Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

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Imrhien
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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Imrhien » 13. November 2008 20:04

Ach ja, grundsätzlihc finde ich es gut, wenn alle, egal welchen Beruf sie je machen wollen, so lange wie möglich zu Schule gehen können und dürfen. Sie sollen die Chance haben so viel wie möglich zu lernen, auch wenn es vielleicht für den Beruf nicht so wichtig ist. Von daher finde ich das gar nicht schlecht, wenn alle lange in der Schule bleiben.
Wie der Abschluss am Ende heisst, ist ja auch egal. Reine Papiersache.
Das Wichtige und daran kann nicht nur Schweden was ändern, wäre doch, dass die Länder Europas irgendwann mal eine Einigung finden um das so zu gestalten, dass man zwischen den Ländern wählen kann und die Ausbildungen und Abschlüsse tatsächlich anerkannt werden.
Dazu gab es grade in der Zeit einen tollen Artikel. Die haben genau von den Schwierigkeiten der Studenten erzählt, die ein oder mehrere Semester im Ausland waren und nun merken, dass dummerweise ein Schein in Frankreich nicht unbedingt dem entsprechen muss was man in Deutschland erwartet. Oder auch umgekehrt, da bin ich sicher.

Grüße
Wiebke


nysn

Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon nysn » 13. November 2008 20:45

Wäre es theoretisch möglich, dass jemand mir einem schwedischen Abschluss, der ja irgendwie Abitur heisst, in der Lage in Deutschland oder wo auch immer studieren, auch wenn er nicht das Programm dazu gewählt hatte? Also, ich meine, weiss denn die Uni in Hamburg, wie der Abschluss zu werten ist? Oder die in Paris... egal.


Hej Wiebke,
schwedische Schule ist nicht gerade mein "Spezialgebiet" - bin ja auch gerade erst in der 8. Klasse Grundschule :D

Denke mal, dass der obige Fall schon vorkommen kann - doch derjenige/diejenige wird ja dann bald merken, ob die Vorkenntnisse ausreichen und entsprechend gut/schlecht verläuft dann das Studium.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich gleich Aelve wieder "aufwecke": Ich bin schon der Meinung, dass die schwedische Schule in den Gymnasium-Programmen, die auf ein späteres Studium ausgelegt sind, dann doch ein Wissen vermittelt, dass einem deutschen Abitur gleichkommt (wenn auch möglicherweise einem Hessen- oder Berlin-Abitur, aber diese Unterschiede gibt es in D ja auch - die Bayern/B-W-ler sagen ja von sich, dass sie das schwerste Abitur hätten).

Also ganz pessimistisch bin ich in Schweden auch nicht. Ich finde nur, man würde es den Kindern später sehr erleichtern, wenn man von vorherein etwas mehr Leistung abfordern würde - schon zu einem früheren Zeitpunkt, in der Grundschule. Und dann eben gerechter beurteilt - mehr Noten und Abstufungen.

Auch muss es für uns nicht das 3-gliedrige System sein - ich könnte mir auch denken, dass es gut ist, die Kinder wie hier in eine gemeinsame Schule gehen zu lassen, dann aber etwas früher - vielleicht in Kl. 6 - Leistungseinteilungen macht - verschiedene Kurse. Ich meine, das hat es auch früher hier in Schweden gegeben - mein Mann ging ja auf so eine Schule - er hatte z. B. Noten von 1 bis 5 (5 war die Beste!) und dann eben A-, B- C-Kurse usw. Er hat auch studiert - wie viele anderen Schweden auch - und es ging gut - sogar im Ausland!

Wenn Aleve ihre Kinder vor 20 Jahren vielleicht in Schweden zur Schule geschickt hätte, hätte sie in der Tat vielleicht weniger Frust ertragen müssen - denn die Schule war hier früher wohl tatsächlich besser als heute.

Diese Problematik, die wir heute hier verspüren und über die wir "lamentieren" ist noch nicht ganz so "alt" - aber genau, wann die Veränderungen zur "flummskola" eingesetzt haben, weiß ich auch nicht.

