Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

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unbekannt

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon unbekannt » 14. Mai 2009 10:34

Hallo zusammen,

dieses Bonussystem ist ja fast schon zynisch.

Ich schlage aus Kostengründen vor alles über ein indisches Call-Center abwickeln zu lassen. Die dortigen Krankenschwestern haben dann vorher einen Crash-Kurs in Schwedisch absolviert. Sicherheitshalber möchte ich dies als Scherz verstanden wissen. Aber wenn dies mal vorgeschlagen werden sollte, würde es mich nicht mehr wundern.

Neulich hat sich mein Arzt beschwert, warum ich denn kein Handy hätte. Ich wäre dann leichter für ihn zu erreichen. Mir ist natürlich bewusst, dass man in Schweden ohne Handy wie Wesen von einem fremden Stern betrachtet wird. Irgendwann werde ich mir widerwillig so eine kontantkort zulegen, denn ich fühle mich ohne Handy ganz wohl.

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Imrhien
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Imrhien » 14. Mai 2009 10:56

Volker hat geschrieben:denn ich fühle mich ohne Handy ganz wohl.


Gibt es einen zwingenden Grund weshalb Du es bräuchtest? Sonst lass es, wenn Du Dich ohne wohler fühlst.
Wenn es für die Arbeit nötig wäre, könnte man eines nur für die Dienstzeiten nehmen und es dann wieder in der Schublade verschwinden lassen. Ansonsten würde ich an Deiner Stelle drauf verzichten. Da Du es nicht brauchst, käme es Dir vermutlich wie ein Zwang vor. ist bei meinem Vater so. Und meist vergisst er es eh daheim..
Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich kann ohne kaum leben ...

Das bonussystem erschein mir nicht zynisch sondern (sorry für die Wortwahl) pervers. Das ist fahrlässig. Unterlassene Hilfeleistung im schlimmeren Fall. Nicht Ausübung der Arbeitspflicht. Die Schwestern können ja nicht mal was dafür... Ich kann mir schon vorstellen, dass man sich dadurch gestresst fühlt. Und wenn ich gerade finanzielle Not habe und alle mir sagen, dass es doch richtig ist die Patienten, die ja eh nichts haben, so schnell wie möglich wieder los zu werden... Ich finde das echt traurig. Nein, eigentlich macht es mich wütend.
Gibt es Zahlen darüber wieviele Gelder darüber als extra eingenommen und von der Kommune ausgegben wurden?`Wäre mal interessant. Für die Patienten ist das ein mieses Gefühl.

Grüsse
Wiebke

hansbaer

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon hansbaer » 14. Mai 2009 12:56

Nicht ganz direkt daran anschließend, aber trotzdem aktuell: http://www.sr.se/cgi-bin/International/nyhetssidor/artikel.asp?ProgramID=2108&Format=1&artikel=2835222

Wer den Bericht des Socialstyrelsen ganz lesen will, kann das hier tun: http://www.socialstyrelsen.se/Publicerat/2009/10430/2009-126-72.htm

Ich schmökere gerade ein bisschen darin.
Meine bisherigen Highlights:

Andelen läkare med utländsk utbildning har ökat i den svenska hälso- och sjukvården under de senaste tio åren. År 2006 hade nästan 19 procent av läkarna en utländsk utbildning. Många av dessa var utbildade i Polen, Tyskland eller något nordiskt land [13].


Also war schon 2006 fast jeder fünfte Arzt aus dem Ausland - offenkundig kein Grund, mal zu überlegen, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen.

Auch liest man dort, dass in Stockholm sagenhafte 430 Ärzte pro 100.000 Einwohner zur Verfügung stehen, während es im Landesschnitt rund 350 sind. Man wundert sich trotzdem, wie es dann zu monatelangen Wartezeiten kommt.

