Die schwedische Ehrlichkeit

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nysn

Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon nysn » 21. April 2009 12:41

Solche Dinge führen mich irgendwie zu dem Schluss, dass in Schweden eine besondere Art der Vollkasko-Mentalität herrscht. Es interessiert eigentlich nicht, wer schuld war und wer die Verantwortung trägt, denn es gibt immer irgendeine Versicherung, die den Schaden übernimmt.


Kann eigentlich auch nur bestätigen, was hansbaer und auch tommy3 weiter oben schreiben.

Wir wohnen in der Nähe einer Schule, wo leider sehr viel Vandalismus vorkommt.
Wenn Kinder z. B. ihr Fahrrad eine Nacht oder gar ein Wochenende auf dem Schulgelände stehen lassen, kann man in der Regel davon ausgehen, dass das Rad am nächsten Tag oder nach dem Wo-Ende kaputt geschlagen/zertrümmert wurde oder es in irgendeinen Teich/Bach geworfen wurde.

Ich hatte mal die Mutter eines Kindes gefragt, ob sie sich nicht darüber aufregen würde, weil die meisten auch ziemlich teuere Räder (sehen jedenfalls so aus) haben. Sie sagte dann ganz lapidar: Sie fände das zwar auch nicht gut, aber schließlich würde die hemförsäkring ja ein neues Rad bezahlen. Also so schlimm wäre es nun auch wieder nicht ... :?

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Imrhien » 21. April 2009 12:49

S-nina hat geschrieben: Sie fände das zwar auch nicht gut, aber schließlich würde die hemförsäkring ja ein neues Rad bezahlen. Also so schlimm wäre es nun auch wieder nicht ... :?


Fragt sich nur wielange das noch gut geht und wann die ersten Versicherungen anfangen die Ausnahmen zu formulieren und nicht mehr zahlen... Das ist wie mit den Krediten... Irgendwann platzt die Blase und dann stehen alle dumm da wie begossene Pudel. Denkt denn da keiner darüber nach wo das Geld herkommt????

Grüsse
Wiebke

unbekannt

Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon unbekannt » 21. April 2009 13:07

Hallo zusammen,

die Rechtsvorstellungen der konfliktscheuen Schweden sind schon vergleichsweise schwammig, obwohl die Schadensersatzregelungen laut http://sv.wikipedia.org/wiki/Skadest%C3%A5nd im Großen und Ganzen der deutschen Regelung entsprechen. Das schwedische Recht kennt sogar ein gesondertes Schadensersatzgesetz - etwas, was im deutschen Recht so nicht gibt.

In der deutschen Kultur ist man sehr gut juristisch geschult. Als Mieter muss man seine Rechte kennen. Wer eine Eigentumswohnung hat, muss seine Rechte gegenüber den anderen Eigentümern kennen. Wer seine Rechte nicht kennt, wird in der deutschen Gesellschaft schnell an die Wand gedrückt. Es gibt eine Schwemme von Rechtsanwälten, kaum eine Illustrierte kommt ohne Rechtsspalte aus, im Fernsehen laufen Gerichtssendungen und schließlich nimmt die Judikative eine sehr starke Stellung in der deutschen Verfassung ein, so dass manche schon von einem Richterstaat sprechen.

Ansonsten kann ich Wiebke nur Recht geben: Zahlen müssen zum Schluss wir alle. Warten wir es ab, wenn auch in Schweden Versicherungsbetrug zum Volkssport wird und die Versicherungen knausrig werden.

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Aelve » 21. April 2009 13:30

Hallo Volker,

jetzt sind wir vom ganz normalen Schadensfall bis hin zum Versicherungsbetrug gekommen, lustig.

Ich gebe Dir voll Recht, dass man in Deutschland seine Rechte kennen muß, sonst ist man verloren. Das ist auch der Grund, warum man sich laufend informieren muß, laufend alles nachkontrollieren muß, was einen täglich vorgesetzt wird.
Und dass die Versicherungsgesellschaften in Deutschland schon lange versuchen, jeden normalen Schadensfall abzuwimmeln, kommt auch oft genug im Fernsehen und durch die Presse, die haben extra ihre Rechtsanwälte, die alles so lange hin und her drehen, bis der normale Mensch aufgibt oder sich mit niedrigerem Ersatz des Schadens zufrieden gibt.