S-nina

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Aelve
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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Aelve » 14. November 2008 08:41

Hallo S-Nina,

Du hast mich nicht aufgeweckt, aber trotzdem danke ich für Dein posting, in welchem Du einiges klar stellst. So, wie Du es beschreibst, so wäre es für mich ebenfalls ideal. Hatte ich ja bereits gepostet, derjenige der etwas noch nicht verstanden hat, kommt zunächst in eine Gruppe, in der dieses Thema noch ausführlicher behandelt wird. Sobald die Kinder dann soweit sind, können sie in die höhere Gruppe wechseln. So könnte es dann sein, dass ein Kind mit Matheproblemen in Gruppe x ist aber gute Sprachkenntnisse oder Biologiekenntnisse hat und dort in Gruppe y. Denn es gibt selten ein Kind, welches nun in allen Bereichen sehr gut ist, falls ja dann wird das Kind eben in allen Bereichen in die schwerste Gruppe eingestuft. So habe ich es auch stets vom schwedischen Schulsystem gehört.
Denn nach meiner Meinung kann es doch nicht richtig sein, dass ein Kind, welches z.B. nur in Mathe nicht ganz so schnell ist, dann auch die ganzen anderen Bereiche nicht das lernt, wozu es befähigt ist. Oder umgekehrt, es trifft ja meistens die Jungen, die sprachlich noch nicht so weit sind wie die Mädchen, die können doch in Mathe ein Ass sein. Hier wäre es an den Schulen so, dass sie dann nur in allen Fächern eine Hauptschulbildung bekommen, obwohl sie in Mathe und in den Naturwissenschaften hervoragendes leisten könnten.
Hier in Schleswig-Holstein wurden seit kurzem Gemeinschaftschulen eingerichtet, da kein Elternteil mehr sein Kind auf die Hauptschule schicken wollte, denn Hauptschulempfehlung hieß praktisch gleich, dass das Kind keine Perspektive mehr hat.
Um nochmal das Wort Gleichbehandlung zu beleuchten. Gleiche Behandlung bedeutet ja nicht, dass alle Schüler die gleich schwere Aufgabe bekommen. Eine gleiche Behandlung lasse ich jemanden zukommen, wenn ich ihn nach seinen Möglichkeiten beschule. Also wenn seine Sprachkenntnisse noch nicht so gut sind, dann muß er andere Aufgaben bekommen als der Mitschüler, der schon hervorragend in der Sprache ist. Und wenn jemand nicht so schnell Bruchrechnung begreift, dann muß er länger üben und es ihm länger erläutert werden, der schnellere muß jedoch gleich behandelt werden, indem er mehr und schwerere Aufgaben bekommt. Also jeden dort abholen, wo er steht.
Und dann entsteht auch kein Neid, wenn der gute Schüler weiß, dass seine Aufgaben schwerer waren und er die schwierigen Aufgaben sehr gut gelöst hat, ein anderer nicht so guter Schüler mit leichten Aufgaben hat auch eine gute Note, aber er weiß, dass diese Aufgaben noch leichter waren und er noch mehr tun muß, um dann auch die schwereren Aufgaben bewältigen zu können. Also jedes Kind nach seiner persönlichen Leistungsfähigkeit zu beurteilen und nach seinem eigenen Fortkommen in dem bestimmten Fach.

Grüße Aelve
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Tommy2

Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Tommy2 » 14. November 2008 10:00

Aelve, nenn doch bitte mal die schwedische Grundschule, in der es höhere und niedrigere Gruppen in bestimmten Fächern gibt, du kennst dich doch so gut aus.
Allmählich wird es penetrant, wie du, die die schwedische Schule bestenfalls von aussen kensst, uns die teilweise jahrzehntelangen Kontakt mit derselben von innen haben, erzählen willst, wie das hier ist.
Und dass Schweden mit seinem Schulsystem sogut zurechtkommt als Land ist wohl auch eher ein Mythos. Schau dir doch mal die Statistiken an , wie Schweden seit vielen Jahren in der Wohlstandsstatistik abgerutscht ist.

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Aelve
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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Aelve » 14. November 2008 10:38

Hallo Thommy2,

warum soll ich Dir Grundschulen in Deutschland oder Schweden sagen, wo es höhere und niedrige Gruppen gibt? Ich habe nie behauptet, dass es sowas in Deutschland oder Schweden irgendwo gibt. An weiterführenden Gesamtschulen soll es so sein, wie ich es aufgeführt habe, aber tatsächlich läuft es da auch nicht so, wie man es sich wünschen würde. Auch da kann ich nur vom Hörensagen reden, denn ich bin keine Lehrkraft, die in irgendeiner Form Einfluß auf das richtige Schulkonzept hat.

