Das betonierte Schweden

Tipps und Infos, Fragen und Antworten, Kultur - Menschen - Studium - Leben: Alles über Schweden!
Link zum Portal: http://www.schwedentor.de/land-leute
Fhre Schweden: Mit Stena Line nach Skandinavien: Sassnitz-Trelleborg

unbekannt

Das betonierte Schweden

Beitragvon unbekannt » 5. Juli 2009 12:28

Hallo zusammen,

nach dem zweiten Weltkrieg herrschte auch in Schweden eine extrem hohe Wohnungsnot. Deshalb wurde das "Millionenprogramm" ins Leben gerufen, um mit staatlich geförderten Mitteln eine Million neuer Wohnungen zu schaffen. Die Folgen dieses Programms sind in Schweden unübersehbar und wer an jüngerer Architekturgeschichte interessiert ist, kann ja auch mal diese Seite Schwedens entdecken.

Ich habe mal ein paar Links zusammengestellt, um sich ein das Thema einzulesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Millionenprogramm
http://de.wikipedia.org/wiki/Roseng%C3%A5rd
http://sv.wikipedia.org/wiki/Rivningar_ ... krigstiden

Es ist ein wahres Kontrastprogramm zu den süßen, kleinen, rotgemalten Häuschen in Bullerby.

Um solche Beton-Landschaften zu betrachten, braucht man natürlich nicht unbedingt nach Schweden zu reisen, aber Schweden hatte hier die selben Fehler gemacht wie fast überall auf der Welt.

nysn

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon nysn » 5. Juli 2009 17:32

Das tragische an dem "Miljonprogrammet" ist ja gerade, dass dort, wo man diese Plattenbausiedlungen in aller Hast errichtet hat, dies heute die Problemviertel in den Großstädten sind - ein Beispiel Göteborg-Angered mit Hjällbo, Hammarkullen

http://sv.wikipedia.org/wiki/Hj%C3%A4llbo

oder auch in Malmö, das inzwischen international für seine hohe Kriminalität bekannte Rosengård: http://de.wikipedia.org/wiki/Roseng%C3%A5rd

Da Schweden ja nicht durch den Krieg zerstört war, wäre es wohl nicht unbedingt notwendig gewesen, so "hässlich" zu bauen. Platz hat es ja auch genug gegeben. Der Hauptgrund, warum sie sich für den Stil à la DDR entschieden haben, ist wohl, weil es billig war. Diese Philosophie der billigen Fertigbauten wurde ja lange Zeit bis Ende der 70er-Jahre beibehalten und ist auch heute noch vielerorts zu finden. Heute entstehen halt an ein- und der gleichen Stelle 100 identische Häuser im Schweden-Holz-Look oder im modernen Neu-Funkis-Stil.

In Stockholm wurden in den 50er-Jahren auch viele neue Stadtteile aus der Erde gestampft, weil man dies für fortschrittlich hielt - z. B. Vällingby. Dort war die Idee, dass man "Gemeinschaftswohnhäuser" baut - die so ähnlich wie "Hotels" funktionieren sollten: Man sollte im Restaurant essen oder sich die fertigen Speisen mit in die (kleine 2-3 Zimmer)-Wohnung holen können - oder man konnte sich das Notwendigste in den Geschäften/Läden in der Nahumgebung einkaufen. Die Eltern sollten tagsüber in die Arbeit gehen - die Kinder (im Idealfall nicht mehr als 2) wurden im Dagis aufbewahrt. Und weil der moderne Schwede in den 1950-Jahren auch motorisiert war, legte man auch großzügige Straßen und Parkplätze an. Die Beheizung dieser Wohnsiedlungen sollte dann - ebenfalls topmodern - mithilfe eines nahegelegenen Atomkraftwerkes erfolgen. So stehts z. B. in den Stadtplänen für das Stadtteil Farsta in Stockholm.

Eine ähnliche solche Siedlung, die man heute in Stockholm "bestaunen" kann, ist Hässelby.

Es gab auch Pläne, Teile der Innenstadt in Stockholm komplett abzureißen und durch Neubauten, Wolkenkratzer und große, breite Straßen zu ersetzen. Zum Glück ging dann wohl das Geld aus, so dass man heute bei Hötorget und Sergelstorg eine Ahnung dessen bekommen kann, wie Stockholm aussehen könnte, wenn alle damaligen Pläne umgesetzt worden wären.

unbekannt

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon unbekannt » 5. Juli 2009 17:51

Stockholms Gamla Stan stand ja auch mal in der Abrissdiskussion zum Zwecke einer umfassenden Modernisierung:
http://sv.wikipedia.org/wiki/Stadsplane ... id.C3.A9er

In den USA der 50er Jahre war man übrigens auch nicht zimperlich mit der Abrissbirne bei der Modernisierung ihrer Städte. Hier die Links zu einem Werbefilm (in zwei Teilen)

http://www.archive.org/details/DynamicA1956
http://www.archive.org/details/DynamicA1956_2

aus dem Jahre 1956 in Farbe, der die radikale Städtemodernisierung schmackhaft machen soll. Mit Sicherheit bekamen auch schwedische Städteplaner diesen Film zu Gesicht, die sich durch ihn haben anregen lassen.

unbekannt

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon unbekannt » 5. Juli 2009 18:22

Hier unter http://de.wikipedia.org/wiki/Sanierung_von_Norrmalm noch ein schöner Beitrag über die jüngere Stadtentwicklung der Stockholmer Innenstadt.

nysn

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon nysn » 5. Juli 2009 18:25

Danke für die Links - find ich sehr interessant.

