Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

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HeikeBlekinge
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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon HeikeBlekinge » 21. August 2009 18:21

Zitat:
Ich persönlich befinde mich in keiner fundamentalistisch/religiösen, aber wuerde es wertschätzen, dass halt ein wenig mehr (vielseitig) darueber diskutiert wuerde.

hansbear geantortet:
Naja, du kannst nicht erwarten, dass wir uns hier Argumente für den Hausunterricht ausdenken, wenn wir alle gegen ihn sind.


Mit welchem Satz habe ich diese Erwartung bitteschön ausgedrueckt: das diejenigen die dagengen sind, sich Argumente dafuer ausdenken sollen???
Ich sprach von einer Diskussion!
Das ist ein Austausch von Gedanken, Anregungen, Fragen... - was verstehst Du darunter? Da sind immer 2 Seiten, die muss es auch geben, sonst wäre es keine Diskussion! Nur einfach zu sagen Punkt Schluss aus, die anderen will ich nicht weiter hören, das ist es ja wohl nicht! Und ein einseitges Ergebnis, was heisst alle sagen plötzlich nur ja oder nur nein, das ist nicht das angestrebte Ergebnis bei einer Diskussion! Wenn natuerlich der eine oder andere aufgrund einer Diskussion in seiner bisherigen Sicht der Dinge ins Schwanken gerät, oder sogar seine Meinung zurueckziehen muesste, sich damit allerdings schwer tut, der sollte erst gar nicht an soetwas teilnehmen. Wobei ich jetzt absolut niemanden persönlich ansprechen will, ok!

Das hier alle der Meinung sind fundamentalistische oder religiöse Gruende, die denke ich mal in diesem Zusammenhang weiterhin ein völliges Abschotten von der Aussenwelt nach sich ziehen, die Sache nicht rechtfertigen, duerfte ja wohl klar sein! Das Heimunterricht fuer diese Zwecke so missbraucht wird, das die Quote sogar sehr hoch zu sein scheint, das hätte ich nie vermutet. Auch nicht, das so braunes Gesinnen dahinter stecken kann. Ich bin fast der Meinung, das der ganze Thread gelöscht werden muesste, damit das nicht weitergetragen oder Leichtgläubige ausgenutzt werden können. Allerdings wäre das Zensur, oder?