Interessant sind auch "Främsta orsak till att ej söka sjukvård, år 2008" (S. 103). Die häufigste Antwort war zwar "Ville vänta ett tag" mit knapp 40 Prozent, aber dann kommen
- Kan inte få någon hjälp
- Besvärligt söka vård
- Fick inte tid hos någon läkare
Mit je 10 bis 15 Prozent. Also hat gut ein Drittel aller derjenigen, die auf die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems verzichtet haben, angegeben, dass sie entweder keine Hilfe bekommen können, es beschwerlich sei oder sie keinen Termin bekommen könnten.

Bei der Zufriedenheit mit dem Krankenhäusern ist Schweden allerdings spitze - 90% fanden ihre Behandlung im Krankenhaus gut. Nur Österreich und Belgien schneiden besser ab. Deutschland liegt bei 79%, der EU-Durchschnitt bei 71%.

Grafik 2:8 zeigt, was die Europäer zur Verfügbarkeit von Allgemeinmedizinern sagen. Bildkommentar:
Andelen personer i Eurobarometerns enkät som svarat att det är lätt att få tillgång till en allmänläkare i det land där de bor. Svaren är baserade på svarspersonernas egna erfarenheter eller erfarenheter från närstående. Andelen personer som tyckte det var lätt att få tillgång till en allmänläkare var lägst i Sverige av de redovisade länderna (63 %).

Das ist aber nur die halbe Geschichte - das einzige andere Land mit weniger als 70% ist Portugal. Österreich und Deutschland erreichen über 90%.
Immerhin schafft es aber jeder Teil des Landes, mindestens 85% der Patienten einen Arzttermin innerhalb von 7 Tagen zu geben.

Faszinierend sind die Daten auf Seite 109 - im Sommer beträgt die Wartezeit auf Spezialistenbehandlungen in mehr als 40% der Fälle mehr als 90 Tage. Die Quote sinkt selbst in Herbst und Frühjahr nicht unter 25%.

Auch zu beachten ist Seite 261. Die Anti-Klamydiakampagnen kommen nicht von ungefähr, denn die Zahl der Fälle hat sich in den letzten 15 Jahren in der jungen Altersgruppe verdreifacht.

Die Zahl der Selbstmordversuche hat sich in den letzten 10 Jahren bei jungen Frauen verdoppelt - die Zahl der geglückten Selbstmorde ist aber gefallen.

Das nur mal als Abriss. In dem Bericht ließe sich bestimmt noch einiges interessantes mehr finden.

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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon HeikeBlekinge » 14. Mai 2009 15:28

Gibt es eigentlich in Schweden den Eid des Hippokrates? - Die Frage stelle ich mir gerade mal wieder. Ich habe den noch (in D) geleistet, stehe da auch heut noch zu und bin ueberzeugt, das er auch etwas wert ist ...
www.lilla-koksgarden.se


>Wer wenig weiß redet viel, wer Wissen hat wird neugierig, wer viel Wissen hat schweigt<

nysn

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon nysn » 14. Mai 2009 16:49

Gibt es eigentlich in Schweden den Eid des Hippokrates?


... würde eher sagen die leisten hier den "Eid des Mammon" ... :wink:

Andy
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Andy » 14. Mai 2009 17:33

HeikeBlekinge hat geschrieben:Gibt es eigentlich in Schweden den Eid des Hippokrates?


Naja, das wird in D aber teilweise auch nicht so eng gesehen.
Als ich vorletztes Jahr mit nem Hexenschuß mal eben zum Arzt in der Nachbarnschaft wollte, kam da auch nur die Aussage "Kassenpatienten behandeln wir nicht".

Arzt

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Arzt » 14. Mai 2009 18:51

Ein Hexenschuss ist auch nicht lebensbedrohlich, oder reparierst Du mir mein Auto, wenn ich ´ne Panne habe?
Eid des Mammon, trifft fuer Schweden nicht zu, wegen des Geldes geht kein Arzt nach Schweden.

