Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

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Imrhien
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 12. März 2009 14:16

Das ist eine sehr gute Frage und ich werde noch rausfinden wie die Antwort dazu ist. So richtig überzeugt war ich von unserem Zanharzt nämlich leider nicht...

Grüsse
Wiebke

hansbaer

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon hansbaer » 23. März 2009 09:16

Am Montagmorgen erwartet man von seiner Zeitung eigentlich nicht viel, weil am Sonntag einfach recht wenig passiert.

Erstaunt war ich daher darüber, dass heute morgen zwei Berichte zum schwedischen Gesundheitswesen in der DN waren.

Zum einen der hier: http://dn.se/insidan/det-ar-en-fasansfull-skam-att-vara-tandlos-1.826721

Ungefähr 850.000 Schweden haben kein Geld für Zahnbehandlungen. Im Netz findet sich anscheinend eine gekürzte Version des Artikels, denn in der Zeitung stand, dass dies nur die Altersgruppe 18 bis 64 Jahre ist - und damit entspricht 850.000 anscheinend jedem sechsten Einwohner in dieser Altersgruppe. Krass fand ich auch, dass manche Kommunen erst bei einem Verlust von mehr als acht Zähnen (!!!) bereit sind, weitere Kosten zu übernehmen. Man könnte überspitzt sagen: den sozialen Status eines Menschen kann man in Schweden am Gebiss erkennen.
Ich habe zur Illustration mal an diese Mail angehängt, was man in Schweden so an Kosten selbst übernehmen muss. Zur Orientierung: eine Wurzelbehandlung eines einzigen Zahnes kostet ca. 5000 kr.

Zum anderen ein Artikel zum Thema Ultraschall in der Schwangerschaftsbetreuung.

Dort wird berichtet, dass viele werdende Eltern in Privatkliniken gehen und dort für ca. 2500 kr eine Ultraschalluntersuchung machen lassen. In Malmö zahlt die Krankenkasse gerade einmal zwei Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft, in Stockholm wird sogar nur eine einzige bezahlt. So wird jenseits der 13. Woche kaum noch eine Untersuchung gemacht, und viele gravierende Missbildungen können überhaupt nicht erkannt werden. Eigentlich unglaublich.
Dateianhänge
kosten.jpg
Eigenanteil an Behandlungskosten in schwedischen Kronen (tandvårdsbidrag nicht berücksichtigt)
anteil.jpg
Eigenanteil an Behandlungskosten in Prozent (tandvårdsbidrag nicht berücksichtigt)

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon vinbär » 23. März 2009 09:30

Deswegen haben auch die wenigen privaten Praxen, die pränatalen Ultraschall anbieten einen extremen Zulauf.
Aus Suedschweden fahren die Schwangeren nach Kopenhagen/Malmö rueber, in der Mitte gibt es noch eine Praxis in Linköping und dann natuerlich in Stockholm.
In unserem Län wir z.B. ebenfalls nur ein Ultraschall angeboten und dieser ist in der 18.Woche.

nysn

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon nysn » 23. März 2009 09:47

Man könnte überspitzt sagen: den sozialen Status eines Menschen kann man in Schweden am Gebiss erkennen.


... Genau das war mal die "Wahlkampagne" des so gut meinenden, väterlichen Sozialdemokraten Göran Persson, in dessen Zuhause in seiner harten Kindheit nur ein einziges Buch vorhanden war, ein Lexikon von A bis D ... oder so ähnlich - auf jeden Fall ein Mann aus dem Volk (heute Gutsbesitzer mit Neureichen-Gehabe), der dafür sorgen wollte, dass man den Schweden nicht mehr ansehen soll, aus welcher Gesellschaftsschicht sie stammen ...

Der Statistik nach scheint es ja gelungen zu sein - wenn alle Schweden erst mal "zahnlos" sind, dann ist das sicher bald "STATUS" ...

