Krankenversicherung

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mercedes

Krankenversicherung

Beitragvon mercedes » 21. Oktober 2008 16:43

Hallo, ich habe eine Frage. Ich möchte in 2 Jahren mit meinem Mann nach Schweden auswandern, ich bin dann 60 Jahre und bekomme eine Rente. Jetzt zu meiner Frage,
bin ich dann wenn ich in Schweden bin über meine Krankenversicherung weiter Versichert?
Von meiner Rente werden 10% Pflegeversicherung und Krankenversicherung abgezogen!
Wäre toll wenn mir jemand helfen könnte!

Lieben Gruß Mercedes

willibald
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Re: Krankenversicherung

Beitragvon willibald » 12. Dezember 2008 11:23

Hallo Mercedes,

da Schweden zur EU gehört, kann die deutsche gesetzliche Krankenversicherung
weiter bestehen bleiben und hat auch Gültigkeit in Schweden. Allerdings sollte
man beachten, dass man dann auch dort wie ein "Schwede" behandelt wird, also
mit allen Nachteilen, die das Gesundheitssystem bietet. Besser wäre die Suche nach
einer privaten Krankenversicherung für Schweden und Deutschland. Infos gibt es
unter http://www.vfa-info.de

blueII
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Re: Krankenversicherung

Beitragvon blueII » 12. Dezember 2008 12:50

Hej

ob Du Deine Krankenversicherung behalten kannst, solltest Du mit Deiner Kasse abklären.
Vorteil einer "ausländschen" Krankenkasse liegt zumindestens in der relativ freien Wahl der Ärtze.
Du unterliegst dann nicht der örtlichen Vardcentral, wie einer in schweden gemeldeteter und Versicherter.
Privat bringt dir nur was wenn Du hier gemeldet bist (also mit Personnennummer und gesetzl. Krankenversicherung)
So kann man auf "andere" Ärzte zurückgreifen, habe dadurch aber noch keinen Vorteil bemerkt.
Ich weiß aber nicht genügend über ausländische Pensionäre in S, es gibt da wohl andere Regelungen die man anwenden kann.

@Willibald...dies ist nun schon Dein 3.Posting mit Hinweis auf deine Versicherung.
es wäre sehr freundlich dieses Forum nicht als Deine Verkaufsplattform für Verischerungen zu nutzen.
Es gibt die Möglichkeit hier eine Anzeige zu schalten, also nutze diesen Weg!!

LG
Heike

schwedenopa

Re: Krankenversicherung

Beitragvon schwedenopa » 23. Januar 2009 19:44

mercedes hat geschrieben:Hallo, ich habe eine Frage. Ich möchte in 2 Jahren mit meinem Mann nach Schweden auswandern, ich bin dann 60 Jahre und bekomme eine Rente. Jetzt zu meiner Frage,
bin ich dann wenn ich in Schweden bin über meine Krankenversicherung weiter Versichert?
Von meiner Rente werden 10% Pflegeversicherung und Krankenversicherung abgezogen!
Wäre toll wenn mir jemand helfen könnte!

Lieben Gruß Mercedes


Hallo Mercedes,
wenn Du Dich zum Schritt auswandern entscheidest, so gibt es mehrere Möglichkeiten.
Wie verlief es bei mir.
1995 bin ich Krank geworden. Darauf wurde ich dann Berufsunfähig und 2002 Erwerbsunfähig.
Da ich mir 1994 eine alte Kapelle in Schweden gekauft hatte und ich meinen Lebensabend einmal in Schweden verbringen wollte, lebte ich ab 2002 das ganze Jahr
über als Urlauber in Schweden. Hatte aber noch meine Betriebswohnung in Deutschland, die mein Sohn nutzte. Damals mußte ich mich noch bei der Einwanderungsbehörde anmelden und nachweißen, das ich ein geregeltes Einkommen
und eine Krankenversicherung hatte. Also, das ich nicht dem schwedischen Staat auf der Tasche liegen würde.
Seit 2002 lebte ich also hier in Schweden und fand es ganz gut, bis ich voriges Jahr im August einen Herzinfarkt hatte. Jetzt lernte ich das schwedische Krankensystem kennen. Wurde dann auch im September in Linköping operiert.
Im Krankenhaus entschied ich dann aus Deutschland auszuwandern. Es hat zwar noch bis Dezember gedauert, aber dann beantragte ich meine Personennummer und meinen Zuzug zum 01.01.2009. Innerhalb von 14 Tagen hatte ich meine Personennummer und dann habe ich die Krankenkasse beantragt, auf die ich im Moment warte. Gleichzeitig warte ich noch auf die Registrierung meines Autos. Dann kann ich nach Deutschland fahren, mich Abmelden, meine Krankenkasse in Deutschland Kündigen. Spare ich doch den Beitrag für die Krankenkasse hier in Schweden, denn sie ist Kostenlos, auch brauch man hier keine Pflegeversicherung bezahlen. Für dieses Geld kann ich mich dann hier noch privat versichern, wenn ich es möchte.
Wichtig ist auch, das man hier bei einer Bank ein Konto eröffnet, wo dann einmal die Rente überwiesen werden soll. Dabei von der Bank die IBAN-Nummer geben lassen und der Rentenstelle übermitteln, wenn man nach Schweden umzieht.
Das erst einmal fürs Erste. Wenn mehr, dann nachfragen, E-Mail schicken oder Anrufen: 0046/140/70123
Liebe Grüße Schwedenopa

