstellung erscheint mir erstaunlich weit verbreitet). Es gibt klare Einschränkungen. Wenn man mit denen leben kann, gut. Aber es gibt genug Leute, die genau deshalb den Rückweg angetreten haben, darunter sogar hier sehr umworbene Ärzte. Man muss für sich selbst die Prioritäten setzen.

Hälsningar,
Skogstroll

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon janaquinn » 18. Oktober 2006 13:52

Hej, ich habe mir diesen Thread einige Male durchgelesen und habe sehr lange überlegt, ob ich mich dazu äußere. Da nun unsere Abreise aus Deutschland doch schneller rangerückt ist, als erwartet, da mein Mann sehr sehr schnell einen tollen Job bekommen hat, werde ich mich dazu äußern. Schweden ist für mich schon immer mein Traumland gewesen, nein eigentlich mehr als das, ich hatte seit frühester Jugend ein Gefühl von Heimat und "Zuhauseankommen", auch wenn ich es leider nie geschafft habe, meine wirkliche "Heimat" vorher kennenzulernen. Manche würden mir dies vielleicht jetzt vorwerfen, daß ich dieses Land vorher noch nie kennengelernt habe, bevor wir uns entschlossen haben, dort zu leben.

Wir haben lange überlebt, habe eine Für-und Wider-Liste gemacht, haben natürlich auch versucht Info´s über die neue Regierung zu bekommen um einen genauen Einblick zu bekommen, wie das Regierungsprogramm aussieht. Unterm Strich kam raus: Schweden ist NICHT perfekt, kein Land ist es ! Es werden in diesem Land genauso Fehler gemacht wie in Deutschland und es sind in vieler Hinsicht dringend Reformen nötig. Aber wenn man sich entschliesst in ein fremdes Land auszuwandern, dann sollte man sich im klaren sein, es ist nunmal NICHT Deutschland. Aber ich frage mich auch ernsthaft, soll ich mit den Steuergeldern die ich zahle, irgendwelchen Politikern ihre Ferienreise und Diäten finanzieren, oder Leuten ein schönes Leben zahlen, welche nicht arbeiten wollen. Oder zahle ich Steuern, die im ersten Moment zwar höher zu sein sscheinen,ich aber damit den Kindergartenplatz für meine Kinder oder die Hilfsmittel für meinen schwerstbehinderten Sohn?? Ich entscheide mich für letzteres. In Deutschland warte ich im Schnitt ein halbes Jahr auf ein Hilfsmittel, um meinem Sohn die Pflege zu gewährleisten, die er nötig hat, und bekomme dann uralte Sachen( Durchschnitt ca. 4-5 Jahre), muß ständig in Widerspruch gehen, weil wieder was abgelehnt wurde, obwohl es dringend benötigt wird, um dann wieder von vorn zu beginnen, wenn Yannic aus dem Rehabuggy oder den Spezialschuhen rausgewachsen ist, welche er braucht, damit die Füsse sich nicht noch mehr zu verkrümmen.

Ich gebe einigen Leuten recht, in Deutschland wird auf hohem Niveau gejammert, denn es ging uns viel zu lange viel zu gut. Der Staat hat sich kaputt subventioniert und zu spät die Notbremse gezogen. Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen und es wird seit 3 (!!!!!) Jahren an einer Gesundheitsreform rumgedoktort, welche im Grunde vollkommen unwichtig ist, denn man sollte erstmal andere Sachen in den Griff bekommen.
Ja, auch wir haben gejammert, denn wir waren von den "fetten" Jahren verwöhnt, aber nun haben wir beschlossen, nicht mehr zu jammern, sondern unser Leben in unsere eigene Hand zum nehmen und in einem anderen Land neu zu beginnen und es so zu nehmen, wie es ist, mit all den positiven und negativen Seiten die es hat. Schweden ist nicht das Schlaraffenland, das Geld liegt nicht auf der Strasse und die gebratenen Tauben fliegen uns auch nicht in den Mund, aber wir werden hart arbeiten, um unseren ein Leben bieten zu können, von dem wir in Deutschland nur träumen können. Und damit meine ich nicht nur die Freiheit und die Landschaft. Wenn Schweden Reformen beschließt, um besser zu werden, werden wir mitmachen,auch wenn es uns vielleicht nicht immer schmecken wird.