Und ich muss auch zugeben, dass ich nicht alles aus dieser Zeit hässlich finde. Vieles aus den 50er- und 60ern kommt ja heute wieder zurück. So war ich vor zwei Wochen in Kopenhagen im Radisson-Hotel, das erste Hotel-Hochhaus, das in den 50ern in der Innenstadt errichtet wurde - das Design stammt bis ins kleinste Detail von dem berühmten Arne Jacobsen.

Ich muss auch sagen, mir hat es dort richtig gut gefallen - die Zimmer waren in hellem Holz im Stil der Zeit eingerichtet - der Ausblick aus dem Restaurant im obersten Stock war gigantisch - man konnte fast über die ganze Öresunds-Brücke von dort sehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Radisson_S ... Kopenhagen

Mein Mann hat in seiner Kindheit auch in einem solchen modernen Gebäudekomplex gewohnt - und das, obwohl er vom "platten" Land kommt. Die Siedlung heißt Brittgården in Tibro (Västra Götaland) - auch sie erhielt einen Preis für gelungene Architekur. Meine Schwiegermutter sagt auch, dass sie es dort schön fand zu wohnen - alles war modern und frisch. Außerdem wurde die Siedlung wohl so geplant, dass die Leute sozialen Umgang miteinander haben sollten und lt. meiner Schwiegermutter fühlten sich alle damaligen Bewohner sehr wohl.

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Ralph ... _Tibro.JPG

http://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Erskine_(Architekt)
Dateianhänge
Radisson_Kopenhagen.JPG

McGarry14101976
Aktives Mitglied
Aktives Mitglied
Beiträge: 89
Registriert: 13. Juli 2008 19:52
Schwedisch-Kenntnisse: praktisch keine
Lebensmittelpunkt: Österreich

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon McGarry14101976 » 5. Juli 2009 21:41

Also die Betonbauten und vor allem die Vorstadt Petrzalka von Bratislava finde ich noch viel schlimmer als so manche Betonbauten in Schweden. Die hatten einen anderen Zweck, aber es ist wirklich sehr mies geworden leider dort :-(

Aber dennoch fand ich sie nicht wirklich übel, vor allem weil so viel Wald überall dazwischen liegt meinte ich es sei abgeschwächter.

Ich finde die Vorstadtblöcke in Madrid zb sehr schlimm und wirklich sehr hässlich. Oder wie ich eben meinte Petrzalka in der Slowakei, also gibt es sicher Schlimmeres. Allerdings klar, wer zieht heute noch dorthin? Die unteren Schichten und viele Asylanten. Besser integrierte Immigranten haben so und so auch schon lange ein eigenes Haus und wollen dort gar nicht mehr leben. Von daher kann die Qualität in diesen Siedlungen gar nicht mehr besser werden, denn heute möchte jeder ein eigenes Haus haben, ein Boom der wohl in den 80er Jahren in Österreich einsetzte, ich weiß nicht wann das genau in Schweden begann. Mit diesem Boom rechnete man ja damals auch nicht.

Benutzeravatar
Skogstroll
Schweden Guru
Schweden Guru
Beiträge: 1382
Registriert: 30. August 2006 11:42

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon Skogstroll » 6. Juli 2009 09:33

Die Betonierungswut der Schweden beschränkt sich ja nicht nur auf das miljonprogramm. Es war "in" (und ist es teilweise noch heute), möglichst in der Stadt und möglichst nahe am Zentrum zu wohnen. Selbst in Gällivare, wo man nun wahrhaftig genug Platz drum herum hatte, hat man in den Sechzigern und Siebzigern die alte Holzbebauung im Zentrum plattgemacht und durch potthässliche Betonquader ersetzt. Und erst in diesem Jahr wurde wieder so ein Klotz gebaut. Die Wohnungen darin sind teuer und begehrt. Ich kenne Leute, die ihr Häuschen verkauft haben, um dort wohnen zu können.
Das kann ich nur sehr schwer nachvollziehen.

