Auswandern? Aber die Bildung?

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gisli
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Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon gisli » 20. Februar 2010 11:37

Hallo alle zusammen,

ich bin neu hier und habe schon viel rumgestöbert in Euren Beiträgen, und doch sind bei mir noch einige Fragen offen. Ich werde dazu verschiedene "threads" beginnen und versuche mal, mich kurz zu fassen.

Also: Wir sind eine Familie aus Süddeutschland, die seit längerem nach Schweden auswandern will. Ich habe Skandinavistik studiert und arbeite momentan als Schwedisch-Dozentin, Sprache ist also kein Problem. Ich habe auch kein idealisiertes Bullerby-Bild von Schweden und kenne auch die Schattenseiten ganz gut.
Wir alle sehnen uns nach weniger Menschen pro m² und mehr Natur. Außerdem bin ich chronisch krank (dazu kommt noch eine eigener thread) und mir geht es am Meer immer viel besser.
Wir (d.h. mein Mann, er ist der Hauptverdiener) sind schon seit längerem auf Jobsuche und nun bahnt sich etwas in Örnsköldsvik in Västernorrland an.

Nun zu meinem eigentlichen Thema: Unsere drei Kinder sind alle "intelektuell hochbegabt". Wer jetzt glaubt, super, dann haben die es ja in der Schule besonders leicht, der täuscht sich gewaltig. Die langweilen sich (besonders in der Grundschule, wo man noch sehr auf schwächere Rücksicht nehmen muß) teilweise so sehr, daß sie jede Motivation verlieren. Unser Jüngster ist noch in der Grundschule und sehnt schon das Gymnasium herbei. Die älteren beiden (7. und 9. Klasse) sind auf einem humanistischen Gymnasium, das einen speziellen Hochbegabtenzug anbietet. Sie sind dort in speziellen Klassen, mit hochmotivierten Lehrern, und werden optimal gefördert. Sie lernen außerdem Latein und Griechisch.

Meine Frage ist nun, ob wir befürchten müssen, daß die in Schweden vergleichsweise nix mehr lernen. Daß es dort keine Hochbegabtenförderung gibt, ist mir schon klar (jedenfalls bestimmt nicht in Örnsköldsvik), das wäre mir auch gar nicht so wichtig. Aber gibt es eine Möglichkeit, das Latinum oder das Grekum zu machen (damit nicht all die Jahre in D umsonst waren)? Und kann man mit dem schwedischen Äkvivalent des Abíturs in Deutschland studieren? In Örnsköldsvik gibt es ein Gymnasium, an dem man ein sogenanntes "Cambridge certificat" erwerben kann, aber ich habe dazu keine näheren Informationen gefunden, außer, daß dies einem ein Studiem im Ausland ermöglicht. Weiß jemnd von Euch dazu näheres? Oder muß man sie auf jeden Fall auf das Gymansium in Umeå schicken, wo man das internationale Abitur (IB) machen kann. Das wäre mir aber eigentlich zu weit weg. Vorerst wären ja auch noch zwei von den dreien in der Grundschule. Hat da jemand Erfahrungen in Örnsköldsvik? Wenn man hier im Forum die Beiträge zum schwedischen Bildungssystem liest, wird einem ganz angst und bang. Schließlich will ich meinen Kindern nicht die Zukunft verbauen, nur weil ich mehr Natur brauche, um es mal salopp zu sagen. Oder ist das vielleicht nicht so extrem?
Ich will jetzt auch eigentlich nicht eine Diskussion lostreten, welches Schulsystem das bessere ist.
Sondern ich will nur wissen, ob das irgendwie geht in Schweden, eine gute Ausbildung zu bekommen, oder ob es über "Kuschelpädagogik" nicht hinausgeht und wir also deswegen vielleicht doch besser in D bleiben.

Jetzt bin ich aber mal gespannt auf Eure Antworten!

Liebe Grüße
Anita

Au weia!

Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Au weia! » 20. Februar 2010 12:16

Unser Jüngster ist noch in der Grundschule und sehnt schon das Gymnasium herbei. Die älteren beiden (7. und 9. Klasse) sind auf einem humanistischen Gymnasium, das einen speziellen Hochbegabtenzug anbietet. Sie sind dort in speziellen Klassen, mit hochmotivierten Lehrern, und werden optimal gefördert. Sie lernen außerdem Latein und Griechisch.