hansbaer

Re: Krankenversicherung

Beitragvon hansbaer » 23. Januar 2009 20:56

blueII hat geschrieben:Du unterliegst dann nicht der örtlichen Vardcentral, wie einer in schweden gemeldeteter und Versicherter.
Privat bringt dir nur was wenn Du hier gemeldet bist (also mit Personnennummer und gesetzl. Krankenversicherung)


Das ist von Län zu Län anscheinend verschieden - ich kann mir meinen Hausarzt frei wählen. Es gibt in Stockholms Län keine Verpflichtung mehr, zur jeweiligen Vårdcentral zu gehen.

@mercedes: nach zahlreichen Debatten zum Thema Gesundheit kann ich dir sagen: je nachdem, wo du landest und was du hast, wirst du dir wünschen, in Deutschland geblieben zu sein. Das System in Schweden hat in weiten Bereichen massive Einbrüche, insbesondere was die Wartezeit auf Behandlungen angeht.

Tommy
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Re: Krankenversicherung

Beitragvon Tommy » 23. Januar 2009 21:52

Und das wird man auch nicht mit einer deutschen Krankenversicherung ändern. Ist man in S ordnungsgemäss angemeldet, unterliegt man der schwedischen Gesundheitskasse und deren Regeln. Da nutzt die D Krankenkasse nichts und kann auch gleich abgemeldet werden. Man kriegt die Mangelgesundheitspflege wie jeder andere Schwede auch.

Sollte man rumtricksen und die deutsche Krankenkasse weiterhin bhenützen durfen, macht das keinen Unterschied, weil die Krankenleistungen nur gewährt in der selben Höhe wie den Einheimischen zugesichert wird.

Drehen und wenden, bei Daueraufenthalt in S wirst du dich mit den miesen Verhältnissen hier abfinden müssen.

schwedenoma

Re: Krankenversicherung

Beitragvon schwedenoma » 30. Januar 2009 00:55

Tommy hat geschrieben:Und das wird man auch nicht mit einer deutschen Krankenversicherung ändern. Ist man in S ordnungsgemäss angemeldet, unterliegt man der schwedischen Gesundheitskasse und deren Regeln. Da nutzt die D Krankenkasse nichts und kann auch gleich abgemeldet werden. Man kriegt die Mangelgesundheitspflege wie jeder andere Schwede auch.

Sollte man rumtricksen und die deutsche Krankenkasse weiterhin bhenützen durfen, macht das keinen Unterschied, weil die Krankenleistungen nur gewährt in der selben Höhe wie den Einheimischen zugesichert wird.

Drehen und wenden, bei Daueraufenthalt in S wirst du dich mit den miesen Verhältnissen hier abfinden müssen.


