Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

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HeikeBlekinge
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Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon HeikeBlekinge » 19. Januar 2009 15:11

Angeregt durch den "Suppen-Restaurant-Thread" möchte ich hier mal das Thema Schwedische Esskultur etwas vertiefen. Es bestand da ja ziemliche Einigkeit was die Eigenarten oder Sitten der Schweden bezgl. Restaurants angeht. Grossstädte ausgenommen ;-)
Vielleicht hat ja der eine oder andere ulkige, seltsame oder lehrreiche Erfahrungen gemacht, die er gerne weitergeben möchte.

Bei meinem Mat&Hälsa Unterricht an der fhs kommen wir der schwedischen Kueche ziemlich nahe. Unsere Lehrerin geht auf die schwedische Husmanskost ein, ist aber auch seeeehr aufgeschlossen was die internationale Kueche angeht.
Wenn wir davon etwas kochen, stelle ich aber oft fest das Gerichte aus anderen Ländern "eingeschwedischt" wurden. Der Schweden liebste Gewuerze wie Piment oder Kardemumma "ergänzen" dann den ungewohnten Geschmack?!
Und z.B. Spezialitäten wie schottische Scones haben einen ganz eigenen Werdegang hinter sich, sind nicht mehr erkennbar - hachjeeh.
Und wo sich bei mir die Haare sträuben: Sojasauce wird als Allroundwuerze verwendet. Oder zum "Nachdunkeln" der Gryta, denn anbraten ist absolut tabu! Deswegen gibt es die wohl auch als 1-Liter-Flasche zu kaufen :|
Natuerlich hatten wir auch schon einen "tysk-Kochtag" wo wir unsere deutschen Spezialitäten vorstellen durften. Die Gerichte kamen bei den Mitschuelern durchwachsen gut an. Geschuettelt haben sich ein paar, als sie erfuhren das die Fleischwurst "roh" in den Kartoffelsalat kam :lol: 8)
Womit ich auf die guten Sitten komme. Sag ich noch zu den Mitschuelern sie sollen das Ruebenkraut vorsichtig probieren, hauen sie es sich trotzdem dicke auf den Pickert als ich vermuten lasse das es Richtung suess schmeckt... alles landet natuerlich im Muell. Ueberhaupt haben die Schweden keinerlei schlechtes Gewissen oder Scheu sich die Teller erstmal voll zu hauen und hinterher bei nichtgefallen halt wegzukippen. Mir als braves Mädchen (hihi) das bei Muttern gelernt hat erst vorsichtig zu probieren und dass man immer den Teller leer isst, stoesst das wirklich unangenehm auf...
Naja - das sind halt meine Erfahrungen und der Spruch "Was der Bauer nicht kennt das frisst er nicht" der MUSS einfach in Schweden entstanden sein :wink:

Ich hätt noch ein paar interessante Koch- oder Esserlebnisse, aber jetzt erst einmal ihr her mit euren!

Allzeit lecker gefuellten Teller
wuenscht
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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon Tulipa » 19. Januar 2009 16:35

Hallo,
interessantes Thema !

Voll bestätigen kann ich das mit dem Essenwegwerfen. Die erste Zeit hier habe ich z.B. öfter anderen Mamas bei Kindergeburtstagen geholfen. Aber dann hat es mich so gegraust, volle oder halbleere Teller mit z.B. angeschmolzenem Eis oder grossen Hamburgern, von denen einmal abgebissen war (am besten gleich mitsamt dem Plastikgeschirr) in den grossen Müllsack zu kippen, dass ich mich dafür nicht mehr anbiete.
Seit unserem letzten Kindergeburtstag ist es in unserer Familie zum geflügelten Wort geworden, als ein Kind fragte: "var finns soptunnan ?" (wo ist die Mülltonne?) und zack, herein mit nicht genehmen Leckereien. überhaupt sitzen erstaunlich oft Kinder bei uns am Tisch "Jag gillar inte det" (das mag ich nicht). Zum Glück tut das der Stimmung meist keinen Abbruch und ich habe mir abgewöhnt, mir das zu Herzen zu nehmen ...

Ja, was gibt es sonst an Essen ? So anders als in D finde ich es eigentlich nicht. Ungewohnt vielleicht das Mellanmål am frühen Nachmittag mit Schinken- und Käsebroten. Im Sommer wird ständig und überall gegrillt, aber das ist in D ja auch so.

Ganz wichtig: wenn man irgendwo zum Essen eingeladen wird, wird man als erstes gefragt, gegen was man allergisch ist. Ich wiederum vergesse das meist bei unseren Gästen oder es ist mir zu blöd, hoffentlich wird uns das nicht übelgenommen.