Was ich aufgeführt habe, sind meine persönlichen Vorstellungen, wie man allen Kindern gerecht werden könnte.
Umsetzen müssen es die Leute, die mit Schulwesen betraut sind, dieses hier ist ein Forum, in dem man sich über die Vor- oder Nachteile bestimmter Schulformen austauschen kann. Wenn Du also in Schweden in verantwortungsvoller Position sitzen solltest, dann nehme hier die Bedenken und Vorschläge von Eltern auf und mache nicht mich für Schulsysteme verantwortlich, die ich selber auch nicht gutheißen kann. Besonders Du, der hier nicht angemeldet ist, verteufelst das Schulsystem in Schweden ohne eigene konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, was man wie ändern könnte.

Und mir ist vom Schwedischen Schulsystem berichtet worden, dass hier auf sehr viele Schüler und deren Können eingegangen wird, damit möglichst viele Kinder optimal gefördert werden. Das haben hier auch genügend Deutsche so vorgefunden und hier veröffentlicht. Aber diese Befürworter eines humanen Systems sind sofort niedergemacht worden mit dem Argument, dann wären wohl die Kinder nicht so leistungsfähig, so dass sie dann ja auch mit dem Konzept gut zurecht kämen. Diese Diskussion ist für mich dann auch fruchtlos, weil ich das Gefühl bekomme, hier schreiben einige, die aus Eigennutz am liebsten das schwedische Schulsystem ändern möchten, weil sie meinen, dass ihre Kinder eine elitäre Ausbildung bekommen müßten.
Hierzu sage ich nur eins, wenn ich Einwanderer bin und mit dem bestehenden System nicht klar komme, kann ich zwar versuchen, etwas Besseres zu erreichen, aber ansonsten muß ich dann für mein Kind selber die Verantwortung übernehmen und es auf eine Schule schicken, wo meine persönlichen Wünsche erfüllt werden. Ich kann es anderen nicht überstülpen.

Gruß Aelve
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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Madicken » 14. November 2008 19:04

Hej,

wir wohnen in Schweden und haben 2 Kinder, die in die Vorschule/Dagis bzw. die 4. Klasse der Grundschule gehen. Das schwedische Bildungssystem war einer der Gründe, weshalb wir nach S gezogen sind. Kenne die schwedische Schule aber nicht nur aus Elternsicht, sondern bin auch selber Pädagogin und habe mich intensiv mit den unterschiedlichen Ansätzen und Konzepten auseinandergesetzt.
Wenn ich auch wegen anderer Aspekte manchmal etwas gefrustet bin hier in S, so würde ich doch allein der Kinder wegen nicht wieder nach Deutschland zurückkehren.
Ich habe während des 1. Schuljahres meines Sohnes in Deutschland so unglaubliche Sachen erlebt. Lehrer, die erst eine halbe Stunde nach Schulbeginn auflaufen und dann die Kinder anschreien, warum sie nicht auf ihren Plätzen sitzen. Eine Rektorin, die uns im Elterngespräch sagt, dass es durchaus "normal" sei, wenn die Kinder während der ersten Monate mit Bauchweh in die Schule gehen. Und die uns anschließend vorschlägt, ein Klassenfest zu organisieren, um das Gemeinschaftsgefühl der Kinder zu stärken, wenn die Klassenlehrerin dies nicht als ihre Aufgabe sieht oder sich damit überfordert fühlt (bei einer Klassengrööße von 14 Kindern). Eine Mathelehrerin, die einen Test schreiben lässt und dabei die Kinder mit ihren Schultaschen voneinander abgrenzt, damit sie nicht abschauen können. Bereits ab dem 5. Schultag flogen Kinder regelmäßig aus dem Klassenzimmer und mußten teilweise stundenlang zur Strafe vor dem Büro der Rektorin sitzen. In den Gesprächen mit der Lehrerin wurde uns nur vorgestöhnt, wie anstrengend, aggressiv und schlecht erzogen doch die Jungen aus der Klasse seien (unser war natürlich einer von ihnen) und wie dankbar sie sei für die braven und stillen Mädchen. Unser Sohn hatte sich nach einigen Wochen selber das Lesen beigebracht, durfte es aber nicht weiterverfolgen. Stattdessen mußte er Bilder ausmalen und wurde wegen seiner mangelhaften Feinmotorik niedergemacht. Natürlich hat ihn das sehr verunsichert und frustriert, genau das, was man zu Beginn der Schulkarriere am meisten braucht...

