Essen landet im Abfall

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svenska-nyheter
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Essen landet im Abfall

Beitragvon svenska-nyheter » 7. Oktober 2009 07:49

Hilfsorganisation bedauern, dass in Schweden keine Lebensmittel eingesammelt werden. Während in mehreren anderen europäischen Ländern täglich in organisierter Form Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei Supermärkten eingesammelt und dann an arme Mitbürger verteilt werden, landen in Schweden jährlich rund 100 000 Tonnen voll verzehrbare, aber unverkäufliche Lebensmittel im Abfall. Hilfsorganisationen müssen stattdessen Lebensmittel für Hilfszwecke einkaufen. Die drei größten Essens-Hilfsorganisationen servieren täglich rund 700 000 Portionen gratis Mahlzeiten.




(Mit freundlicher Genehmigung von Radio Schweden)

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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon HeikeBlekinge » 7. Oktober 2009 11:57

"bedauern"... was fuer ein Ausdruck in diesem Zusammenhang! Wenn ich persönlich könnte wie ich wollte, wuerd ich die Schweden fuer diese Untugend tuechtig zusammensch... förlåt ;-)

Tommy3

Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon Tommy3 » 7. Oktober 2009 13:14

Hej,

ich kann Heikes Reaktion nur unterstützen! Was da rumgeaast wird, ist grauslich. Jeden Montagmorgen räumt der Automatenmann hier manchmal dutzende von sandwiches und Salaten in den Müll, weil die einen Tag drüber sind (die haben auch vorher schon labberig geschmeckt).

Das Einsammeln für Hungrige und Bedürftige währe aber ein Eingeständnis der Gesellschaft, dass es tatsächlich hungrige und bedürftige gibt, und das passt nicht in den Beschützerstaat.

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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon Tulipa » 7. Oktober 2009 20:43

HeikeBlekinge hat geschrieben: Wenn ich persönlich könnte wie ich wollte, wuerd ich die Schweden fuer diese Untugend tuechtig zusammensch... förlåt ;-)


hmmm, da drängt sich mir folgende Frage auf: Was tut denn ihr, die ihr diese Unsitte des Essen wegwerfens furchtbar findet, dagegen? Was sagt ihr wann, wie und wem?

Ich finde das nämlich ziemlich schwierig. Zwar koche ich oft innerlich vor Wut, wenn Gäste bei uns oder woanders ihre Teller mindestens halbvoll stehen lassen, unterwegs jemand einmal vom Brötchen abbeisst und ab in die Mülltonne usw. Aber als Gast oder Gatgeber sage ich dann des lieben Friedens willen oft nichts.

Energischer gehe ich in Schule und Kindergarten vor, immer mit dem Argument des schlechten Vorbilds für die Kinder. Da können die dann ja kaum anders als zuzustimmen.

Und ich lasse gesprächsweise öfter einfliessen wenn sich jemand wundert, wie wir denn ekonomisk (finanziell) über die Runden kämen, dass wir weder Essen noch Kleidung wegwerfen. Darauf kommt dann meist gar keine Antwort.

Was habt ihr für Erfahrungen?

LG
Tulipa
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Tommy3

Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon Tommy3 » 7. Oktober 2009 21:56

Hej,

wenn der Automatenmann kommt und kiloweise Sandwich und Salate entsorgt, sage ich ihm schonmal, dass das ein Skandal ist, aber er ist die falsche Zielscheibe. Gleichzeitig habe ich schon Arbeitskollegen auf die Sauerei hingewiesen, aber man erntet nur Unverständnis.
Sollen vielleicht die Armen den abgelaufenen Salat essen? Und welche Armen denn?

Ich glaube, es ist fast hoffnungslos und man wird nur als Besserwisser angesehen. Den Schweden fehlt das echte Krisen- und Kriegserlebnis, was ich auch keinem wünsche.

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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon Tulipa » 7. Oktober 2009 22:21

Nun ja, richtig Arme kenne ich in Schweden wirklich nicht; liegt aber sicher auch an der Gegend.
Aber darum geht es ja auch nur teilweise. Fast alle erzählen mehr oder weniger oft, dass sie zu irgendetwas keinen "Råd" haben (=sich nicht leisten können). Subjektiv empfinden also viele einen Geldmangel, aber wollen diesem nicht mit für mich naheliegenden Massnahmen wie sorgsamem Lebensmitteleinkauf und -verzehr abhelfen.

Viel schlimmer finde ich aber, dass Nahrung nicht als Wert an sich gesehen wird - also als etwas, was man nicht einfach wegwirft. Weil es sich nicht gehört; unabhängig von einer vollen oder leeren Geldbörse.

LG
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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon HeikeBlekinge » 8. Oktober 2009 07:53

hmmm, da drängt sich mir folgende Frage auf: Was tut denn ihr, die ihr diese Unsitte des Essen wegwerfens furchtbar findet, dagegen? Was sagt ihr wann, wie und wem?