LG
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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon nysn » 19. Januar 2009 17:05

Hej Heike,
hier einige Erfahrungen aus unserem schwedisch-deutschen Gemischthaushalt - wo vorwiegend die schwedische Seite kocht. Am Anfang unserer Zeit in Schweden hat mir diese Art des Bekochtwerndens gleich 10 Kilo extra gebracht. :D

Ich führe das darauf zurück, dass die Schweden alles etwas in Richtung süß mögen und immer sehr cremig, was Soßen anbelangt. Außerdem wird häufig Gräddfil (sauere Sahne) oder Grädde (Sahne) zum Kochen verwendet. Und wie du sagst - Soja zum Bräunen der Soßen!
Auch überbackene Gerichte mit dem fetten Käse (Greve, Västerbottenost usw.) werden gerne gemacht.

Hier z. B. ein Klassiker:

Köttbullar med Gräddsås (Fleischbällchen mit Sahnesosse) und Kartoffeln

Zum Backen wird auch gerne Filmjölk verwendet und Sirup.

Auch eine "schwedische Spezialität" - italienische Pastasoße (Bolgonese) die dann mit Ketchup "verfeinert" wird.

Freitagstraditon: Räkor oder kräftor und z. B. geräucherter Lachs - immer serviert mit diesen fetten Soßen (romsås, ajoli osv.), dazu Käsebrote und Weißbrot (Baguette).

Also immer irgendwie Richtung fett (durch Milchprodukte) und süß.


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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon janaquinn » 19. Januar 2009 17:22

Hej Heike,
ich weiss garnicht, ob wir soo typisch schwedisch oder deutsch kochen, denke bei uns ist es eine gute Mischung aus irgendwie allem. Mal gibt es gute amerikanische Küche, dann mal tex-mex, dann man wieder schwedisch oder auch einen guten bayrischen Schweinsbraten.
Aber genauso haben wir eigentlich auch in Deutschland gekocht.
Auf was ich auf jedenfall verzichten kann ist Bloodpudding....br....da schüttelt es mich schon beim schreiben...brr...
Naja, und Pytt mit Kötbullar Spiegelei und Rote Beete muss man ja auch nicht täglich haben...ist wie jeden Tag Hummer.

Ich weiss nur, dass mein Mann bei grossen Veranstaltungen regemässig eine Krise bekommt, weil vom 100 Schweden 99 gegen irgendwas allergisch sind und jeder wieder gegen was anderes... :shock:
Frage mich immer, wie die armen Köche ein Buffet oder Menue zusammen bekommen ohne das jemand KH mit Allergieschock landet, weil doch eine Allergie vergessen wurde.


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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon HeikeBlekinge » 19. Januar 2009 17:51

Ohja, das mit den Kindergeburtstagen kenne ich auch so. Echt grauslig.
Aber die Kinder bekommen es anscheinend so vorgemacht - wie sollen sie es da anders lernen, nicht wahr?
Hihi: Heut kam mein Ältester von der Schule, hatte heute Kochen. Es gab wohl amerikanische Pannkakor. Er sagte er sei pappesatt weil er 40 Stueck gegessen hätte. "Die mussten halt weg, Mama. Sonst werden die weggeworfen", grinste er.
NEIN! Ich habe wirklich ausserordentlich schlanke Kinder ;-)

Fette Sossen ohhoo! Da hilft auch kein sooo gesunder gruener Salat wenn er so zugekleistert wird, grins.

Genau! Allergien, Unverträglichkeiten... das darauf SO geachtet wird habe ich in D nie erlebt. Wenn die Schulklassen auf dem Weihnachtsmarkt selbstgebackene Kekse verkaufen, soll man keine Nuesse, Mandeln etc nehmen, alle Zutaten deutlichst auf die Tueten schreiben :shock:
Ohne lästern zu wollen: Irgendwie hat jeder 2te Schwede so eine Art "Mode-Allergie". So erklärte meine Nachbarin ihren Plastikweihnachtsbaum einst mit einer "Grankvist-Allergie" :roll:

F - hupps - Nette Gruesse
Heike
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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon nysn » 19. Januar 2009 18:00

Auf was ich auf jedenfall verzichten kann ist Bloodpudding....br....da schüttelt es mich schon beim schreiben...brr...


Noch so ein "Klassiker" - vielleicht etwas aus der Mode gekommen (dank Hochkonjunktur) - möglicherweise mit Rückkehrpotenzial - früher gerne serviert in Dagis/Schul-Bamba usw.