Sie werden in Schweden - besonders dort, wo ihr plant hinzuziehen, nicht nur NIX mehr lernen, sondern es besteht sogar die Gefahr, dass sie in den Provinzschulen Västernorrlands, dazu zählen auch die Gymnasien, von der dortigen Lokalbevölkerung gemobbt werden. Latein oder Griechisch - wer braucht schon so was - ingen som begriper det!

Das Cambridge Zertifikat oder der IB-Zweig besagen nur, dass sie dort Englischkenntnisse entsprechend der Stufe "C" erlangen werden und dass mehrere Fächer ausschließlich auf Englisch unterrichtet werden. Wie die Qualität dieses Englischunterrichts in Norrland ist? Nach Norrland zieht es eben wirklich nur sehr wenige Menschen.

Intellektuelle können es dort in der Einsamkeit recht schwer haben, da es an sog. Gleichgesinnten einen deutlichen Mangel gibt. Selbst in den schwedischen Großstädten, wo ihr eine ähnliche Bevölkerungsdichte wie in Süddeutschland in Kauf nehmen müsstet, halte ich eine ähnlich gute Schulbildung wie ihr sie momentan für eure Kinder habt, recht schwer, bis eigentlich unmöglich auffindbar.

Wenn du deinen Kindern die Zukunft nicht verbauen möchtest und für dich nur Schweden in Frage kommt, dann schick sie in Süddeutschland auf ein gutes Internat - es gibt dort sehr viele hervorragende Schulen.

Tommy3

Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Tommy3 » 20. Februar 2010 13:20

Hej,

in Kalrskrona gabs es mal eine IB-Klasse, weiis nicht ob es das noch gibt. gibt. Karlskrona liegt am Meer und ist wunderschön, aber provinziell.

Ohje

Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Ohje » 20. Februar 2010 19:51

Hej Anita,

auf Deine Frage:

"Meine Frage ist nun, ob wir befürchten müssen, daß die in Schweden vergleichsweise nix mehr lernen. "

muß man leider ganz klar mit einem deutlichen Ja antworten. Hochbegabung gilt hier in Schweden als Makel, und das Mobbing seitens der Klassenkameraden ist praktisch vorauszusehen. Jantelagen läßt grüßen. Schon "Normalbegabte", die lernen wollen, werden oft gemobbt. Der Unterricht ist hier viel verspielter und weicher als in Deutschland, die Anforderungen gering, damit alle mitkommen. Das Gymnasium dauert dann schließlich nur 3 Jahre, geht ab ca. 16 los und ist in weiten Teilen eher berufsvorbereitend orientiert, d.h. man lernt dort z.B. Elektriker usw.

Latein und Griechisch kann man meines Wissens in Schweden nur an der Uni lernen.

Es gibt zwar neuerdings ein paar sog. "spetsutbildningar" an einigen Gymnasien in Schweden, diese sind aber dünn gesät. Die Schüler lernen dort schneller und mehr als in den normalen Zweigen der Gymnasien, wobei schneller und mehr sich natürlich an gewöhnlichen schwedischen Maßstäben orientiert. Das deutsche Gymnasium dürfte verglichen damit aber schon vorn vornherein um einiges "härter" sein.

Mit solchen Voraussetzungen, wie Deine Kinder Sie gemäß Deiner Schilderung mitbringen, würde ich einen Umzug mit Kindern nach Schweden nicht empfehlen. Das sage ich nach 15 Jahren Erfahrung mit 3 Kindern in verschiedenen schwedischen Schulen.

oj då oj då

Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon oj då oj då » 20. Februar 2010 21:01

Hallo,
Kann mich leider den Vorschreibern nur anschliessen, solltet ihr absolut umziehen muessen, bevor eure Kinder die Schule in D abgeschlossen haben, so wuerde ich nach einer Schule mit IB Programm Ausschau halten, damit sie wenigstens einen internationalen Abschluss haben, so haben wir entschieden. Hochbegabung, das darf man hier gar nicht erwähnen, das gibt es nicht. Manche sind aber auch in Schweden gleicher und sucht man, so findet man vielleicht eine Friskola mit dem Ruf eine Plugg Skola zu sein oder ein Internat. Druecke die Daumen, das da mal keiner auf der Strecke bleibt.....Sollte es aus irgendeinem Grund einem Familienmitglied nicht gefallen, so wird es extrem extrem schwer in diesen Jahrgangsstufen in Deutschland die Schule zu Ende zu bringen.


sommarida
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Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon sommarida » 23. Februar 2010 08:38

Hej!

