Fragen zum Gesundheitssystem

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Jürgen31
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Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Jürgen31 » 23. Mai 2010 17:28

Hallo zusammen,

wie ist das schwedische Gesundheitssystem? Besser als in Deutschland, schlechter oder vergleichbar?

Skandinavien Typisch gibt es doch eine "Krankenkasse" in der alle einzahlen und die steuerfinanziert ist, oder?

Inwieweit gibt es Zusatz-Krankenversicherungen und hat man da als Ausländer Chancen eine zu bekommen?

Thema Zahnarzt: Wird der wie in Deutschland über die Krankenkasse abgerechnet, oder muss man den zu 100% selber zahlen sobald man über 18 ist? Mit welchen Kosten ist man da für ne normale Kontrolle mit Zahnsteinentfernen dabei?

Werden die Kosten für Impfungen und Hyposensibilisierungen übernommen?

Kontaktlinsen: Gibts die ohne Probleme beim Optiker, oder muss ich da beim Optiker ein Abo machen? Oder werden die Kosten vom Gesundheitssystem übernommen?

Wie hoch ist eigentlich die Praxisgebühr die bei jedem Arztbesuch fällig wird? Ich glaub um die 1500 Kronen Selbstbeteiligung gibts im Jahr für Arzt/Medikamente, oder?

Gibt es einen Hausarzt denn ich mir beim Einwohnermeldeamt raussuchen kann wenn ich mich anmelde, oder habe ich freie Auswahl?

Wie sind die Wartezeiten für Krankenhäuser? Gibts da ggf. schnell einen Termin oder sind Wartezeiten von einem 1/2 Jahr normal?

Ich weis, viele Fragen aber ich hoffe das diese jemand geduldig beantworten kann.
Vielen vielen Dank schon mal,
Jürgen

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Rwitha » 23. Mai 2010 18:59

Darüber, wer die Welt erschaffen hat, läßt sich streiten. Sicher ist nur, wer sie vernichten wird. (George Adamson)

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Skogstroll » 24. Mai 2010 07:51

Das Thema wurde so ausführlich diskutiert wie sonst kaum was, manchmal sogar sachlich. Trotzdem ein paar Infos, denn das Lesen der Threads ist schon eine Zumutung.
Also:

Besser oder schlechter als Deutschland? nach meiner Ansicht klar schlechter, zumindest in den nördlichen Landesteilen.
Das mit der Krankenkasse ist richtig, heisst hier försäkringskassa.
Zusatzkrankenversicherungen gibt es und man bekommt sie sicher auch als Ausländer. Allerdings kenne ich niemanden, der eine hat. Sie sind sehr teuer, decken meist wenig ab und nützen in diesem System wenig.

Der Zahnarzt wird über 18 voll selbst bezahlt und das sofort beim Zahnarzt. Es gibt aber auch einen Kostenschutz, der bei sehr hohen Rechnungen die Kosten etwas dämpft.
Eine Prophylaxebehandlung durch einen tandhygienisten (nicht durch einen Arzt) kostet ca. 500kr. Zahnstein wird entfernt, fluoridiert wird nicht.

Die Praxisgebühr kann von landsting zu landsting variieren. Die aktuellen Gebühren in Norrbotten sind:
Einfacher Arztbesuch in der vårdcentral: 170kr
Besuch bei der Krankenschwester, ohne Arzt: 100kr
Arztbesuch im Krankenhaus / Akutaufnahme: 270kr
Besuchsgebühr bei Impfungen: 200kr
Krankschreibung, Verlängerung per Telefon: 100kr
Die komplette Liste gibt's hier: http://www.nll.se/upload/IB/lg/info/patientinformation/Patientavgifter/vardavg_2010_svenska.pdf
Oft ist die Behandlung in der Akutaufnahme (270,-) der Normalfall, weil die vårdcentral einfach keine Akuttermine vergibt. Viele Schweden rufen dort schon gar nicht mehr an, sondern fahren gleich am Abend ins Krankenhaus. Dort sollte man aber schon ein paar Stunden mitbringen, da der einzige Arzt dort mit sämtlichen akuten Erkrankungen des Tagen natürlich hoffnungslos überfordert ist.

