Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

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Lussekatt
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Lussekatt » 8. Juli 2011 18:37

skerry hat geschrieben:Mein Sohn -mittlerweile mit schwedischer Staatsbürgerschaft-hatte im Frühjahr eine schwere Grippe und musste im vårdcentral 6!Stunden auf einen Arzt warten :cry:


Ich glaube nicht, dass die Wartezeit mit der Staatsbürgerschaft zusammenhängt.

Die schlechten Erfahrungen kann ich keinster Weise bestätigen. Habe einen Freund mal mit einer schweren Axtverletzung in die nächste Vårdcentral gefahren, da war innerhalb von 30 Sekunden ein Arzt zur Stelle und hat die Erstversorgung übernommen. Und nein: es war nicht in einer Großstadt, sondern auf dem Land.

Ich selbst musste vor einem halben im Krankenhaus mit akuten Unterleibsschmerzen ca. 10 Minuten auf den diensthabenden Arzt warten, dann lag ich im Untersuchungszimmer.

Lieben Gruß von Lussekatt
(die mit einer Grippe nicht zum Arzt geht, sondern ins Bett) :smt006

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon irni » 8. Juli 2011 20:27

Die schwedische Vårdcentral funktioniert auch ganz anders wie eine normale österreichische Arztpraxis. Hier gilt es immer zuerst anzurufen, entweder die Vårdcentral, sjukvårdsupplysning oder auch direkt das nächste Krankenhaus.

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Imrhien
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 10. Juli 2011 19:03

Was mich nur mal interessieren würde ist, ob man im Ausland überhaupt von solchen Fällen hört, oder liest, dass ein Kind gestorben ist, weil man der Mutter am Telefon mehrmals sagte, dass sie nicht ins Krankenhaus fahren soll. So was liest man hier natürlich schon in der Zeitung, mit Schrecken und hofft immer, dass es nur halb so stimmen kann wie es da steht. Aber ich erinnere mich nicht, dass ich früher von Deutschland aus solche Dinge gehört hätte. Und wenn man den Zeitungen glauben darf, dann gibt es leider schon den einen oder anderen Fall, wo jemand nicht oder zu spät zum Arzt kommt, weil das System eben nicht in allen Fällen funktioniert.
Ich will nicht sagen, dass es in Deutschland besser ist. Es war für mich besser, aber hauptsächlich weil ich es so kannte und damit leben kann. Hier ist manches für mich ungewohnt und daher immer noch schwer, was das Gesundheitssystem angeht. Aber da wir nicht oft hin müssen, ist es nicht wirklich schwer.
Nachdenklich hat mich die Geschichte einer Frau aus unserem Ort gemacht. Sie bekam hier ein Kind. Aber nicht wie geplant im Krankenhaus, sondern daheim. Man hatte sie (mit 2. Kind) heim geschickt. Da sie Schmerzen hatte und nicht heim wollte, aber auch so müde war und nicht schlafen konnte, hatte man ihr sowohl Schmerzmittel und etwas zum Schlafen gegeben. Und als sie weinend, weil sie bleiben wollte, die Hebamme fragte wann sie denn dann wieder kommen dürfte, weil sie eigentlich glaubte, dass es bald losginge, meinte die Hebamme, dass sie wieder kommen könne, wenn sie glaubte zu sterben. Die Frau war also recht zugepumpt mit Schmerzmittel und anderem und merkte dann daheim kaum, dass es wirklich losging. Sie waren nicht länger als eine Stunde daheim. Und das Kind kam dann als sie zur Toilette wollte. Der Mann konnte nur noch den Krankenwagen anrufen. Es gab hinterher eine Entschuldigung vom Krankenhaus und angeblich eine personelle Änderung.
Das ist keine Horrorgeschichte, die man sich so unter der Hand erzählt, oder die ich irgendwo gelesen habe. Ich habe die Frau getroffen und sie hat es mir etwa 3 Monate nach der Geburt erzählt. Ihr Kind und meins werden wohl gemeinsam in den Kindergarten gehen. Ich erzähle das hauptsächlich um zu zeigen, dass es auch solche Seiten im schwedischen Gesundheitssystem geben kann. Nicht alles erfährt man von Deutschland aus.
Aber natürlich ist auch nicht alles schlecht hier. Im Gegenteil! Ich war ja nur einige Wochen nach der Frau auf der gleichen Station und hatte absolut null Probleme. Das war alles wie ich es mir gewünscht hatte und das Personal war wirklich kompetent und wichtiger für mich in der Situation, super nett. Sogar die Schülerin in Ausbildung war klasse. Aber da sieht man, dass man überall Glück haben kann oder eben auch Pech. Es hängt sehr stark ab vom Menschen auf den man trifft und natürlich von einem selber auch.

