Der Umgang mit Daten in Schweden

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Volker
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Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Volker » 10. März 2007 10:38

Hallo zusammen,

man gehe mal auf https://www21.vv.se/fordonsfraga/ und gebe ein schwedisches Autokennzeichen ein. Was würde ein deutscher Datenschutzbeauftragter dazu meinen? Oder von der schwedischen Denkweise betrachtet: "Wo ist das Problem? Ist doch sehr praktisch. Geht das in Deutschland etwa nicht!?"

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Skogstroll
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Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Skogstroll » 10. März 2007 11:27

Hej Volker,
das funktioniert sogar per SMS. Jemand steht auf deinem Parkplatz? Kein Problem, eine SMS ans Vägverket reicht.
Dieser Umgang mit Daten ist in Schweden generell so. Papa Staat weiss bis auf die letzte Öre, was ich auf dem Konto habe. Ich selbst kann jederzeit herausfinden, was mein Chef verdient und ob er seine Steuer bezahlt hat, wann sein Auto das letzte mal bei bilprovningen war und mit welchem Ergebnis. Mein Nachbar kann das Gleiche über mich herausfinden.
Das ist ein Ergebnis der schwedischen Philosophie der offenen Gesellschaft. Damit muss man sich arrangieren, wenn man hier lebt. Die Frage ist, ob es einen stört.
Das System hat auch unbestreitbare Vorteile. Die Steuererklärung beispielsweise ist mit einer SMS zu erledigen, und wenn ich einen Gebrauchtwagen kaufe, kann ich mich ziemlich genau über die Vorgeschichte des Autos informieren, ohne mit dem Besitzer auch nur ein Wort zu wechseln.
Trotzdem hat das Ganze schon einen leichten George-Orwell-1984-Touch, denn die Transparenz ist nicht ganz symmetrisch. Das Skatteverket (oder sonst ein -verk) kann mich nämlich viel leichter durchleuchten als ich das Skatteverket.
Es bleibt Geschmackssache. Ich persönlich kann das akzeptieren (mit bleibt auch nichts anderes übrig), aber manchmal bleibt ein fader Nachgeschmack.

Skogstroll

blue

Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon blue » 10. März 2007 11:33

Skogstroll hat geschrieben: Ich selbst kann jederzeit herausfinden, was mein Chef verdient und ob er seine Steuer bezahlt hat,
Skogstroll


diese Marrotte der Schweden war uns sehr hilfreich beim Gehaltspoker 8) :lol:

ob es mich im täglichen Leben dort vorort stört....nein ich glaube nicht

mehr stört mich hier die deutsche Denke: mein Haus, mein Auto, mein Pferd... und im Endeffekt haben gerade gerne solche Personen die größten roten Zahlen auf der Bank

Gruß
Heike

Peter i Klackbua

Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Peter i Klackbua » 10. März 2007 12:51

Ich sehe das eher unter dem Gesichtspunkt funktionierende Demokratie.
Ich gehe mal nicht davon aus dass sich irgendwelche Nachbarn oder Freunde für meine Steuerdaten interessieren... ich mache das umgekehrt ja auch nicht.
Wichtig finde ich aber dass die Öffentlichkeit nachvollziehen kann was Politiker und Personen des öffentlichen Interesses finanziell so treiben. In Schweden tritt bekanntlich schon mal ein Politiker zurück, wenn rauskommt wie schäbig er seine Haushaltshilfe bezahlt oder was für "Nebeneinkünfte" er noch so hat...
In Deutschland fällt das alles undter Datenschutz - und da muss schon ein Verkehrsminister Krause gewaltig tief im Autobahn-Korruptionssumpf stecken damit tatsächlich so was wie ein Rücktritt erfolgt.

Mir kann auch niemand erzählen dass man in Deutschland nicht an die Daten Anderer herankommt - Ein Polizist kann da schon auch mal für einen Kumpel rauskriegen auf wen z.B. ein Kennzeichen zugelassen ist... usw.
Da ist es mir dann schon lieber dass jeder Einzelne die gleichen Möglichkeiten hat - und nicht manche mit Beziehungen gleicher sind.

Volker
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Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Volker » 10. März 2007 13:12

Nachdenklich macht es mich, dass mir eine solche rigorose Offenheit in Deutschland unangenehm wäre. Hier in Schweden macht sie mir aber nichts aus. Woran liegt das?

Peter i Klackbua

Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Peter i Klackbua » 10. März 2007 13:31

Vielleicht "nur" die geschichtliche Erfahrung... Soll ja in D schon Leute gegeben haben, die auf Grund der Personendaten in alten Kirchenregistern vergast wurden.

Das Schlimme in D ist ja vor allem dass man gar nicht weis wer welche Daten anlegt und sammelt... Kann mich noch an eine Reise mit meinem Vater über Sassnitz nach Berlin und weiter nach Hof auf der Transitautobahn erinnern.
Obwohl wir *nie* von bundesdeutschen Behörden angehalten oder kontrolliert worden waren - hatte mein Vater einen Riesenanschiss bekommen von wegen er dürfe als "Geheimnisträger" gar nicht durch die DDR fahren. Die DDR wird ja wohl kaum "gepetzt" haben...

