Hallo,
ich habe durch Zufall Deinen Threat gelesen und konnte es nicht bleiben lassen ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Hab mich extra angemeldet.
Nur ein paar Fakten damit Du Dir eine eigene Meinung bilden kannst.
Zitat:
Die Bezahlung ist schlechter als in Deutschland
Du verdienst weniger, das ist richtig. In Deutschland ist das Einstiegsgehalt etwa 1.000 € oder gute 10.000 Sek höher.
ABER: rechne Dir mal aus, was Du netto noch hast, wenn Du z.B. 3.500 € Gehalt hast, wenn ich richtig informiert bin, dann hast Du nach allen Abzügen ca. 50% netto. Ist das in etwa richtig? Wenn nicht, dann berichtigt mich bitte.
Beispiel hier, aus eigener Erfahrung:
Bei einem Einstiegsgehalt in Schweden von 26.000 Sek bleiben Dir nach Steuern z.Zt. etwas mehr als 19.000 Sek netto. (ich vergleiche das mit 3.500 € weil diese Summe das das Einstiegsgehalt bei vergleichbarer Position in der gleichen Branche in Dtl. gewesen wäre).
Da ist aber kein Zahnarzt mit versichert, den bezahlst Du privat. In unserem Beispiel hast Du 24 Tage Urlaub, ich hatte damals als einfacher Lehrling in D 24 Tage. Ein gleichalter Freund meinte zu mir, er hätte in Dtl. 28 Tage. Das ist effektiv fast eine Woche mehr! Dazu kommt, dass es in Dtl. weit mehr Feiertage gibt.
Es gibt kein 13. Jahresgehalt in Schweden. Aber abgesehen davon habe ich erlebt, dass ich unterm Stich mehr netto in der Tasche habe, laut obigen Bsp. etwa 200 € mehr, was aber eben durch das evtl. 13. jahresgehalt kompensiert werden könnte.
Überstunden: ich habe es bisher in Schweden NIE erlebt, dass Übersunden nicht abgerechnet wurden. In Dtl. war ich sehr oft bis zu 10 h im Büro und bin auch viel auf Kundendienst gewesen, das war normal und unbezahlt.
Es stimmt, die meisten schwedischen Kollegen lassen den Hammer oder den Stift fallen, wenn die Uhr Feierabend zeigt. Urlaub nehmen sie rücksichtslos. Kommt die Elchjagd, bleibt kein Schwede in der Firma. Für die Arbeitgeber scheint das auch ok zu sein, denn dieses Recht hat der Arbeitnehmer und da üben die Chefs auch keinen starken Druck aus, weil sie wohl wenig in der Hand haben, denn die Gewerkschaften sind vermutlich stark. (Ich habe aber nur negative Erfahrungen mit Gewerkschaften gemacht, aber das ist eher persönlich)
Es geht die Welt nicht unter, wenn ein Auftrag erst dann fertig wird, wenn er fertig ist, egal ob der Termin vielleicht 1 Tag vorher war. (wir reden jetzt von marginellen Verspätungen) Zumindest leben viele Angestellte mit dieser Philosophie. Sinngemäßes Zitat eines Kollegen: "Mehr als eine gute Arbeit in der Arbeitszeit abzuliefern kann und will ich nicht. Gibt es zu wenig Mannstunden in der Firma, dann müssen eben Leute angestellt werden und das ist nicht meine Aufgabe."
Ich habe eine Freundin, die ich noch aus Dtl. kenne, die völlig unabhängig von mir durch Zufall in Sthlm gelandet ist, die zerbricht gerade an ihren Kollegen genau deswegen. Denn sie will dann immer alles noch geradebiegen und alles schaffen. Und das beweist, dass diese stoische Weltsicht kann einen als Kollegen tierisch auf die Palme bringen, besonders wenn das eigene Projekt deswegen zu leiden hat.
Aber es ist eine realistische Einschätzung, die, wenn man sie sich zu eigen machen kann, das Leben durchaus entschleuningt und für mehr Lebensqualität sorgt. Denn ich bin mit meiner Frau, nicht mit meinem Arbeitgeber vereiratet. Wie das der schwedische Arbeitgeber sieht kann ich nicht beurteilen, ich weiß nur dass in den Firmen in Dtl. dann immer "auf Teufel komm raus" die Nächte durchgeklotzt wurden bis termingerecht abgeliefert werden konnte.