Warum miese Verhältnisse?
Du bekommst etwas, wofür Du nichts bezahlst. Eventuell nur Steuern. Ich habe das schwedische Krankensystem kennen gelernt. Ich hatte einen Herzinfarkt und wurde in Linköping als Deutscher operiert.
Ich kenne das deutsche Krankensystem und weiß, was ich hier schreibe. Schlimm ist es, wenn du in Deutschland der AOK angehört. 1995 wurde ich Krank. Narbengewebe nach einer Bandscheiben-OP 1988 im Wirbelkanal. Darauf das übliche in Deutschland, Überweisung zum Facharzt. Daraufhin Einbau eines Rückenmarkreizgerätes. Aber ich will es kurz machen. Solange, wie ich für die Ärzte
ein lohnendes Objekt war und für die Ärtze Geld gebracht hatte, war ich willkommen.
Nachdem es zu Ende war, bin ich Heute beim Hausarzt eine Karteileiche und ich kann mir nur noch Medikamente abholen. Nun bin ich Rentner und für deutsche Ärzte
nicht mehr interessant.
Mit dem 01.01.2009 bin ich nach Schweden umgezogen. Die Krankenversicherung ist zwar etwas Mau, aber ich bekomme alles, was meine Gesundheit stabilisiert.
Alle, die Stöhnen, können sich doch Privat extra noch Versichern.
Ich habe die Krankenhäuser in Linköping und Jönköping erlebt. Die Herzlichkeit des Personals kann man mit Deutschland nicht vergleichen. Es geht schon mit dem Wecken und Betten machen los. In Deutschland 4.30 Uhr. Hier in Schweden 6.30 Uhr. TV im Krankenhaus umsonst, in Deutschland mußt du bezahlen. Telefon für 15 Kronen im Monat umgeleitet von Deinem Festanschluß ins Krankenhaus, in Deutschland richtig teuer für Dein Telefon im Krankenhaus. Viele kleine Dinge, die man bedenken sollte.
Im Moment bezahle ich im Jahr 1560 Euro für meine Krankenversicherung und nur zum Abholen meiner Medikamente von meinem Hausarzt. Wollt ihr das auch in Schweden bezahlen? Dazu kommen noch die Praxisgebühr 10 Euro in 3 Monaten und die Medikamentengebühr bei der Apotheke?
Meint Ihr Kritiker, Ihr bekommt für nichts in Schweden zu wenig?

Lucia007
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Re: Krankenversicherung

Beitragvon Lucia007 » 30. Januar 2009 07:04

Liebe Mercedes,

ich möchte nichts kritisieren, weil ich auch keine eigene Erfahrung gemacht habe, ich habe noch nie das schwedische Gesundheitssystem als Patient kennengelernt, nur von anderen aus erster Hand davon gehört.

Aber bevor hier in diesem Beitrag die Fetzen fliegen: es gibt Unterschiede, wo man in Schweden ist. Und es gibt auch genauso Unterschiede in Deutschland. Auch in Schweden muß man für jeden Arztbesuch in der vardcentralen 300 Kronen zahlen, es ist also auch nicht billig und man überlegt sich zweimal, ob man zum Arzt geht oder nicht. Das finde ich auch nicht verkehrt.

Ich hab auch Schlimmes gehört von der Gesundheitsversorgung. Genauso wie in Deutschland.

Es ist doch gut, daß Du gute Erfahrungen gemacht hast. Und ich lese es auch gern. Genauso wie die andere Seite.

Ich denke nur, man sollte auch in diesem Beitrag akzeptieren, daß es unterschiedliche Erfahrungen und Meinungen gibt. In Schweden ist nicht alles toll. In Deutschland auch nicht. Und es ist auch nicht alles schlecht.

lg

Lucia

hansbaer

Re: Krankenversicherung

Beitragvon hansbaer » 30. Januar 2009 09:03

schwedenoma hat geschrieben:Meint Ihr Kritiker, Ihr bekommt für nichts in Schweden zu wenig?


Dass in diesem Land die Krankenversicherung nicht extra bezahlt wird, heißt noch lange nicht, dass man nichts dafür bezahlt. Jeder, der in diesem Land Steuern zahlt, finanziert damit das Gesundheitssystem. Und Steuern zahlt man nicht zu knapp - ich sage nur 25% Mehrwertsteuer.

Hier behauptet ja keiner, dass das deutsche System so wahnsinnig toll ist. Jedoch ist eine Sache, um 4:30 Uhr im Krankenhaus geweckt zu werden, und eine andere, 6 Monate zu warten, bis man in das Krankenhaus kommt, in dem man um 6:30 Uhr geweckt wird. Die Wartezeiten auf jegliche Facharztbehandlungen sind in vielen Teilen Schwedens enorm. Die angestrebten 3 Monate - der Zeitraum ist an sich schon ein Skandal - die zwischen Überweisung und erster Untersuchung vergehen soll, werden vielfach nicht eingehalten. In Deutschland ist vielleicht das Personal nicht so nett, aber dafür wird in der Regel sehr schnell etwas getan.

schwedenoma hat geschrieben:Nachdem es zu Ende war, bin ich Heute beim Hausarzt eine Karteileiche und ich kann mir nur noch Medikamente abholen. Nun bin ich Rentner und für deutsche Ärzte nicht mehr interessant.