In diesem Sinne

JANA
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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Hanjo » 18. Oktober 2006 16:21

. . . nun haben wir beschlossen, . . . unser Leben in unsere eigene Hand zum nehmen und in einem anderen Land neu zu beginnen und es so zu nehmen, wie es ist, mit all den positiven und negativen Seiten die es hat


Hejsan,
Genau so sehe ich das auch.

Lycka till.
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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Auswanderer » 18. Oktober 2006 16:43

janaquinn hat geschrieben:Wir haben lange überlebt, habe eine Für-und Wider-Liste gemacht, haben natürlich auch versucht Info´s über die neue Regierung zu bekommen um einen genauen Einblick zu bekommen, wie das Regierungsprogramm aussieht. Unterm Strich kam raus: Schweden ist NICHT perfekt, kein Land ist es ! Es werden in diesem Land genauso Fehler gemacht wie in Deutschland und es sind in vieler Hinsicht dringend Reformen nötig.


Ich bin der Meinung, dass Schweden unter der alten Regierung auch
nicht perkekt war. Die Frage ist, wie groß wird die Verschlechterung
unter der neuen Regierung sein? (Aus meiner Sicht ist klar, dass es
insgesamt eine Verschlechterung geben wird. Ich weiß nicht, ob ich
überhaupt einige Änderungen der neuen Regierung gut finden würde.)

Welche Reformen sind aus deiner Sicht in Schweden nötig? Sind sie
auch Ziele der neuen Regierung?

janaquinn hat geschrieben:Aber wenn man sich entschliesst in ein fremdes Land auszuwandern, dann sollte man sich im klaren sein, es ist nunmal NICHT Deutschland.


Das erwarten wir auf keinen Fall; sonst würden wir nicht auswandern!

Übrigens, wir sind auch beide nach Deutschland eingewandert. Ich bin
seit 1983 hier, meine Frau seit 2002. Ich habe länger (mehrere Jahre)
in 4 verschiedenen Ländern geliebt und habe viele andere für Zeiträume
zwischen Stunden und Monaten besucht. Einwanderung an sich kennen
wir also.

janaquinn hat geschrieben:Aber ich frage mich auch ernsthaft, soll ich mit den Steuergeldern die ich zahle, irgendwelchen Politikern ihre Ferienreise und Diäten finanzieren, oder Leuten ein schönes Leben zahlen, welche nicht arbeiten wollen. Oder zahle ich Steuern, die im ersten Moment zwar höher zu sein sscheinen,ich aber damit den Kindergartenplatz für meine Kinder oder die Hilfsmittel für meinen schwerstbehinderten Sohn?? Ich entscheide mich für letzteres. I


Ich bin nicht der Meinung, dass, IN VERGLEICH ZU VERGLEICHBAREN
TÄTIGKEITEN IN DER WIRTSCHAFT, Politiker überbezahlt sind---weder
in Deutschland noch in Schweden. (Vielleicht sind insgesamt alle
besser verdienenden in Deutschland überbezahlt, dann auch die
Politiker, aber sie sind viel weniger überbezahlt als gut verdienende
in der Wirtschaft.)

Ich bin auch nicht der Meinung, dass Leute vom Staat unterstützt
werden sollen, die nicht arbeiten WOLLEN. Oder sagen wir nicht arbeiten,
obwohl sie es könnten---die meisten von uns WOLLEN nicht arbeiten,
sondern müssen. Wie die Lage in Schweden ist kann ich nicht beurteilen.
In Deutschland ist der Anteil von Leuten, die von z.B. Hartz IV leben
aber arbeiten könnten, aber es nicht tun und sich lieber unterstützen
lassen, auf keinen Fall höher als 10 prozent. Ausgaben kürzen in solchen
Fällen ist nicht optimal. Wenn Leute nachweislich nicht arbeiten, obwohl
ihnen eine Stelle angeboten worden ist, sollte man ALLE Leistungen
kürzen. Warum nicht? Die Tatsache, dass man dies nicht tut, zeigt, dass
Kürzungen nur eine Alibiveranstaltung sind, und dass es in Wirklichkeit
nicht genug Arbeit gibt---man kürzt nur, um den Eindruck zu erwecken,
man bekämpfe Missbrauch.