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 23. März 2009 13:42

Zähne:
Es scheint auch noch nicht der Gedanke durchgedrungen zu sein, dass das Gebiss ein Zusammenspiel ist. Wenn an einer Stelle ein Zahn fehlt, auch wenn das weit hinten ist und man es nicht sieht, kann das Auswirkungen auf andere Zähne haben. Man macht aber trotzdem nichts und wenn das dann eine Kettenreaktion auslöst, dann ist das eben Pech. Mein Arzt meinte doch glatt, dass so ein Implantat wie ich es habe, so weit hinten gar nicht nötig wäre, höchstens aus kosmetischen Gründen. In Deutschland hört man anderes, und nicht nur von denen die daran verdienen. Ach ja, ich kann mir eine Krone derzeit nicht leisten, daher hoffe ich einfach, dass der Zahn der nun oben keinen richtigen Gegenbiss hat, nicht wandert...

Ultraschall:
Bei uns wird ein Ultraschall in der gesamten Schwangerschaft gemacht. In Woche 18. Man mag darüber streiten ob man mehr als drei braucht. Drei sind in Deutschland der Standard, wobei die meisten Ärzte von sich aus mehr machen und das auch abrechnen können, wenn sie es entsprechend begründen. Rein psychologisch finde ich, sollte man die US nicht unterschätzen. Gerade für unsichere Frauen sind sie toll und für die Männer ist es auch schön etwas mehr teilhaben zu können. Ein Gedanke der mir kam war einfach woher man weiss, dass die 18. Woche ist. Klar... ich kenne das. Man kann das ausrechnen. Was aber, wenn die Frau einfach nicht weiss wann sie ihre letzte Menstruation hatte? Oder wann sie mit ihrem Mann geschlafen hat? Wie soll man das dann errechnen? Die meisten Frauen, die so etwas nicht wissen, haben auch nicht gerade die beste Körperkontrolle und wissen oft erst nach der 10. Woche, dass sie schwanger sind. Wie soll man da wissen wann die 10 ist? Wenn man einfach auf die geschätzte Zeit der Frau zurück geht??? Die Antwort der Hebamme hat mich arg erschreckt. Sie meinte, dass man das schätzt und dann beim Termin ja sieht ob es die 18. Woche ist oder nicht. Man kann das ja anhand der Grösse des Kindes berechnen. Wenn das Kind also aufgrund eines Problemes zu schnell oder zu langsam gewachsen ist, kann das gar nicht auffallen, weil man ja keine richtigen Daten als Grundlage für die Berechnung hat. Das nenne ich nicht besonders vertrauenserweckend. Ich wusste jeweils in der 5. Woche, dass ich schwanger bin. Das konnte dann per Ultraschall bestätigt werden, auch wenn man da noch nichts sieht, ausser wenn man Glück hat, gerade das Herz. Daran lässt sich dann aber recht gut berechnen wann man in der 18. Woche sein soll.
Ein weiterer Gedanke:
Viele Frauen verlieren ihr Kind schon innerhalb der ersten 12-13 Wochen. Wenn der Ultraschall erst in der 18.Woche gemacht wird, dann dauert es entsprechend lange, bis ein Tod des Kindes entdeckt wird. Je nach Wohngebiet, kann es dann auch noch dauern, bis man einen Termin im Krankenhaus bekommt. Gruselig der Gedanke. Natürlich kann der Ultraschall das nicht verhindern. Er kann aber die Zeit verkürzen bis man es erfährt und das finde ich enorm wichtig. In meinem Fall (wenn ich von Entdecken der Schwangerschaft in der 5. Woche ausgehe) wären das 13 Wochen bis man erfährt, dass man doch nicht schwanger ist... Ok, ich weiss, dass der Körper oft entsprechend reagiert und die Frau Blutungen hat und so. Aber auch die müssen nicht sofort kommen und es kann noch eine Weile dauern und auch da habe ich von jemandem gehört, dass die Hebamme meinte: Blutungen sind normal in der Schwangerschaft. Ich würde auf alle Fälle das Geld für extra Ultraschall ausgeben. Vermutlich auch mehr als nur einen... Das Minimum von drei in Deutschland wäre auch für mich persönlich das Minimum. Die Frage ist was die Frauen/Familien machen, die sich das nicht leisten können...