Das Argument hinkt aber gewaltig. Das schwedische System ist darauf angelegt, die Zahl der Arzt-Patient-Kontakte so klein wie möglich zu halten. Ich hatte letztes Frühjahr eine kleine Operation. Den Arzt, der mich operiert hat, habe ich nur einmal getroffen, und zwar kurz nach der Operation. Nachkontrolle? Fehlanzeige. Das einzige, was ich vom Krankenhaus gehört habe war, dass sie einmal probiert haben, mich anzurufen, und dass ich Wochen später einen Fragebogen erhielt, wie ich denn die Behandlung so fand. Als der Heilprozess nicht so verlief wie erhofft, gelangte ich mit viel Herumtelefoniererei zu einer Krankenschwester, die sich der Sache annahm. Einen Arzt habe ich dort kein einziges Mal wieder getroffen. Das System mag in Schweden weniger marktgesteuert sein, aber aufgrund des Ärztemangels rennt dir keiner hinterher und fragt dich nach deinem Wohlbefinden.

Das schwedische System krankt nicht an der Qualität der Behandlung, sondern an seinen Unterkapazitäten. Es erlaubt in seiner momentanen Ausstattung an vielen Orten nicht mehr, den aufgelaufenen Patientenstau abzuarbeiten. Die Folge sind monatelange Wartezeiten, in denen die Beschwerden wahrscheinlich nicht besser werden, was in der Folge mehr Behandlungskosten und -aufwand verursacht - und mehr Frust beim Patienten.
Anstatt die Steuern zu senken (ich hatte letzten Monat 60 kr mehr - konnte mich vor Freude kaum halten), hätte man dieses Geld besser in den Ausbau des Gesundheitssystems stecken sollen.