Derjenige, der sich mit der schwedischen Firma verbunden fühlt und einen guten Job machen will ist in den A gekniffen, denn der verschiebt seinen Feierabend/Urlaub. Ich wurde hier immer nett von Kollegen gefragt, ob ich mir denken könne dieses oder jenes noch fertig zu machen. Und ich konnte immer antworten, dass ich heute keine Zeit hab, es gibt nicht die gleiche Selbstverständlichkeit, dass Du dabeleiben musst. Ich habe es erlebt, es sind meistens Ausländer, die dann den stressigen Job machen. Aber abgesehen davon haben eben auch die Chefs dann gesehen, wer ab und an auch mal mehr zugepackt hat. Ich als Hilfsarbeiter habe es dann eben am Lohn gemerkt, meiner ist recht schnell gesiegen. Nehmen und geben. Und einige meiner Kollegen waren traurig, als ich den Job gekündigt habe, der mir das Studium finanziert hat.
Ein Details am Rande: Ich habe bisher "Friskvård" (lies Gesunderhaltungsprämie) bei meinen Arbeitgebern bekommen, monatlich stehen mir eintweder Geld oder Zeit zu. Ich weiß nicht wie viel Geld das ist, meine Frau bekam eine Sportcentermitgliedschaft bezahlt. Ich dagegen habe es erlebt, dass einmal in der Woche das Büro montags schon eine Stunde früher abschlossen wurde und die Belegschaft gemeinsam die Stunde gemeinsam Fußball/Innebandy spielen geht. Während der bezahlten Arbeitszeit.
Im Pausenraum stehet immer montags ein großer Korb mit Früchten zur Selbstbedienung. Kaffee natürlich auch. Zahlt der Arbeitgeber. Solche kleinen Dinge machen das Arbeiten manchmal sehr entspannend.
Der entscheidene Faktor ist (genauso wie in Deutschland), dass Du in einer Firma landest, die ein vernünftiges Betriebsklima hat. Und ich bin überzeugt davon, dass die Chance darauf in Schweden um einiges höher ist.
Nun ist es natürlich auch spannend zu sehen, wie das mit den Lebenshaltungskosten aussieht, in welchem Land bleibt mehr nach Einkauf des Essens und nach dem Bezahlen der Miete übrig. Ich habe das subjektive Gefühl, dass es in Dtl. mehr wäre.
Allerdings hängt das sicherlich auch mit dem Wohnort zusammen. Hier im Hälsingland, da bekommst Du ein Haus mit Land mit recht gutem Standard schon ab 600.000 Sek - die Lebensmittel- und Benzinpeise sind aber etwas höher als in der Nähe der Stadt. Willst Du in Stockholm oder Göteborg leben, dann vergiß es, das Du Dich für unter 1,5 Mio Sek in eine Hausgemeinschaft einkaufen kannst. Dann bezahlst Du aber noch immer monatliche Umlagen fast in Höher einer Miete für die 2-Raum Wohnung.
Steuererklärung: wenn Du nichts geltend machen kannst, weil Du nur unter 50 km pendelst oder keine Zweitwohnung hast, dann reicht eine sms für die Steuererklärung. Sehr genial. Ich habe keine Kapitaleinkünfte, Waldbesitz o.ä. mit denen das Ganze wohl weit komplizierter werden würde.
Abschließende Bewertung: Wo Du wohnst innerhalb des Landes und was Deine Lebensführung ausmacht entscheidet eben darüber wo du mehr Geld in der Tasche hättest, im Zweifelsfalle wohl in Dtl. falls Du nicht in der schwedischen Pampa landest.
Wenn mich jemand fragt, warum ich nach Schweden gegangen sei, dann antworte ich meistens mit der Wahrheit: Weil es sich so ergeben hat. Ich glaube heute nach Schweden zu gehen ist mit weniger Problemen behaftet als es war in den 50ern von Mecklenburg nach Bayern zu ziehen. Nein, ich bin nicht vor Dtl. geflüchtet, nein ich finde meine Heimat nicht schlimm und zu bürokratisch und mit zu vielen Problemen behaftet. Ja, in Schweden ist einiges einfach und entspannter. Anderes macht mich aber auch wahnsinnig, z.B. die Einstellung vieler schwedischer Schüler (bin Lehrer) und das Bildungssystem. Es gibt aber auch hier richtig gute und schlechte Schulen, hängt halt von den Lehrern und leider auch von der Kommune (Schulträger) ab. Als Lehrer hat man in Schweden einen niedrigen Status und ein richtig kleines Gehalt. Idiotisch in Schweden zu bleiben. Trotzdem macht mir der Job Spaß eben wegen des ausgewogenerem Arbeitsklimas. Aber ich pflege immer zu sagen:
Die Summe der Probleme ist gleich. Man kann sich aber aussuchen welche Probleme man haben will.
Ich könnte sicher noch eine Weile schreiben und einen Roman daraus machen. Eigentlich dachte ich nur was zu Gehalt zu schreiben, dann ist es etwas mehr geworden. Aber ich hoffe es waren einige brauchbare Gedanken dabei.
Liebe Grüße