Nicht alles was glänzt ist Silber (hehe, nicht Gold), auch nicht in Schweden.

Grüsse
Wiebke

Netsurfer

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Netsurfer » 18. Juli 2011 15:52

Hab leider auch ne meise erfahrung mit dem gesundheitssystem hier gemacht.

Nach nem Schlüsselbeinbruch haben die mich ne woche lang auf ne op warten lassen wobei sie mir jeden tag geagt haben "morgen gibts dann die OP" und dann am nächsten tag "ne heute leider nicht, morgen dann" und das die ganze woche.
Durch falsche Medikation hab ich Hautausschlag bekommen und weil wie mich solange hingehalten haben durch schwächung des Körpers noch 40Grad Fieber dazu, dass dann erst mit starken Antibiotika bekämpft werden musste.

Bin insgesamt dann also 10 Tage mit nem gebrochenen Knochen rumgelegen. Ein Spass.

Ich hab mich nun an http://www.patientnamndenstockholm.se/ mit dem ganzen gewandt.
Also ich muss leider sagen dass ich von dem ganzen sehr geschockt war, bei der reputation des Gesundheitssystems und alzumal ich noch in Stockholm wohne.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Hanna_Maria » 28. September 2011 19:33

hallo Leute,

das sind ja "feine" Geschichten die man hört. Ich ziehe auch bald nach Stockholm für ein Jahr. Da kann ich ja nur hoffen, das ich nicht ernsthaft krank werde und Pflege brauche.


Viele Grüße und lasst es euch gut gehen. :-)

Hanna_Maria
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Hanna_Maria » 30. September 2011 01:25

habe ich das gerade richtig gelesen, man muss erst immer anrufen beim Arzt? Also man kann nicht einfach zum Arzt gehen, wenn man etwas hat wie hier bei uns in Deutschland.

Was ist mit den "Alten"? Kommt da auch ein Arzt oder Pflege ins Haus?


Grüße

Hanna

unbekannt

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon unbekannt » 30. September 2011 08:04

Hallo Hanna,

zusammendfassend in Stichworten: Schweden hat wie z.B. Finnland, Norwegen und Großbritannien ein staatliches Gesundheitssystem. Praktisch alle Ärzte sind in staatlichen Krankenhäusern beschäftigt. Privat niedergelassene Hausärzte gibt es praktisch nicht. Chiropraktiker und Masseure sind privat zugelassen und muss man aus eigener Tasche bezahlen. Heilpraktiker sind mir nicht bekannt und ich habe auch noch keine schwedische Übersetzung für Heilpraktiker gefunden.

Im Notfall die 122 anrufen, dann kommt der Notarzt mit Krankenwagen oder Hubschrauber (Herzinfarkt auf einer Insel, schwerer Unfall). Wenn es dringend ist oder Wochenende, gehst du unangemeldet in die "akuten", der Notaufnahme des Krankenhauses. Dort wird dein Fall eingestuft. Je nach Dringlichkeit Wartezeiten von 5 Minuten (Gürtelrose) bis 7 Stunden (gebrochener Finger), im Schnitt dauert es so 5 bis 7 Stunden. Wenn du also in die Akuten gehst, dann nur, weil es nicht anders geht. Abgesehend davon zahlst du dafür 250 Kronen.

