Anzeichen von Deflation in Schweden

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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 20. Februar 2014 09:30

Hallo,

Deflation und Inflation haben nichts mit Schrumpfen oder Wachstum der Wirtschaft zu tun, das darf man nicht verwechseln. Deflation und Inflation beschreiben vielmehr das Schrumpfen bzw. Wachsen der in Umlauf befindlichen Geldmenge.

Eine Deflation ist deshalb so gefährlich, wesentlich gefährlicher als eine Inflation, weil sie sich selbst verstärken und völlig außer Kontrolle geraten kann. Die große Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre war nichts anderes als eine Deflation.

Problem ist Folgendes: Wenn die Preise auf breiter Front sinken, dann werden sowohl Privathaushalte als auch Industrie Investitionen zurückstellen. "Wozu soll ich mir heute ein neues Auto kaufen, wenn das gleiche Modell in einem halben Jahr deutlich billiger ist?" Das führt zunächst einmal zu einem Überangebot an Waren. Dieses Überangebot führt zu weiter sinkenden Preisen, und dazu, dass die Industrie die Produktion zurückfahren muss, also Leute entlassen und Löhne senken. Massenentlassungen und Lohnsenkungen führen zu weiterer Kaufzurückhaltung, und die Kaufzurückhaltung zu weiter sinkenden Preisen, weiteren Lohnsenkungen, weiteren Entlassungen usw. Ein Teufelskreis, aus dem man nur ganz schwer wieder herauskommt.

Eine Möglichkeit, Deflation zu verhindern, wäre eine Senkung der Leitzinsen. Aber da die Leitzinsen sowohl in der Eurozone als auch in Schweden inzwischen nahezu bei Null liegen, gibt es hier keinen Spielraum mehr.

MfG
Gerhard

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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon HeikeBlekinge » 20. Februar 2014 10:53

Kannst du das Szenario fuer den Endverbraucher nioch ein wenig ausbauen?

(Du kannst das so gut ;-) )


lg
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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 20. Februar 2014 12:18

HeikeBlekinge hat geschrieben:Kannst du das Szenario fuer den Endverbraucher nioch ein wenig ausbauen?

Gerne! :D

Deflation bedeutet, dass der "Wert", also die Kaufkraft des Geldes, steigt. Nehmen wir mal an, dass eine Deflation geringfügig bleibt und sich nicht zu einem katastrophalen Zusammenbruch der Wirtschaft aufschaukelt. Dann profitieren Endverbraucher davon um so mehr, je mehr Geld sie haben. Das muss nicht unbedingt Bargeld unter der Matratze sein, das gilt auch für alle "Forderungen" wie Sparbücher, Tagesgeldkonten, Festgeld etc.

Vorübergehend profitieren auch Arbeitnehmer ohne viel Eigenkapital von der Deflation, weil die mit einer Deflation verbundenen Lohnkürzungen bzw. Kündigungen meist später kommen als die Preissenkungen.

Denjenigen Endverbrauchern, die Schulden haben, also z.B. ein Großteil der Häuslebauer, schadet die Deflation jedoch von Anfang an, denn es fällt ihnen immer schwerer, Schuldzinsen und -tilgung zu bezahlen. Wohnungsmieter leiden auch schnell unter der Deflation, weil die Miete in der Regel nicht so schnell gekürzt wird wie die Löhne. Auch wer viel Geld in Sachwerte (Aktien, Immobilien etc.) investiert hat, wird in einer Deflation eher geschröpft.

Es leiden also vor allem diejenigen Endverbraucher unter der Deflation, die entweder zur Miete wohnen oder in einem Haus, das mit "gemietetem Geld", also auf Kredit, finanziert ist. Profitieren tun vor allem reiche Leute.

Wenn die Deflation aber außer Kontrolle gerät und die Wirtschaft zusammenbricht, trifft es alle.

MfG
Gerhard

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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon HeikeBlekinge » 20. Februar 2014 12:57

Vielen Dank!!!

Denjenigen Endverbrauchern, die Schulden haben, also z.B. ein Großteil der Häuslebauer, schadet die Deflation jedoch von Anfang an, denn es fällt ihnen immer schwerer, Schuldzinsen und -tilgung zu bezahlen. Wohnungsmieter leiden auch schnell unter der Deflation, weil die Miete in der Regel nicht so schnell gekürzt wird wie die Löhne. Auch wer viel Geld in Sachwerte (Aktien, Immobilien etc.) investiert hat, wird in einer Deflation eher geschröpft.


Das verstehe ich nicht. Weshalb fällt es Häuslebauern schwerer, wenn die Zinsen sinken? Weshalb sind sie /sind sie? schneller von Lohnkuerzungen betroffen als Mieter? Häuslezinsen sind doch meist festgeschrieben, verändern sich doch dann nicht, oder?
Oder: Ueber was fuer einen Zeitraum wird bei Deflation geredet?