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Re: Krankenversicherung

Beitragvon Distriktläkare » 30. Januar 2009 10:34

Ich habe mich - berufsbedingt - ziemlich intensiv mit den verschiedenen Gesundheitssystemen befasst. Zur Zeit bin ich in Deutschland als Allgemeinmediziner in einer Landarztpraxis tätig, davor war ich zwecks Weiterbildung einige Jahre in verschiedenen Krankenhäusern und habe außerdem ein paar Abschnitte im Ausland (in erster Linie England bzw. Wales) verbracht. Zudem habe ich mich etwas intensiver mit dem dänischen Gesundheitssystem befasst.
Mein Fazit: Wenn man mal alle Pros und Cons zusammennimmt (von denen selbstverständlich jedes System welche hat), ist das schwedische Gesundheitssystem zumindest ganz oben dabei und liegt - gerade was Kosteneffektivität bzw. -effizienz - angeht, deutlich vor Deutschland. Günstiger ist da eigentlich nur das dänische Gesundheitswesen. Ob man mit seinem Gesundheitssystem zufrieden ist, ist immer eine Frage des Standpunktes (wie Schwedenopa/Schwedenoma schon sagte).
In Deutschland hat man als Patient einige Vorteile: Man kann zu jeder Zeit seinen Arzt besuchen, einfach hingehen und sich ins Wartezimmer setzen oder anrufen und einigermaßen glaubhaft versichern, dass man nicht kommen kann, dann kommt der Doktor mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch am selben Tag zum Hausbesuch (allein schon aus rechtlichen Gründen, da man am Telefon in Deutschland keine Diagnosen stellen darf). Man darf - wenn man Lust hat - aber auch direkt unter Umgehung des Hausarztes zu fast jedem beliebigen Facharzt gehen, die es ja zuhauf gibt. Augenjucken? Zum Augenarzt! Ohrenschmalz? Zum Ohrenarzt! Rückenweh? Zum Orthopäden! etc. (bewusst jetzt etwas plakativ dargestellt). Dieser Haufen Fachärzte will natürlich Geld aus dem ambulanten Ärztetopf, und natürlich will man ja auch seine Praxis abbezahlen, seine Mitarbeiter ernähren, seine Kinder auf eine gute Schule schicken etc. Die Folge? Entweder mehr in den Topf (aber woher nehmen?) oder den Ambulanztopf zuungunsten des stationären Topfes aufstocken (mit resultierender Unterfinanzierung der Krankenhäuser) oder allen Ambulanzärzten weniger zahlen. Oder den Fachärzten mehr und dafür den Allgemeinärzten weniger bezahlen (was momentan in erster Linie passiert). Dies führt allerdings auch zu Problemen, denn so ganz auf den Hausarzt verzichten will man ja auch nicht, zumal in ländlichen Gebieten. Aber wie kriegt man diesen Spagat hin? Das wird sich in 5-10 Jahren zeigen, wenn das System endgültig zusammengebrochen ist. Eines der richtig großen Probleme in Deutschland ist die Vielzahl an Krankenversicherungen. Momentan sind es 347 (!!!) Krankenkassen, die alle ihre Verwaltungen haben, die viel vom Gesundheitsbudget verschlucken. Sicher, davon sind 300 relativ bedeutungslos, aber geben tut es sie gleichwohl. Nun wird im Zuge der Gesundheitsreform ein Großteil dieser Kassen pleitegehen, aber danach bleiben immer noch zu viele Kassen übrig. Ein weiteres Problem ist der Pharmasektor. In Deutschland kosten Medikamente im europäischen Schnitt am meisten, wobei ein Problem wiederum die hohe Zahl an Apothekern (Privatunternehmer) ist, die ja auch finanziert werden wollen. Wie erfolgt diese Finanzierung? Über die Medikamente, die über den Tresen gehen. Von jedem Rezept (bei rezeptpflichtigen Medikamenten) bekommt der Apotheker etwas mehr als 8 Euro. So kommt es, dass ein Schmerzmittel in der kleinsten Packung schon 11 Euro (statt 2,80 Euro) und in der Großpackung 17 Euro (statt 8,80 Euro) kostet. Wie versucht man gegenzusteuern? Durch pushen des Generikamarktes! Forschung wird immer unattraktiver, Medikamente werden nur noch möglichst kostengünstig kopiert unter Verwendung billigerer Hilfsstoffe, was wiederum zu vermehrten Nebenwirkungen führt (z.B. werden stärker allergen wirkende oder sich langsamer auflösende Hilfsstoffe statt der ursprünglich unter pharmakodynamischen Gesichtspunkten ausgewählten Hilfsstoffe verwendet -> größere Medikamentenunsicherheit "aber noch im tolerablen Rahmen [Politik]"). Außerdem ist da die Verunsicherung der Patienten, die nicht verstehen, warum sie plötzlich ein ganz anderes Medikament bekommen als all die Jahre. Sie sind Misstrauisch, nehmen es erstmal nicht ein oder nehmen es zusätzlich zu dem bisherigen Medikament ein (Vergiftungsgefahr). An die Wurzel des Übels traut man sich in Deutschland aus politischen Gründen nicht.
Ein weiterer Nachteil des deutschen Systems ist der Zwang zur Konkurrenz. Gerade in den Städten, wo eine relative Überversorgung mit Ärzten aller Fachrichtungen besteht, wird mit allen möglichen Werbemachen und Zusatzleistunegn (sog. IGEL-Leistungen) versucht, mehr Patienten anzulocken bzw. mehr Geld aus den Patienten herauszuholen, um mit der Praxis bei sinkender Bezahlung durch die Krankenkassen einigermaßen über die Runden zu kommen. Das hinterlässt bei den meisten Ärzten und auch bei den Patienten oftmals ein ungutes Gefühl, da man als Arzt einerseits Schwierigkeiten damit hat, Sachen "für Geld" anzupreisen und als Patient nie weiß, ob man jetzt über den Tisch gezogen wird oder für etwas wirklich sinnvolles bezahlt. Das ist ziemlich schädlich für die Arzt-Patient-Beziehung, die eigentlich auf Vertrauen und Respekt beruhen sollte.
