Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

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Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Samweis » 3. Mai 2009 20:30

Hallo,

da ich so viel Spaß mit diesem Artikel hatte, wollte ich ihn Euch nicht vorenthalten.

In der aktuellen Ausgabe 5 des schwedischen Jagdmagazines "Svenkst Jakt":
http://www.jagareforbundet.se/svenskjak ... tarE79.pdf

Dort heißt es:
Raubtiere kosten eine halbe Milliarde Kronen
und zwar über die 66 Millionen SKr hinaus, die die schwedische Regierung jährlich als Entschädigung für den Verlust von Rentieren und zahmen Tieren bezahlt.

Der schwedische Jägareförbundet empfiehlt diesen Artikel seinen Mitgliedern als Argumentationshilfe, um den Menschen endlich die Augen zu öffnen.

Wahnsinn! - 510 Mio. SKr Schaden - Ohne Entschädiging der armen Geschädigten - Unglaublich!
- Aber wahr???

Der Artikel würde sich hervorragend zur Medienerziehung in der Schule eignen. Gibt es so etwas eigentlich in schwedischen Schulen?

Viele Grüße

Samweis

P.S.: Für dijenigen, die kein Schwedisch können (oder nicht in die Primärliteratur einsteigen wollen), kann ich morgen ja ein paar Highlights übersetzen. Ich fürchte aber, es wird ein übler Verriss...

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Imrhien » 4. Mai 2009 13:02

Samweis hat geschrieben:Der Artikel würde sich hervorragend zur Medienerziehung in der Schule eignen. Gibt es so etwas eigentlich in schwedischen Schulen?


Inwieweit es das an anderen Schulen gibt... weiss nicht. AN der Schule, an der ich regelmässig den Unterricht besuche, ist es so, dass gerade darüber gesprochen wurde, aber nur weil sie eine Schülerzeitung mit der Klasse gemacht haben.
Von der kunskapskolan hab ich mal gelesen, dass die jeden Morgen Nachrichten anschauen und gemeinsam besprechen. Wie das dann in der Realität aussieht, weiss ich leider nicht. Ich fänds aber interessant wenn es stimmt.
Ach ja, danke für den Artikel

Grüße
Wiebke

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Imrhien » 4. Mai 2009 13:04

Weiss aber gar nicht wo die Aufregung ist? Soll man die Jagd doch auf die Raubtiere eröffnen, dann passt es mit dem Verlust wieder...
Probleme haben die Leute. Echt gemein von den Bären und Wölfen, dass sie nicht zum ICA fahren um sich ihr Essen zu holen. Sollte man alle ausrotten...

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Samweis » 4. Mai 2009 15:28

Hallo Wiebke,

Imrhien hat geschrieben: Echt gemein von den Bären und Wölfen, dass sie nicht zum ICA fahren um sich ihr Essen zu holen. Sollte man alle ausrotten...

Hm, na ja, da kann man Wolf und Bär vielleicht verstehen. Ich fahre auch nur dann zum ICA, wenn ich wirklich nichts anderes finde... :wink:

Imrhien hat geschrieben: Soll man die Jagd doch auf die Raubtiere eröffnen, dann passt es mit dem Verlust wieder...
Das ist das, was sie wollen - aber um einen wirklichen Verlust geht es da ja gar nicht.
Es geht um einen fiktiven Verlust, der herbeigerechnet wird, indem man Zahlen aus verschiedenen Studien kunstreich miteinander verknüpft. So entnimmt man z.B. einer Studie einen (von den befragten Jägern selbst bestimmten) Freizeit-Wert der Jagd und errechnet dann einen fiktiven Verlust, den dieser Freizeit-Wert durch Raubtiere erlitten hat. - Dabei verschweigt man natürlich, dass in derselben Studie die Jäger selbst angeben, dass ihr Feizeitwert gegenüber vor 10 Jahren enorm gestiegen ist und dass sie gerne viel mehr Wölfe und Bären hätten.