So etwas wie einen Hausarzt gibt es nicht. Man kann lediglich seit diesem Jahr die Vårdcentral wählen. An welchen Arzt man dabei gerät (wenn überhaupt), bestimmt die vårdcentral. Das kann jedesmal ein anderer sein. Die Fluktuation ist hier ohnehin so hoch, dass es sich nicht lohnt, sich an einen bestimmten Arzt zu gewöhnen. Die Kontaktaufnahme zur vårdcentral ist nur per Anruf bei einem Telefoncomputer möglich.

Die Wartezeiten sind sprichwörtlich. Als ich vor sechs Jahren hier ankam, habe ich mich für eine Kontrolluntersuchung bei der folktandvård angemeldet. Auf den Termin warte ich bis heute. Es gibt zwar eine vårdgaranti, die die Wartezeiten begrenzen soll, aber die funktioniert überhaupt nicht. Zum einen gilt die nur für den Erstbesuch, weshalb chronisch kranke ewig auf Termine warten müssen, zum anderen wird getrickst dass jeder Gebrauchtwagenhändler blass wird. Zum Beispiel gibt es zwei Warteschlangen. Die vårdgarantie verpflichtet den landsting nämlich nur zur Vergabe eines Termins, das muss nicht am Wohnort sein. Also gibt es die offizielle Warteschlange für Patienten, die bereit sind, ein paar hundert Kilometer zum Arzt ans andere Ende des läns zu fahren, und es gibt die sogenannte freiwillige Warteschlange für die, die gern am Wohnort zum Arzt gehen würden, und die dann entsprechend länger ist, weil sie nicht von der vårdgarantie erfasst wird.

Wartezeiten von einem halben Jahr können schonmal der Glücksfall ein.

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Robur » 24. Mai 2010 09:03

Dazu noch ein kleiner eigener Erfahrungsbericht:

Der Allgemeinmediziner aus der Vårdcentral stellt eine Überweisung zum Facharzt im Krankenhaus aus. Bereits nach 2 Wochen meldet sich das Krankenhaus beim Allgemeinmediziner mit der Aussage "wir haben schon soviele Patienten in der Warteschlange, wir nehmen keine Überweisungen/Patienten mehr an. Aber wir leiten die Überweisung weiter an Krankenhaus XY."

Weitere 2 Wochen später meldet sich Krankenhaus XY beim Allgemeinmediziner und teilt ihm mit "das Sie Überweisungen/Patienten von ihm nicht annehmen, da er nicht die entsprechende Qualifikation besitzt."

Da bleibt man als Patient leider irgendwie auf der Strecke....

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Utusch » 24. Mai 2010 11:36

Hallo Zusammen,

in HAlland speziell in Laholm habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht,
im Akutfall kann ich sogar ohne Anmeldung kommen und ich habe noch nie
länger als eine Stunde gewartet. Bin chronisch krank und kann mich ueber
mangelnde Betreung nicht beklagen, fast alle Termine kommen automatisch.
Die Krankenhaustermine haben schon etwas länger gedauert, aber 4 Wochen
haben sie nie ueberschritten. Die wechselnden Ärzte in der Vårdcentral nerven
mich auch und ich lasse mich nur noch von den festeingestellten Ärzten behandeln.
In Laholm kostet ein Arztbesuch 130 Kronen und das Krankenhaus 160Kronen.
Die Krankenschwester kostet nichts.
Bin richtig froh nicht so einen Stress zu haben wie einige Leute welche hier berichten.

Viele Gruesse
Ute

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Jürgen31 » 24. Mai 2010 18:40

Danke für Eure Antworten!
Ist ja schon etwas Abschreckend was das schwedische Gesundheitssystem betrifft. Sowas hätte ich ehrlich gesagt in Afrika erwartet.....

Aber noch sind Fragen für mich offen:

Werden Impfungen und Hyposensibilisierung für Erwachsene bezahlt, oder zahlt man die selber bzw man holt sich das aus der Apotheke und leistet die übliche Medikamentenzuzahlung?