Bloss, wie ist es mit dem Rest, oder dem Heimunterricht weiterhin an sich: Geht man davon aus, das die Eltern einmal nicht "braun", evangelikal o.ä. sind; sie in der Lage sind das ABC zu entziffern, ueber einen gesunden Verstand im weitesten Sinne verfuegen...
Rechtfertigt das fuer euch immer noch nicht diese "Schulart"?
Wenn das Ganze von einer zuständigen Schule betreut wird, die regelmässig Kontrollen, meinetwegen in Form von Tests, durchfuehrt. Während hansbear im Gegensatz zu meiner leichtgläubigen Person ;-) gleich zu Anfang Verdachtsmomente äusserte, haben doch wohl Fachleute auf dem Gebiet die Möglichkeit festzustellen, wenn da etwas faul im Busch ist?!? Und religiöse und fanatische Gruende - tut mir leid, aber ich finde, solchen Menschen, die ihren Kindern so etwas eintrichtern, denen gehört die Erziehungsgewalt entzogen! Aber dafuer scheint es wohl keine Gesetztgrundlage zu geben, oder?
Die Ueberlegung von Tommy, Schule mit Heimunterricht zu kombinieren finde ich gar nicht schlecht!
Ich erlebe es selbst oft genug, das man zuhaus wesentlich mehr in wesentlich kuerzerer Zeit lernen kann.
Manchmal stört die Umgebung in der Schule schon sehr, die Mitschueler oder auch Langsame, die den Unterricht aufhalten können. Zwar ist das in Schweden sehr gut gelöst, das mit den Langsameren und deren Betreuung, aber beim Durchnehmen des Stoffs mit der ganzen Klasse ist das oft wahnsinnig tråååkig (ich weiss nicht wie oft ich mir letztes Jahr Streichhölzer gewuenscht habe - lol)
Naja, ein wenig steckt vielleicht auch die Lernbereitschaft dahinter. Und da komme ich zu einem Punkt, von dem ich ueberzeugt bin: Die Lehrbereitschaft wird im Elternhaus erlernt, vorgelebt. Schon sehr frueh im Leben. Und nicht erst mit 6 Jahren, wenn eingeschult wird. Wer bereit ist zu lernen, wer Freude daran hat tut dies sein ganzes Leben freiwillig, automatisch! Ausserdem ist es so, das man selbst lernt. Immer! Nicht der Lehrer oder Unterrichtende löst die Matheaufgabe oder präsentiert z.B. das gesuchte Land auf der Landkarte, sondern man selber tut es. Der Lehrende weist den Weg, regt an, und ist ein besonders guter Lehrer, wenn er selbst stets dazu bereit ist noch hinzuzulernen.
Leider habe ich in meinem Leben nicht viele Lehrer kennengelernt, die so sind. Eher das Gegenteil. Ja, ich habe die Schule gehasst, beinah jeden Quadratzentimeter! Und es war ein Schock fuer mich miterleben zu muessen wie in D meine Kinder die gleiche Richtung einschlugen! Erst viel, viel später im Leben, als ich schon lange aus der Schule war, habe ich all das gelernt was ich versäumt habe - selbst erlernt, weil es mir mehr Spass machte, ich von Grund auf eigentlich absolut wissbegierig bin - aber ohne Schule oder Lehrer, und den ganzen Mist der fuer mich damit verbunden war und welcher absolut negativ fuer meine Entwicklung war!

Angeregt durch diesen Thread hier habe ich meine Kinder mal gefragt was die von Hausunterricht halten. Die Älteren guckten mich nur verständnislos an, der Jungste fand es nicht abwegig - bloss fuer alle war klar das soetwas eventuell bedeuten wuerde, nicht so gut Freunde finden zu können. Die Schule ist in einer Hinsicht ein nicht zu unterschätzender Faktor was Kontakte angeht, insbesondere, wenn das nicht auf andere Art gelöst werden könnte (Nachbarskinder, Vereine...). Ein Kind mit gesundem Verstand sollte das zwar lösen können (duerfen!), womit wir wieder am Anfang sind... Aber es sollte niemals dazu gezwungen werden.

Also ist mehr Kontrollmöglichkeit die Lösung?
Oder diese Art Unterricht erst ab einer gewissen Klassenstufe?

mh
Heike
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>Wer wenig weiß redet viel, wer Wissen hat wird neugierig, wer viel Wissen hat schweigt<

Tommy3

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Tommy3 » 21. August 2009 18:40

Nein,

wenn diese Schulart möglich sein soll, dann sollte es alle Klassen betreffen. Es müssten aber sehr hohe Anforderungen an die Eltern gestellt werden. Bei der Führerscheinausbildung in S kann im Prinzip das Elternhaus alles machen, aber die Prüfung wird vom Staat abgenommen. Das sollte dan in der Schule auch so sein. Um unliebsamen und fur die Kinder katastrophalen Üb errraschungen vorzubeugen, sollten die Eltern vor dieser Übung eine Art Unterrichtsführerschein vorweisen, der aus Gerechtigkeitsgrïunden nichts anderes sein kann als eine Lehrerausbildung.
Wir dürfen die Kinder, die unxsere Zukunft sind, nicht irgendwelchen Laien überlassen, auch wenn die ihre Kinder noch so sehr kennen und lieben. Eltern und Lehrer haben im Aufwuchs unserer Kinder völlig unterschiedliche gleichwohl wichtige Rollen. Die zu mischen wäre katastrophal.