Das also zu Deutschland. Die Folge für mich (und viele andere (Allgemein-)Ärzte): Lieber woanders hin.
Kommen wir zu Schweden: Der große Vorteil des schwedischen Gesundheitssystems ist seine zentrale Organisation. Der große Nachteil des schwedischen Gesunheitssystems ist seine zentrale Organisation. :wink:
Als Patient ist man in Schweden zunächst mal Bittsteller. Man muss (meist) in der für einen zuständigen vårdcentral anrufen und kriegt eine sköterska ans Rohr, der man erstmal alles erklären muss. Den Arzt direkt anrufen, wie in Deutschland, kann man nicht. Wenn man ihr alles erklärt hat, ist man scheinbar ihrer Willkür ausgeliefert. Entweder gewährt sie eine Audienz beim Arzt ( :wink: ) oder nicht, Hausbesuche werden meist abgelehnt oder wenn dann eher durch eine Ambulanzschwester durchgeführt. Wenn man einen Arzttermin bekommt, ist es nicht sicher, dass dieser am selben Tag stattfindet (außer in eindeutig dringenden Fällen). Zum Facharzt wie in Deutschland kann man nicht ohne Überweisung des "Hausarztes", und dieser wird in den meisten Fällen erstmal selber behandeln und einem den Facharztbesuch "verwehren". Wenn man es anders gewöhnt ist, empfindet man das sicherlich als Gängelung und schlechte Versorgung. Aber: Ich als Allgemeinmediziner finde das System richtig. Fachärzte sind teilweise ziemliche Fachidioten (nicht persönlich gemeint): Schildere Deine Symptome einem Chirurgen, einem Internisten, einem Orthopäden oder einem Gynäkologen, und dalle werden erstmal eine Diagnose aus ihrem eigenen Fachgebiet stellen. Auch therapeutisch sind die einzelnen Fächer natürlich auf bestimmte Repertoires festgelegt.
Schildere Deine Symptome einem breit ausgebildeten Allgemeinarzt (z.B. distriktläkare) und er wird eine Synthese aus den einzelnen Fachgebieten machen und eine übergeordnete, pragmatische Diagnose stellen und eine eher ganzheitliche Therapie durchführen. Oder - wenn er es für nötig hält - gezielt zu einem aus seiner Erfahrung sinnvollen Spezialisten überweisen. Wenn der Patient erstmal merkt, dass er mit jedem Problem zu seinem distriktläkare kommen und der ihm gut helfen kann, wird er das System schnell akzeptieren. Wenn nicht, wird er sicher immer dem deutschen System hinterhertrauern und sich unterversorgt fühlen.
Zum Thema Fachärzte: Hier liegt sicherlich der größte Knackpunkt des Systems. Aus Kostengründen sind die niedergelassenen Fachärzte bewusst stark dezimiert und die restlichen an die Krankenhäuser angegliedert worden. Ziel: Breite Versorgung durch Allgemeinärzte ("gut und billig"), nur in Spezialfällen Versorgung durch Fachärzte, und dann nur in begrenztem Umfang ("der macht nur das was auf der Überweisung steht").
Durch die geringe Zahl an Fachärzten ist das System ziemlich kostengünstig, aber man muss alnge auf einen Facharzttermin warten, gerade in den orthopädisch-operativen Bereichen. Teilweise auch im Bereich der Tumorchirurgie. Daran müsste man sicher arbeiten, wobei ein weiteres großes Problem jedes staatlichen Gesundheitswesens die Starre des Systems darstellt. Bis sich da was ändert, vergeht immer viel Zeit. Ein weiterer oft gehörter Kritikpunkt ist sicher die mangelnde Konkurrenz unter den Ärzten. Es heißt: "Egal ob du als Arzt gut oder schlecht, fleißig oder faul bist, du verdienst das gleiche Geld." Das ist sicherlich so richtig, aber man hat als Arzt ja auch einen gewissen Anspruch an sich selbst und wird ja durch die Patienten auch an seiner Leistung bzw. seiner Zuwendung gemessen. Naja.
Kurz noch zum dänischen System: Das ist dem schwedischen System sehr ähnlich, der einige wesentliche Unterschied ist, dass die meisten Allgemeinärzte in eigenen Praxen tätig sind, die breiter gestreut sind. Fachärzte findet man auch in Dänemark fast nur an den Krankenhäusern (bis auf die eine oder andere Orthopädie- oder Gynäkologiepraxis). Das Gesundheitssystem ist ebenfalls staatlich, d.h. alle rechnen statt mit diversen Krankenkassen direkt mit dem Gesundheitsministerium ab. Das englische System ist ähnlich, nur komplett unterfinanziert und bricht deswegen ständig merh oder weniger zusammen.

So, nun bilde sich jeder seine Meinung.

LG

Thomas

p.s. Ein weiterer Vorteil des schwedischen Systems: Wenn Du einen Termin bei Deinem Arzt hast, hat der auch richtig Zeit für Dich. Man kann mehrere Sachen in Ruhe bereden, steht nicht unter permanentem Zeitdruck wie in Deutschland, wo das Wartezimmer in der Regel so voll ist, dass man immer irgendwie unter Zeitdruck ist.


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