Nur mit viel Starrsinn und Gutachten von Kinderarzt und Psychologe wurden uns schlie0lich ein Schulwechsel ermöglicht. Mußten nachweisen, dass unser Sohn unterfordert ist und daher auf eine Schule mit speziellen Förderprogrammen für begabtere Schüler wechseln sollte.
Habe mich so maßlos darüber geärgert, dass es das Kind ist, was nicht ins System passt, wo doch eigentlich die Schule und die Lehrer für die Kinder da sein sollten. Im Nachhinein haben noch viele andere Eltern den gleichen Weg gewählt wie wir. Ähnliche und schlimmere Geschichten habe ich von vielen anderen Eltern, auch aus anderen Schulen und Teilen Deutschlands, gehört und kann daher sagen, dass die Anekdoten aus dem Lehrerhasserbuch leider sehr realistisch sind.
Nach dem Schulwechsel in D haben wir übrigens sehr gute Erfahrungen gemacht. War aber eine Schule mit speziellem Konzept (skandinavisch inspiriert!), die eben aus dem (deutschen) Rahmen fiel. Aber leider wurde deren Arbeit sehr durch das übergeordnete System begrenzt und erschwert, so dass die Lehrer und Schulleitung dort viel Energie aufbringen mussten, um ihr erfolgreiches Konzept weiterzuverfolgen.

Hier in Schweden haben wir dagegen bislang durchgehend positive Erfahrungen gemacht. Unser Großer fühlte sich vom 1. Tag an integriert und angenommen. Er geht jeden Tag begeistert zur Schule und hat viel Spaß am Lernen, was für mich persönlich gerade in den ersten Schuljahren, das Wichtigste ist.
Wir haben ja in D die Erfahrung machen müssen, was Unterforderung und Gleichmacherei für ein Kind bedeutet und welche Folgen das haben kann. Hier dagegen kann er in seinen Tempo lernen und lernt zudem, selbständig zu lernen und seine Stärken und Schwächen anzuerkennen und daran zu arbeiten. Das soziale Lernen nimmt einen großen Stellenwert ein und auch Bereiche wie Kunst, Musik und Bewegung werden genauso großgeschrieben wie Mathe, Schwedisch und Englisch.

Thommy2: Ich kenne also durchaus Schulen, die eine innere Differnzierung innerhalb der Schülergruppen vornehmen. So hat die Klasse meines Sohnes beispielsweise Mathebücher in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen, die sich an den Leistungsstand und das Tempo der einzelnen Kinder anpassen. Aus einer anderen Schule weiß ich, dass dort Lesebücher mit der gleichen Geschichte aber mit unterschiedlichem Sprachniveau benutzt werden.

Ich finde es gerade positiv, dass die Kinder zunächst bestärkt werden und die Lehrer von ihren Stärken und positiven Eigenschaften ausgehen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass nun von Anfang an schriftliche Noten/Beurteilungen eingeführt werden sollen. Für mich, und ich glaube auch vor allem für die Kinder, ist das halbjährlich stattfindende Gespräch zwischen Lehrer, Schüler und Eltern viel aussagekräftiger und motivierender als ein Zeugns.

So; hatte das Bedürfnis, auch mal meine Sichtweise preiszugeben. Mag sein, dass wir ganz viel Glück hatten mit unserer Schule, habe aber auch einige andere kennengelernt und kann die negativen Seiten, die einige von Euch geschildert haben, nicht sehen.

Lieben Gruß,

Madicken

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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Imrhien » 14. November 2008 20:32

Madicken hat geschrieben: Für mich, und ich glaube auch vor allem für die Kinder, ist das halbjährlich stattfindende Gespräch zwischen Lehrer, Schüler und Eltern viel aussagekräftiger und motivierender als ein Zeugns.


Auch wenn ich die Gespräche beführworte, sie sind auch nicht das Allheilmittel.
Was wenn die Lehrerin sich dabei auf: "Hat die Bücher nie mitgebracht und gemalt" beschränkt, selbst wenn die Schülerin ziemlich weit vorne liegt und sehr viel in ihrer freien Zeit übt. Die Schülerin war sehr erstaunt, dass ich sie nicht dafür rüge, dass sie ihre Bücher manchmal vergisst. Ich sehe ihre Vortschritte und erklärte ihr, dass mir diese viel wichtiger wären als das blosse mitbringen der Materialien, auch wenn ich mich darüber natürlich ebenso freuen würde. Die Woche drauf hatte sie dann plötzlich alle Bücher in jeder Stunde dabei...