Wie schauts mit Kontaktlinsen aus. Kann ich da zum Optiker gehen, meine Stärke sagen, und ich krieg welche? Oder geht da nix ohne vorherige Kontrolle und ggf ein Jahresabo?

Schönen Pfingstmontag noch!

Jürgen

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon meckpommbi » 24. Mai 2010 19:25

ach dat is alles nicht so schlimm wie es sich anhoehrt ich finde das system io und habe auch sehr gute erfahrungen gemacht
gruss birgit

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Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Skogstroll » 25. Mai 2010 07:21

Jürgen31 hat geschrieben:Aber noch sind Fragen für mich offen:
Jürgen


Und leider kann ich dazu nur Vermutungen anstellen.
Brillen gibt's beim Optiker problemlos, inklusive einer Augenuntersuchung. Vermutlich gilt das auch für Kontaktlinsen. Es gäbe auch gar keinen Augenarzt hier.
Zur Hyposensibilisierung an sich kann ich direkt nichts sagen. Allergien sind aber unglaublich verbreitet (und zu einem gewissen Teil auch eingebildet oder vorgeschoben), die Strategie ist aber eher Vermeidung als Hyposensibilisierung. Im Ergebnis stopft Medelsvensson zwar kritiklos alle möglichen Zusatzstoffe in sich rein (man betrachte nur die quietschbunten Lösgodisregale), ist aber allergisch gegen Fisch, Milch, Getreide, Äpfel, Pferde, Katzen, Hunde, Birken oder Elektrizität. Die entsprechenden Dinge meidet man dann konsequent. Ich habe noch nicht gehört, dass sich jemand einer Hyposensibilisierung unterzogen hätte. Was natürlich nicht heisst, dass es das nicht gibt.

Der Vergleich mit Afrika kommt übrigens nicht richtig hin. Die Einrichtungen sind durchaus modern und gut ausgestattet (soweit ich das beurteilen kann), man fühlt sich durchaus nicht wie im Busch. Es ist eher der unpersönliche, industriell-effektive Charakter eines Systems, dass dazu noch einen permanenten Mangel verwaltet. Vor ein paar Jahren war es noch reiner Personalmangel, inzwischen müssen die landstings knallhart sparen und entlassen Personal, was die ohnehin angespannte Situation noch verschärft.

Die erste Hürde liegt schon darin, überhaupt mit einem Menschen zu sprechen. Erstmal erreicht man nur den Telefonautomaten und hangelt sich durch diverse Menüs, bis einem irgendwann die Computerstimme einen Rückruf verspricht. Dann ruft irgendwann eine Schwester an (oft treffend als Firewall bezeichnet), die einem erklärt, dass man eigentlich gesund ist oder zumindest nicht so krank, dass man nicht bis nächste Woche warten könne. Dann kommt die "Beratung": Ins Bett legen, trinken, Alvedon schlucken.
Wenn man Kinder hat, dann sind die ab und zu mal krank. Dann möchte man mit denen auch mal zum Arzt. Mir ist es in sechs Jahren noch nicht ein einziges Mal gelungen, einen Akuttermin in der vårdcentral zu bekommen. Ich kenne auch niemanden, dem das gelungen wäre. Also fährt man mit dem kranken Kind abends ins Krankenhaus, wartet ein paar Stunden, zahlt 270kr dafür, aber bekommt wenigstens einen Arzt zu Gesicht.

Skogstroll

Nanna-wie immer

Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon Nanna-wie immer » 25. Mai 2010 19:23