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon HeikeBlekinge » 21. August 2009 18:57

Was aber auch hiesse, das die Eltern auf einwandfreien Unterricht bestehen duerfen/muessen! Der findet allerdings nicht ueberall und nicht immer statt.
Fuer mich halt insbesondere nicht in D, wo wirklich oft pädagogisch völlig ungeschulte Lehrer unterrichten.
Der Lehrer kann ja auf seinem Fachgebiet meinetwegen so gut sein wie er will, wenn er unfähig ist pädagogisch zu handeln, ist er ebenfalls ungeeignet und kann viel kaputt machen. Das sagen die Lehrer ja schon selbst, das sie mehr auf dem Gebiet lernen muessen, bevor sie auf Kinder losgelassen werden. Die haben keinerlei pädagogische Schulung, geschweige denn da gibt es eine Kontrollfunktion wenn sie mal versagen! (Oh Bitte! Das da jetzt bloss nicht wieder eine Schulsystemdiskussion draus entsteht :roll: - in S gibt es sicher auch solche und solche!)
Weisst du wie ich das jetzt meine, Tommy?
Pädagogik kann halt ein weitgefächerter Begriff sein.

Krümel7
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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Krümel7 » 21. August 2009 20:58

Hej,
ohne hier alle Beiträge gelesen zu haben, möchte ich meine Meinung zum Thema äußern. Vor kurzem habe ich einen Beitrag im Fernsehen gesehen, in dem eine deutsche Familie vorgestellt wurde, welchen einen Asylantrag in den USA gestellt hatte, da ihre Kinder in "normalen" Schulen erhebliche Probleme mit den anderen Kindern hatten. Es handelte sich um ein sehr musisch ausgerichtetes Elternhaus. Die Eltern waren meines Erachtens nach selbst Lehrer. Ein Antrag auf Hausunterricht wurde von der deutschen Schulverwaltung abgelehnt, die Kinder später von der Polzei abgeholt.
Daher hofft die Familie auf eine Lösung ihrer Probleme in den USA.
In unserem Urlaub haben wir in diesem Jahr in Norwegen eine Frau kennengelernt, die ihre 11 ! Kinder zu Hause unterrichtet hat. Die Kinder machten auf uns einen sehr angenehmen Eindruck! Ich vermute jedoch, dass der Fremdsprachenunterricht zu kurz gekommen ist.
Ich finde die Möglichkeit eines Hausunterrichts durchaus interessant, wobei es da sicher klar ist, dass dies nicht alle Eltern leisten können. Ich hätte mir auch ehrlich gesagt, nicht zugetraut, meine Kinder nach all den Jahren Schulabstinenz und erheblicher Belastung im Beruf bis zum Abitur zu Hause zu unterrichten.
Die deutschen Schulen mit Ihren viel zu großen Grundschulklassen ( 35 Kinder auf einen Lehrer-bei unserer Tochter waren es sogar 38!), sind hier keine Seltenheit können einfach keinen guten Unterricht mehr bieten. Insbesondere bei der stark nachlassenden Disziplin und der zunehmenden Zahl von verhaltensgestörten Kindern, leiden in solchen Klassen empfindliche Kinder. Die sozialen Apekte einer Schule sollte man natürlich nicht unterschätzen, jedoch muß ich aus eigener Erfahrung und der Erfahrung meiner Kinder ( welche mittlerweile 18 und 20 sind) sagen, dass ich auf viele Erfahrungen gut und gerne verzichten könnte. Es gibt halt zu viel asoziales Verhalten, welches deutlich zunimmt. Wer halt anders ist oder vielleicht noch einen ausl. Hintergrund hat, hatte es immer schwerer. Von direkter Diskriminierung, welche ich sogar als Deutsche erfahren mußte ganz zu schweigen. Damit werden Kindern Wunden zugefügt, die man unter Umständen nie wieder heilen kann.
Ich bin der Meinung, dass man Hausunterricht bis zu einer gewissen Klassenstufe auf Antrag und Prüfung der Eltern diesbezüglich, durchaus zulassen sollte.
Grüße Krümel

