Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

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Volker
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Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Volker » 18. März 2007 18:41

Hallo zusammen,

nun würde es mich doch sehr interessieren, ob andere ähnliche Erfahrungen nach einem längeren Schwedenaufenthalt gemacht haben. Ich wohne hier in Schweden in der Nähe einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern. An das entspannte Leben habe ich mir schon sehr gewöhnt.

Nun komme ich gerade von einer Geschäftsreise zurück, während der ich mich ein paar Tage in einer ähnlich großen Stadt in Deutschland aufhielt. Mir ist vieles aufgefallen, was ich nie vermutet hatte. Deutschland ist mir in vielen kleinen Dingen fremd geworden, womit ich nie gerechnet hatte:

Zum einem ist mir in der Fußgängerzone aufgefallen, dass die Menschen betont wegschauen. Der Gesichtsausdruck liegt zwischen neutral bis düster. Dabei war bestes Straßencafé-Wetter. In Schweden suchen die Menschen häufig Blickkontakt und machen ein neutrales bis freundliches Gesicht.

Auch ist mir aufgefallen, dass die meisten Menschen in den Geschäften und Restaurants höflich und korrekt sind, aber mehr auch nicht. Freundliche Wärme fehlt. Gelacht wird eigentlich nie. Jeder Kunde ist ja auch mit Mehrarbeit verbunden und stört den ganzen Betriebsablauf. In Schweden spüre ich sehr oft echte Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, wenn man um eine Auskunft bittet. Ein Deutscher, der sich gegenüber Fremden freundlich und heiter benimmt, kann doch nur einer welftremden Ideologie erliegen sein, kommt mir es manchmal vor.

Beim Anstehen machte ich auch ein paar taktische Fehler. Das hatte ich ja durch die Nummernzettel fast verlernt. Außerdem hält man in Schweden viel mehr Abstand, woran ich mich auch in Deutschland hielt. Prompt drängeln sich einige vor. Der Fachbegriff lautet glaube ich "aktives Anstehen".

Am Anfang hatte ich auch ein leicht komisches Gefühl bei der Anrede mit "Sie". In Schweden hätte man das "Ni" nämlich als distanziert-arrogant aufgefasst.

Weiterhin aufgefallen ist mir das gleisende Sonnenlicht eines immer milchig-verwaschenen Himmels. Außerdem roch es einen Tag lang sehr deutlich nach Schwefeldioxid. Wahrscheinlich vom Hausbrand und den Autoabgasen.

Schön waren die gemütlichen Kneipen-Besuche bei guter deutscher traditioneller Küche in alten Fachwerkhäusern. Das vermisse manchmal wirklich in Schweden. Aber als man dann vom Nachbartisch mit Zigarettenqualm eingeräuchert wurde, war die Freude an der angeregten deuschsprachigen Konversation schnell getrübt. In Schweden herrscht in öffentlichen Gebäuden und Restaurants striktes Rauchverbot. Allgemein ist mir aufgefallen, dass in Deutschland doch sehr viel mehr Menschen rauchen. Insbesondere beim Anblick von Zigarettenautomaten kam mir das Land bemitleidenswert rückständig vor. Jedes Kind kann sich ja da bedienen. Vor diesem Hintergrund fand ich dann eine Fernseh-Diskussion über den Feinstaub, die ich zufällig verfolgte, grotesk.

Dass in Deutschland recht ruppig gefahren wird, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ab und zu hupte auch mal ein Auto, was man in Schweden so gut wie nie hört. Allgemein war der Geräuschpegel höher. Nur das Nageln der Spikes-Reifen fehlte. Einmal würgte ich meinen gewöhnungsbedürftigen Mietwagen an der Ampel ab, was sogleich mit einem Hupsignal abgestraft wurde.

Kurz vor dem Rückflug wurde ich wieder von so einem Telefonverkäufer im Nadelstreifenanzug angequatscht, ob ich denn in Deutschland wohnen würde. Meine nicht gerade feine Antwort: "Das hätte mir gerade noch gefehlt!".