Samweis
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Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Samweis » 14. Mai 2009 21:02

Hallo,

Arzt hat geschrieben:Ein Hexenschuss ist auch nicht lebensbedrohlich,

Der Zusammenhang wundert mich aber jetzt etwas. Vielleicht hast Du Deinen Eid ja auch bereits vergessen, aber weder im ursprünglichen Eid des Hippokrates noch im heute üblichen Genfer Ärztegelöbnis heißt es irgendwo, dass Hilfeleistungen nur dann zu erbringen sind, wenn das Leben des Patienten bedroht ist.
Allerdings heißt es dort:
Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. [...]
Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch [...] soziale Stellung.

Das scheint mir Kassenpatienten nicht als Empfänger von medizinischen Hilfeleistungen auszuschließen?

Arzt hat geschrieben:oder reparierst Du mir mein Auto, wenn ich ´ne Panne habe?

Früher war es tatsächlich einmal üblich, Pannenhilfe zu leisten.
Heute sind wahrscheinlich zuviele "Ärzte" auf den Straßen...

Viele Grüße

Samweis

nysn

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon nysn » 15. Mai 2009 08:04

Lese gerade in der Göteborgs Posten, dass ein neues Gesetz zur Patientensicherheit geplant ist.

Dabei soll davon ausgegangen werden, dass die Gründe für Fehler immer im System zu suchen sind - nicht in der Verantwortung von Einzelnen:

Ska hitta felen i systemet
Istället för att som nu tvingas peka ut vem eller vilka som har gjort fel, ska det i framtiden räcka med att anmäla själva händelsen. Därefter kommer det att vara Socialstyrelsens sak att utreda. Och det ska ske brett och förutsättningslöst.

En grundtanke i förslaget är att praktiskt taget alla misstag i sjukvården beror på systemfel, som dåliga rutiner eller bristande dokumentation. I den nya lagen finns därför inget personligt ansvarsutkrävande.


http://www.gp.se/gp/jsp/Crosslink.jsp?d ... 1&ref=puff

Spiegelt irgendwie die schwedische Mentalität wider - finde ich. Klingt mir irgendwie auch ziemlich feige, wenn man immer versucht "auszuweichen" und nie bereit ist, sich persönlich auch mal in Frage zu stellen.

Ein Alptraum für jeden Schweden muss folglich sein: Persönliche Verantwortung - und damit dieses Schreckenszenario niemals eintreffen kann, schaffen wir das einfach per Gesetz ab.

Irgendwie kommt es mir vor, als hätte sich ein großer Denkfehler im System eingeschlichen ... :roll:

Arzt

Re: Meine Erfahrungen mit dem schwedischen Gesundheitssystem

Beitragvon Arzt » 15. Mai 2009 09:57

Hallo Samweis,
hatte den Eid nicht vergessen, trotzdem nett, dass Du mich nochmals erinnerst. Wie soll ich es sagen, wo soll man die Grenze ziehen? Es bleibt eben oft nicht beim "Hexenschuss" etc. plötzlich kommen alle Nachbarn und man hat ganz viele "Freunde", die eben mal ein Rezept brauchen oder man wird gebeten sich dies und das kurz mal in seiner ohnehin minimalen Freizeit anzusehen. Ich helfe wirklich gerne, aber ich kann ja auch nicht jeden anquatschen, der gerade den "gesuchten" Beruf hat und seine Dienste in Anpruch nehmen. Ich bezog mich hiermit auf die Freizeit. Wenn der Arzt in Deiner Nachbarschaft als Privater praktiziert würde er mich als Kassenpatient auch nicht behandeln, seine Privatpatienten behandelt er sicherlich im Sinne des geleisteten Eides. Bei etwas Lebensbedrohlichem würde er dich aber auch nicht wegschicken, sofern er die Kompetenz hat, das zu behandeln.
Deine letzte Äusserung finde ich etwas misslungen, ist doch die Rate derer die bei einem Unfall wirklich Hilfe leisten und nicht Fahrerflucht begehn oder dumm gaffend den Unfallort blockieren erschreckend gering. Diejenigen die anhalten und Leben retten, sind wohl eher Ärzte.


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