Jantelagen

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Imrhien
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Jantelagen

Beitragvon Imrhien » 12. September 2008 16:10

Hej,
in einem anderen Beitrag kam letztens mal wieder Jantelagen auf. Da wurde es so beschrieben:
Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.

Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.
Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
Du sollst nicht über uns lachen.
Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

So oder so ähnlich habe ich es schon öfter gelesen und muss sagen, dass ich immer wieder schockiert bin.
Für mich es es selbstverständlich, dass alle Menschen gleich sind, sich niemand als was besseres fühlen soll. Darüber hinaus finde ich Jantelagen, wenn es so ausgelegt wird, ziemlich übel. Man soll nicht denken, dass man anderen helfen kann???? Man soll nicht denken, dass man selbst gut ist???? Das finde ich sehr traurig und es beschäftigt mich sehr. Immer wieder beobachte ich die Menschen hier und stelle erfreut fest, dass zumindest hier in der Stadt niemand (den ich kenne) daran festzuhängen scheint.
Jetzt habe ich aber ein Jantelagen entdeckt, oder sagen wir vielleicht eine andere Auslegung, die mir sehr gut gefällt.
Leider kann ich sie nicht kopieren, ich habe sie in einem Klassensaal einer 6. Klasse gelesen.
Inhaltlich geht es aber darum, dass man sich gerade als was besonderes fühlen soll. Nicht besser als die anderen, die sind ebenfalls etwas besonderes. Man soll gerade daran glauben, dass man wertvoll für die Gemeinschaft ist, dass jeder andere Eigentschaften hat, die besonders und herausragend sind. Jeder soll merken, dass er eine Stütze für andere ist aber auch die Hilfe der anderen annehmen soll/kann.
Mehr oder minder sagt es das gleiche was wohl die meisten mit Jantelagen verbinden, es ist aber so formuliert, dass man es auch genauso erkennen und deuten kann.
Nun bin ich sehr erleichtert, denn auch wenn es vielleicht woanders in Schweden andere Jantelagen gibt, so ist für mich "das Schweden" in dem ich lebe entscheident und da fühle ich mich mehr und mehr wohl.

Ich wollte einfach mal kundgeben, dass es wohl auch anders geht als es meist dargestellt wird. Zumindest hier im Västmanland... (den Rest kenne ich nur vom Urlaub oder gar nicht, da kann ich es nicht beurteilen). Wie sind Eure Erfahrungen?

Grüße
Wiebke

Hans

Re: Jantelagen

Beitragvon Hans » 12. September 2008 16:43

Jante hin und her

Jante soll nicht so buchstablich aufgefasst werden.

Jante ist auch, dass der Dr.Med. Professor
nicht als mehr ist als der Klempner im Haus weiter unten.

Und das ist ja was underes.
Hier wird keiner mit Herr Doktor angeredet.
Man macht sich nicht den Buckel krumm.
Das ist Jante auch.

Man soll sich nicht was einbilden.

Hier ist Du und hej.

Grüsst
H :smt006 ans

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Re: Jantelagen

Beitragvon Imrhien » 12. September 2008 18:48

Hans hat geschrieben:Man soll sich nicht was einbilden.

Hier ist Du und hej.


Hallo Hans,
das ist ja gerade der Teil von Jante, den ich gut finde. Nur, so wie ich es eben teilweise lese und verstehe, kommt es mir halt ein wenig extrem vor. Dass niemand denkt er wäre was besseres, ist toll. Aber, dass das teilweise solche Auswüchse annimmt, dass Kinder nicht stolz darauf sein dürfen, wenn sie gut in der Schule sind (habe ich mehrfach von gehört, nie selbst erlebt), finde ich nicht gut. Daher war/bin ich ja dem Jante gegenüber so kritisch. Ich war sehr erleichtert als ich in dieser Schule diese Auslegung gelesen habe. Auch sie legt ja Wert darauf, dass niemand mehr wert ist. Aber es wird eben auch betont, dass jeder etwas besonderes ist und damit ein wichtiger Teil des Ganzen. Man kann in einer Sache besser sein als andere. Das bedeutet ja nicht, dass man ein besserer Mensch ist. Und diese Unterscheidung ist mir wichtig. Da ich auch glaube, dass das jantelagen eben nicht in ganz Schweden so ausgelegt wird, wie es oft Einwanderer schildern (oder ich hoffe es eben, dass es so ist), wollte ich nochmal hören wie Ihr das so erlebt.

Danke.
Grüße
Wiebke

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Re: Jantelagen

Beitragvon snickare » 12. September 2008 19:42

Davon hab ich ja noch nie gehört.
Was bedeutet Jantelagen?
Man darf nicht was besser können oder in der Schule in irgendwas besser sein *shock*
Das ist ja hinderlich für die schulische Entwicklung, denn Talente sollen doch gefördert werden, jeder soll wissen was er gut kann und was ihm nicht so liegt. Ist ja auch entscheidend für die Berufswahl?
Oder missverstehe ich das hier jetzt?