Jedes Land färbt irgendwie ab.

jörgT
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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon jörgT » 18. März 2007 19:05

Ja, Volker, ähnliche Erfahrungen habe ich bei jedem Deutschlandaufenthalt gemacht!
Besonders das Verhalten der Menschen hast Du sehr gut beschrieben.
Letztendlich hat das dazu geführt, dass ich nicht öfter als unbedingt nötig nach Deutschland fahre ...
Jörg :wink:

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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Hanjo » 18. März 2007 21:19

Volker hat geschrieben:Hallo zusammen,
nun würde es mich doch sehr interessieren, ob andere ähnliche Erfahrungen nach einem längeren Schwedenaufenthalt gemacht haben.
. . .
Jedes Land färbt irgendwie ab.

Hej Volker,
Klasse Beitrag, danke - nach nun 4 1/2 Jahren Leben im nördlichen Småland und den bisherigen "Einmal-im-Jahr"-Besuchen in D geht es mir sehr ähnlich.
Der nächste D-Trip steht bevor und ich stelle mich grad mental auf das von Dir beschriebene Szenario ein :shock: .
Hejdå
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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Gast » 18. März 2007 22:36

Komisch, bei mir ist es genau umgekehrt!
Jedesmal, wenn ich in D bin (zumindestens in den letzten 3 Jahren) freue ich mich, wie leicht man mit der Wurstverkäuferin scherzen kann, oder wie man auch Leute auf der Strasse nach dem Weg fragen kann und ein kleiner Scherz über die Lippen kommt. Das finde ich in S fast nie.
Und Blickkontakt finde ich in D auch viel offener als in S, obwohl ich nicht wie Cindy Crawford aussehe.
Ich fürchte, die Erlebnisse werden sehr stark von der eigenen Erwartung geprägt. Füfr mich ist S eben schon viel zu norml geworden, als dass ich das noch mit Euphorie oder Begeisterung erlebe.

Viele Sachen regen mich einfach nur auf: wenns an der Kasse nicht weitergeht, weil jemand seine Milchtüte mit der Kreditkarte bezahlen will, wenn sich die Arbeitskollegen beim Mittagessen mir gegenüber den stinkenden Snus ins Maul schieben, wenn sich die ahnungslosen Verkäufer in den Elektronikläden vor den Kunden verstecken, wenn die lieben Schweden ausgerechnet immer da im Wege rumstehen und quatschen, wo die meisten Menschen durchmüssen usw

Volker
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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Volker » 19. März 2007 10:53

Es kommt wohl sehr darauf an, in welcher Gegend Schwedens und Deutschlands man seine Erfahrungen sammelt, wie alt man ist, und welchen Geschlechts man ist.

Komisch ist, dass deutsche Einwanderer, die seit Jahrzehnten in Schweden leben, Deutschland ebenfalls als das Land der schlechten Laune empfinden. Und viele mir bekannte Schweden, die in Deutschland lebten, sind nach ein paar Jahren wieder nach Schweden zurückgekehrt. Nie habe ich von denen gehört, was Deutschland für ein wunderbares Land wäre. Nach einer halben Flasche Wein kam dann raus, das man zwar auf deutsche Technik steht und die Deutschen zuverlässig arbeiten und verlässlich sind, aber die Deutschen doch mehr Ellenbogen-Typen sind. Und wenn zur Sprache kommt, dass wir sehr gut im Errichten von Zäunen und Mauern aller Art sind, wird es schon sehr ironisch. Aber das sagt man höchstens, wenn die Freundschaft sehr gefestigt ist.

Die Schweden sind nun nicht gerade Meister der Konversation und des Party-Geplauders. Wenn man einen Witz macht, halte ich es für zwingend notwendig anschließend auch darauf hinzuweisen. "Jag skojar bara" kommt in google.se auf 799 Einträge. Aber damit kann ich gut leben.

In Deutschland habe ich selbst in Großstädten keine Probleme gehabt eine Wegauskunft zu bekommen. Die Auskünfte, die ich in deutschen Elektronikläden bekommen habe, waren haarsträubend, zum Teil auch wegen mangelnder Deutschkennnnisse seitens der Verkäufer. In Schweden wusste man immer genau, was ich haben wollte, aber man hatte es nicht im Programm. Ich fand die Beratung in Schweden immer besser. Besonders hier in einem Malergeschäft hat man es mit Verkäufern zu tun, die genau wissen, worum es geht.

Die Snus-Beutel in schwedischen Urinalen sind nun wirklich keine Augenweide. Ich mag das Zeug auch nicht. Es ist aber das kleinere Übel im Vergleich zu einer verqualmten Bude.