Skogstroll

nysn

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon nysn » 6. Juli 2009 10:34

Vielleicht ist es bei den Schweden auch ein gewisser Status, in einem Steinhaus zu wohnen. Holzhäuser sind ja vorwiegend die Häuser des "folkets" und stellten ja in den Städten auch immer wieder ein Brandgefahr dar. Ganze Holz-Städtchen sind in Schweden ja auch schon mehrmals abgebrannt - z. B. auch Kungsbacka, Kungälv usw.

Im "alten" Göteborg kann man den Statusunterschied sehr schön an den Stadteilen Haga und Vasastan ablesen - in den Holzbauten von Haga drängten sich die großen Familien der Arbeiter in ein bis zwei Zimmern zusammen - Toilette im Hof. Der Teil für die feinere, gehobenere Göteborger Gesellschaft befand sich direkt daneben in den steinernen Häusern im Gründerzeitstil in Vasastan.

Es war auch mal geplant, das ganze Stadtteil Haga in Göteborg abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen. Bis man sich dann in den 80er-Jahren dazu entschied, das Viertel aufzurüsten und zu sanieren. Heute ist es ein Touristenmagnet mit pittoresken Holzhäusern und Cafés.

Und in beiden Stadtteilen ist es heute sehr "in" zu wohnen - was sich ebenfalls in den Wohnungspreisen widerspiegelt. Eine "Paradlägenhet" in Vasastan gilt aber auch heute noch als "Statussymbol" der "Göteborger Higher Society".

http://de.wikipedia.org/wiki/Haga_(G%C3%B6teborg)
Eine Besonderheit beim Baustil sind in Göteborg die sog. Landshövdige-Häuser - dabei ist das Erdgeschoss aus Stein und die beiden oberen Geschosse sind aus Holz. Diese Bauform wurde deshalb gewählt, um eben die Gefahr von Bränden zu verringern. Viele dieser Häuser findet man z. B. im Göteborger Stadtteil Majorna.

Benutzeravatar
Imrhien
Alter Schwede
Alter Schwede
Beiträge: 3310
Registriert: 6. Dezember 2006 10:31
Schwedisch-Kenntnisse: fließend
Lebensmittelpunkt: Schweden

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon Imrhien » 6. Juli 2009 11:00

In Västerås gibt es auch relativ neugebaute Hochhäuser aus Beton, Stahl und Glas. Sie sehen, vergleichsweise, sogar noch ganz nett aus. Vor allem von oben ergibt es ein nettes Bild. Drin wohen würde ich nicht wollen... Die Wohnungen, die man kaufen kann, sind extrem teuer, haben aber natürlich oft richtig schönen Seeblick, da sie direkt am Wasser stehen.
Ich kenne Leute, die sich überlegen Ihr Haus zu verkaufen und da eine Wohnung zu kaufen. Hintergrund ist hier der, dass die Kinder irgendwann aus dem Haus sind und das Paar denkt, dass sie dann ja weniger Platz und so brauchen. Ausserdem wären sie dann im Alter näher an allem dran, meinte der Mann. Das kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass das was hat. Für uns käme es derzeit jedenfalls nicht in Frage.

Grüsse
Wiebke

unbekannt

Re: Das betonierte Schweden

Beitragvon unbekannt » 6. Juli 2009 11:06

Die Brandgefahr in den eng bebauten Innenstädten schien ein großes Problem gewesen zu sein. Eksjö http://sv.wikipedia.org/wiki/Eksj%C3%B6 hatte da seltenes Glück gehabt. 65% der Bauten in der Innenstadt stammen noch aus der Zeit von vor 1900. Es sieht wirklich wie aus Alten Zeiten aus, was auch die zahlreichen Sommertouristen aus Deutschland und den Niederlanden so empfinden werden.


Viele Schweden wechseln entsprechend ihres Lebensabschnitts ihre Wohnform. Ein Leben könnte so verlaufen: Nach dem "studenten" (Abi) wollen die Eltern die Kinder nicht mehr im Haus haben und es zieht die Kids in die nächstgrößere Stadt, wo kleinere Wohnungen für Singles Mangelware sind. Hat man seinen Lebensabschnittspartner gefunden und ist das erste Kind unterwegs, zieht die junge Familie in ein Reihenhaus, ab dem zweiten Kind vielleicht in ein freistehendes Einfamilienhaus am Stadtrand. Wenn dann die Kinder wieder aus dem Haus sind, wird das Haus verkauft und das Paar zieht in eine kleinere Mietwohnung in die Stadt. Die Sommer kann das ältere Ehepaar immer noch im eigenen Wochenendhäuschen verbringen, das auch von anderen Familienmitgliedern genutzt wird.

Eine steuerlich geförderte Einliegerwohnung wie in Deutschland ist unbekannt. Kaum ein Schwede könnte sich an den Gedanken gewöhnen, in der Kellerwohnung Oma und Opa zu pflegen, damit mit Hilfe deren Rente das viel zu große Haus mitfinanziert werden kann.


Zurück zu „Schweden“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast