Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

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Cordula
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Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Cordula » 17. August 2009 14:10

Hausunterricht in Schweden

Was bisher möglich war, soll jetzt abgeschafft werden: Das Recht der Eltern, ihre eigenen Kinder zuhause zu unterrichten.

Die Reichsorganisation für Hausunterricht in Schweden (Rohus) ist dabei, eine Petition zu verfassen, die bei der Regierung eingereicht werden soll. Außerdem werden Unterstützungsunterschriften gesammelt.

Alle Eltern sollten das Recht haben, ihre Kinder selbst zu erziehen und dies nicht fremdem, systemkonformem Lehrpersonal überlassen zu müssen. Die BRD ist bisher weltweit das einzige Land, das den Hausunterricht verbietet, nun ist es Ziel der Regierung, daß Schweden diesem Beispiel folgen soll.

Deine Unterschrift wird benötigt! Unterstütze auch Du uns dabei, diese Freiheit, unsere Kinder selbst unterrichten zu dürfen, behalten zu können! Vielleicht wird dann auch BRD gezwungen sein, diese familienfeindliche Regelung zu überdenken. Im Rahmen der EU sollte jedem das gleiche Recht zustehen!

Für diejenigen von uns, die in Schweden wohnen, gilt folgender Link zur Unterschriftenliste:
http://rohus.nu/?Namninsamling

Alle diejenigen, die außerhalb Schwedens wohnen, unterschreiben bitte hier:
http://rohus.nu/?English_information:Petition

Hier ein Erfahrungsbericht aus Schweden, der auch einige Fragen betreffend Hausunterricht beantwortet:

[H4]Heimunterricht- ein Erfahrungsbericht aus Schweden[/H4]

Wir sind eine Familie mit drei Kindern, die zuhause unterrichtet werden. Die Kinder würden im Herbst die Klassen 6, 4 und 1 besuchen, aber wir beginnen dann stattdessen unser drittes Jahr mit Heimunterricht.

Dadurch, dass ich die wichtigsten Fragen einmal beantworte, denen wir als heimunterrichtende Eltern begegnen, hoffe ich, dass noch mehr Familien die Möglichkeit des Heimunterrichtes erkennen.

Wie funktioniert Heimunterricht?

Man kann den Heimunterricht in drei verschiedene Arten mit einer Menge Zwischenvarianten einteilen.

Die erste und diejenige, an die die meisten denken, wenn sie den Begriff Hausunterricht hören, ist das, was wir „Schule zuhause“ nennen. Das heißt, man hat eine Art Kursplan und Schulbücher und unterrichtet die Kinder unter schulähnlichen Verhältnissen. Der große Vorteil hiermit ist, dass man nur etwa eine Stunde täglich benötigt, um mit dem gewöhnlichen Schulunterricht mitzuhalten, und wenn man mehr unterrichtet, erhält man schnell einen Vorsprung. In der Schule wird nämlich viel Zeit damit verbracht, Hausaufgaben durchzugehen, Prüfungen zu schreiben, Ordnung unter den Schülern zu schaffen usw. Für den eigentlichen Unterricht bleibt da nicht viel Zeit übrig. Der Hausunterricht mit unmittelbarer Konzentration auf das Kind und der Möglichkeit, eventuelle Schwierigkeiten unmittelbar zu überbrücken, wird damit unerhört effektiv.

Die zweite Variante des Hausunterrichtes ist die mehr projektorientierte. Für jede Woche, jeden Monat oder jedes Halbjahr oder einen anderen Zeitrau wählt man ein oder mehrere Projekte oder Studien, auf die man alle anderen Übungen abstimmt. Wenn man zum Beispiel Eichhörnchen kennenlernen möchte, kann man Texte über Eichhörnchen lesen (Unterrichtsfach Deutsch), Eichhörnchen malen (Unterrichtsfach Kunst), spielen oder über Eichhörnchen singen (Musik), rechnen, wiegen, messen von Dingen, die im Zusammenhang mit Eichhörnchen stehen (Mathe), Verbreitung von Eichhörnchen (Geographie), Verhalten von Eichhörnchen (Biologie) usw.

Eine dritte Art, Kinder zuhause zu unterrichten, die diejenige ist, die wir gewählt haben, auch wenn andere Teile durchaus vorkommen, ist das, was man „Nichtschule“ nennen könnte, oder aber „durch Interesse lernen“. Vereinfacht beinhaltet das, dass man Vertrauen darin hat, dass der Mensch durch seine Natur neugierig ist und die Welt um sich herum begreifen und sich zu eigen machen möchte. Das machen Kinder als auch Erwachsene durch Erfragen von Dingen, die sie nicht verstehen, und das Üben von Fähigkeiten, von denen man Nutzen hat und sich deshalb aneignen möchte. Was soll es einem nützen, Dinge zu erlernen, von denen man keinen Nutzen hat, und an denen man nicht interessiert ist?

Ein Kind lernt, indem es ältere Kinder und Erwachsene nachahmt und weil es ihm praktisch erscheint. Genauso erlernen sich Kinder die Sprache: Sie wollen kommunizieren und ihre Bedürfnisse auf einfacherem Wege befriedigt sehen.

Wir, die wir diese Art von Hausunterricht gewählt haben, glauben nicht, dass ein Kind im Alter von sieben Jahren aufhört, auf diese Weise zu lernen, und dass man ihm deshalb anfangen muß zu drohen und es zu bestechen, damit es weiterhin lernt, um dann im Alter von 16, 19 oder 25 Jahren als ausgelernt betrachtet zu werden.

Nein, wir glauben, dass Menschen ihr ganzes Leben lang lernen, und es ist dieser Drang, den wir bei unseren Kindern bewahren und fördern wollen. Es ist ja so, dass man die Fähigkeiten, die man sich aus Interesse und Neugierde aneignet, viel schneller lernt und außerdem sein ganzes Leben lang behält; im Gegensatz zu den Kenntnissen, die man sich gezwungenermaßen aneignet, nur das notwendigste lernt und dann ganz schnell wieder vergisst.

In der „Nicht- Schule“ sind es die Kinder, die durch ihre Fragen den Kursplan bestimmen, da sie dann am motiviertesten sind und bereit, sich dieses Thema anzueignen.
Also machen wir es umgekehrt als in der Schule, wo der Lehrer fragt und die Kinder antworten. Damit, dass man bei der „Nicht- Schule“ auf die Fragen der Kinder wartet, schafft man einen Unterricht „mit Rückenwind“.

Warum wählt man Heimunterricht?

Hier kann man nichts Allgemeines sagen, jeder entscheidet sich aus seinen eigenen Gründen dazu. Es kann zum Beispiel Unzufriedenheit mit der Schule sein, Mobbing, religiöse Gründe haben oder philosophische, eine spezielle Pädagogik usw.

Wir für unseren Teil sind davon überzeugt, dass der Hausunterricht den Bedürfnissen der Kinder am besten entspricht. Was vor allem einen großen Eindruck auf uns machte, war ein Treffen mit anderen zuhause unterrichteten Kindern; dort konnten wir sehen, wie wach, neugierig, interessiert, interessant und sozial sie sind.

Hausunterricht wählen wir nicht, um unsere Kinder für das „richtige“ Leben als Erwachsene vorzubereiten. Hausunterricht ist das Leben! Warum sollen Kinder 9, 12 oder noch mehr Jahre in Vorbereitung auf das Leben zubringen, wenn sie sofort am Leben teilhaben können?

Muß man selbst Lehrer sein?

John Holt, ein früherer Lehrer, der die pädagogischen Grundlagen für die moderne Hausunterrichtsbewegung geschaffen hat, drückte den Kenntnisbedarf der Eltern so aus: „Es ist ein Vorteil, wenn man als heimunterrichtendes Elternteil selbst lesen und schreiben kann, aber es ist nicht notwendig, da man es sich zusammen mit seinen Kinder beibringen kann.“

Genau demgemäß sind wir innerhalb unserer Familie übereingekommen, gemeinsam Spanisch zu lernen. Wir als Eltern freuen uns wirklich darauf, auf diese Weise eine neue Sprache zu erlernen, anstatt deutsch oder französisch, das wir beide bereits beherrschen. Der Heimunterricht hat auch uns die Freude am Lernen wieder entdecken lassen.

Wie ist das mit dem sozialen Training?

Etwas überraschend war es für uns, zu entdecken, dass der gewöhnlichste Einwand nicht dem Zweifel daran galt, ob die Kinder Fähigkeiten erlernen oder nicht. Nein, die größte Unruhe scheint der Möglichkeit der Kinder zu gelten, Freunde zu haben, so, als ob es Zweck der Schule wäre, als eine Art Kontaktvermittlung für Kinder zu dienen. Das ist ein sehr heikles Thema, auf das auch Eltern von sehr kleinen Kindern stoßen, wenn sie ihre Kleinen nicht so schnell wie möglich in den Kindergarten schicken. Darauf zu bestehen, dass die wichtigsten Personen für ein Kind die Eltern sind, wird fast als einen revolutionären Standpunkt betrachtet. Außerdem wecken wir, die wir unsere Priorität auf Familie und Kinder legen, Neid oder schlechtes Gewissen bei Menschen, die tief in sich dasselbe wollen, sich aber gehindert daran fühlen, diese Wahl in ihrem Leben zu treffen.

Wenn man sich das schwedische Schulsystem ansieht, so scheint man es als das beste für die soziale Entwicklung der Kinder anzusehen, sie altersmäßig auseinanderzureißen und in große Gruppen Gleichaltriger zu stecken, die danach von einem oder mehreren Erwachsenen geleitet werden, deren einzige Aufgabe eben genau darin besteht, diese Gruppe zu führen. Die Aufgabe der Lehrer besteht darin, zu organisieren und die Kinder zu kontrollieren und als eine Art Überwacher zu fungieren, was nicht als Vorbild der Kinder dienen kann, da sie diese Überwachung als sinnlos ansehen. Das führt dazu, dass die Kinder keine erwachsenen Vorbilder in ihrem näheren Umfeld finden und dadurch gezwungen werden, sich ihre Vorbilder zwischen anderen in ihrem Alter und zwischen den Mythen der Massenmedien über die Erwachsenenwelt zu suchen, was die Entwicklung des Kindes zu einem gesunden Erwachsenen fast umgehend hemmt.

Meine Überzeugung ist, dass in jedem Menschen die Sehnsucht wohnt, denen nachzuahmen und von denen zu lernen, die größer, in gewissen Dingen besser sind oder aber mehr über bestimmte Dinge wissen.
Aus diesem Grund ist es wichtig, ein unterschiedliches Angebot von Vorbildern zu haben. Die soziale Entwicklung unserer Kinder geschieht daher im Zusammenspiel mit verschiedenen Personen unterschiedlichen Alters, und nicht nur mit Kindern, die in demselben Jahr geboren wurden wie sie selbst.

Aber was ist mit Freunden? Werden sie nicht einsam?

Man kann sich in einer großen Volksmenge sehr einsam fühlen und einsam mitten im Wald Gemeinschaft empfinden. Genauso gibt es Kinder, die sich in der Schule trotz der Massen von Kindern um sie herum einsam fühlen. Allein in einer Gruppe zu sein kann für viele schlimmer sein als vollständig allein. Und wie sehen Freunde eigentlich aus? Sind nur Gleichaltrige, die sich gegenseitig „...(zensiert)...“ nennen, Freunde? Oder können es ein Junge und ein alter Mann sein, die zusammen sitzen und reden oder Rindenschiffe bauen? Und wie oft muß man sich treffen? Sechs Stunden täglich an fünf Tagen die Woche und außerdem in der Freizeit? Meine Erfahrung als Erwachsene zeigt, dass meine besten Freunde leider nicht immer diejenigen sind, die bei mir in der Nähe wohnen, sonder sie sind verteilt in ganz Schweden und in anderen Ländern. Warum sollte es für Kinder anders sein? Kinder, die zuhause unterrichtet werden, können außerdem leichter mit Menschen aller Altersgruppen und jeden Geschlechtes umgehen, da sie nicht unter Gruppenzwang stehen.

Ich will nochmals John Holt zitieren, aber nun betreffend der sozialen Aspekte: „Wenn ich keine anderen Gründe hätte, die Kinder aus der Schule herauszuhalten (und ich habe viele), so wäre das soziale Leben Grund genug. In allen Schulen, in denen ich unterrichtet habe, die ich besucht habe oder anderweitig Einblick bekommen habe, so ist das soziale Leben der Kinder schlecht, wettbewerbsorientiert, statussuchend, voll mit Gesprächen darüber, wer mit wem spricht oder nicht spricht, wer auf wessen Geburtstagsfeier war, und wer was zu Weihnachten bekommen hat. Bereits in der ersten Klasse wird die Klasse in Führer und populäre Kinder und ihre Gruppe und Anhänger aufgeteilt, und der Rest wird ausgeschlossen aus diesen Gruppen.“

Wie wird es später?