Ich denke mal, Du hattest in Deutschland Pech und in Schweden Glück.
Solche wie solche gibt es in beiden Ländern. Auch in Deutschland gibt es tolle Schulen und auch in Schweden gibt es schlechte...

Grüße
Wiebke

Hans

Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Hans » 14. November 2008 20:55

End mal was richtig Positives

Mag sein, dass wir ganz viel Glück hatten mit unserer Schule, habe aber auch einige andere kennengelernt und kann die negativen Seiten, die einige von Euch geschildert haben, nicht sehen.


Danke Madicken.

Ich fühlte mich ein wenig einsam.
Grüsst
H :smt006 ans

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Re: Erziehung, Schule in Deutschland und Schweden

Beitragvon Aelve » 14. November 2008 23:08

Hallo Madicken,

auch ich möchte mich für Deine offenen Worte bedanken. Unser Schulalltag an öffentlichen Schulen endete 1997 mit Übergang zum Privatgymnasium aufgrund Mobbings gegen unsere beiden Kinder wegen kleinerer Behinderungen, auf die wir etwas Rücksicht erbeten hatten. Dass es inzwischen an den Schulen in Deutschland noch schlimmer geworden sei, hörten wir schon von sehr vielen Seiten und Deiner Schilderung kann ich deshalb auch vollen Glauben schenken. Solche Berichte lese ich im Buch von Gerlinde Unverzagt und solche Berichte höre ich aus vielen Elterngesprächen. Und das ist das, was ich meine. Hier werden die Kinder zu Versagern gemacht durch Äußerungen, dass sie nichts können, dass sie dumm seien, dass sie auf der falschen Schule seien. So kann man Kinder entmutigen und zu Schulverweigerern werden lassen. Was wir uns in den Jahren auf den öffentlichen Schulen haben sagen lassen müssen, war mehr als demütigend, meine Ohnmachtsgefühle sind gar nicht mehr beschreibbar.

Nur meine Mitgliedschaft im Legasthenie-Selbsthilfeverband hat mich stets aufgerichtet, da dort Eltern, die das Problem gemeistert hatten, einen Ratschläge gaben und einen aufbauten. Von jedem Kongress, von jeder Sitzung, von jedem Vortrag kam ich gestärkt zurück, das hielt dann aber nur ein paar Tage an, bis wieder unqualifizierte Äußerungen von Lehrkräften dazu beitrugen, dass man wieder ganz unten war. Was ich an Überzeugungsarbeit bei meinem Sohn geleistet habe, um ihm immer wieder zu signalisieren, dass er auf keinen Fall dumm sei, das hat unheimliche Kraft gekostet, nur weil Lehrkräfte versuchten, gegen uns anstatt mit uns zu arbeiten.

Damals dachte ich, dass wir verhaßt waren, weil die Lehrkräfte durch die Legasthenie etwas mehr Arbeit durch unseren Sohn hatten, heute weiß ich, dass kaum ein Kind es den meisten Lehrkräften recht machen kann. Der ruhige Typ ist zu ruhig, der etwas temperamentvollere Typ ist zu laut, ein Mädchen ist zu albern, ein Junge ist zu rüpelig. Es scheint kein Kind zu geben, welches alle Anforderungen von den Lehrkräften zu erfüllen mag. Als wenn man sein Kind schnitzen könnte, so wie eine Lehrkraft es gerne hätte.
Solche Dinge, die hier in Deutschland in den letzten Jahren an der Tagesordnung sind, habe ich bisher von niemanden in Schweden gehört, weder von Eltern noch von Kindern. Die Kinder der Auswanderer bekamen sofort Sprachunterricht, oft eine zweite Lehrkraft gestellt, es wurde alles getan, um die Kinder sofort zu integrieren. Dazu kam, dass die Kinder von den schwedischen Mitschülern mit offenen Armen empfangen wurden bzw. das Gefühl hatten, sie würden freudig aufgenommen werden. Das zeigt mir, wie human in Schweden Schule gehandhabt wird. Da wird kein Kind fertiggemacht, kein behindertes Kind ausgegrenzt, keine Schikane betrieben. Wer mit solch offenen Armen aufgenommen wird, der ist motiviert, der geht gerne zur Schule, der bemüht sich, die Sprache zu lernen und sich zu integrieren.

