Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

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blueII
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Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon blueII » 29. Januar 2009 10:41

Hej,

Ich hatte heute ein sehr interessantes aber auch depremierendes Gespräch mit einem schwedischen Bekannten.

Sein Lebenslauf ist unglaublich vielfältig und interessant.
Er hat Forstwirtschaft und Archälogie studiert und spricht 5 Sprachen fließend.Er hat als Lehrer sowie viele Jahre auf einem Segelschulschiff als Offizier und Lehrer gearbeitet.

Warum erzähl ich Euch das?
Er hat nach 9 Jahren seinen Job auf dem Schulschiff verloren.
Nun versucht er dringend einen neuen Job zu finden und ist bereit alles zu machen.
Sägewerk, Muschelzucht egal hauptsache wieder eine Anstellung.
Das Handicap ist natürlich bei einfachen Jobs seine Qualifikationen. Meist bekommt er Ablehnungen, weil er nicht glaubwürdig also überqualifiziert ist. Ich wollte ihm den Rat geben, doch seinen CV etwas "einfacher" zu gestalten.
Wenn nötig die Sprachfähigkeiten zu verschweigen und vielleicht auch die Lehrertätigkeit.

Ich bekam die überaschende Antwort das es nicht geht. Er erklärte mir, dass die schwedischen Firmen über das Arbeitsamt ZUGRIFF auf Deine persönlichen Daten haben. Das bedeutet sie holen sich mit wenigen Knopfdrücken Deinen gesamten Lebenslauf mit Verzeichnis Deiner diversen Ausbildungen und Arbeitsstellen aus dem Internet - insofern Du dort geführt bist.

Ich war ziemlich schockiert und überascht. :shock:
Das wir hier eine finanzielle Duchsichtigkeit haben, daran habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt.
Das einer übers Autokennzeichen meinen Wohnort, Namen, Versicherung und Versicherungssumme ersimmsen kann, habe ich zu Kenntnis genommen, :evil: aber das jeder meinen Lebenslauf abrufen kann finde ich schon stark gewöhnungsbedürftig.

Ist euch diese Situation schon mal begegnet?
Bisher haben wir doch immer argumentiert, den schwedsichen Arbeitgebern interessiert gar nicht so sehr der CV sondern mehr Empfehlungen.
Liegt darin der Ursprung? Das sie sich selbst die Informationen falls gewünscht ziehen können?

Soviel "Gläsernheit" muß ich erstmal verarbeiten. :roll:

LG
Heike

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Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon Aelve » 29. Januar 2009 11:24

Hallo Heike,

das mag einerseits schlimm sein, kann aber andererseits auch Vorteile haben, dass ein Arbeitgeber die Qualitäten anerkennt und dadurch einen Posten vergibt. Ich war vor 10 Jahren für 3 Monate arbeitslos, auch da erhielt ich einmal eine Ablehnung wegen Überqualifizierung, denn wenn man über 40 Jahre als Buchhalterin und Betriebswirtin arbeitet, hat man natürlich eine gewisse Qualifikation in dem Bereich. Auch hier in Deutschland mußt Du Deinen Lebenslauf angeben und Deine Tätigkeiten, kannst ja nicht einfach eine Zeitspanne auslassen. Was glaubst Du, was sich hier in D die Arbeitgeber untereinander austauschen, im Lebenslauf stehen die Firmen in denen man gearbeitet hat, schon kann der Einstellungsbetrieb einfach dort mal anrufen und sich erkundigen.
Das denke ich ist gang und gäbe. Ich denke, dass der Bekannte bei soviel Intelligenz, bei soviel Wissen und Befähigung doch leichter eine Arbeit findet als ein Unqualifizierter.

Wünsche ihm viel Glück und grüße Dich Aelve
Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.
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Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon Tulipa » 29. Januar 2009 11:35

Na,
ich sehe schon einen Unterschied, ob ein Arbeitgeber einen Posten aufgrund der ihn überzeugenden Qualifikation vergibt und dazu auch einen ehemaligen Chef befragt, oder ob diese Daten in der EDV abrufbar sind, wie Heike es beschreibt.

So ein Sachverhalt ist mir nicht bekannt, wäre aber auch davon entsetzt.
Ich kenne diese Gläsernheit hauptsächlich was Finanzen angeht, und im Gesundheitswesen. In letzterem würde ich wiederum praktische Vorteile sehen, wenn z.B. bei einem Notfall anhand der Personennummer Krankheitsvorgeschichten abrufbar sind.

Sicher weiss hier jemand mehr über diese Lebenslaufgeschichte.

LG
Tulipa
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hansbaer

Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon hansbaer » 29. Januar 2009 13:04

Tja, Öffentlichkeitsprinzip.

Allerdings glaube ich nicht, dass die Unmengen Informationen dort zu holen sind, wie du vielleicht jetzt annimmst. Dem Arbeitsamt bzw. dem Skatteverket liegen ja keine Details zur genauen Tätigkeit vor, sondern bestenfalls eine allgemeine Bezeichnung. Und die Sprachkenntnisse sind ja auch nicht dort abfragbar.
Ich glaube, das Risiko besteht in erster Linie darin, dass eine Lücke im Lebenslauf den potentiellen Arbeitgeber neugierig macht und damit weitere Nachforschungen provoziert.