Im Normalfall an Wochentagen aber rufst du eine spezielle Nummer des Krankenhauses für die medizinische Beratung an oder gibst deine Telefonummer auf einer Homepage ein. Du wirst dann innerhalb einer halben Stunde zurückgerufen. Auf Grund des Gespräches und deiner elektronischen Krankenakte wird dann entschieden, wann und ob du einen Arzttermin oder eine andere Untersuchung (z. B. Blutuntersuchung, Blutdruckmessung) bekommst. Diese Wartezeit auf den Termin kann je nach Lage und Dringlichkeit 10 Minuten bis eine Woche dauern. Dafür sind die Wartezeitn im Wartezimmer meist unter 5 Minuten. Wenn du also in einer Woche einen Termin um 9:20 bekommst, dann kann man in der Regel danach auch die Uhr stellen.

Überweisungen zum Facharzt gibt es nur vom Allgemeinarzt oder einem anderen Facharzt. Auf einen Facharzttermin kann man bis zu einem halben Jahr oder länger warten. Das kommt immer darauf an, wo man wohnt und um welchen Facharzt oder um welchen Fall es handelt. Die Wartezeiten auf Operationen sind oft zu lange. Anderseits sind manche Abläufe viel besser als in Deutschland, da viele Behandlungsmaßnahmen im Team beraten und entschieden werden. Bestimmte Symptome werden sehr ernst genommen, z.B. nicht nur akute sondern auch chronische Schmerzen in der Brust.

Auf Grund von statistischen Untersuchungen werden vom staatlichen Gesundheitsystem bestimmte Maßnahmen priorisiert oder nicht. Dies hängt von der Risikoeinschätzung und den Folgekosten bei unterlassenen Behandlungsmaßnahmen ein. Ich wurde z.B. vor einigen Tagen von einer Zecke gebissen. Diese habe ich mir selbst entfernt. Es wäre keine Hilfe sofort einen Arzttermin zu bekommen, weil eine Blutuntersuchung erst mehrere Tage nach dem Biss aussagefähig ist. Sollte ich allerdings in den nächsten Tagen grippeähnliche Symptome zeigen, bekomme ich sofort einen Arzttermin. Bei diesem System muss man als Patient auch mitdenken. Kostenlosen Rat kann man sich über diverse Telefonnummern immer einholen. Auf den Internetseiten der staatlichen Krankenversicherung gibt es auch Ratschläge.

Es kommt immer darauf an, wo du wohnst. In Östergötland z.B. sind die Menschen recht zufrieden. Unsere Kleinstadt bekommt in den nächsten Jahren ein nagelneues Krankenhausgebäude. Laut einem kürzlich ausgestrahlten TV-Bericht soll allerdings die medizinische Versorgung in Malmö schlecht sein. Im dünn besiedelten Nordschweden sollte man auch keine übertriebenenen Erwartungen haben.

Tendenziell hilft man sich in Schweden erst einmal selber und hofft darauf, dass die Beschwerden von selbst verschwinden, was auch meistens der Fall ist. Schmerzmittel gibt es nicht nur in der Apotheke, sondern in vielen Lebensmittelläden rezeptfrei (Alvedon), meistens dort, wo man die Post abgibt. Wegen einer normalen Erkältung gibt es keinen Arzttermin. Der würde zudem 150 Kronen kosten, die man sich sparen kann.

Der Arzt macht keine Hausbesuche. Dafür hat er keine Zeit. Taxis und andere Fahrdienste zum Krankenhaus werden aber unter Umständen gezahlt. Medikamente kann man sich auch ins Haus schicken lassen.

