Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

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Snögubbe
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Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Snögubbe » 10. März 2009 18:51

Hej hej !

Imrhien´s Beitrag "Arzt ...." hat mich dazu angeregt, einmal über meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem zu berichten.

In den ersten 6...7 Jahren fand ich es richtig gut - war ich doch kaum ernsthaft krank und wenn doch einmal, gab es einen wirklich guten schwedischen Arzt, der mir helfen konnte.

Aber in den letzten beiden Jahren sah es mit meiner Gesundheit nicht immer so rosig aus (vielleicht altersbedingt, bin jetzt 64).
Der gute Arzt war mittlerweile weggezogen und ich musste hautnah die Mängel der medizinischen Versorgung erleben.

Zwei kurze Beispiele :

1) Bandscheibenvorfall - wirklich unerträgliche Schmerzen - Anruf bei der Vårdcentral: nimm "Alvedon", meine Antwort: hab ich bereits bis an die zulässige Maximaldosierung genommen, aber keine Linderung, VC: nimm halt noch mehr.
2 Tage später liess ich mich hinfahren, bekam u.a. morphinhaltiges Medikament und Krankengymnastik verschrieben.
Wünschte eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule, wurde vertröstet .... und bekam sie nie.
Einige Monate später wurde sie dann in D geröntgt und es zeigten sich ausser dem Bandscheibenvorfall noch 2 weitere Beschädigungen, die mich veranlssten, es nun "etwas ruhiger" anzugehen ;-) .
(Anlass war anscheinend das Arbeiten mit der Spaltaxt gewesen)

2) Immer stärker werdende Schmerzen in der Nieren-Blasengegend, öfter roter Urin, der lt.Aussage einer Sjuksköterska wie Blut aussah.
Bei den Tests mit Teststreifen war aber Urin immer klar gewesen, also lt. darauffolgender Aussage in Ordnung.
Blutbild- und senkung brachten auch keine Hinweise.
Aushilfsarzt (Vikarie) schrieb Überweisung für Ultraschall und Blasenspiegelung - Wartezeit 6 (!) Monate.
(hier war Ursache der Erkrankung offentsichtlich das Arbeiten unter meinem Auto (im Freien), bei -28 grd gewesen)
Die Schmerzen wurden immer schlimmer.
Die US-Untersuchung funktionierte dann aber nicht richtig, da gab ich auf und fuhr leicht verzweifelt nach D - mitten im Winter auf schnee- und eisbedeckten Strassen, mit Wohnwagen und meinen Hunden.
Die Fahrt war mehr als abenteuerlich, ich brauchte 4 Tage bis Freiburg (2600 km).

Mal schnell nach D fliegen geht bei mir nicht, weil ich hier keinen Pflege-Platz für meine Hündchen finden konnte (auch nicht in einem Hundehotel), sie sind zwar sehr lieb, aber auch sehr temperamentvoll ;-) .


Jetzt, zur absolut unpassenden Jahreszeit bahnt sich wieder ein unfreiwilliges "Abenteuer"
an: seit 3 1/2 Monaten leide ich an einer schlimmen Nebenhöhlenentzündung.
Erst jetzt, nach 3 1/2 monatigem herumprobieren mit verschiedenen Medikamenten, wird endlich mal eine Röntgenuntersuchung veranlasst, um eine gesicherte Diagnose stellen zu können.
Auf das Ergebnis warte ich nun ............ .
Die Schmerzen werden immer unangenehmer, und ich habe begonnen, den Wohnwagen zu beladen !
Er hat natürlich Spike-Reifen (Dubbdäck) - damit habe ich eine reelle Chance, heil bei meiner Tochter in Freiburg anzukommen ;-) .

Ich höre/sehe täglich schwedische Nachrichten und was man da im Laufe der Jahre mitbekommt (alleine nur in Västerbotten), kann einen erschauern lassen - deswegen halte ich das schwedische Gesundheitssystem mittlerweile für menschenverachtend, jedenfalls teilweise !

Es gibt viele, sehr schlimme Beispiele hierzu, teilweise in meiner Nachbarschaft selbst erlebt.
Hier scheint sparen wichtiger zu sein, als heilen.

Hier gibt es so gut wie keine niedergelassenen Ärzte - also auch keine Konkurrenz.
Die üblichen schwedischen Ärzte sind Staatsangestellte ....... .
Fachärzte sieht man, wenn überhaupt, in grösseren Krankenhäusern - das nächste (mittelgrosse) ist 230 km entfernt, die Universitätsklinik knapp 300 km.
Die Entfernungen schrecken mich nicht so sehr, aber die endlosen Wartezeiten und das Betteln um eine Überweisung dorthin.

Wenn es mir mal richtig schlecht ging und keine Hilfe in Aussicht war, habe ich doch tatsächlich überlegt, ob ich jetzt nach 10 Jahren wieder nach D ziehen soll - obwohl ich eigentlich ein "Lappgubbe" bin, der seine Heimat liebt.