Tommy3

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Tommy3 » 22. August 2009 14:07

Hej,
Resi schreibt:
Fuer mich halt insbesondere nicht in D, wo wirklich oft pädagogisch völlig ungeschulte Lehrer unterrichten

Ist es nicht so, dass in D nur Lehrer mit dem zweiten Staatsexamen angestellt werden? Und die haben sehr wohl alle eine pädagogische Ausbildung. In S dagegen, besonders an den sogenannten Freischulen, laufen viele Lehrkräfte ohne Lehrerausbildung herum. Frag doch mal nach in der Karl Oskar, wie hoch der Prozentsatz ausgebildeter Lehrer dort ist.
Dann ist es natürlich eine andere Sache, ob die pädagogische Ausbildung immer was nützt. Aber wenn man sich operieren lässt, erwartet man auch eine ärztliche Ausbildung, oder? Oder wäre man mit einem Handwerker zufrieden, der gut schnippeln kann?

hansbaer

Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon hansbaer » 22. August 2009 17:53

Das Heimunterricht fuer diese Zwecke so missbraucht wird, das die Quote sogar sehr hoch zu sein scheint, das hätte ich nie vermutet. Auch nicht, das so braunes Gesinnen dahinter stecken kann.


Die Anzahl der Heimschüler ist auch in den europäischen Ländern, in denen das möglich ist, gering. ROHUS schätzt die Zahl der Schüler im Jahr 2007 in ganz Schweden auf 100. Dass da fragwürdige Gestalten schnell einen erheblichen Prozentsatz (wenn nicht die Mehrheit) ausmachen, ist nicht verwunderlich.

Ich bin fast der Meinung, das der ganze Thread gelöscht werden muesste, damit das nicht weitergetragen oder Leichtgläubige ausgenutzt werden können. Allerdings wäre das Zensur, oder?


Ja, ich finde, das wäre Zensur, denn man sollte den Text in erster Linie nach dem Inhalt und nicht nach dem Verfasser beurteilen. Inhaltlich ist das alles vollkommen legal, und ROHUS scheint ja eine einigermaßen seriöse Organisation zu sein. Man muss Inhalt und Verfasser nicht mögen, aber zensieren sollte man das nicht.

Wenn das Ganze von einer zuständigen Schule betreut wird, die regelmässig Kontrollen, meinetwegen in Form von Tests, durchfuehrt. Während hansbear im Gegensatz zu meiner leichtgläubigen Person ;-) gleich zu Anfang Verdachtsmomente äusserte, haben doch wohl Fachleute auf dem Gebiet die Möglichkeit festzustellen, wenn da etwas faul im Busch ist?!?


Das ganze beinhaltet die Annahme, man könne als Außenstehender beurteilen, ob die Eltern dazu geeignet sind, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Wo zieht man da die Grenze?
Im Bereich Mathematik und Sprachen ist eine effektive Kontrolle des Lernfortschritts sicherlich möglich. Was aber den ganzen Rest angeht, habe ich große Zweifel. In Deutschland ist es in den letzten Jahren bekanntermaßen mehrfach vorgekommen, dass Kinder unter den Augen des Jugendamtes jämmerlich verhungert sind. Im letzten Fall in Bayern kam das Jugendamt jede Woche. Eine wöchentliche Kontrolle von Heimunterricht wiederum würde den Eltern sicherlich sehr einschränkend vorkommen. Da bin ich doch sehr skeptisch, ob eine Delegation einer entsprechenden Schule bei vielleicht monatlichen Kontrollen in der Lage ist, Missstände über die offensichtlichsten Auffälligkeiten hinaus festzustellen.

Und religiöse und fanatische Gruende - tut mir leid, aber ich finde, solchen Menschen, die ihren Kindern so etwas eintrichtern, denen gehört die Erziehungsgewalt entzogen! Aber dafuer scheint es wohl keine Gesetztgrundlage zu geben, oder?