Ich denke, die Referenzen sind so wichtig, weil man sich vorwiegend auf das Wort anderer verlässt. Wenn der ehemalige Chef gute Arbeit bescheinigt, ist das für viele mindestens so viel wert wie Dokumente.

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Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon Imrhien » 29. Januar 2009 13:12

Ich könnte mir nur vorstellen, dass man die Dinge, die man beim Arbeitsamt in eine Maske eingibt erfragen kann. Da wären dann die Sprachen dabei. Das heisst, man meldet sich arbeitssuchend und gibt natürlich detailiert an was man so gemacht hat. Der Arbeitgeber schaut bei ams nach und erhält eben diese Infos. Das fänd ich ok. Sollte es darüber hinaus gehen, fänd ich das wieder mal ein minus in meiner Liste für Schweden. Auch wenn man sich teilweise dran gewöhnt und es vorher weiss.... die Sammelwut und Angehwohnheit alles zu veröffentlichen der Schweden, ist doch recht anstrengend und nervend wenn man hier lebt. Manchmal auch etwas beängstigend.

Grüße
Wiebke

hansbaer

Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon hansbaer » 29. Januar 2009 13:23

Das Öffentlichkeitsprinzip ist in seinen Grundzügen schon eine sehr gute Sache, weil es eine wichtige Rolle in einer funktionierenden Demokratie spielt. Jedoch wurde es nicht für das 21. Jahrhundert geschaffen. Als Ratsit am Anfang so erfolgreich war, bekamen sogar die Schweden ein bisschen Angst.

Es hat aber auch etwas mit der Einstellung zu diesen Dingen zu tun. Jemanden in Deutschland zu fragen, wieviel er verdient, ist fast so schlimm wie nach sexuellen Vorlieben zu fragen. In Schweden hingegen haftet dem fast nichts privates an.

gläserna spion

Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon gläserna spion » 29. Januar 2009 14:05

Ich war ziemlich schockiert und überascht.
Das wir hier eine finanzielle Duchsichtigkeit haben, daran habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt.
Das einer übers Autokennzeichen meinen Wohnort, Namen, Versicherung und Versicherungssumme ersimmsen kann, habe ich zu Kenntnis genommen, aber das jeder meinen Lebenslauf abrufen kann finde ich schon stark gewöhnungsbedürftig


Hallo Heike

ja das wir gläserene buerger sind ist die erschreckene wahrheit ,
find ich unglaublich und eine frechheit das man ueber einen ,so viele
private informationen bekommen kann ohne das man mal gefragt wurde ob man
damit einverstanden ist .
ich weis nicht wie manche schweden darueber denken vielleicht ist es auch normal fuer ein schweden,
aber wenn ich diese internetseiten sehe wo ich nur mit F-SKATT angemeldet den namen u wohnort
per mausklick rausbekommen kann wieviel der jenige verdient/u ueber eine parallelseite per name
geburtstag wohnort... rausbekomme kann könnte ich ausflippen vor wut.

was die sache mit dem lebenslauf angeht , ist auch so eine sache.
viel schlimmer finde ich das firmen bei denen mann sich vorstellt
oft (nicht immer) aber den alten arbeitgeber anrufen um zu fragen
wie den der herr...,oder fr..... den so arbeitsmässig ist u war.........

hansbaer

Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon hansbaer » 29. Januar 2009 14:09

gläserna spion hat geschrieben:ich weis nicht wie manche schweden darueber denken vielleicht ist es auch normal fuer ein schweden,
aber wenn ich diese internetseiten sehe wo ich nur mit F-SKATT angemeldet den namen u wohnort
per mausklick rausbekommen kann wieviel der jenige verdient/u ueber eine parallelseite per name
geburtstag wohnort... rausbekomme kann könnte ich ausflippen vor wut.


Soweit ich weiß, ist das nicht mehr so. Bei Ratsit kann man Name, Wohnort und Geburtsdatum einsehen, aber das Gehalt muss man entweder telefonisch erfragen oder erhält es gegen Gebühr - wobei dann aber dem Abgefragten ein Brief mit den Informationen über die Abfrage zugeschickt wird.

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Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon Imrhien » 29. Januar 2009 14:34

Man kann die Gehälter jederzeit in einer Bibliothek nachlesen. Oder sagen wir eher, das was derjenige versteuert hat. Man kann sich auch von bestimmten Verlagen ein Büchlein zuschicken lassen. Kostet dann ein paar Kronen und beschränkt sich "nur" auf 10000 Leute oder so?
Daran habe ich mich ja gewöhnt. Es ist ok für mich wenn der Nachbar weiss was ich an Geld habe. Es ist merkwürdig, dass es jemanden interessiert, ausser er will es wissen um selber Gehaltsverhandlungen zu führen.
Aber irgendwo muss ja eine Grenze sein, oder?

Grüße
Wiebke

hansbaer

Re: Der gläserne Bürger...noch mehr als gedacht..?

Beitragvon hansbaer » 29. Januar 2009 14:38

Ach so - ja, die Listen habe ich vergessen. Bei Ratsit kann man sich auch einen maßgeschneiderten Katalog schicken lassen.

Einen Aspekt bei der ganzen Sache sollte man auch nicht unterschlagen: die Daten sind für jedermann zugänglich, aber die Weitergabe unterliegt dem Datenschutz, ist also verboten. Es ist also nicht legal, die Listen zu verwenden in der Art, dass man ein Profiling durchführt, wie das in Deutschland der Fall ist.


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