In Schweden ist Bildung nicht viel wert

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Bildung?

In Schweden ist Bildung nicht viel wert

Beitragvon Bildung? » 1. April 2012 12:00

Hallo,

in nachstehendem Artikel im Svenska Dagblad beschreiben einer der angesehensten Geschichts-Professoren Schwedens und eine Lehrerin den allgemeinen Niedergang und die Geringschätzung der Bildung in Schweden - sowie die Auswirkung auf die Lehrerausbildung. Als zugrunde liegende Ursache geben sie an, dass allzu viele Schweden Bildung verabscheuen, sie für anstrengend, snobistisch oder auch als einfach unnötig betrachten.

http://www.svd.se/opinion/brannpunkt/vi ... 968105.svd

Ist leider wahr.

Gernot

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Re: In Schweden ist Bildung nicht viel wert

Beitragvon Realist » 12. April 2012 08:29

Nicht viel wert würde ich nicht direkt sagen, aber der Weg dorthin ist den meisten (jungen) Menschen zu anstrengend, scheint es mir. Ist wie in Deutschland (bitte korrigiert mich, wenn sich das in den letzten fünf Jahren geändert haben sollte!): Partygesellschaft!
Und passend zum Thema habe ich neulich im SPIEGEL einen Artikel über die ach so gestressten Schulkinder gelesen, die von Anforderungen überhäuft und überrannt werden...

In Schweden will ja man vor allem keinen Zwang auf irgendjemanden ausüben - gilt auch für die Schüler. Also keine Noten bis zur 6. Klasse (und selbst das wird von vielen schon als unerträglich angesehen) und auch sonst: Nur keinen Stress! Den Gedanken, dass das die Leute sind, die später irgendwann einmal ins Arbeitsleben einsteigen sollen und/oder ein Land führen verdrängt man besser.

Ich sehe das deutlich an meinem "Bonusbarn": Der ist jetzt fast mit der 3. Klasse fertig und liest und rechnet immer noch wie ein Erst- oder Zweitklässler. Wenn man sich dann mit ihm hinsetzt und ne Stunde Rechnen oder Lesen übt, wird das als unglaublicher Einschnitt in die persönliche Freitheit angesehen - man könnte ja anstelle sinnlose DVDs gucken, Computerspiele machen oder Godis in sich hineinstopfen.

Der Lehrerberuf ist in Schweden auch deshalb nicht sehr angesehen, weil die Lehrer praktisch keine Autorität in der Schule haben. Die Kinder machen im Grossen und Ganzen was sie wollen. Ich arbeite viel in Schulen und Vorschulen in allen Teilen Stockholms und kann fast täglich mitverfolgen, wie die Kinder den Erwachsenen auf der Nase herumtanzen.

Ein schönes Beispiel für schwedische antiautoritäre Erziehung am Schluss: Eine Mutter sitzt mit ihrem 10jährigen Sohn in unserer Küche und bitte ihn, etwas aus dem Wohnmobil zu holen, das vor dem Haus stand. Der Sohn reagierte mit deutlicher Ablehnung auf das Ersuchen seiner Mutter. Da sagte sie: „Es wäre schön, wenn du mir helfen würdest – aber wenn du das nicht tust, bist du trotzdem der allerbeste Sohn auf der Welt.“ Also, an dem Erlebnis knabbere ich noch heute…

Jörg

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Re: In Schweden ist Bildung nicht viel wert

Beitragvon Tulipa » 12. April 2012 10:47

Ja,
Kinder, Eltern und Lehrer finden die oft in wenigen Minuten zu erledigenden wöchentlichen Hausaufgaben völlig ausreichend oder oft schon zu viel der Anstrengung. Werden sie wiederholt "vergessen", macht überhaupt nichts. Hauptaufgabe der Lehrer ist dann, den Schüler deswegen nicht vor der Klasse blosszustellen und irgendwie als genau so tüchtig und fleissig wie die anderen darzustellen.

Ganz anders sieht es aber im Sport aus: Hier geht Angst um, die Kinder könnten abgehängt werden, wenn sie nicht mit 4-5 Jahren oder spätestens mit Schulbeginn mindestens eine Sportart trainieren. Da ziehen sich 6jährige nach dem Turnen sofort zum direkt anschliessenden Fussballtraining um. 3-4 verschiedene Sportarten gleichzeitig ist in dem Alter nicht unüblich. Oder man hört beunruhigte Eltern, ihr Kind mache "nichts", Schulunterricht und Freizeitbetreuung zählt also gar nicht.

LG
Tulipa
man vet aldrig, vem som finns där ute


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