Herzliche Grüsse aus Südlappland,
Wolfgang

iris
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon iris » 10. März 2009 19:04

hej,
das was du schreibst kommt mir aus deuschland aber auch bekannt vor bei kassenpatienten.
man wird oft gefragt bei der terminvergabe privat oder kasse und wenn du kasse bist haste auch noch die möglichkeit pirvat zu zahlen dann bekommste einen termin der in ein paar tagen ist.
gruß iris

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon HeikeBlekinge » 10. März 2009 19:23

Mensch Wolfgang, ich bin zutiefst erschuettert!

zu 1. Habe ich haargenauso erlebt. Wirst Du aber wohl gelesen haben.
Man kann solche Erlebnisse also nicht als Einzelfälle hinstellen.

Ich sage auch immer mich kriegen hier keine 10 Pferde weg, aber wenn ich jetzt manchmal so nachdenke, nach mittlerweile mehreren unerfreulichen Begegnungen die allsamt ernsthaft waren, was ist wenn...?
Und ich ertappe mich dabei zu planen. Das wenn ich im Sommer nach D reisen könnte ich das mit diesem oder jenen Arzttermin verknuepfen könnte...

Keineswegs möchte ich hier diagnostizieren oder ähnliches. Habe ja nun gestern gerade deswegen etwas uebereagiert... :oops:
Aber wurden dir jetzt zumindest mal Antibiotika verordnet??
Wurden die NNH mal durchspuelt? (Was zwar auch nicht das Gelbe vom Ei sein soll, aber..)
Ja, WAS wurde gemacht?
Welche Medikamente?
Vielleicht kann sich Thomas hier mal reinschalten und was dazu sagen.

Oder ich schick dir ne Packung AB!
Die werden halt in S wiederwillig verordnet, was zwar nachvollziehbar ist, aber doch bitte nur bis zu einem gewissen Grad!
Neulich habe ich einer Schulkollegin geholfen, die unter einer heftigen Blasenentzuendung litt - tagelang - die AB halfen innerhalb 1/2 Tages, klar. WARUM helfen die schwedischen Ärzte/Schwestern da nicht mehr? Nur viel trinken hilft nicht immer. Kein Abstrich, Probe, nix machen die da! Ich kenne jemanden, der wegen wiederholter Entzuendungen die dann uebergriffen steril wurde... nee auch!
Aber vielleicht ist ja meine Zeit im KH einfach zu lang her :cry:

LG
Heike
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Snögubbe » 10. März 2009 20:25

@iris

Ich war schon einige male, überwiegend aus gesundheitlichen Gründen nach D gefahren - was hier viele Monate dauern sollte, lief dort jedes mal in 2...3 Wochen .... als ganz normaler Kassenpatient.
Beim letzten Besuch, wo ich psychisch ziemlich mitgenommen war (wegen der Aussage, dass es Krebs sein könnte und ich trotzdem ewig auf Untersuchungen warten sollte), kam ich mir in deutschen Praxen wie im (medizinischen) Paradies vor !!

Und hier würde es Dir nicht mal viel nützen, Privatpatient zu sein ....... !

Früher fuhr ich jedes 2. Jahr nach D, meine Kinder (und Enkel) besuchen und liess mich dann auch noch vorsorglich bei einigen Ärzten (Internist, Lunge, Gastroenterologe, Zahnarzt) durchchecken - hier in Lappland scheint Vorsorge nicht sonderlich geläufig zu sein, jedenfalls wenn es wie bei mir um die alle 2 Jahre notwendige Kontroll-Magenspiegelung geht u.ä.
Jezt fahre ich vorsorglich jährlich.


-------------------------------------

@HeikeBlekinge

Zuerst bekam ich schleimhautabschwellende Tabletten - 2 Wochen lang, keine Besserung,
3 Wochen später dann Cortison-Nasenspray - kein Erfolg, nach 2 Wochen sprühen,
3 Wochen später kam dann Kåvepenin (Antibiotikum) dran - keine Wirkung, war vielleicht nicht hoch genug dosiert (?),
dann habe ich es in meiner Verzweiflung mit einem pflanzlichen Antibiotikum (Tropaeolum majus)
probiert, nach einigen Tagen trat scheinbar Besserung ein, aber 10 Tage später wieder Kopfschmerzen und extremer Druck hinter der Stirn,
dann zum 4. mal zum Doktor - ordnete Röntgen und Allergietest an,
und jetzt warte ich .......