Die nächste Frage, der man begegnet, ist diejenige, ob die Kinder die Möglichkeit haben, zu studieren, wenn sie nur zuhause unterrichtet wurden. „Man muß ja ein Zeugnis haben, wenn man eine Chance im Leben haben möchte“ ist der Grund, der angeführt wird. Aber ist das wirklich so? Wenn die Kinder Interesse haben, als Arzt oder etwas anderes zu arbeiten, wo man eine Legitimation benötigt, ist die Frage ganz klar. Im anderen Fall ist es doch so, dass Zeugnisse immer mehr an Bedeutung verlieren. Ein Zeugnis ist ja nur der Nachweis darüber, wie gut du etwas gemacht hast, was ein anderer angeordnet hat. Immer mehr Arbeitgeber hingegen sind mehr interessiert daran, was für Fähigkeiten der Arbeitssuchende hat und was sie machen, wenn sie selbst wählen dürfen. Eine Zusammenstellung der eigenen freiwillig gewählten und durchgeführten Projekte kann daher eine bessere Referenz sein als ein Schulzeugnis, wenn man auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt eine Stelle sucht.

Weiterhin ist es so, dass immer mehr Universitäten in den USA ihr Augenmerk auf zuhause unterrichtete Kinder legen, da diese bereits mehr mit der Studientechnik vertraut sind, die auf Universitätsniveau gefordert wird. Außerdem ist es gewöhnlich so, dass zuhause unterrichtete Kinder nur aus wirklichem Interesse am Themengebiet studieren, und nicht, um ein Zeugnis oder Diplom zu erwerben. Man sieht dies als so mit einem so guten Einfluß auf die Studienkameraden verbunden, dass immer mehr Universitäten jetzt Stipendien an zuhause unterrichtete Kinder vergeben, damit diese ihre Universität wählen.

Wir werden unseren Kinder erklären, was benötigt wird, wenn sie ihr Abitur machen oder an der Universität studieren wollen. Die Entscheidung wird ihre eigene sein. Oder wie Freunde von uns es ausdrückten, von denen der Vater studiert und die Kinder zuhause unterrichtet werden: „Nein, Schule ist nichts für Kinder! Dazu muß man erwachsen sein und freiwillig wählen können!“.

M. Drysen
(2006)

Tommy3

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Tommy3 » 17. August 2009 15:01

Hej,

nein, wir wollen die Freiheit nicht, unsere Kinder slebst unterrichten zu dürfen, ausser in gut begründeten extremen Ausnahmefällen.

Nur wenige Eltern haben eine pädagogische Ausbildung, und viele haben auch nicht die Sachkenntnis, z.B. Mathe oder Biologie oder Musik zu unterrichten.

Eltern, die ihren Kindern die Möglichkeit zu einer guten Ausbildung verwehren wollen, vergeifen sich an ihren wehrlosen Kindern.

Nein Danke!

hansbaer

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon hansbaer » 17. August 2009 15:04

Sehe ich ähnlich - die Schulpflicht hat seine Berechtigung.

Tommy3

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Tommy3 » 17. August 2009 15:20

Hej,

Frage an Cordula:

Wie soll das praktisch funktionieren? Ich arbeite 100%, meine Frau 75%. Was sollen die Kinder tagsüber machen ohne Schule? Wer von uns soll nach der Arbeit noch aufmerksam genug sein, um die Kinder zu unterrichten?

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon HeikeBlekinge » 17. August 2009 16:03

Wie soll das praktisch funktionieren? Ich arbeite 100%, meine Frau 75%. Was sollen die Kinder tagsüber machen ohne Schule? Wer von uns soll nach der Arbeit noch aufmerksam genug sein, um die Kinder zu unterrichten?


Das das ganze fuer dich tommy, oder fuer dich hansbaer, undenkbar ist, ist klar. Ihr habt eine völlig andere Lebensauffassung/einstellung, seit kinderlos oder habt schon fast erwachsene Kinder...
Es wäre nett, wenn ihr eure Situation nicht auf andere uebertragt, die sowohl gewillt als auch in der Lage sind soetwas zu leben. Toleranz ist da angesagt! Und nicht in einen Topf werfen, wie du hansbaer, es an anderer Stelle (anderes Forum) tust: Nämlich Hausunterricht mit evangelikalem Gedankengut gleichzusetzen. Das ist ein ganz schön harter Brocken! Ebenso die Bemerkung, das Eltern die ihren Kindern Schulbesuch verweigern sich somit an ihnen vergehen!
Dazu merke ich an: Das Ganze findet im Einverständnis von Eltern und Kindern statt!
Ich empfehle da den Kritikern, sich mit dem Thema und der Durchsetzung an sich ersteinmal richtig auseinander zu setzen ohne gleich ihr Schubladendenken gross herauszuposaunen :-)