Falukorv med makkaroner, dazu massenhaft Ketchup!

Bei Makkaroner gab es früher (also vor gut 10 Jahren, als italienische Pasta noch nicht so bekannt war) eine Sorte, die hieß: Snabbmakkaroner - voll klebrig und matschig - halt die klassische Beilage zu in der Pfanne angebratenen Falukorvscheiben.

S-nina

Bon appétit! :D

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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon janaquinn » 19. Januar 2009 18:06

Jep, Falukorv..noch so´ne Sache, womit du mich jagen kannst. Leider ist der Rest der Familie wie wild auf das Zeug, lass mir dann immer was anderes machen oder esse es nur mit spitzen Zähnen.

Ich plädiere für einen Thüringer Fleischer....sofort und augenblicklich, am besten schräg gegenüber vom neuen Haus in Järna....heul....
Und die Snabbmakaroner hören sich in ungefähr so lecker an, wie die amerikanischen Käsenudeln, von denen mein Göttlicher immer schwärmt.....dafür muss man wahrscheinlich Ami oder Koch oder beides sein....schüttel....

Lecker sind allerdings schwedische Kuchen, auch wenn ich mittlerweile keinKardamon mehr schmecken kann, aber ein Stück Mousse au Chocolat-Torte....lecker...


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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon nysn » 19. Januar 2009 18:29

Jep, Falukorv..noch so´ne Sache, womit du mich jagen kannst. Leider ist der Rest der Familie wie wild auf das Zeug, lass mir dann immer was anderes machen oder esse es nur mit spitzen Zähnen.


Hej Jana,

... dann lass uns mal nicht verraten, was da eigentlich alles so drin ist - ... richtiges Fleisch ... ganz, ganz wenig ... :wink:

Thüringer Wurst - kenne ich leider nicht. Habe mal eine "Auswanderer Soap" gesehen - ein deutsches Paar ist nach Südafrika ausgewandert. Die hatten dann angefangen, diese Wurst zu machen und auf sog. Barbeques und in der Nachbarschaft zu verkaufen (anscheinend wird dort sehr viel gegrillt). Auf jeden Fall soll die Wurst ein Renner geworden sein! :D

Schau hier: http://www.thueringer-butcher-south-afr ... ..html

Vielleicht hat ja auch mal ein Thüringer Fleischer Lust nach Schweden auszuwandern und wir bekommen diese Köstlichkeit dann auch hier.

Järna: der Ort hört sich doch voll nach "gesundem Essen" an - ist das nicht das Zentrum der Antroposophen in Schweden?

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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon janaquinn » 19. Januar 2009 18:35

Hej Nina,

was bringt mir Thüringer Wurst in Südafrika..heul..., wenn ich das nächste Mal in Erfurt bin, schnüre ich dir ein Care-Paket zusammen, dann kannst du sie mal kosten :D :D ...

Ähm, jap in Järna sind irgendwie alle Antroposophen Schwedens, haben hier eine Art Ghetto gebildet :lol: , aber damit es nicht allzu gesund wird, gibt es 3 verschiedene Kebabstände und einen verflixt guten Thailänder....extrem gut und a´little bit teuer..lol..


Und noch ein Aufruf an alle Thüringer Metzger:
Kommt nach Järna, ich heisse euch herzlich willkommen....aber büdde büdde kommt....nur einer....nur ein einziger :cry: :cry: :cry:


LG JANA, die jetzt ein Bademonster aus Wanne holen muss :roll: :roll:
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Re: Erfahrungen mit der schwedischen "Esskultur"

Beitragvon Faxälva » 19. Januar 2009 19:06

...also ich mag blodpudding, so mit krossgebratenem bacon und lignonsylt... lecker, aber nicht all zu oft ... aber ich esse ja auch surströmming :P ...was ich nicht mag ist pölsa oder die schwedischen "Puddingvarianten", die so gar nichts mit dem zu tun haben, was ICH unter Pudding verstehe ... Makkaronipudding, fiskpudding , kålpudding...igitt... und am schlimmsten sind fiskbullar .... und mein erstes Sprachmissverständnis war, dass Schinken fuer mich roher Schinken war, kein gekochter.... was war ich froh, als mir jemand sagte, dass die Charkerie im Dorf Schinken räuchert... ich hin nach dem Schlachten mit meiner Schafskeule...... tja, die Enttäuschung war gross als ich dann so was wie gekochtes Kassler zurueck bekam....
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