---------------------------------------------





Nun noch ein paar weitere Beispiele aus meiner Heimat:

Ein Nachbar - Krebs - 1 Jahr lang hingehalten - tot,

ein 13jähriges Mädchen - unerträgliche Schmerzen - mehrmals vertröstet - Blinddarmdurchbruch - tot,

eine Frau mit Brustkrebs - Wartezeit auf Behandlung, trotz gesicherter Diagnose, 6 Monate !

meine frühere schwed. Freundin - wahnsinnige Schmerzen - ärztliche Vermutung Muskelabriss - Wartezeit für CT 18 Monate,

eine Frau mit unerträglichen Bauchschmerzen stundenlang in Akutmottagning - ignoriert,

ein junger Mann mit unerträglichen Kopfschmerzen - wurde zur Krankengymnastik geschickt - tot,

usw.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon vinbär » 10. März 2009 20:28

DU BEKOMMST EINEN TERMIN, JAAAAAAA, den bekommste aber in Schweden nicht, das ist der Knackpunkt.
iris hat geschrieben:hej,
das was du schreibst kommt mir aus deuschland aber auch bekannt vor bei kassenpatienten.
man wird oft gefragt bei der terminvergabe privat oder kasse und wenn du kasse bist haste auch noch die möglichkeit pirvat zu zahlen dann bekommste einen termin der in ein paar tagen ist.
gruß iris

Sinusitis

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Sinusitis » 10. März 2009 22:55

Hej Snögubbe,

versuch es doch mal mit Sinova-Dragees (in Deutschland: Sinupret), das ist pflanzlich und hilft oft erstaunlich gut bei Nebenhöhlenbeschwerden aller Art. Gibt's oft bei ICA und Konsum, aber ganz sicher in der Apotheke. Am besten in der Forte-Version.

Ich bin selbst chronischer Sinusitis-Patient, bekomme ebenfalls in Schweden keine Hilfe und helfe mir daher notgedrungen selbst (wenn ich nicht nach Deutschland fahren kann). Probier's mal aus.

Leider kann ich all Deinen Erlebnissen und Berichten aus eigener Erfahrung nur beipflichten. In Schweden zu leben ist ein dauerhafter gesundheitlicher Abenteuer-Urlaub...wenn man Glück hat, geht's gut...

Gute Besserung!

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Snögubbe » 11. März 2009 11:58

Hej Sinusitis !

Vielen Dank für Deinen guten Rat und die guten Wünsche !

Ich nehme Sinova seit 3 Wochen und habe den Eindruck, dass mehr Schleim gelöst wird.
Da es von "kompetenter" Seite hier nur sehr langsam vorangeht, versuchte ich auch mit Hausmitteln der Krankheit beizukommen - Inhalationen, Salz-Nasendusche, Rotlicht (unangenehm), frisch geriebener Meerrettich usw.

Wenn sich in der nächsten Woche nichts tut (von ärztlicher Seite), werde ich gen Süden aufbrechen, auch wenn es sich nur um eine Sinusitis handelt.

Viele Grüsse und herzlichen Dank !
Wolfgang

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon HeikeBlekinge » 11. März 2009 16:07

Fällt mir noch etwas zu ein:
Man soll es unterlassen bei Sinusitis zu schneuzen. Man bekommt den Schleim dadurch nicht heraus, nein, die Schleimhäute schwellen eher noch mehr an.
Bei Asiaten, die anders mit Schnupfen umgehen, sind NNH-Entzuendungen so gut wie unbekannt. Europäer schneuzen, Asiaten ziehen hoch, spucken aus. (man verzeihe mir diese fuer unsere Ohren etwas unappetitliche Erklärung)

Versuch vielleicht mal so zu handeln, Wolfgang.
Und Rotlicht ist nicht immer gut bei einer Entzuendung. Klar, es nimmt den Schmerz. Bloss bei bakteriellen Infektionen kann es passieren, das du den Erregern ein richtig heimeliges Mileu in deinen Nasennebenhöhlen schaffst.

LG
Heike
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 11. März 2009 20:42

Ich hab da mal ne Frage, ist vielleicht etwas dumm... weiss nicht.
Mehrmals habe ich jetzt schon gelesen, dass Leute schrieben, dass sie im Befarfsfall nach Deutschland zum Arzt gefahren sind oder es wird empfohlen das zu tun.
Im letzten JAhr war ich ja noch in Deutschland versichert, weil in Elternzeit. Nun arbeite ich hier, habe in Deutschland gekündigt und bin somit auch aus der deutschen Krankenversicherung raus. Bis dahin hatte ich das ja auch noch so gehandhabt, dass ich, wenn ich grade in Deutschland war, mir einen Termin bei "meinem" Arzt geholt habe. Seit ist hier versichert bin, waren wir nicht mehr in Deutschland, ich dachte aber auch, dass es jetzt nihct mehr so leicht geht.
Wie macht Ihr das?
Kann man mit der Verischertenkarte die man hier ja auch für das Ausland bekommen kann, in Deutschland zum Arzt ,auch wenn es keine Notfallsache ist? Zahlt das die FK? Oder muss ich dann in Deutschland quasi alles privat machen? Das ist ja dann extrem teuer und vermutlich muss man ja erst mal einen Arzt finden der das so macht und dann muss man sicher direkt zahlen.. Oder wie geht das?

Grüße
WIebke

Speedy

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Speedy » 11. März 2009 21:16

Hi an alle,

ja genau die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Kann ich im Bedarfsfall nach D oder muss ich alles selbst bezahlen. Das könnte ich mir nicht leisten. Oder ist es evtl. sinnvoll in D eine freiwillige KV abzuschliessen???

Danke fuer die Antwort

Speedy


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