Meine persönliche Erfahrung mit der schwedischen Schule:
Man lernt eigenständig, selbstständig. Ja, man erarbeitet sich das jeweilige Gebiet völlig allein ueber verschiedenste Wege. Sei es Mathematik, Sprache, Naturkunde. Der Lehrer steht fuer Fragen, Erklärungen jederzeit bereit, falls er passen muss, ist das auch kein Beinbruch, dann wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht...
Nun, fuer Wissbegierige absolut ok. Fuer Faulenzer, Verweigerer das reinste Schlaraffenland...
Aber wie kommt es zu Faulenzern und Verweigerern...? Egal an welcher Schule, egal in welchem Land?? Normalerweise, von Natur aus, lernt wirklich jedes Kind von sich aus und mit Spass! Was lief/läuft DA schief?

Wenn mich jemand fragten wuerde, was ich gerne anders in meinem Leben gemacht hätte, worueber ich mich heute ärgere, dann wäre es, nie ernsthaft mit meinen Kindern zusammen den Weg, die Chance, Hausunterricht in Augenschein genommen zu haben. Bloss der Zug ist abgefahren. In D gab es die Möglichkeit nicht, in S nach dem Umzug sehr schwer, allein wegen der Sprache eher quatsch.
Aber ich bewundere jede Familie die das schafft - dort wird es mit Sicherheit eine ganz besondere Bindung untereinander geben.
... bloss wird diese Bindung sicherlich misstrauisch beäugt oder hinterfragt, denn heutzutage scheint soetwas nicht mehr "normal" - wie verda... traurig!

mh
Heike
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>Wer wenig weiß redet viel, wer Wissen hat wird neugierig, wer viel Wissen hat schweigt<

hansbaer

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon hansbaer » 17. August 2009 16:27

HeikeBlekinge hat geschrieben:Das das ganze fuer dich tommy, oder fuer dich hansbaer, undenkbar ist, ist klar. Ihr habt eine völlig andere Lebensauffassung/einstellung, seit kinderlos oder habt schon fast erwachsene Kinder...
Es wäre nett, wenn ihr eure Situation nicht auf andere uebertragt, die sowohl gewillt als auch in der Lage sind soetwas zu leben. Toleranz ist da angesagt! Und nicht in einen Topf werfen, wie du hansbaer, es an anderer Stelle (anderes Forum) tust: Nämlich Hausunterricht mit evangelikalem Gedankengut gleichzusetzen.


Ich setze es nicht gleich - ich wollte lediglich festhalten, dass die einzigen, von denen ich gehört habe, dass sie etwas gegen die Schulpflicht, ausgerechnet solche Fundamentalisten sind. Dei Schulpflicht ist Konsens in Deutschland - und das mit guten Gründen, wie ich finde.

Dazu merke ich an: Das Ganze findet im Einverständnis von Eltern und Kindern statt!


Wieviel ist ein Einverständnis wert, das zwischen einem erwachsenen Menschen und einem von ihm abhängigen Kind getroffen wird? Es handelt sich mitnichten um einen Vertrag unter gleichen.

Abgesehen davon stehen die beiden Argumente von mir:

3. Wer hält denn den Hausunterricht? Die Väter etwa? Glaube ich nicht. Für mich klingt das alles wie ein Plädoyer für ein reaktionäres Familien- und Frauenbild.