Verhalten sich Verbrauer wirklich so?: Also das sie sich zueruckhalten mit Käufen weil es in einem halben Jahr billiger ist? Woher wissen die das??
Wir warten sei fast einem Jahr damit einen guten Teil unserer Hauszinsen festzuschreiben. Mehr aus anderen Gruenden als die zu erwartenden Zinsen, aber zugegeben auch deshalb, weil die rörlig ränta momentan so nett ist ,-) Verhalten wir uns da also typisch oder falsch?


Nochmal Danke! Wirtschaft und Bankwesen habe ich nie so meine Aufmerksamkeit gewidmet :oops:

lg
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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon EuraGerhard » 20. Februar 2014 14:28

HeikeBlekinge hat geschrieben:Das verstehe ich nicht. Weshalb fällt es Häuslebauern schwerer, wenn die Zinsen sinken?

Auch wenn die Zinsen vielleicht sinken, so tun sie das zumindest nicht so schnell wie die Löhne. Und die Tilgungsraten werden auf keinen Fall sinken. Eine Hypothek muss ja irgendwann mal getilgt werden, wenn man sie nicht an seine Kinder weitervererben will. Die Hypothek ist nun auf einen konkreten Geldbetrag (hier in Kronen) abgeschlossen. Hat man nun pro Monat weniger Geld zur Verfügung stehen, so dauert es länger, bis man diesen konkreten Betrag zurückgezahlt hat.

HeikeBlekinge hat geschrieben:Weshalb sind sie /sind sie? schneller von Lohnkuerzungen betroffen als Mieter?

Ich habe nirgendwo behauptet, dass Hauseigentümer schneller betroffen seien als Mieter. :roll:

HeikeBlekinge hat geschrieben:Oder: Ueber was fuer einen Zeitraum wird bei Deflation geredet?

Verhalten sich Verbrauer wirklich so?: Also das sie sich zueruckhalten mit Käufen weil es in einem halben Jahr billiger ist? Woher wissen die das??

Die letzte Erfahrung mit einer weltweiten Deflation liegt halt schon lange zurück, das war eben die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre. Danach hat es nur noch lokale Deflationen gegeben, z.B. in Japan in den 1990er Jahren oder in Argentinien um die Jahrtausendwende herum. Aber im Durchschnitt verhalten sich sowohl Verbraucher als auch Industrie tatsächlich so. Und ab einem bestimmten Punkt bleibt ihnen auch gar nichts anderes mehr übrig, wenn die Löhne bzw. Unternehmensbilanzen ständig weiter sinken.

Wie gesagt, eine Deflation kann sehr leicht selbstverstärkend wirken. Die Zentralbanken haben sich halt weltweit seit der Weltwirtschaftskrise weitestgehend erfolgreich darum bemüht, Deflationen zu vermeiden und im Zweifelsfalle lieber eine gewisse Inflation in Kauf zu nehmen.

HeikeBlekinge hat geschrieben:Wir warten sei fast einem Jahr damit einen guten Teil unserer Hauszinsen festzuschreiben. Mehr aus anderen Gruenden als die zu erwartenden Zinsen, aber zugegeben auch deshalb, weil die rörlig ränta momentan so nett ist ,-) Verhalten wir uns da also typisch oder falsch?

Ihr hofft darauf, dass die Zinsen noch weiter fallen, bevor ihr sie festlegt. Mit anderen Worten: Dass der Preis, den ihr für euren Kredit bezahlen müsst, noch weiter sinkt. Ich würde mal sagen: Dieses Verhalten ist typisch. Und für euch persönlich sicher richtig, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht aber natürlich deflationsfördernd, also "falsch". (Ich würde es aber in eurer Situation genauso machen.)

MfG
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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon HeikeBlekinge » 20. Februar 2014 17:44

Herzlichen Dank, Gerhard!
Jetzt bin ich um einiges schlauer. Lerne immer gerne dazu ,-)
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Re: Anzeichen von Deflation in Schweden

Beitragvon knut245 » 21. Februar 2014 10:32

Das war nun die theoretische Seite und soweit richtig. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der Begriff der Deflation für die Situation, die in der SR-Meldung beschrieben wurde, übertrieben ist. Man hat Preissenkungen von 1,2 % festgestellt, vor allem durch Alltagsgüter wie Bekleidung und Schuhe und Infrastrukturkosten wie Strom und Transport. Ersteres vielleicht noch, letzteres ist jedoch sicher kein Wirtschaftsgut, bei dem man Anschaffungen verzögern kann. Strom wird täglich verbraucht und Transport auch. Die Gefahr von Investitionsrückstellungen besteht doch vor allem bei langlebigen Gütern wie Immobilien, Möbeln oder Autos, die man ggf. noch ein Jahr länger nutzt. An dem Punkt sind wir aber noch nicht und wir werden auch nicht so schnell hinkommen. Denn den größeren Deflationen ging, Beispiel Japan, auch eine übermäßige Preissteigerung voraus, die dann durch sinkende Preise kompensiert wurde. Gift ist Übermaß immer: in der Inflation können die Nachfrager die Güter nicht kaufen, in der Deflation wollen sie nicht. Aber Inflation gibt halt die schöneren (Wachstums-)Zahlen :lol:
Hier könnte auch etwas sinnvolles stehen, zum Beispiel ein Bier.


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