Ich würde auch viel lieber nicht nur mehr Steuern (in Prozent) zahlen
sondern auch brutto weniger verdienen, wenn ich weiß, dass Sachen
wie Ausbildung, dagis, ÖPNV usw. finanziert werden. In so fern, kein
Problem unter der alten Regierung. Die neue Regierung senkt manche
Steuern und kürzt manche Sozialleistungen---sicher sind nicht alle
Missbrauchsfälle. Die Frage ist, wie weit geht dieser Sozialabbau?

janaquinn hat geschrieben:es wird seit 3 (!!!!!) Jahren an einer Gesundheitsreform rumgedoktort, welche im Grunde vollkommen unwichtig ist, denn man sollte erstmal andere Sachen in den Griff bekommen.


Es gibt immer etwas wichtiges. Noch ist die Gesundheitsversorgung
in Deutschland gut, z.T. aber auf Kosten der überarbeiteten
Krankenhausärzten. Mittelfristig aber wird es Probleme geben. Ich
sehe aber nicht, dass die jetzt geplanten Änderungen diese lösen.

Frage: Ist das Gesundheitssystem in Schweden besser? (Es ist sicher
anders.) Ist es in der jetzigen Form auch für die nächsten Jahrzehnte
überlebensfähig?

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon jörgT » 18. Oktober 2006 17:20

Zum Gesundheitswesen:
Für die Patienten ist wichtig, dass die Akut- und die Spezialversorgung nur über die Krankenhäuser erfolgt. Der bestehende Ärztemangel bringt Wartezeiten und Verzögerungen bei allen aufschiebbaren Situationen, wie z.B. einer Bruchoperation, mit sich. Akute Sachen, wie z.B. eine Blinddarmoperation, werden sofort erledigt. Generell gibt es in der Versorgung ein Süd-Nord-Gefälle mit z.T. deutlich längeren Wegen zum Krankenhaus.
Gleichzeitig müssen nirgendwo übermüdete Ärzte Dienst schieben.
Für das Personal generell sorgt eine flache Hierarchie und eine sehr kollegiale Atmosphäre für angenehme Arbeitsbedingungen.
Und: für einem Sprechstundenpatieten habe ich hier 45 min. Zeit - wo gibts das noch in Deutschland ...

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon janaquinn » 18. Oktober 2006 17:42

Hej Auswanderer, ich gebe dir in manchen Sachen recht, aber ... jetzt kommt das große ABER.. die Wirtschaftsbose, welche selbstverständlich horrende Gehälter bekommen, welche aus aller Norm laufen und wo man als Otto-Normal-Bürger nur den Kopf schüttelt, diesen Leuten zahlen ich nicht die Gehälter u.ä. Es geht mir hauptsächlich darum, daß die deutschen Arbeitnehmer Steuern zahlen und zahlen und zahlen, die Leistungen aber immer mehr gekürzt werden. Stattdessen werden Sachen finanziert, wo man sich als normal-denkender Bürger manchmal nur an den Kopf fäßt.


Ich hatte mit meiner Aussage über eine Auswanderung in ein anderes Land nicht dich, sondern Auswanderungswillige im Allgemeinen gemeint. Im besonderen die Exemplare, welche nach Spanien auswandern und sich wundern, daß dort nur spanisch gesprochen wird, denn im Urlaub hatten doch ALLE deutsch gesprochen, und verzweifelt auf der Suche nach allem deutschen bin. Wenn man unter solchen Aspekten auswandern will, sollte man lieber in Deutschland bleiben, denn dann ist man in jeden Land, außer vielleicht Östereich oder der Schweiz, zumindest im deutschsprachigen Gebiet, fehl am Platze.

Natürlich sind viele Aktionen der deutschen Regierung Alibi-und Ablenkungsmanöver, um den Menschen, den Ernst der Lage zu vertuschen. Aber unsere Mitzmenschen haben diese Regierung gewählt, also müssen wir nun damit leben. Ich bin der Meinung, daß der freie Fall von Deutschland noch nicht abgeschlossen ist, aber er könnte mit einer fähigen Regierung, welche Mut zu Reformen hat und sie nicht nur disskutiert, aufhalten. Auf dem Papier stehen sicherlich tolle Sachen, aber Papier ist geduldig! Was ist mit dem Rechtsanspruch für Kinder ab einem bestimmten Alter auf einen Kindergartenplatz, wir haben hier in W´tal 1 Jahr lang auf einen Kiga-platz gewartet, was für ein schwerstbehindertes Kind wie meinen Sohn an eine Katastrophe grenzt, denn jeder Tag ohne Förderung ist ein verlorener Tag. In einer Stadt wie W´tal mit ca. 200.000 Einwohner gibt es gerade mal einen heilpädagogischen Kindergarten, in den 30 Kinder gehen. Über 100 schwerstbehinderte Kinder gelten als unversorgt!!! Ist sogar dem Jugendamt peinlich. Oder: man bekommt in NRW nur einen Krippenplatz wenn man einen Arbeitsvertrag hat, ABER welcher Arbeitgeber stellt mich ein ohne Krippenplatz??? In Schweden werden beide Kinder betreut, so daß auch ich endlich wieder arbeiten gehen kann.