Einerseit gibt es diejenigen, die laufend Versicherungsgesellschaften abkochen wollen, andererseits werden auch die Versicherungsgesellschaften immer rigider mit ihren Methoden bei der Schadensabwicklung.

Grüße Aelve
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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Stig Vox » 23. April 2009 17:23

Anderer Fall, gleiche handhabe:

Vorgestern bekam ich einen Anruf/ eMail, dass ein Däne (wer sonst) in unserem Hafen in mein Schiff gefahren wäre. Das alleine ist schon relativ bemerkenswert, da der Hafen sehr übersichtlich ist und zudem auch noch leer.
Dieser Zeitgenosse ist dann aber sogar noch abgehauen. Jemand aus dem Hafen hat die Geschichte aber beobachtet und ihm die Küstenwache hinterhergeschickt. Das Schiff (samt Dänen) wurde bei Höganäs gestellt.
Wir bekamen aus Schweden die Mitteilung, uns bei UNSERER Versicherung zu melden. Haben wir auch getan, und es ist auch hier so, dass unsere V. den Schaden (als Vorleistung) übernimmt und sich das Geld zurückholt.

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon vinbär » 23. April 2009 17:52

Mir ist ein Junge mit seinem Dreirad am Auto entlang "geritzt". Die Mutter entschuldigte sich und meinte, sollte mich der Kratzer stören könne ich ja meine Versicherung kontaktieren. :wink:

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Samweis » 24. April 2009 08:27

Hallo,

ist es schwedische oder deutsche Ehrlichkeit, oder Ehrlichkeit überhaupt oder einfach ein Mangel an Verantwortungsgefühl des Einzelnen, weil man damit aufwächst, dass der Einzelne nichts ist und die Allgemeinheit (der Staat, die Versicherung) es schon richten wird.
Mir sind in Deutschland wie in Schweden zwei ganz ähnlich gelagerte (Versicherungs-)Fälle passiert, die beide eigentlich gleich viel oder wenig Ehrlichkeit zeigen, aber unterschiedlich ausgingen:

In beiden Fällen war ich mit dem Auto auf einer engen ländlichen Straße unterwegs. In beiden Fällen kam mir aus einer Kurve ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegen und landete auf meiner Straßenseite. Ich habe gebremst, am äußersten rechten Rand der Straße angehalten und auf den Frontalaufprall gewartet. Es erwischte aber nur den Spiegel.
Das andere Auto kam etwa 50m hinter mir zum Stehen. Als ich den Rückwärtsgang einlegte und zurücksetzte, gab der jeweilige Fahrer jedoch Gas und verließ die Unfallstelle. Da ich mich mit dem Verlust eines Außenspiegels zwar abgefunden hatte, aber auf Fahrerflucht etwas merwürdig reagiere, habe ich in beiden Fällen wie in einem amerikanischen Action-Krimi die Verfolgung aufgenommen.

Soweit alles identisch. Nun kommen die Unterschiede:

In Deutschland war ich allein im Auto. Den "gegnerischen" Fahrer habe ich "gestellt" als er auf ein Privatgrundstück einbog. Ich wutentbrannt aus dem Auto und.. oh -oh... das ist ja die Chefin von dem Unternehmen, das die Drittmittel für meine Stelle bezahlt....

In Schweden hatte ich einen Zeugen im Auto. Den "gegnerischen" Fahrer fand ich als auswärtigen Gast im Jaktlag meiner Nachbarn, zu denen ich sehr guten Kontakt habe. Er war heftig angetrunken, denn er hatte heute noch nichts geschossen.

Ich bin zwar sonst kein Freund von Ratespielen, aber mich würde doch interessieren, ob jemand darauf kommt, in welchem Fall ich eine Entschuldigung und Schadensersatz bekam.