Wie sieht es denn in der Hochbegabtenförderung aus?

nysn

Re: Jantelagen

Beitragvon nysn » 12. September 2008 20:23

Gerade, was die Schule anbelangt und da besonders in den niedrigen Klassen - und sogar schon im Kindergarten, muss ich sagen, dass ich es bisher so erlebt habe, dass man den Kindern gegenüber enormen Respekt aufbringt. Am ersten Tag im Dagis, z. B. , war ich echt platt, wie die "fröken" Rücksicht genommen haben, schon alleine, wie das Kind angesprochen wurde - mein Sohn wurde immer mit einbezogen, auch als er noch keinen Pieps geredet hatte.

Ich war eigentlich in dieser Hinsicht sehr, sehr zufrieden mit der schwedischen Schule und wo man möglicherweise etwas davon merkt, dass "keiner etwas besseres sein soll, als der andere" ist eher, dass darauf Rücksicht genommen wird, dass alle dabei sein dürfen - keiner soll irgendwie ausgeschlossen werden.

Das hat nichts damit zu tun, dass man seine besonderen Fähigkeiten nicht zeigen soll - im Gegenteil. Die Kinder werden sogar aufgemuntert, sich positiv gegenüber dem anderen zu äußern. Ich habe z. B. immer noch eine Karte am Kühlschrank hängen, die mein Sohn mal zum Schulabschluss (ca. 1. Klasse) vor der ganzen Klasse samt versammelten Eltern von seinem "Fröken" vorgelesen bekam.

Die Kinder sollten sich positive Eigenschaften übereinander ausdenken - und zwar ging man vom Vornamen jedes Kindes aus - zu jedem Buchstaben also eine positive Eigenschaft. Alexander hörte sich dann z. B. so an:
A nsvarsfull
L ysande
E xtra glad
X emplarisk
A rtig
N yfiken
D uktig
E xtra bra på att läsa
R olig

Jedes Kind wurde der Reihe nach hervorgehoben und jedes stand bei der Abschlussfeier im Mittelpunkt. Das fand ich sehr schön. Mein Sohn geht jetzt in die 8. Klasse und er geht wirklich gerne in seine Schule.

Das mit dem "Jante" hatte ich in einem anderen Posting wieder aufgenommen - da ging es aber eher um das Öffentlichkeitsprinzip (dass jeder, quasi alles über den anderen erfahren kann, wenn er so möchte). Da muss ich der Ehrlichkeit halber auch sagen, dass ich diesen "Jante"-Text ziemlich provokativ zitiert hatte und dieses Posting kam schnell, aber nicht unbedingt "durchdacht".

Es ist gut, wenn dann Hans uns alle etwas objektiver informiert (oder in diesem Falle mich) wieder etwas auf den Boden der Realität zurückbringt! :D

Hochbegabtenförderung - im Sinne von Spezialschulen für besonders begabte Kinder - gibt es - denke ich - in Schweden tatsächlich nicht. Wäre mir jedenfalls neu.

S-nina

Hans

Re: Jantelagen

Beitragvon Hans » 12. September 2008 20:51

Danke Nina

Deine Worte über mich erfreuen mein altes Herz.

Leider kann es oft in der Schule so sein,
dass die, die am meisten Krach machen bestimmen
in welcher Höhe die Latte/ribban liegen soll.
Und das ist natürlich ein Problem.

Eine Anleitung vom unserem Umzug von Stadt auf Land.

Unsere Jüngste fühlt sich wohl und die Ältere kommt langsam aber sicher
wieder in die Gänge.

Da ist die Nähe der Universitet ein wichtiger Faktor.


Grüsst
H :smt006 ans

snickare
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Re: Jantelagen

Beitragvon snickare » 12. September 2008 21:07

@nina

im Sinne von spezialschulen hab ich eh nicht gemeint, gibt es in österreich auch nicht.
Nein, aber ich mein im Sinne davon, dass die Kinder individuell unterrichtet werden. Wenn ein 7 jähriger zum Beispiel schon Flächen berechnen kann, dies aber erst für die Altersstufe 10 vorgesehen ist, ob die das dann trotzdem machen können oder ob sie in ihrer Entwicklung gebremst werden und das machen müssen, was alle 7 jährigen in der klasse machen.

In die andere Richtung hin ist es ja üblich, dass Kinder die Lernschwierigkeiten haben oft noch ganz weit im Lehrbuch zurückgehen und im Klassenschnitt nicht mithalten (müssen) sondern einfach Aufgaben auf ihrer Stufe erhalten, während die anderen schon ganz andere Sachen machen.