4. In Schweden ist der Erwerb der grundläggande behörighet quasi Pflicht, wenn man auch nur so etwas ähnliches wie eine Berufskarriere machen will. Mir ist schleierhaft, wie Eltern, die im allgemeinen keine Kompetenz auf Gymasialniveau in allen relevanten Bereichen haben, dies gewährleisten sollen.

tommy3

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon tommy3 » 17. August 2009 19:54

Hej,

Heike, du verstehst mich falsch. Ich habe nichts im Prinzip gegen Hausunterricht. Was ich meine, ist, dass jedes Kind das Anrecht auf Bildung von professionellen Lehrern hat (bitte weiterlesen). Das können traditionelle Schullehrer sein, oder Eltern, die die entsprechenden Vorraussetzungen (eigene Sachkenntnisse, pädagogische Fähigkeiten) haben.
Was ich absolut daneben finde, ist, wenn Eltern aus ideologischen, religiösen, weltanschaulichen oder anderen Gründe befinden, dass ihre Kinder jetzt nicht zur Schule gehen sollen, und selber nicht die Vorraussetzungen mitbringen, Bildung zu vermitteln. Nur Blöümchen im Walde zu begucken und kreative Farben zu malen reicht heute nicht mehr aus, so leid es einem tun kann.
Im Einverständnis mit dem Kinde? Hoppla, wie soll ein Kind egal welchen Alters wissen und entscheiden können, ob das spätere Leben besser mit einer Schulausbildung oder mit einer Haus-Ausbildung gemeistert werden kann?
Ich fürchte, die Kinder könnten opfer von ideologisch verrannten Eltern werden, die ihren Kinder die Schule vorenthalten wollen. Und ihnen damit womöglich irreparablen Schaden zufügen.

Die Entscheidungsgewalt der Eltern muss Grenzen haben, finde ich. Oder was hältst du von Eltern, die entscheiden, dass ihre Kinder auch mit schweren Krankheiten nicht zum Doktor dürfen, weil religiöse, moralische, ideologische Gründe dagegen sprechen? Bitte eine ehrliche Antwort!

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Rüdiger » 17. August 2009 20:38

Ich habe erhebliche Einwände gegen "Hausunterricht" nur durch z.B. Eltern.

Unterricht in einer allgemeinbildenden Schule hat die Aufgabe, allgemeine soziale Erfahrungen und Eigenschaften zu vermitteln. Dies geschieht - schon bereits durch die Teilnahme am allgemeinen Unterricht an sich - durch die Schilderung unterschiedlicher z.B. religiös bewerteten Normata wie beispielsweise Sexualität.

Schließte man Kinder oder, vielleicht besser "Pubertierende", von solchen Diskussionen - z.B. durch Fernhalten vom allgemeinen Unterricht - aus, nähme man ihnen jede Möglichkeit zur freien Entwicklung ihrer persönlichen Vorlieben und Normen.

So wende ich mich vehement gegen jede Art von privatem Vollzeit-Unterricht. Er böte verqueren Weltanschauungen, in religiöser wie in ethischer Hinsicht, Tür und Tor.

Aus eigener Erfahrung spricht und grüßt
Rüdiger

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon HeikeBlekinge » 17. August 2009 21:46

Was ich absolut daneben finde, ist, wenn Eltern aus ideologischen, religiösen, weltanschaulichen oder anderen Gründe befinden, dass ihre Kinder jetzt nicht zur Schule gehen sollen, und selber nicht die Vorraussetzungen mitbringen, Bildung zu vermitteln. Nur Blöümchen im Walde zu begucken und kreative Farben zu malen reicht heute nicht mehr aus, so leid es einem tun kann.


99% Zustimmung, Tommy!! Das mit den Bluemchen... hmm... also ein wenig erinnert dies mich dies nun aber auch an die schwedische Schule - lach.
Die Frage ist vielleicht eher was muss heute fuer was ausreichen - so wie du es ansprichst? Und die von dir genannten Gruende die NICHT dafuer sprechen, welche wuerdest Du denn akzeptabel finden? Meinetwegen nur Heimunterricht fuer Kinder die auf Åland leben?
Und eine Frage noch: Was siehst du als pädagogische Fähigkeit an? Nur die, die an einer Hochschule erworben wurde? Ich persönlich schätze auch die, welche durch Nachahmung, positive Vorbildfunktion oder Lebenserfahrung weitergegeben werden kann, was heisst: Eltern ueben zeitlebens eine Lehrfunktion aus, wenn sie denn dazu bereit sind und diese wertzuschätzen wissen, ihre Kinder als gleichwertige Menschen ansehen und deren Einstellungen zu akzeptieren bereit sind (... jojo - ist manchmal recht hart, ich weiss ;-) )
Zu der Sache mit den schweren Krankheiten und Verweigerung der Hilfeleistung durch eine Behandlung:
Natuerlich ist dies unterlassene Hilfeleistung oder mehr! Und gehört reglementiert!
Aber ich möchte euch um eins bitten! Werft doch nicht ständig religiöse Gruende ein! Da hat das eine nicht mit dem anderen was am Hut! Nicht alle Heimunterrichteten haben fundamentalistische Eltern oder alle Waldorfschueler malen nur Regenbögen (besonders bei letzterem weiss ich wovon ich rede, denn der Freund meines Ältesten ist Waldorfschueler und ich staune nicht schlecht, was der an positivem Diskussionspotenzial besitzt, Intelligenz und Weltoffenheit!)