Ich finde das nämlich ziemlich schwierig. Zwar koche ich oft innerlich vor Wut, wenn Gäste bei uns oder woanders ihre Teller mindestens halbvoll stehen lassen, unterwegs jemand einmal vom Brötchen abbeisst und ab in die Mülltonne usw. Aber als Gast oder Gatgeber sage ich dann des lieben Friedens willen oft nichts.

Energischer gehe ich in Schule und Kindergarten vor, immer mit dem Argument des schlechten Vorbilds für die Kinder. Da können die dann ja kaum anders als zuzustimmen.

Und ich lasse gesprächsweise öfter einfliessen wenn sich jemand wundert, wie wir denn ekonomisk (finanziell) über die Runden kämen, dass wir weder Essen noch Kleidung wegwerfen. Darauf kommt dann meist gar keine Antwort.

Was habt ihr für Erfahrungen?


Ich muss auch ziemlich viel an Bemerkungen runterschlucken momentan. Das geht so weit, das ich mich fuerchterlich ärgere ueber einige meiner Schulkollegen und erst mal Dampf ablassen muss wenn ich zuhause bin.
Das kriegen dann in erster Linie meine Söhne zu hören, dann mein Mann wenn er abends anruft - ich brauch dann total den Ausstausch darueber, weil ich manchmal denke ich ticke nicht richtig ganz weil ich so anders reagiere auf das Thema. Zum Glueck, oder greulicherweise, machen meine Jungs hier an der Schule oder bei Freunden ganz ähnliche Erfahrungen und sind von dem Verhalten ebenfalls angewidert.
Teller vollhauen, Hälfte wegschmeissen - fuer uns eine absolute Untugend, fuer den ueberwiegenden Teil der Schweden nicht wert auch nur einen klitzekleinen Gedanken zu verschwenden. Das ist einfach nicht drin in deren Köpfen! Und man wird fassungslos oder voller Unverständnis angeschaut wenn man darueber reden möchte!
Frage ich neulich zwei meiner Kollegen warum sie das Wasser eine halbe Stunde lang beim Kartoffelschälen "nicht abstellen können, das wäre doch etwas Verschwendung, oder?" Ich ernte lautes Lachen, und die eine antwortet es sei ja nicht ihr Wasser, das muesse sie ja nicht bezahlen also solle ich mir keine Sorgen machen.
Man war ich sauer, wenn ich gekonnt hätte wie ich wollte, dann...
Naja, ich hab dann mit unserer Lehrerin gesprochen und ihr gesagt, das ich mich wohl unbeliebt machen wuerde mit solchen Bemerkungen weil das wohl nicht der Mentalität der Schweden entspräche, ich mich teilweise aber nicht zurueckhalten könne und was ich wohl tun könne, denn das Thema Ressourcen und Verschwendung liege mir sehr am Herzen.
Antwort: Ja, die Deutschen seien halt weiter beim Thema Umweltschutz und das könne sie gut verstehen das ich da anders denke. Aber die Schweden kämen auch immer mehr drauf und sie sei sich auch bewusst das da nach und nach etwas geschehen muesse. Bloss solle ich demnächt zu ihr kommen wenn mir was auffallen sollte.
Naja - abwarten. Ich werde jedenfalls nicht locker lassen. Denn erstens kostet es sehr wohl auch Steuergelder wenn man Essen wegwirft oder Wasser laufen lässt und es ist Umweltverschmutzung höchsten Grades, denn die Unmengen an weggeworfenen Lebensmitteln belasten enorm!

Ja, es ist eindeutig: Mit solchen Bemerkungen macht man sich eher unbeliebt. Denn die Schweden kreiden einem in erster Linie die Kritik an ihrem Verhalten an als das sie mal nachdenken wuerden was man da sagt!

So, jetzt muss ich aber los. Mal schauen, was heute so abgeht ;-)

LG
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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon Tulipa » 8. Oktober 2009 09:30

Selbst fast lachen muß ich manchmal, wenn ich von unserem Komposthaufen im Garten erzähle und jemand fragt, ob das ein "Matkompost" = Essenkompost sei. Dann sage ich immer "vi har inga matrester, vi äter upp allting" = wir haben keine Essensreste, wir essen alles auf. Und stelle mir vor, daß die uns vor ihrem geistigen Auge sehen, wir wir Kaffeefiltertüten und Bananenschalen zerkauen :)

Bei Kinderbesuch habe ich mir angewöhnt, möglichst "Fingeressen" zu servieren: Kekse, Obststücke, Käsewürfel. So gibt es kein Geschmadder und Reste kann man locker selbst essen. Löst natürlich das Grundsatzproblem nicht.

Ich kann oft auch nur staunen, wie wenig Nachhaltigkeits- und Recyclinggedanken in den Köpfen sind. So fragt mich vorhin eine befreundete Mama, sie habe gelesen, daß man Pelargonien jetzt gar nicht wegwerfen müsse, sondern überwintern könne und ob das sehr schwierig sei. Auf die Idee, den Topf einfach auf irgendeine Fensterbank zu stellen, war sie wohl noch gar nicht gekommen.