Alte und Behinderte werden durch einen hemtjänst ("Heimdienst") betreut. Dieser kommt z.B. zu unserer alleinstehenden Nachbarin zweimal pro Tag vorbei. Der Aufenthalt in einem Altersheim wird so lange wie möglich hinausgezögert. Dass sich wie in Deutscland Familienangehörige um die Pflege der Alten kümmern, ist eher selten, da

1. es ungewöhnlich ist, wenn mehrere Generationen einer Familie in einem Haus leben.
2. die vorherrschende Einstellung ist, dass sich der Sozialstaat um die Alten und um die Gebrechlichen kümmern soll. Dazu zahlt man ja Steuern.
3. Die Erwerbsquote auch bei Frauen hoch ist und somit keine Zeit für die Pflege der Eltern vorhanden ist.

Schreckensmeldungen über Fehlbehandlungen und lange Wartezeiten hört man immer wieder. Auf Grund des Offenlegungsprinzips ist es einfacher darüber zu berichten. Fehler werden in Schweden auch eher zugegeben, da man hier nicht geneigt ist, einen einzelnen Sündenbock zu bestrafen, sondern die Schuld eher einer schlechten Organisation gibt. Wer in Deutschland Behandlungsfehler aufdecken will, kommt erstens schlecht an die Beweise heran und handelt sich zweitens schnell eine Verleumdungsklage ein. Insbesondere bei unsinnigen Behandlungen und Untersuchungen ist die Dunkelziffer in Deutschland wahrscheinlich sehr hoch.

Falls es jemanden tröstet: Die Lebenserwartung ist statistisch gesehen in Schweden etwas höher als in Deutschland.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon sverige_aelg » 30. September 2011 08:27

Volker hat geschrieben:Im Notfall die 122 anrufen, dann kommt der Notarzt mit Krankenwagen oder Hubschrauber (Herzinfarkt auf einer Insel, schwerer Unfall).


Also ich würde eher die 112 empfehlen...
Ein Optimist ist in der Regel ein Zeitgenosse der ungenügend informiert ist. (John B. Priestley)

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon unbekannt » 30. September 2011 08:42

ja, danke, da habe ich mich vertippt. Die 112 geht für alle Notfälle.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Pink_Panther » 30. September 2011 21:24

Man könnte auch noch hinzufügen, dass es in Schweden einen "Routinecheck" wie in Deutschland nicht gibt. Also, wenn man z.B. einfach mal alle Jahre wissen möchte, ob das Herz noch in Ordnung ist, oder einfach mal eine Augenuntersuchung bekommen möchte. In Schweden muß man schon mit dem Bein unterm Arm kommen, wenn man Ernst genommen werden möchte. Ich habe seit Jahren diverse Probleme, welche ich eigentlich gerne mal untersucht bekommen würde ...... Fehlanzeige. Da muß man schon etwas umdenken. Dass Facharzttermine nur schwer zu bekommen sind, hat Volker ja bereits beschrieben. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich das Gefühl habe, dass die Allgemeinmediziner hier eine Art Firewallfunktion haben - einfach erst mal alles abwimmel, was nicht wirklich akut ist. Wenn die Leute dann wiederkommen, dann besteht vielleicht Handlungsbedarf. Ich kann nur das Beispiel wiederholen, dass mich der Allgemeinmediziner allen Ernstes zum Optiker verweisen wollte, nachdem ich über ein Augenproblem klagte und er nichts sehen konnte. Das findet man dann nicht sehr lustig. Mit Fersensporn (selbst diagnostiziert, mit Hilfe von Wikipedia) wird man zum Schumacher geschickt - einfach mal ausprobieren!

Und dann ertappe ich mich wieder dabei, nur Negatives zu schreiben :-)
Richtig - ich wohne ja in Jämtland. In Västra Götaland hat das Gesundheitssystem wesentlich besser funktioniert! Man kann das also nicht so pauschal sagen!

/Viele Grüße,

Paul


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