Wie es in Schweden ist, weiß ich nicht. In Deutschland habe ich mal von dem Fall einer Nazi-Mutter gehört, die ihre Tochter knallhart in ihrer Gesinnung erzieht. Die Kleine ist blond und malt gerne, und zwar Hakenkreuze. Weil in Deutschland der Schutz der Familie Verfassungscharakter hat, müsste es schon an Leib und Leben gehen, um das Kind wegzunehmen.

Die Ueberlegung von Tommy, Schule mit Heimunterricht zu kombinieren finde ich gar nicht schlecht!


Ich denke, es ist allgemein das Optimum, dass die Eltern nicht die ganze Ausbildung auf die Schule abschieben, sondern auch selbst ergänzend wirken.

Ich erlebe es selbst oft genug, das man zuhaus wesentlich mehr in wesentlich kuerzerer Zeit lernen kann.
[...]
Leider habe ich in meinem Leben nicht viele Lehrer kennengelernt, die so sind. Eher das Gegenteil. Ja, ich habe die Schule gehasst, beinah jeden Quadratzentimeter! Und es war ein Schock fuer mich miterleben zu muessen wie in D meine Kinder die gleiche Richtung einschlugen! Erst viel, viel später im Leben, als ich schon lange aus der Schule war, habe ich all das gelernt was ich versäumt habe - selbst erlernt, weil es mir mehr Spass machte, ich von Grund auf eigentlich absolut wissbegierig bin - aber ohne Schule oder Lehrer, und den ganzen Mist der fuer mich damit verbunden war und welcher absolut negativ fuer meine Entwicklung war!


Man muss da unterscheiden zwischen Mängeln des Lehrpersonals und den Mängeln eines Konzepts. Dass es zu große Klassen und viele schlechte Lehrer gibt, bedeutet nicht, dass das Konzept Schule an sich schlecht ist, sondern nur, dass hier Verbesserungsbedarf besteht. Auch ist damit noch lange nicht garantiert, dass es die jeweiligen Eltern besser machen könnten.

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Imrhien » 25. August 2009 11:11

Ich bin Hausunterricht gegenüber sehr kritisch. Grundsätzlich aber nicht dagegen. Wie man sieht und auch oft vermutet wird, wird er ja tatsächlich oft von Gruppen genutzt, die aus dem Staatsgefüge (aus unterschiedlichsten Gründen) ausbrechen wollen.
Aber es trotzdem nicht so, dass der Heimunterricht per se schlecht ist.
Ich glaube einfach, dass er stark reglementiert sein muss. Was aber genau einigen Gruppen nicht gefällt. Denn da geht es ja genau darum solche Kontrollen zu umgehen.
Für mich spricht halt dagegen, dass man nicht gewährleisten kann was ein Kind kann. Dass es die Anforderungen der Gesellschaft erfüllen kann. Dabei ist es mir egal was meine Kinder mal machen. Sagen wir, nicht egal. Ich hoffe natürlich auf die ûberfliegerkariere mit der sie sorglos und trotzdem glücklihc reich werden. haha. Aber meine Kinder entscheiden letzlihc, wenn sie älter sind welchen Beruf sie haben wollen. Wenn es etwas ist, was mir nicht gefällt, kann ich versuche zu steuern, muss aber letzlich damit leben, dass sie selbst entscheiden. Ich kann nur aufzeigen was meiner Meinung nach an Konsequenzen auf sie wartet.
Wenn nun garantiert wird, dass ein Kind mit Heimunterricht die gleichen Berufschancen hat, wie ein anderes Kind aus dem normalen Schulsystem, dann ist mir doch egal wo es das her hat.
Sollen sie alle regelmässig geprüft werden. Und am Ende ein Zeugnis. Da sieht man die Leistungen. Dann kann ein möglicher Arbeitgeber damit auch was anfangen. Oder eine Uni, wenn das der Wunsch des Kindes sein sollte.