Viele Grüße

Samweis

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Samweis » 5. Mai 2009 07:58

Hallo,

hier nun die Zusammenfassung. Allerdings ist mir da angesichts des Artikels etwas "die Feder ausgerutscht".
Alle ernsthaften Jäger, die 'Diskussion' nicht mit 'Manipulation' verwechseln und sich daher mit dem Artikel vom Jägareförbundet nicht identifizieren können, dürfen mich jetzt schlagen :wink:

Wie berechnet man also eigentlich solche Zahlen?
Tja, also zunächst einmal benötigt man ein Studium der Romanistik, Spezialbereich "Jäger-Latein".
Glücklicherweise sind aber mathematische Vorkenntnisse nicht erforderlich. Ganz im Gegenteil: Kenntnisse der Grundrechenarten sind eher hinderlich. Der Durchschnitts-Jäger muss ja auch nur bis zwei zählen können (allenfalls bis drei, nämlich wenn er einen Drilling benutzt).

Die Highlights:
280.000 Jäger jagen insgesamt 7Mio. Tage im Jahr.
Das würde bedeuten, dass ein Berufstätiger innerhalb der Jagdsaison (ca. 3,5Monate im Herbst) praktisch jedes Wochenende komplett im Wald verbringt. Kann das stimmen?
Hm, ja, einer unserer Nachbarn verabschiedet sich nach der ersten Septemberwoche von seiner Familie und taucht erst wieder auf, wenn es Weihnachtsgeschenke gibt (Unterhosen und Socken mit 'nem Elch drauf).
Und falls irgendein berufstätiger Jäger "schwächelt" und doch nicht so jagdgeil ist, dann gibt es ja noch die Altersgruppe 70+ , die man zur Jagd sowieso samt Großkalibergewehr auf den Hochsitz schiebt, damit sie von dort bequem auf alles schießen können, was ein durch das Hörgerät ausreichend verstärktes Geräusch macht. Die Leute haben ja so dåligt syn, dass sie den Weg nach Hause alleine nicht finden - wenn man so einen vergisst vom Hochsitz abzuholen, dann kommen schnell 14 extra-Jagdtage zusammen.
Die Zahlen oben sind also plausibel. (Tatsächlich sind die ersten zwei Zahlen in solchen "Publikationen" meist plausibel, denn da könnte der Leser noch nachrechnen...)

Die Jäger tragen mit 15 Millionen Tonnen Wildfleisch jährlich zur volkswirtschaftlichen Leistung Schwedens bei.
Äh - Moment mal. 7 Mio. Manntage auf Jagd, dabei 15 Mio. Tonnen Fleisch? Das sind ja satt über 2 Tonnen Fleisch pro Tag und Jäger! Das bedeutet für jeden mindestens 6 ausgewachsene Elche (eine erwachsene Elchkuh wiegt selbst mit Kopf, Knochen und Hufen kaum 350kg) pro Tag jagen, schießen, ausnehmen, Fleisch wegschaffen. Das ist Guinness-Buch verdächtig! Und die machen das jeden Tag!
Jetzt verstehe ich endlich, warum man den Norrlänningarna im Rest des Jahres beim Laufen die Schuhe besohlen kann - die müssen sich von den olympischen Leistungen der Jagdsaison regenerieren!
(Richtig ist: 15 Tausend Tonnen oder 15 Millionen kg, also 2 kg pro Tag und Jäger.)

Ein Elch hat einen Wert von 16.000 Skr
Natürlich kann man einen ganzen Elch für einen Bruchteil davon kaufen. Aber Naturvårdsverket hat in einer Studie festgestellt, dass der (vom Jäger "gefühlte") Wert der Jagd hauptsächlich aus dem Freizeitwert besteht und nur zum geringen Teil aus dem verwertbaren Fleischwert. Der Jägerverbund, nicht faul, hat also diesen fiktiven Freizeitwert auf die Zahl der geschossenen Elche umgelegt. Schließlich besteht ja der Wert nicht etwa darin, dass man sich im Wald, unter Freunden, in der freien Natur und an der frischen Luft aufhält sondern - im finalen Todesschuss.
Jeder von Raubtieren gefressene Elch verursacht also dem Jäger Herzschmerz und einen hohen materiellen Schaden durch den entgangenen Tötungsgenuss.