Solche Erfahrungen sind es, die das Vertrauen in den deutschen Staat ungemein steigern... auch wenn das schon lange her ist.

glada

Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon glada » 10. März 2007 14:01

Hallo Peter,
Wichtig finde ich aber dass die Öffentlichkeit nachvollziehen kann was Politiker und Personen des öffentlichen Interesses finanziell so treiben. In Schweden tritt bekanntlich schon mal ein Politiker zurück, wenn rauskommt wie schäbig er seine Haushaltshilfe bezahlt oder was für "Nebeneinkünfte" er noch so hat...


dem muss ich jetzt aber wirklich widersprechen. Wenn man alleine an die Verfehlungen von Laila Freivalds sowohl als Justiz- und später als Außenministerin denke. Ich wage zu bezweifeln, dass sie in Deutschland so lange politisch überlebt hätte. Die Amtsübernahme der neuen Regierung war eine Face, die Abgang der Minister geschah nur auf massiven öffentlichen Druck.

Allgemein muss ich zu dem Thema sagen: Mir ist schon lieber, dass nicht jeder alles über mich erfahren kann, egal ob es tatsächlich von anderen eingesehen wird oder nicht. Darüber hinaus habe ich die Menschen in Schweden nicht als die besseren erlebt. Hier gibt es genauso Missgunst, Neid, Eifersucht usw. wie überall anders auch.

Oliver

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Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon GECO » 10. März 2007 14:23

Volker hat geschrieben:Nachdenklich macht es mich, dass mir eine solche rigorose Offenheit in Deutschland unangenehm wäre. Hier in Schweden macht sie mir aber nichts aus. Woran liegt das?


vielleicht einfach daran, dass Du vorher wusstest worauf Du Dich einlässt?
Du hattest die Wahl, konntest Dich frei entscheiden, ob Du in "so einem" Land leben willst.

ausserdem hätte ich persönlich mit dieser Form der "offenen Überwachung" (man verzeihe mir die Wortwahl) weniger Probleme, als mit der heimlichen Bespitzelung, die hier in Deutschland teilweise passiert und deren Daten, dann aber nur einem kleinen erlesenen Kreis zugänglich sind.

ich finde beide Formen nicht optimal, aber ich kann damit leben.

Conny

Peter i Klackbua

Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Peter i Klackbua » 10. März 2007 15:00

@Ollie
Klar - Schweden hat schon auch eine ganz gute Skitstövel-Quote. Und in letzter Zeit ist in Schweden wirklich viel passiert das mich etwas "deeuphorisiert" hat.

Ist glaube ich ein Generationsproblem. Ich habe Schweden in den 1980igern kennen gelernt - damals spürte man wirklich noch Volkshemmet in allen Lebenslagen.
Heute sind ja doch Generationen bestimmend, welche einerseits die Vorzüge des Sozialstaates als selbstverständlichen Anspruch verinnerlicht haben - aber zugleich immer das Gefühl haben zuviel dafür zu bezahlen.
Sprich der Egoismus hat sich ganz schön ausgebreitet - bis hinein in Sphären wie den Autoverkehr und im persönlichen Umgang.

Zum Glück spüren wir in Schweden auf dem Land davon noch nicht so viel. Aber dort kämpft man mit Abvölkerung und schlechter werdender Versorgung.

Volker
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Re: Der Umgang mit Daten in Schweden

Beitragvon Volker » 10. März 2007 16:40

Mir kommt das aber alles hier in Schweden doch trotzdem noch recht harmlos vor. Ich hatte ganz verdrängt, dass die Stasi alle meine Briefe in die DDR gelesen hatte. Und als ich Anfang der 80er in Schweden auf einem Bauernhof arbeitete, bekam ich auch mal Besuch von 2 DDR-Bürgern, weil der Mähdrescher Marke Fortschritt wieder mal nicht wollte. Diese Begegnung auf neutralem Boden wurde dann auch aktenkundig. Wahrscheinlich haben die sich mein westdeutsches Autokennzeichen aufgeschrieben, das die DDR schon kannte, da ich nach einem Verwandtenbesuch in der DDR direkt nach Schweden ausreiste. Das sind alles Geschichten, die in ihrer Summe natürlich ein ganzes Volk beeinflussen und ich spüre schon, dass ich hier ein heißes Eisen antaste.

Ich bin eigentlich immer noch zu misstrauisch. Wenn ein mir unbekannter Schwede mir bereitwillig weiterhilft oder gut gelaunt eine Auskunft gibt, dann frage ich mich oft, warum er so freundlich und so hilfsbereit ist: Er will mir doch nichts verkaufen? Welchen Vorteil hat er davon? Führt er was im Schilde oder ist er nur geistig behindert? Da ist man bei solchen Gedanken schon über sich selbst etwas erschrocken. Man merkt, dass man von Lebenserfahrungen geprägt wurde, die sich viele Schweden nicht vorstellen können.


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