Es gab in Deutschland vor ein paar Jahren doch auch den Fall, dass ein paar Schüler sich selbst alles beibringen wollten für das Abitur. Sie haben sich in der Schule abgemeldet und haben den Unterricht selbst organisiert. Sie durften am Ende die Abiturprüfung mitmachen, was wohl einiges an Aufwand bedeutete, damit das geht. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, haben sie den normalen LEhrplan, der in dem Bundesland gültig ist, erhalten und durchgearbeitet. Sie haben vieles alleine gelernt und wenn ich es nicht falsch erinnere, dann haben sie sich um Erwachsene gekümmert, die in "Lesungen" bestimmte Themen erarbeitet haben. Ich habe das nur am Rande verfolgt und kenne die Details nicht. Aber die Schüler waren nicht in der normalen Schule, haben aber doch am Ende alle bewiesen, dass sie einen besitmmten Stoff können. Darüberhinaus haben sie gezeigt, dass sie willensstark, engagiert, lernfähig, organisationstalent und vieles mehr haben. Das hat ihnen sicher keinen schlechteren Start in die Berufswelt gegeben. Sie haben aber nicht einfach nur gesagt, dass sie daheim unterrichtet wurden, sondern allegmeingültige Leistungsanforderungen erfüllt.
Wenn man seine Kinder daheim unterrichten will und von solchen Leistungsbestimmungen fernhalten will, dann muss man in die Wüste ziehen oder in de Berge und sicher stellen, dass das Kind nie im Leben mit dem Rest der Menschheit zu tun haben will. Sonst wird es es vermutlich schwerer haben als unbedingt nötig.

Grüsse
WIebke

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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon Samweis » 30. August 2009 17:44

Hallo Heike,

etwas spät, aber endlich komme ich mal zu einer Antwort.

Du hast völlig recht. Allein der Umstand, dass etwas von "merkwürdigen" Gruppierungen missbraucht wird, bedeutet noch nicht, dass die Sache an sich schlecht ist. "Jaja, das hat Adolf auch gesagt..." ist zwar ein beliebtes Totschlag-Argument aber doch ziemlich gehaltlos.
Deshalb hatte ich auch nur am Rande angemerkt, dass es ideologisch etwas "riecht", und statt dessen etwas pragmatischer argumentiert.
Zum Löschen des Threads sehe ich keinen Anlass - ganz im Gegenteil. Es ist doch eine Möglichkeit zur politischen Bildung :zwinker:

HeikeBlekinge hat geschrieben: Ja, ich habe die Schule gehasst, beinah jeden Quadratzentimeter! [...] als ich schon lange aus der Schule war, habe ich all das gelernt was ich versäumt habe - [...] aber ohne Schule oder Lehrer, und den ganzen Mist der fuer mich damit verbunden war und welcher absolut negativ fuer meine Entwicklung war!
Das ist jetzt eine ziemlich heikle Sache. Hier stellen sich einige Fragen, die man eigentlich für die Beurteilung, ob Hausunterricht gut oder schlecht ist und ob eine bestimmte Kombination Eltern/Kind dafür geeignet ist, beantworten müsste.
Das erste Problem ist dabei, das man von außen (z.B. jemand vom Jugendamt), ohne den Betreffenden genau zu kennen die Fragen nicht beantworten kann.
Das nächste Problem ist um so schlimmer, da nämlich auch "von innen" diese Fragen äußerst schwer zu beantworten sind.

Hast Du wirklich später "all das gelernt, was Du versäumt hast"? Woher weißt Du, was Du hättest lernen sollen oder lernen können, wenn Du es doch da nicht mitgenommen hast? Hast Du nicht vielleicht später etwas ganz anderes gelernt? Nämlich das, was Dir zu dem Zeitpunkt wichtig erschien, also was Du zu dem Zeitpunkt lernen wolltest und konntest? Bist Du sicher, dass alle Deine Erfahrungen in der Schule für Deine Entwicklung negativ waren? Manche Erfahrungen sind schmerzvoll, aber dennoch wichtig. Das ist also alles ziemlich hypothetisch - was wäre aus Dir geworden, wenn...
Und wenn man das alles beantworten könnte, dann käme noch die böse Frage: Wer ist dafür verantwortlich? Die Schule? Die Lehrer? Oder vielleicht das Elternhaus? Oder am Ende - Du selbst?

