Gesundheit!

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Skogstroll
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Re: Gesundheit!

Beitragvon Skogstroll » 14. Februar 2007 15:20

Der folgende Dialog zwischen Patient (P) und diensthabender Schwester (S) ist zwar nicht wörtlich wiedergegeben, aber keineswegs fiktiv. Kommentare in Klammern. Der Patient hatte gleich früh den diensthabenden Computer angerufen, und nun kommt der Rückruf:

P: Hallo, hier ist ...
S: Vårdcentral Malmbergert, hier ist ..., du hattest wegen einer Angina angerufen. Wie lange hast du schon Beschwerden?
P: Seit drei oder vier Tagen. (Wir sehen, der Patient ist kein Greenhorn, eine kürzere Zeit führt zu sofortigen Abweisung.)
S. Hm. Hast du es schon mit Alvedon versucht? (Kein Mensch käme auf die Idee, eine Angina mit einem Schmerzmittel zu behandeln, aber der Sinn der Frage wird gleich deutlicher.)
P: Nee, wieso mit Alvedon? (Böser Fehler! Das wird ein k.o.!)
S: Hol dir eine Schachtel Alvedon aus der Apotheke. Wenn es nach drei Tagen nicht besser wird, dann ruf nochmal an. Hej då!

Übrigens - hat man wirklich einen Termin ergattert, dann muss man selten warten. Wie gesagt, ein perfektes Uhrwerk. Bekommt man aber keinen, bleibt nur die Alternative, abends ins Krankenhaus in die Akutaufnahme zu fahren. Dort muss man aber u.U. lange warten, auch mit Kind, und der Spass kostet 250 Kronen. Dort bekommt man zwar auch keinen Arzt, aber von der Schwester zumindest ein Antibiotikum.

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jörgT
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Re: Gesundheit!

Beitragvon jörgT » 14. Februar 2007 18:10

Seid mir bitte nicht böse, aber zu dem Thema äussere ich mich nicht mehr!
In Norrbotten scheint es aber besonders schlimm zu sein ...
Zur privaten Krankenversicherung soviel: Ich habe noch keinen Privatversicherten getroffen. Eine Privatversicherung macht nur Sinn, wenn wie in Deutschland der Arzt AOK-Patienten abweisen muss, weil alle AOK-Patienten, für die die Kasse pro Quartal bezahlt, "fertig behandelt" sind. Das gibt es in Schweden nicht. Fazit: Du kommst mit der "Privaten" nicht schneller oder leichter zu einem Arzt.
Die firewall-Schwestern der vårdcentral existieren allerdings tatsächlich - heute endete mein Versuch, einen Kollegen in der vårdcentral zu erreichen, mit einem Wutanfall meinerseits.
Aber nochmal ernsthaft: Zum Thema Medizin haben Deutsche ein besonderes Verhältnis, in dem sich (von uns Ärzten erzeugtes) "Bedarfsdenken" mit einer sehr spezifischen Sicht auf "Notwendigkeiten" mischt! :oops:
Jetzt geh´ich erst mal und schlucke meine Blutdruckspillen ... :wink:
Jörg

blue

Re: Gesundheit!

Beitragvon blue » 14. Februar 2007 23:52

Hej Jörg

sorry wollte mit meiner scheinbar "depperten" Frage nicht dein Blut in Wallungen bringen. :wink:

Werde mir also anstatt einer Privatversicherung ein paar Boxhandschuhe zu legen und mich auf die ersten Runden mit den weißhäuptigen Damen freuen. :smt065

Aber Ihr müßt zugeben, die Geschichten, die ihr beschreibt, hören sich für jemanden noch in Deutschland lebenden nicht besonders vertrauenserweckend an und da soll auch die Frage nach einem Ausweg (z.B. Versicherung) erlaubt sein ohne direkt hypochondrische Züge bescheinigt zu bekommen. :? ...ich kann Arztbesuche nicht ausstehen und vermeide sie wo ich kann :twisted:

Die Sache mit dem Computer ist auch noch ein extra Anreiz die Sprache möglichst schnell perfekt zu sprechen und tunlichst Notfälle in der Anfangsphase zu vermeiden oder gibt es auch ne englischsprachige Computerstimme? wenn nicht legt mir bitte schon mal eine dieser Broschüren beiseite, da sind ja bestimmt Bilder drin zwecks Selbstversuch :zwinker:

lG
Heike

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Re: Gesundheit!