Grüsse
Wiebke

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon vinbär » 23. März 2009 14:20

Zu mir meinte die Hebamme , das wuerde auch extrem Geld sparen, stell Dir mal die ganzen unnötigen Ultraschalls vor, die gemacht werden wuerden und dann endet die Schwangerschaft in einer Fehlgeburt. Verschwendung von Ressourcen. Nicht schön, diese Betrachtungsweise und schrecklich fuer die betroffenen Frauen/Familien.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon vinbär » 23. März 2009 14:22

Grattis Wiebke, wann ist es denn soweit? Ich habe das ja erst vor kurzem erlebt.....

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 23. März 2009 14:53

Wann ist was soweit? Ich bin nicht schwanger. Oder jedenfalls weiss ich nichts davon. :)
Ich hatte hier bei einer normalen Untersuchung mal mit der Hebamme geredet. Das mit dem Ultraschall hat mich schon sehr erstaunt und da wir grundsätlihc schon noch ein 3. Kind wollen, war ja klar, dass mich das irgendwann betrifft. Daher wollte ich wissen ob das stimmt und was man machen kann wenn man mehr Ultraschalls will.

Grüsse
Wiebke

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon vinbär » 23. März 2009 15:45

Nix fuer ungut. Jedenfalls war die kuerzlich erlebte Schwangerschaft/Vorsorge und Geburt bzw. die Einstellung selbiger hierzu hier in Schweden ziemlich gewöhnungsbeduerftig im Vergleich zu der des Geschwisterchens in D. Wenn´s denn soweit sein sollte, kannste gerne ´ne PN schicken, dann kann ich Dir eine gute Adresse fuer´s private Ultraschall und sonst noch ein paar Tipps dazu geben. :)

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Skogstroll » 23. März 2009 16:05

In nunmehr fünf Jahren ist es mir nicht ein einziges Mal gelungen, einen Akuttermin in der VC zu bekommen. Auch sonst niemandem in der Familie, und auch niemandem in meinem Bekanntenkreis. Manche Leute rufen gar nicht mehr an und gehen gleich zur Akuten ins Krankenhaus, auch wenn das 250kr kostet und bisweilen mit stundenlangen Wartezeiten verknüpft ist.

Für die Zähne hatte ich ein Abonnement beim Tandhygienisten vereinbart, dafür wurde mal sehr geworben. Das hat genau einmal funktioniert. Nun habe ich schon zwei Jahre nix mehr davon gehört. Auf meine Nachfrage erklärte man mir, sowas wie ein Abo hätte es nie gegeben, man wollte mir aber einen Termin schicken. Hat man natürlich nicht getan.
Ein Zahnarzt hat mir mal - nicht mehr ganz nüchtern - erklärt, wie man das System überhaupt am Leben hält. Man erklärt den Patienten, dass ihre Löcher in den Zähnen nicht repariert werden müssten und schickt sie nach Hause. Wenn sie dann Zahnschmerzen haben, empfiehlt man Alvedon. So erreicht man, dass die Warteschlangen nicht jahrelang werden. Was passiert, wenn dann die Löcher grösser geworden sind oder das Alvedon ausgeht, verdrängt man.

Um es nochmal klarzustellen, ehe der Proteststurm losbricht: Die Ärzte sind nicht das Problem, sondern das System ist es. Einige Ärzte haben sich aber auch schon voll damit arrangiert und finden das so in Ordnung.

Die Situation ist freilich nicht überall so schlimm. Aber in Norrbotten ist das ganze System derart morsch, dass es nur noch eine Zeitfrage ist, bis es kollabiert. Gleichzeitig laufen die Kosten aus dem Ruder, so dass man schon die Steuern erhöht hat.

Neulich lief im Radio auch ein Beitrag zum Thema Gesundheitstourismus. Hintergrund war ein Fall, in dem ein Schwede seine Krebsoperation in Deutschland hat ausführen lassen, was ihm vermutlich das Leben gerettet hat. Finanziell hat es ihn freilich möglicherweise ruiniert, denn die FK entscheidet solche Fälle individuell, und es war keineswegs sicher, dass ihm die Kosten erstattet werden.

In diesem Sinne: Bleibt bloss gesund!

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