Warum hast Du die Schule gehasst? Warum mögen manche Kinder die Schule nicht?

Die Lehrer sind schlecht.
HeikeBlekinge hat geschrieben:Der Lehrer kann ja auf seinem Fachgebiet meinetwegen so gut sein wie er will, [...] Die haben keinerlei pädagogische Schulung,
Wie Tommy schon sagte, die Lehrer haben genau das. Ein Physik-Lehrer ist in erster Linie ausgebildeter, studierter Pädagoge. In seinem Fachgebiet ist er dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Null. Als Physiker untragbar, auf dem Arbeitsmarkt chancenlos.
Der Gedanke, alle Lehrer einer Schule seien trotz Ausbildung und langer Berufserfahrung völlige Idioten und von jedem Elternteil auch ohne jegliche Ausbildung und Qualifikation einfach nur durch die "Liebe zum Kind" in den Schatten zu stellen, erscheint mir etwas absurd. Aus "Liebe zum Kind" ist schon viel Blödsinn gemacht worden. Dazu spielen manche Kinder auf ihren Eltern wie auf einem Instrument - sie wissen genau, welche Tasten sie drücken müssen. Was soll aus diesen Kindern werden, wenn sie einmnal einem anderen "Vorgesetzten" begegnen? Da ist es doch besser, wenn sie lernen, mit unterschiedlichen Lehrern klar zu kommen. Bei uns gab's Mädchen, die sich jede Woche vom Sportunterricht befreien lassen wollten, weil sie jeweils ihre Monatsblutung hatten. Bei manchen Lehrern hat das einfach nicht geklappt... :wink:

Also sind alle Lehrer gut.
Hm, wenn ich in einer Gesellschaft ein Berufsbild habe, das durch kurze Arbeitszeiten, lange Ferien und ein (für Akademiker) mäßiges Gehalt besticht, und ein anderes Berufsbild, in dem 60 Wochenarbeitsstunden das Minimum sind, man bei dem Wort "Urlaub" sorgenvoll angesehen wird, als sei man krank, dafür aber ordentlich bezahlt wird - wo werden sich die Leistungsfähigeren ansammeln?
Manche Lehrer "entscheiden" sich für ihren Beruf, weil sie eigentlich den entsprechenden Diplom-Studiengang studieren wollten, diesen aber nicht geschafft haben. Da heute fast jeder studieren kann und auch irgendwie durchs Diplom kommt, will das schon etwas heißen....
Aber trotzdem sind nicht alle "blöd", und in der Mischung erfüllen sie ihre Aufgabe.

Warum sonst mögen manche Kinder die Schule nicht?
In der Schule ist es für viele junge Menschen das erste Mal, dass sie irgendwo so richtig gut sein wollen - und sie feststellen müssen, dass sie trotzdem so richtig schlecht sind, zumindest im Vergleich zu manch anderen. Es kann eben nur einer Klassenprimus sein. Dann müsse sie auch noch feststellen, dass es eine Lüge ist, dass man, wenn man irgendwo "schlecht" ist, dann eben woanders "gut" ist. Als ob die Summe über alle Talente pro Mensch konstant sei! Bulls hit. Vielleicht ist man in einem Bereich besser, als man in einem anderen ist - aber deshalb ist man darin noch lange nicht besser als andere.
Der Klassenprimus hingegen hat das zweifelhafte "Glück", dass ihn diese Erfahrung erst später ereilt - vielleicht so spät, dass er nicht mehr bereit dazu ist. Bis dahin ist er erst einmal "Primus" und muss vielleicht feststellen, dass ihm das auch keine Freu(n)de macht.
Grund genug für alle, den Laden zu hassen. Aber warum eigentlich? Weil die Kleinen mit Wertvorstellungen ihrer Eltern durch die Gegend laufen. Für die Gesellschaft ist es ja sozioökonomisch sinnvoll, den "Guten" (Leistungsträger) höher zu bewerten als den "Schlechten" (Leistungsempfänger). Aber für den einzelnen Menschen ist dieser Wertmaßstab im Umgang mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst wohl wenig zielführend. Da wären gewisse ethische Maßstäbe vielleicht wertvoller, die nicht Teil der Volkswirtschaftslehre sind.
Das wäre doch ein lohnendes "Fach" im "Hausunterricht", oder?