Weißt du was ich meine?
Die Förderung von schwachen Schülern soll in Schweden ja top sein.
Aber werden Kinder, die schneller sind als die anderen auch gefördert? Nicht im Sinne von Spezialschulen, sondern mit individuellen Aufgaben, so wie die langsameren Schüler?

Let it be

Re: Jantelagen

Beitragvon Let it be » 12. September 2008 23:33

Hochbegabtenförderung war bis vor kurzem in Schweden tabu - weil ja alle Menschen gleich sind und keiner was besseres sein darf: ein direktes Ergebnis des Jantelagen. Dazu hat Prof. Roland Persson von der Hochschule in Jönköping viele Bücher und Artikel geschrieben.

Mittlerweile soll es - jedenfalls in Stockholm - an einem oder einigen Gymnasium/en - sogenannte elitklasser geben, wo die Kinder tatsächlich lernen dürfen, wie ihnen das kluge Hirn gewachsen ist.

Ansonsten war Besser-sein als die anderen in der schwedischen Schule bis heute eigentlich immer tabu. Schüler konnten echte Probleme kriegen, wenn sie mehr lernen wollten oder weiter waren als die anderen. Das wurde übrigens schon in vielen Schweden-Foren berichtet, vielleicht sogar auch hier.

Hier ein Link zum schwedischen Mensa-Club und dessen Nachrichten zur Kinderförderung in Schweden

http://www.mensa.se/content/view/45/94/

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Re: Jantelagen

Beitragvon Imrhien » 13. September 2008 09:49

Hej,

mir ging es auch nicht darum zu behaupten, dass in Schweden alle an "diesem" Jante festhalten wie Du es geschrieben hattest, das weiss ich schon. Allerdings bin ich schon recht häufig darüber gestolpert und witzigerweise waren es fast immer Nichtschweden die darauf so bestanden hatten und behaupteten, dass sie es entweder 1000% unterschreiben oder aber riesen Probleme dadurch hatten... Bei mir rief das immer ein Unwohlsein hervor, da ich ja selbst diese Erfahrungen noch nicht gemacht hatte und irgendwie Angst davor hatte. Es gibt sie vermutlich, die Fanatiker, die genauso daran festhalten. Aber es gibt ebenso viele (oder gar mehr?) die das eben sehr entspannt, schwedisch lagom sehen. Das finde ich schön.
Deine Erfahrung in der Schule, kann ich aus der förskola meiner Kinder nur teilen. Und auch aus den Schulen die ich jetzt aus der Arbeit kenne, kann ich bestätigen, dass sie die Kinder sehr individuell betrachten und entsprechend fördern. Eine Begabtenförderung gibt es allerdings hier wirklich nicht so sehr. Ich habe auch nohc nicht erlebt, dass jemand Nachhilfe hatte. Die Schule versucht das alles abzufangen. Manchmal sehr gut, manchmal aber leider nicht. Das Schulsystem hat wohl ebenso seine Tücken wie jedes andere auch. Man muss nur länger dahinter schauen. Es ist nicht schlechter, nur anders, wie man hier so schön sagt :)
Und auch ich finde es schön, wenn Hans aus seiner Sicht die Dinge kommentiert. Schliesslich ist er schon sehr lange da und hat entsprechende Erfahrungen. Es heisst für mich aber nicht, dass die Meinungen der anderen weniger Wert sind, und da bin ich mir sicher, das sehr wir alle so.
Jeder hat seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit Schweden. Das spannendste hier ist doch sie miteinander zu vergleichen und die eigene Meinung immer wieder mal zu hinterfragen, auf die andere Seite der Wiese zu schauen und zu prüfen ob das Gras da wirklich grüner ist, oder nur so aussieht.
Grüße
Wiebke

skvs
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Re: Jantelagen

Beitragvon skvs » 13. September 2008 10:44

Also, hier wird gerade Jantelagen total missverstanden.

Jantelagen kommt aus dem Roman von Aksel Sandelmose, der da heisst: "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur" (En flyktning krysser sitt spor) von 1933. Er lebte von 1941-45 im schwedischen Exil, war aber Norweger, der in Dänemark aufwuchs.
"Der Ausdruck Janteloven bzw. Jantelagen ist in allen skandinavischen Ländern gebräuchlich und allgegenwärtig. Er ist eindeutig negativ behaftet und bezeichnet einen Zustand geistiger Enge und Konformität in einem Kleinstadtmilieu. Das Jantegesetz beschreibt den kulturellen und politischen „Code“ des Umgehens miteinander, nach dem es verpönt ist, sich selbst zu erhöhen oder sich als besser und klüger darzustellen als andere." Aus Wikipedia

Dabei war Jante ein erfundenes Dorf. Sandelmose versuchte Gesellschaftskritisch diese Enge des Denkens in diesen Gesetzen auszudrücken.


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