Mir ist aufgefallen, das man in Schweden ja nicht in Hektik verfallen darf. Damit erreicht man nichts. Bleibt man gelassen und gut gelaunt, stößt man auf sehr große Hilfsbereitschaft.

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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Skogstroll » 19. März 2007 11:32

Hej Volker,

meine Erfahrungen decken sich grösstenteils mit deinen. Allerdings bin ich auch in Schweden schon häufiger auf eine ziemlich ruppige und aggressive Fahrweise gestossen, erhobenen Mittelfinger inklusive. Der Anteil der Idioten in der Gesamtbevölkerung ist vermutlich überall ziemlich gleich, durch die geringere Bevölkerungsdichte in Schweden fallen sie aber weniger auf.
Beim Abstandhalten in der Schlange gibt es eine Ausnahme: Vor dem Geldautomaten. Dort wird in Deutschland meist auf Abstand geachtet, die Schweden lehnen sich schon (fast) an die Schulter des Vordermanns, wenn der die PIN eingibt.

Besonders aufgefallen ist mir immer der Umgang mit Kindern. Wenn meine Tochter (beim letzten Deutschlandaufenthalt 7) in einem schwedischen Restaurant etwas selbst bestellt, dann bekommt sie das. Tut sie das Gleiche in Deutschland, wird sie von der Bedienung meist ignoriert.
In Schweden kann sie wildfremde Leute auf der Strasse ansprechen, sie wird (meist) eine Antwort bekommen. Deutsche gehen (meist) sofort auf Distanz.

Was das Rauchen betrifft, so wird in Schweden generell weniger geraucht, dafür sind es mehr qualmende Frauen. Übrigens stehen die Damen auch beim Alkoholkonsum nicht zurück, eher im Gegenteil.
Snus ist so eine Sache für sich, mit der ich aber besser leben kann, da es kein "Passivsnusen" gibt - oder mir zumindest nicht bekannt ist.

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Volli

Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Volli » 19. März 2007 12:30

Letztendlich gilt aber der weise Spruch "Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es wieder heraus" für deutsche, schwedische und andere Wälder.

Wenn man selbst offen und freundlich dreinschaut, projiziert man doch sein eigenes Verhalten auf andere. Nur die Wenigstens können sich dagegen "wehren". Vielleicht gibt es aber von den "Wenigen" in Deutschland halt ein paar mehr ? :wink:

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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Fischkopf » 19. März 2007 12:48

Hallöchen Volli!

Bei meinen unzähligen Reisen nach Schweden sind mir jedesmal deine Erfahrungen aufgefallen.
In Deutschland geht alles viel hektischer zu, Hilfbereitschaft gibt es überhaupt nicht und schon garnicht Service am Kunden.
Ich freue mich schon sehr auf das Leben in Schweden.

Bis dann
Fischkopf

Tommy
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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Tommy » 19. März 2007 14:11

So sind die DErfahrungen eben unterschiedlich. (Ich bin übrigens der Gast der oben gegenteilige Sachen gechildert hat).

Das Leben auf der anderen Seite erscheint einem wohl oft lockender. Als ich frisch herkam, fand ich in S auch alles klasse und viel besser. Inzwischen hat sich das gründlich geändert. Empfindungssache eben.

Hoffe ihr habt noch recht lange eure Begeisterung!

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Re: Eine deutsche Kleinstadt aus skandinavischer Sicht?

Beitragvon Imrhien » 19. März 2007 14:44

Man sieht mal wieder, es gibt so viele Meinungen wie es Menschen gibt :)

@Tommy: Wie lange lebst Du schon in Schweden?


Es gibt hier so einige die schon einige Jahre da leben und die überwiegende Mehrzahl sieht es so wie von Volker beschrieben. Auch ich kenne es so, allerdings nur vom Urlaub. Trotzdem hoffen ich natürlich, dass es bei mir so bleibt. Wenn nicht, werden wir wohl nicht so lange in Schweden bleiben wie wir es gerade planen. Das zeigt einfach die Zukunft. Jeder hat ja schliesslich eigene Erfahrungen und Vorstellungen vom Leben. Das ist ja auch das Schöne dran :)

Liebe Grüße
Wiebke


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