Ich schliesse mich meinen Vorredner an, was Schulen in Västernorrland (andere Erfahrungen habe ich nicht) betrifft. Hier kursiert eher: Man sollte sich nicht merkwürdiger machen als das Leben ist.
Viele begabte Talente müssen den Schulort und somit auch Wohnort wechseln, damit die Ausbildung ihrer Begabung entsprechen kann. Hier im Län fördert man erstmal Eishockey, dann Skilauf und dann - weiss ich gar nicht :?

hälsningar
Ida
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Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Skogstroll » 23. Februar 2010 08:58

Da schlägt das Jantelagen voll zu! Mittelmässigkeit ist nicht nur akzeptiert, sondern direkt das Ziel!
Zwar gibt sich die gegenwärtige Regierung wenigstens ein bisschen Mühe, die Schule wieder auf die Beine zu stellen, aber das schlägt nicht wirklich durch. Ein humanistisches Programm soll irgendwann wieder eingeführt werden, wird aber wohl kaum das Niveau haben, das du vielleicht erwartest. Örnsköldsvik mag auch nicht ganz so schlimm sein wie das tiefste Malmfälten, aber es reicht auch noch.
Anfangs würden deine Kinder vielleicht ganz gut mit Schwedisch beschäftigt sein. aber dann kommt nur noch die grosse Langeweile. Dazu kommt noch, dass das Gymnasium erst nach den neun Jahren Grundschule beginnt. Ich habe selbst am Gymnasium (Spezialgymnasium sogar) unterrichtet, und die Kenntnisse der Schüler waren einfach nur erschütternd.

Leider sind auch die Bedenken meiner Vorschreiber bezüglich des Mobbings nur zu berechtigt - und da sind wir wieder beim Jantelagen. Bloss nicht auffallen (schon gar nicht positiv), nur nicht aus der Menge herausragen (schon gar nicht nach oben). Nach unten aus dem Durchschnitt herauszufallen geht schon eher, da wird man gefördert, um den Durchschnitt wieder zu erreichen. Alles was überdurchschnittlich ist, wird ebenso korrigiert.

Das und die überhaupt sehr begrenzten Bildungsmöglichkeiten sind für mich eine echter Grund, von hier wegzuziehen. Das Problem ist nur, dass es nach einer Untersuchung des LRF im Süden Schwedens nicht besser aussieht und dass die besten Schulen sogar noch in Norrland stehen, wir könnten also gut vom Regen in die Traufe kommen. Nach Deutschland können wir praktisch nicht mehr, weil unsere Tochter - hier die gelangweilte Klassenbeste - dort erhebliche Schwierigkeiten in der Schule bekommen würde.

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Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Auswanderer » 23. Februar 2010 11:15

Skogstroll hat geschrieben:Nach Deutschland können wir praktisch nicht mehr, weil unsere Tochter - hier die gelangweilte Klassenbeste - dort erhebliche Schwierigkeiten in der Schule bekommen würde.


Warum?
Alla dessa dagar som kom och gick, inte visste jag att det var livet.

---Stig Johansson

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Re: Auswandern? Aber die Bildung?

Beitragvon Skogstroll » 23. Februar 2010 11:46

Weil
1. die Schule in Schweden ein Jahr später beginnt (was ich noch gut finde) und
2. das Tempo in der schwedischen Schule drastisch geringer ist.

Sie liegt also jetzt (in der 4. Klasse) effektiv etwa zwei Jahre gegenüber deutschen Kindern zurück. Wenn sie ausserdem jetzt noch das deutsche Gymnasium beginnen sollte, wäre das fast unmöglich, weil ihr einfach zuviel Stoff fehlt.
In Englisch sind deutsche Schüler z.B. weiter, obwohl sie ein Jahr später damit begonnen haben. Deutsch hatte sie gar nicht. In Mathematik sind deutsche Schüler etwa ein Jahr weiter.
Einzige Ausnahme: Geschichte fängt in D erst später an, über Frühgeschichte bis zur Wikingerzeit einschliesslich nordischer Mythologie ist sie besser informiert als ihre deutschen Altersgenossen.

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