Wie es in Schweden unter der neuen Regierung weitergeht, ob die Menschen damit einverstanden sind oder nicht, wird sich erst in den nächsten Monaten herauskristallisieren.Vielleicht ist es aber auch der richtige Weg, um das Schwedische System noch über Generationen zu erhalten und sich nicht an vielen Sachen selber kaputt zu machen. Man muß es einfach beobachten, nicht kritiklos, aber erstmal unvoreingenommen. Denn auch ein Sozialstaat wie Schweden kann nur soviel Geld ausgeben, wie er hat. Wenn die Ressourcen erstmal erschöpft sind, ist eine Rettung sehr sehr schwer, Deutschland ist das leider beste Beispiel

LG JANA
Zuletzt geändert von janaquinn am 18. Oktober 2006 18:20, insgesamt 2-mal geändert.
Gestern ist Vergangenheit. Der Morgen ist ein Geheimnis. Heute ist ein Geschenk

Fischkopf

Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Fischkopf » 18. Oktober 2006 18:11

HalloJanaquinn,Hallo Hanjo!

Schließe mich Eurer Meinung an, habe die gleichen Erfahrungen gemacht was behinderte Kinder und auch chronisch Kranke Menschen angeht.

janaquinn"In Schweden werden beide Kinder betreut, so daß ich endlich wieder arbeiten gehen kann."

Es ist in Deutschland schwer, ohne Betreuungsangebot als Mutter überhaupt eine Arbeit zu finden.

Schweden ist nicht das Paradis, wenn einer weiß wo dieses ist last es uns wissen.

Bis dann
Fischkopf

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Re: Nach dem Regierungswechsel: lohnt es sich noch?

Beitragvon Auswanderer » 18. Oktober 2006 18:32

jörgT hat geschrieben:Zum Gesundheitswesen:
Für die Patienten ist wichtig, dass die Akut- und die Spezialversorgung nur über die Krankenhäuser erfolgt.


Da habe ich nichts dagegen. Ich halte es sowieso für sinnvoller,
die Grundversorgung über Polikliniken und nicht über niedergelassene
Ärzte zu gewährleisten.

jörgT hat geschrieben:Der bestehende Ärztemangel bringt Wartezeiten und Verzögerungen bei allen aufschiebbaren Situationen, wie z.B. einer Bruchoperation, mit sich. Akute Sachen, wie z.B. eine Blinddarmoperation, werden sofort erledigt.


Das ist das wichtigste. Was tut man gegen den Ärztemangel? Warum
gibt es den Ärztemangel?

jörgT hat geschrieben:Generell gibt es in der Versorgung ein Süd-Nord-Gefälle mit z.T. deutlich längeren Wegen zum Krankenhaus.


Es ist klar, dass bei der niedrigen Bevölkerungsdichte im Norden
längere Wege---für alles---in Kauf genommen werden müssen.

jörgT hat geschrieben:Gleichzeitig müssen nirgendwo übermüdete Ärzte Dienst schieben.
Für das Personal generell sorgt eine flache Hierarchie und eine sehr kollegiale Atmosphäre für angenehme Arbeitsbedingungen.
Und: für einem Sprechstundenpatieten habe ich hier 45 min. Zeit - wo gibts das noch in Deutschland ...


Das klingt gut.

Man hört auch über das englische Gesundheitssystem schlechte
Sachen. Viele Sachen (z.B. die Bahn) hat Thatcher kaputt gemacht,
aber das Gesundheitssystem in England ist mehr oder weniger das
alte. Ein Freund von mir ist Dialysepatient, wartet auf eine
Spenderniere und sagt, es könnte nicht besser sein. Am meisten
Wert sind natürlich Aussagen von Patienten.

Wie sieht es in Schweden mit Zahnärzten aus?


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