Wir wohnen hier seit 15 Jahren und haben hier im südlicheren Bereich eigentlich meist gute Erfahrungen gemacht.
Wartezeiten für Spezialisten waren noch nie extrem, allerdings waren wir bislang auch immer gewillt, auch die kurzfristigen Termine wahrzunehmen von Leuten, die sich abgemeldet hatten.
Da man die Vårdcentral mittlerweile frei wählen kann, bemühen sie sich zumindest hier etwas mehr, auch Ärzte ranzukriegen, die bleiben. Oft haben wir den gleichen Arzt getroffen, nicht immer.
Und einen akuten Termin haben wir, wenn es um die Kinder ging immer am gleichen Tag bekommen, wir Erwachsenen auch, wenn auch selten (da wir es nicht so oft gebraucht haben Gottseidank;) ). Von der Betreuung im Krankenhaus bin ich auch angetan, im Winter waren wir mit einem Beinbruch akut drin und mit Wartezeiten auf Röntgenbilder (Entwicklungszeit 1½ Stunden) nach nur 4 Stunden aus dem Krankenhaus raus. Und dass über die Mittagszeit, die ganze Zeit supernettes Personal und Ärzte, die sich Zeit nahmen zu erklären und sich vor allem sehr freundlich dem Kind widmeten.
Nachdem wir uns an das System hier gewöhnt hatten (denn es war schon ungewohnt zu Anfang), finde ich es ganz okay. Verwandte und Freunde aus Deutschland sind immer am schimpfen, ich glaube, das Gras wird immer grüner sein auf der anderen Seite :). Manches Mal funktioniert etwas besser in D, manches Mal hier. Aber viele Sachen gleichen die negativen aus, und so lange das Gleichgewicht stimmt, bin ich im richtigen Land :)

Gruss

Nanna (hatte keine Lust einzuloggen ;) )

welches Gesundheitssystem?

Re: Fragen zum Gesundheitssystem

Beitragvon welches Gesundheitssystem? » 27. Mai 2010 15:09

Also,

ich trage mich mit dem Gedanken, just wegen des schwedischen Gesundheitssystems wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Selbst Krebspatienten müssen hier ellenlang auf Untersuchung, Biopsie, Behandlung warten - Schlangestehen gilt für jeden Bereich. Beispiel: Ein guter Freund von mir, Rentner, hat vermutlich Prostata-Krebs (PSA-Wert 18, uriniert Blut, hat in kurzer Zeit 10 kg abgenommen, hat Schmerzen in den Gesäßknochen, es geht ihm sehr schlecht, Verdacht auf Prostata-Krebs). Nun, ist das etwa ein Grund für das schwedische Gesundheitssystem, schneller zu machen und ihn ordentlich zu untersuchen? Nein. Er wartet schon seit Monaten darauf, dass er endlich zur Biopsie kommen darf (vorher hat er bereits Monate auf einen ersten Besprechungstermin im Krankenhaus gewartet). Bei mir besteht Verdacht auf Brustkrebs, aber werde ich deswegen umgehend mammografiert? Nein. (Ultraschall der Brust wollen sie nicht machen bzw. erst nach erfolgter Mammografie, falls da was ist.) Dazu muß ich also entweder nach Deutschland fahren oder warten, warten, warten.

Ich liebe vieles an diesem Land, aber das sog. Gesundheitssystem ist in meinen Augen furchtbar und oft gar praktische Sterbehilfe, denn es zeichnet sich vor allem durch eins aus: Unterlassung, Verschiebung, Wegschicken, Wartenlassen. Sogar Patienten mit Verdacht auf Krebs. Tut mir leid, aber da hört die Liebe zum Land auf. ich habe keine Lust, in der Warteschlange zu sterben. (Die hausgemacht ist, da die Ärzte nur so wenig Patienten behandeln wollen). Man sagt, dass es in Halland und in Jönköpings Län besser ist. Für Jönköpings Län kann ich das nicht bestätigen, denn da wohne ich. Ausserdem kann man ja nicht jedes Mal in ein anderes Län umziehen, sobald man akut krank wird oder Verdacht auf eine schwere Krankheit besteht. Und ich bin eigentlich der Typ, der kaum zum Arzt geht, also ganz ideal für Schweden. Aber bei Krebs oder Verdacht auf Krebs hört's auf. Ich hab immer gedacht, daß sie dann wenigstens in die Gänge kommen. Aber nein. Mit einer solchen Unsicherheit kann ich aber nicht leben, daher gehe ich sehr vermutlich nach Deutschland zurück, obwohl Schweden in all den vielen Jahren mein Zuhause geworden ist.


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