Beitragvon jörgT » 15. Februar 2007 00:34

Nee, nee Heike,
sicher hast Du auch meine smilies registriert, aber die Deutschen haben nun einmal sehr eigene Vorstellungen von medizinischer Betreuung! Ist nicht persönlich gemeint! :goodman:
In Schweden muss ich damit leben, dass das nächste Krankenhaus möglicherweise 200 km entfernt ist und die örtliche vårdcentral nur einen stafettläkare zu bieten hat.
In Deutschland ist dank (ehemals!) hoher Arztdichte eine Situation entstanden, in der zwar um das Geld der Patienten, aber nicht um ihre optimale Behandlung konkurriert wird und der Patient dies noch als angenehm empfindet. Glaub´mir, nach fast 30 Jahren im Gesundheitswesen weiss ich, wovon ich spreche.
Und das deutsche Anspruchsdenken ist nicht auszumerzen ...
Aber Skogstroll scheint wirklich schlimme Erfahrungen gemacht zu haben,
die ich aus Dalarna und auch Anne aus Sollefteå nicht bestätigen können!
Frag´ruhig weiter, so empfindlich bin ich nicht!
Jörg

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Re: Gesundheit!

Beitragvon Skogstroll » 15. Februar 2007 10:05

Hej Jörg,

du hast Recht, Norrbotten ist besonders schlimm. Es gibt zu wenig Ärzte, und dem Landsting gelingt es auch nicht, die, die da sind, zu halten. Auch die meisten deutschen Ärzte verschwinden nach ein paar Jahren wieder.
Aber das System an sich funktioniert überall ähnlich, und auch du als Insider hast offenbar deine nervenaufreibenden Erfahrungen gemacht. Es vergeht auch kaum eine Woche, in der nicht eine Zeitungsmeldung über einen neuen medizinischen Störfall erscheint. Und erst heute früh war im Radio zu hören, das der Ärztemangel eher schlimmer wird, besonders psychologische Betreuung findet praktisch nicht mehr statt.
Das Ganze hat nach meiner Ansicht wenig mit spezifisch deutschem Denken zu tun, auch die Schweden empfinden den status quo als unhaltbar.
In einem Punkt gebe ich dir aber uneingeschränkt Recht: das deutsche System schiesst in die andere Richtung über jede vernünftige Grenze.

Hälsningar,
Skogstroll

P.S.: Korrektur: Das "medizinische Standardwerk" des NLL heisst nicht "Självvårdsguiden", sondern "Egenvårdsguiden"

nobse

Re: Gesundheit!

Beitragvon nobse » 15. Februar 2007 10:25

Es hört sich blöd an, aber in Deutschland kann keiner mehr das System bezahlen. das Geld geht doch schon für den Transport drauf.
Da vibrieren die Rotoren des Helikopters der seine Landestelle sucht , gleichzeitig kommt der Transporter mit dem Tettungsassistenten und ein paar Minuten später steht der Rettungsarzt neben bei.Die erste Frage" Was ist?" die zweite "Die Versicherungskarte?" Kommt der Kranke dann noch ins Krankenhaus , ist das Meiste Geld doch schon aufgebraucht.
Ich selbst lebe nur noch durch diese Maßnahmen.Doch wer soll das bezahlen?
Als ich 10 Jahre alt war , bin ich eine zeitlang fast jede Nacht aufs Fahrrad ,unter Tränen vor Angst ,daß mein Vater sterben könnte ,zum Arzt.WENN der Arzt da war, kam er und spritzte meinen Vater.
Telefon? Dumme Frage.
So ist es auch noch auf dem Land im Hohen Norden . An weit entlegenen Stellen mußt du damit rechnen an einem Blinddarm zu sterben.
Das System hier wird nicht mehr lange mitmachen , dann sterben aber nur noch die mittellosen.

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Re: Gesundheit!

Beitragvon jörgT » 15. Februar 2007 18:50

In Dalarna setzt das landstinget jetzt voll auf die Karte "rekrytering".
Wir werden in diesem Jahr voraussichtlich allein in Mora Verstärkung durch 1 Chirurgen, 2 Orthopäden, 1 Neurologen, 6 Internisten, 1 Diabetologin, 1 HNO-Ärztin bekommen - zu den 7 deutschen Ärzten, die schon hier sind!
Natürlich kommt es auf eine gute Integration an - das ist mein Part ...
Aber eigentlich benötigt besonders die primärvård Verstärkung, aber Allgemeinärzte aus Deutschland verdienen wohl immer noch zu gut ...
Jörg

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Re: Gesundheit!

Beitragvon Imrhien » 15. Februar 2007 21:30

Wenn das so weiter geht mit den deutschen Ärzten in Schweden müssen die (deutschen) Einwanderer beim Arzt nicht mehr schwedisch können. Wann wird es die ersten medizinischen Deutschkurse für Schweden geben? :lol:

Imrhien


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