Viele Grüße

Samweis

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Stig Vox » 24. April 2009 15:10

Samweis hat geschrieben:Hallo,

ist es schwedische oder deutsche Ehrlichkeit, oder Ehrlichkeit überhaupt oder einfach ein Mangel an Verantwortungsgefühl des Einzelnen, weil man damit aufwächst, dass der Einzelne nichts ist und die Allgemeinheit (der Staat, die Versicherung) es schon richten wird.
Mir sind in Deutschland wie in Schweden zwei ganz ähnlich gelagerte (Versicherungs-)Fälle passiert, die beide eigentlich gleich viel oder wenig Ehrlichkeit zeigen, aber unterschiedlich ausgingen:

In beiden Fällen war ich mit dem Auto auf einer engen ländlichen Straße unterwegs. In beiden Fällen kam mir aus einer Kurve ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegen und landete auf meiner Straßenseite. Ich habe gebremst, am äußersten rechten Rand der Straße angehalten und auf den Frontalaufprall gewartet. Es erwischte aber nur den Spiegel.
Das andere Auto kam etwa 50m hinter mir zum Stehen. Als ich den Rückwärtsgang einlegte und zurücksetzte, gab der jeweilige Fahrer jedoch Gas und verließ die Unfallstelle. Da ich mich mit dem Verlust eines Außenspiegels zwar abgefunden hatte, aber auf Fahrerflucht etwas merwürdig reagiere, habe ich in beiden Fällen wie in einem amerikanischen Action-Krimi die Verfolgung aufgenommen.

Soweit alles identisch. Nun kommen die Unterschiede:

In Deutschland war ich allein im Auto. Den "gegnerischen" Fahrer habe ich "gestellt" als er auf ein Privatgrundstück einbog. Ich wutentbrannt aus dem Auto und.. oh -oh... das ist ja die Chefin von dem Unternehmen, das die Drittmittel für meine Stelle bezahlt....

In Schweden hatte ich einen Zeugen im Auto. Den "gegnerischen" Fahrer fand ich als auswärtigen Gast im Jaktlag meiner Nachbarn, zu denen ich sehr guten Kontakt habe. Er war heftig angetrunken, denn er hatte heute noch nichts geschossen.

Ich bin zwar sonst kein Freund von Ratespielen, aber mich würde doch interessieren, ob jemand darauf kommt, in welchem Fall ich eine Entschuldigung und Schadensersatz bekam.

Viele Grüße

Samweis


....vermutlich von der Frau.

Entschuldigung: Sie musste dringend zum Klo und das mit dem Spiegel habe sie gar nicht bemerkt.

...vermutlich nicht von dem Jäger, weil er bewaffnet war und sich eh an nichts erinnern konnte... :roll:

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Samweis » 24. April 2009 17:43

Hallo,

Stig Vox hat geschrieben:....vermutlich von der Frau.

Entschuldigung: Sie musste dringend zum Klo und das mit dem Spiegel habe sie gar nicht bemerkt.

...vermutlich nicht von dem Jäger, weil er bewaffnet war und sich eh an nichts erinnern konnte... :roll:

Glückwunsch! Gleich der Erste ein Volltreffer. :wink:

Die Frau entschuldigte sich, sie habe gedacht, es sei nichts passiert. Wir wusten zwar beide, dass das nicht ganz ehrlich war, aber es "fühlte sich nett an".
Den Schaden hat sie privat bezahlt, weil sie nicht wollte, dass die Versicherung, die ja die Firma bezahlte, hochgestuft wird.

Der Gastjäger erklärte zuerst, an seinem Spiegel sei ja gar kein Schaden - also habe seine Versicherung ja auch nichts damit zu tun. (Diese Argumentation verblüffte mich zunächst, wird aber angesichts dieses Threads etwas klarer... :wink: )
Vor allen meinen Nachbarn in der Zwickmühle sagte er dann zu, den Schaden über seine Versicherung zu regulieren.
Einige Wochen später bekam ich dann die Nachricht, dass er einen "Beifahrer" aufgetrieben hatte, der bereit war auszusagen, dass ich auf der falschen Straßenseite gefahren sei und sein Auto gerammt habe, woraufhin sein Außenspiegel mehrere "schwere Kratzer" davongetragen hat.
Der Kategorisierung in "ehrlich" oder "nett" enthalte ich mich mal.

Viele Grüße

Samweis

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Re: Die schwedische Ehrlichkeit

Beitragvon Stig Vox » 24. April 2009 18:09

Weiter oben beschrieb ich den Schadensfall an meinem Schiff...es gibt neues:

Der gefasste Däne wollte doch tatsächlich (ohne sich nur ein einziges mal bei mir gemeldet zu haben) den Schaden klammheimlich reparieren lassen. Den Auftrag hatte er schon an die Werft gegeben/ Teile bestellt.
Habe das ganze erstmal gestoppt und werde nun einen Gutachter einschalten...


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