LG
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nysn

Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon nysn » 8. Oktober 2009 11:24

Antwort: Ja, die Deutschen seien halt weiter beim Thema Umweltschutz und das könne sie gut verstehen das ich da anders denke. Aber die Schweden kämen auch immer mehr drauf und sie sei sich auch bewusst das da nach und nach etwas geschehen muesse. Bloss solle ich demnächt zu ihr kommen wenn mir was auffallen sollte.

Ich frage mich manchmal auch, ab wann den Schweden der Sinn für Umweltschutz oder auch Respekt vor Nahrungsmitteln/Natur abhanden gekommen ist.

Meinen Beobachtungen nach ist das ein Generationen-Problem - und zwar bei den Kindern der Eltern, die in den Glanzzeiten des Schwedischen Wohlfahrtsstaates aufgewachsen sind - Mitte der 70er-Jahre - zu der Zeit als sich Schweden gerne als eines der fortschrittlichsten Länder titutlierte, muss wohl auch der Sinn und Respekt für die Umwelt gänzlich abhanden gekommen sein.

Man war ja so "reich", dass man sich alles leisten konnte - alles im Überfluss. Schweden war phantastisch und es gab keine Arme - alle gleich toll. Diese Einstellung hängt wohl immer noch nach.

In unserem schwedisch/deutschen Haushalt werde ich immer belächelt, wenn ich z. B. die Lampen tagsüber abschalte, den Fernseher nur dann anmache, wenn ich wirklich ein Programm sehen möchte oder eben das Wasser beim Zähneputzen auch nicht permanent laufen lasse. Ich bekomme dann immer Kommentare zu hören, dass ich ja wohl auf dem "Bauernland" aufgewachsen wäre, wo man wohl sehr arm gewesen sein müsste ...

Für Schweden ist alles, was mit Landwirtschaft/Natur zu tun hat irgendwie mit "Armut" verbunden - das Gegenteil ist die Industriegesellschaft, der Schweden eben seinen Wohlstand verdankt - und Wohlstand bedeutet für Schweden eben auch, es sich leisten zu können, nicht mehr gebrauchte Dinge wegzuwerfen, es gibt ja ständig Nachschub und alles ist soooo billig ...

Daraus resultieren ja auch die großen Unternehmen wie Ikea - billige Möbel, die man nach einer gewissen Zeit problemlos wegwerfen kann und durch neue ersetzen .... H&M - billige Klamotten, die nicht lange halten müssen - ist ja unmodern, einen Wintermantel mehr als 1 Jahr anzuziehen ... billige industriell hersgestellte Lebensmittel (daher gibt es ja selten noch echte Bäcker, Metzger usw.).

Inzwischen haben sie wohl gemerkt, dass Massenware eben auch "Masse" bedeutet und alle irgendwie gleich macht - der Trend geht jetzt dahin, sich abzugrenzen, individuell zu sein ... die ersten Vintage-Läden tauchen nun ja auf und diese ganze Designer-Möbel-Hysterie läuft ja auch darauf hinaus, dass man unike Sachen haben soll ... Beim Essen wird ja inzwischen auch kräftig für "gute schwedische Rohwaren" usw. geworben.

Es wird wohl in Schweden noch eine Weile dauern, bis sich das bei jedem rumgesprochen hat - ist es dann aber mal etabliert, dann machen wieder alle das Gleiche - dann glauben alle Schweden sie wären einzigartig und jeder wird dann super-tüchtig-umweltbewusst sein und natürlich schon immer gewesen sein ... :wink:

S-nina

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Re: Essen landet im Abfall

Beitragvon HeikeBlekinge » 8. Oktober 2009 14:39

Da kann ich euch wiederum nur zustimmen!

... und heute hatte ich wieder das "wasserlaufenlassen-Erlebnis". Ich stand zufällig mit am Spuelstein, schälte meine Kartoffeln ohne Wasser und der Mitschueler die Möhre unter Wasser.
Diesmal fragte ich gezielt warum er das so mache.
Er könne besser erkennen wo er schälen muesse :shock:
Ich meinte dann das sei doch aber etwas Verschwendung.
Er: Ich muss das Wasser doch nicht bezahlen!
Ich: Aber der Steuerzahler und das sind doch wir alle.
Er stockt etwas und grinst mich an.
Ich lächle herzlichst zurueck: Ok, wenn du meinst. Ich hoffe deine Kinder haben dann in 20 Jahren noch genuegend sauberes Wasser.
Er grinste weiter....

Wahrscheinlich hält der mich jetzt fuer etwas bekloppt,
aber das ist mir schnuppe.
Nee, die haben keinerlei Bewusstsein fuer Nachhaltigkeit. Ich denke so mindestens 95% der Schweden. Ein paar gibt es vielleicht die anders denken und handeln, aber von denen sind mir bisher nicht viel ueber den Weg gelaufen.

Höchsten bei der Naturskyddsföreningen hier. Aber da klagt der Vorsitzende auch das sich zuwenig engagieren. Immerhin feiert die jetzt ihr 100tes und ich hoffe da kommt etwas mehr zustande, etwas was den "normalen" Schweden dann im Oberstuebchen erreicht... :oops: :wink:

LG
Heike
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