Sind Eltern also jetzt die besseren Lehrer?
Mal abgesehen davon, dass wohl wenige Eltern in allen Fächern die nötige fachliche Qualifikation und die pädagogische Eignung aufweisen und ihren Kindern auch nur einen (max. zwei) "Unterrichtsstile" bieten können:
Auch ein Mensch, dem aufgrund geringerer Leistungsfähigkeit viele Wege in der Gesellschaft verschlossen geblieben sind, wird sich mit seinem Leben arrangieren und eine Nische für sich finden. Er wird sich jedoch schwer damit tun, seinen Kindern die Wege zu eröffnen, die ihm selbst verschlossen waren und ihnen etwas anderes zu bieten als seine Nische. Dies ist aber seine Nische und sein Leben. Seine Kinder müssen das nicht mögen. Dazu verändert sich die Welt - für die Kinder kann die Nische bereits geschlossen sein.
Trifft diese Begrenzung nicht - in unterschiedlichem Ausmaß - auf jeden Menschen zu? Wie und wo setzt man also die Grenze? Und wer beurteilt das?

Viele Grüße

Samweis

värmlänning
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Re: Hausunterricht in Schweden soll verboten werden

Beitragvon värmlänning » 9. November 2009 21:01

Vier deutsche Familien haben schon in den USA um Asyl gesucht und auch bewilligt bekommen, weil die undemokratischen Gesetze es in Deutschland nicht zulassen die Kinder zu Hause zu unterrichten.

Quelle: http://www.hemundervisning.nu/blog/post/1/77

Hätte ich Kinder, würde ich sie auch nicht in die Schule schicken. Weder in Schweden,noch in Deutschland. Ich hätte keine Lust mir vorwerfen zu müssen, wenn mein Kind gemobbt werden würde. Oder Mitschüler die meinen ihr Computerspiel in die Realität umsetzen zu müssen und Amok zu laufen.

Nein, die Schule ist kein sicherer Platz mehr für unsere Kinder.

Hier in Schweden gibt es Bestrebungen der Centerpartiet den Hausunterricht sogar zu erweitern. Ich halte es auch für vernünftiger Elternteilen die diesen Weg gehen eine finanzielle Kompensation zu geben ähnlich wie es mit dem Muttergeld hier in Schweden bereits seit Jahren erfolgreich läuft. Eltern sollten selbst bestimmen ob sie ihre Zeit mit ihren Kindern oder mit ihrer Karriere verbringen wollen, das ist nicht Aufgabe eines Staates.

Und da spielt es keine Rolle ob ein geringer Bruchteil die Kinder islamistisch, christlich oder wie hier angesprochen nazistisch erzieht. Eine Demokratie wie Schweden kann so etwas ohne weiteres verantworten. Denn der Großteil der Eltern erzieht die Kinder nicht zu Nazis oder Talibans sondern zu rechtschaffenden Menschen.

Doch wahrscheinlich ist es mit Rosa Luxemburgs Ausspruch ähnlich wie mit der Bibel - er wird solange uminterpretiert bis seine Kernaussage verfälscht ist. Und was die Autorin dieses Threads mit den Aktivitäten ihres Mannes zu tun haben soll, habe ich hier noch nicht begriffen. :smt102


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