Mir selber, da wir Erlebnisse an deutschen Schulen hatten, die mehr als unschön waren, die diskiminierend waren, die entwürdigend waren, sind die humanen Bedingungen an Schwedens Schulen Gold wert. Deshalb meine Meinung, dass es wichtiger ist ein Kind zu stärken, damit es dann leistungsfähig bleibt als es zu Beginn der Schulzeit als minderwertig und dumm abzustempeln, denn dadurch kann ein Kind gar nicht mehr seine Leistung erbringen, da es sich nicht mehr traut und sein Selbstbewußtsein verliert. Lieber einmal zuviel loben, als einmal zuviel herabwürdigen. Denn Kinder sind sensibel, Herabsetzungen können ein Kind die ganze Zukunft kosten. Wer das nicht selbst, so wie wir erlebt hat, kann es wahrscheinlich nicht glauben, aber ich weiß, dass es Tag für Tag an deutschen Schulen so ist wie beschrieben.

Ein Kind, was evtl. etwas unterfordert ist, verliert dadurch nicht sein Interesse am Lernen. Denn wie wir erst später erfuhren, war auch unser Sohn in vielen Fächern unterfordert, anstatt wie die Lehrkräfte glaubten, überfordert. Aber dass sein Können nicht erkannt wurde, dass er nur an seiner Rechtschreibung, die er aufgrund seines Handikaps nicht konnte, gemessen wurde, das hat ihm sein Selbstbewußtsein geraubt. Ein großer Mangel an deutschen Schulen ist die Zeitverknappung bei Klassenarbeiten. Wer länger überlegen möchte, weil er etwas besser formulieren will, der hat schon verloren, weil die Zeit viel zu knapp bemessen ist. Zunächst kommt die Lehrkraft zu spät in die Klasse, dann dauert es ewig bis die Zettel verteilt sind, dann wird noch geschwafelt und dann müssen die Schüler in wenigen Minuten die Arbeit fertig haben. Wenn jemand viel weiß und noch etwas abwägen möchte, dann scheitert er schon daran, dass die Zeit nicht reicht. Sehr oft sagte unser Sohn, ich hätte soviel gewußt, aber ich hatte nur 10 Minuten Zeit, das konnte ich nicht schaffen. Diese Zeitverknappung dient nur der Selektion, weil die Lehrkräfte an den weiterführenden Schulen sich einiger Schüler entledigen wollen.

Mein Sohn hat später alles sofort geschafft, seinen Führerschein auf Anhieb, seine Berufsschulzeit mit besten Noten, auf der Arbeit mehr als anerkannt. Ich frage mich, was sind das für Lehrkräfte, die nicht in der Lage sind, Können und Intelligenz zu erkennen. Und wieviele Eltern lassen sich von Lehrkräften unterbuttern, weil sie ihnen vertrauen, deren Kinder tun mir leid, denn sie konnten nicht die Schulbildung erhalten, für die sie befähigt waren. Meine Meinung lautet deshalb, lieber ein Kind mehr zu fördern, als ein Kind zu wenig zu fördern. Die Gesellschaft braucht leistungsfähige Personen, in Deutschland wird viel Potential an guten Schülern weggeworfen, weil sie vorher schon aussortiert werden.

Hier wurde öfter schon betont, wie man Kindern erklären soll, dass das Kind, was nicht so gut war wie das eigene Kind, eine gleich gute Note bekam. Das kann man seinem Kind schon erklären, indem man sagt, Du lernst für Dich und wenn Du jetzt besser bist, dann kannst Du später im Beruf auch mehr. Letzt endlich ist im Berufsleben auch nicht immer der Intelligente und der Leistungsfähige der Bestbezahlteste, auch im Beruf sind oft Nieten die Vorgesetzten. Auch im Beruf geht es später nicht nur nach der guten Leistung, sondern durch Protektion bekommen dümmere Personen bessere Posten. Auch das muß man akzeptieren, dass es in der Welt so zugeht und nicht alles gerecht ist. Aber nur Personen, die durch die Schule stark gemacht wurden, werden sich später im Leben auch behaupten können, sie werden keine Duckmäuser. Deshalb ist nach meiner Ansicht ein selbstbewußter Schüler viel besser gewappnet für das Leben und für eine Teamarbeit als ein Schüler, den man vorher nur drückte oder der sich nur Ellbogen bediente und der wiederum nur gedrückt wird oder versucht andere Mitarbeiter zu drücken.

Grüße Aelve
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