Hansbaer, gerade du, also jemand der politisch sehr engagiert zu sein scheint, sieht diese Sache so einseitig und verbissen? Also wählen wuerde ich dich nicht ;-) -grins.
Ich setze es nicht gleich - ich wollte lediglich festhalten, dass die einzigen, von denen ich gehört habe, dass sie etwas gegen die Schulpflicht, ausgerechnet solche Fundamentalisten sind. Dei Schulpflicht ist Konsens in Deutschland - und das mit guten Gründen, wie ich finde.


Wieviel ist ein Einverständnis wert, das zwischen einem erwachsenen Menschen und einem von ihm abhängigen Kind getroffen wird? Es handelt sich mitnichten um einen Vertrag unter gleichen.

Das ist Ansichtssache. Es kommt ganz darauf an als was man sein Kind sieht. Als abhängig, und damit wahrscheinlich als minderwertig, oder als stimm- und wortberechtigt und damit als gleichwertig?!
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>Wer wenig weiß redet viel, wer Wissen hat wird neugierig, wer viel Wissen hat schweigt<

hansbaer

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon hansbaer » 17. August 2009 22:55

HeikeBlekinge hat geschrieben:Hansbaer, gerade du, also jemand der politisch sehr engagiert zu sein scheint, sieht diese Sache so einseitig und verbissen? Also wählen wuerde ich dich nicht ;-) -grins.


Ich kandidiere auch für nichts :-)
Es geht hier um die fundamentale Frage, wozu der Staat seine Bürger zwingen sollte und wozu nicht. Das kann man unterschiedlich sehen, aber gerade weil ich für nichts kandidiere, muss ich es nicht jedem recht machen.

Natürlich wünschen wir uns alle die pädagogisch hervorragend agierenden Eltern, die in mühevoller Heimarbeit ein auf ihre Kinder zugeschnittenes Bildungsprogramm durchführen. Die ihre Kinder als gleichwertig betrachten und ihnen nicht eintrichtern wollen, was sie selbst denken.

Wir leben leider nicht in einer Welt mit solchen Eltern. Ich halte es da mit Rosa Luxemburg:

Rosa Luxemburg hat geschrieben:Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.


Wer Freiheiten gewährt, muss damit leben, dass sie missbraucht werden. Und da sehe ich evangelikale Christen, die ihren Kindern erzählen, die Erde sei in 7 Tagen erschaffen worden, Homosexuelle seien Sünder und Muslime wollten die Welt unterjochen. Da sehe ich Neonazis, die in ihrer national befreiten Hausschule Hakenkreuze malen lassen und nebenbei etwas Rassenlehre unterrichten.

Kann ein demokratischer Staat dulden, dass Kinder auf diese Weise indoktriniert werden? Ich finde nicht. Hier muss die Freiheit der Erziehung - die übrigens in Deutschland weit höher gehalten wird, als es Cordula suggerieren möchte - hinter den Interessen der Gesellschaft als ganzer zurückstehen.

Vielleicht sollte ich am Rande auch zwischen Deutschland und Schweden trennen: Deutschland hat seit 60 Jahren eine Tradition einer wehrhaften Demokratie. Das Scheitern von Weimar ist die Mahnung dazu, daran festzuhalten. Die Schulpflicht ist für mich auch ein Teil davon.
In Schweden hingegen gibt es diese Tradition schon aus dem anderen historischen Kontext nicht. Hausunterricht ist die Ausnahme, aber seit jeher erlaubt. Von mir aus braucht man das nicht zu verbieten, auch wenn ich von dieser Einrichtung im allgemeinen wenig halte.

Übrigens sollte man diese Diskussion nicht nur auf Basis dieses seltsamen Textes der ansonsten recht schweigsamen Cordula führen, sondern vielleicht auch einmal in die Begründung der Regierung hereinschauen.
http://www.regeringen.se/content/1/c6/12/82/90/322ec0b0.pdf - Seite 583 (im Programm) bzw. 585 (auf der Seite)


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