Also fressen die Raubtiere 510Mio SKr pro Jahr:
Der Rest ist ja ganz einfach: man nimmt einfach eine weitere Publikation von Naturvårdsverket, schaut nach, wieviele Elche, Rehe usw. ein Wolf, Bär oder Luchs frißt - und ärgert sich darüber, dass es so wenig ist. Aber das lässt sich ja ändern. Statt der Mittelwerte entnimmt man den Tabellen die Extremwerte und bastelt sich daraus neue "Mittelwerte". Diese multipliziert man mit eigenen Schätzungen der Raubtierpopulation, die auf der Annahme basieren, dass sich z.B. die Anzahl der Wölfe seit der letzten Zählung, also im Zeitraum von Februar 09 bis März 09 fast verdoppelt hat.

Nebenaspekt: 280.000 Jäger töten 90.000 Elche
Das steht zwar etwas im Kontrast mit den 2 Tonnen pro Mann und Tag (siehe oben), aber auf diese Weise kommt ein Elch pro Jahr auf drei Jäger. Das erklärt ja dann endlich, warum ich immer mindestens drei Schüsse höre, wenn's im Wald auf einen Elch geht: Nicht etwa, dass man dem fliehenden Tier so lange in den Hintern schießt, bis es endlich verendet - völlig falsch. Nein, damit man nicht nur jedes dritte Jahr zum Tötungsorgasmus kommt, wird der Elch im schwedischen Kollektiv erlegt - natürlich streng waidmännisch durch drei simultane Blattschüsse.

Viele Grüße

Samweis

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Imrhien » 6. Mai 2009 16:38

Hej Samweis,
ich hoffe Du hattest das richtig verstanden... Das war Ironie pur. Natürlich finde ich es dämlich wenn man einen solchen Verlust durch die Bären oder Wölfe errechnet. Die sind Teil der Natur und leben von der Natur. Dass der arme Jäger dadurch einen Elch weniger schiessen darf, ist mir echt Schnuppe. Ich habe auch nicht mal was gegen die Jagd. Aber für mich geht in dem Fall die Natur vor dem Spaß. Die Jäger, die es berfulich machen um die Artbestände zu sichern und zu regulieren, da mag es anders sein. Aber denen dürfte es ja auch recht sein, wenn sich das selbst reguliert. Alle anderen, die nur zum Spaß auf die Jagd gehen haben da für mich einfach Pech gehabt. Die haben doch nur ein Hobby. Das Raubwild muss sich ernähren.
Sorry wenn das nicht so rüberkam. Ich fand die ganze Geschichte nur komisch.

Grüße
Wiebke

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Re: Halbe Milliarde Schaden durch Raubtiere in Schweden!

Beitragvon Samweis » 6. Mai 2009 18:09

Hallo Wiebke,

Imrhien hat geschrieben:ich hoffe Du hattest das richtig verstanden... Das war Ironie pur.

Nee, nee, keine Sorge. Das hatte ich schon richtig verstanden. Ich hatte nur einfach noch so einen Brass auf den Artikel. Ich finde es eben recht unverschämt, wenn man einen ideellen Gewinn, den man für sich fühlt und verbucht, zu einem wirtschaftlichen Verlust "rechnen" möchte.
Ich bin ja ein sehr empfindsamer und sensibler Mensch. Wenn ich mich veralbert fühle, reagiere ich ganz merkwürdig. :wink:
Und da kam ich mir reichlich veralbert vor. (Durch den Artikel. Nicht von Dir.)

Viele Grüße

Samweis


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