Ärzte in der Warteschleife

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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon vibackup » 14. Februar 2015 19:50

Petergillarsverige hat geschrieben:THE HEALTH OF MY PATIENT will be my first consideration

Das schließt Abtreibungen auch aus, da das ungeborene Kind auch dein Patient ist.

Es gibt Ärzte, die das prinzipiell auch so sehen, und andere, die das nicht tun. Ich glaube aber, das eine weitgehende Einigkeit besteht, dass, wenn man nur entweder das Leben des Kindes oder das der Mutter retten kann, so wählt man das Leben der Mutter.
Das ist glaube ich das Niveau der Einigkeit. Und dann steht ein Arzt natürlich nie außerhalb seiner Gesellschaft, weder moralisch, noch juridisch.

Petergillarsverige hat geschrieben:Das mit der Chirurgie war wohl so, dass der "richtige Arzt" klarkommt ohne den Patienten aufzuschneiden. Das ist natürlich die damalige Ansicht. wer den Patienten aufschneidet, gehört nicht zu den "richtigen Ärzten"

Genau. Wichtig für die radikale Trennung waren zwei kirchliche Entscheidungen:
Ecclesia abhorret a sanguine (Konzil von Tours), das den damals vorwiegend geistlichen Ärzten die Chirurgie erstmals verbat, was dann im 18 Kanon des vierten Laterankonzils noch einmal bekräftigt wurde.
Diese Trennung hielt sich lange, erst in den 30er Jahren verschwanden die letzten Barbiere/Barber/Wundärzte/Feldscher im alten Sinne. Die russische Armee hat bis heute eine Art Barfussarzt, die DDR-Armee hatte das bis in die 60er Jahre; allerdings waren oder sind diese Feldscher eher mit den schwedischen Krankenschwestern vergleichbar, also medizinisches Personal mit begrenzter Ausbildung und eingeschränktem Behandlungsrecht; deren Tätigkeit ist nicht auf die Chirurgie begrenzt.

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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon Petergillarsverige » 14. Februar 2015 20:10

Mein früherer Chef war Chirurg. Er sagte mal, dabei müsste man oft sehr spontan folgenschwere Entscheidungen treffen. Da kann man nicht lange rumreden. Das hat irgendwie sein ganzes Leben geprägt.

Aber ist schon verrückt welche Wege und auch Irrungen gegangen wurden. Ich bin froh nicht in einer Zeit zu leben, wo man mit einer Keule den Patienten narkotisiert hat.
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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon vibackup » 15. Februar 2015 10:35

Petergillarsverige hat geschrieben:Mein früherer Chef war Chirurg.

Du bist Ingenieur und hattest einen Chirurgen als Chef? Interessant...
Oder habe ich da etwas verwechselt?
Petergillarsverige hat geschrieben:Er sagte mal, dabei müsste man oft sehr spontan folgenschwere Entscheidungen treffen. Da kann man nicht lange rumreden. Das hat irgendwie sein ganzes Leben geprägt.

So ist es; dass man mit mangelhaften Informationen weitreichende und für den Patienten folgenschwere Entscheidungen treffen muss, ist eine recht gewöhnliche Aufgabe für klinisch tätige Ärzte, und je weniger man über das jeweilige Gebiet weiß, desto öfter kommt so etwas vor (das stimmt natürlich sowohl für die Kompetenz des einzelnen Arztes als auch für die gesamte Menge des bekannten Wissens in dem Gebiet).
Petergillarsverige hat geschrieben:Aber ist schon verrückt welche Wege und auch Irrungen gegangen wurden. Ich bin froh nicht in einer Zeit zu leben, wo man mit einer Keule den Patienten narkotisiert hat.

Keule war sehr ungewöhnlich; man hat schon immer gewusst, dass man damit mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Zumeist haben mehrere Männer den Patienten festgehalten und man hat sich schlicht beeilt, oder die Operation ganz vermieden, nicht zuletzt wegen des damals schwer zu beherrschenden Infektions*- und Blutungsrisikos. Wenn man eine Narkose verwendet hat (mehr als ein Stück Holz zum darauf beißen), dann kamen
  • Alkohol (der ja schon seit langem bekannt ist)
  • Opium (in den Gegenden, wo es zugänglich war)
  • das schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
  • in vielen Kulturen die Alraune (Mandragora officinarum), die man vielleicht aus den Harry-Potter-Filmen kennt
  • Hanf (Cannabis sativa, C. indica, C. ruderalis)
in Form von Pulvern, alkoholischen oder wässrigen Extrakten oder Tees/Dekokten zur Anwendung.
Später (ab Mitte des 19. Jh) kamen dann Lachgas, Äther und Chlororform dazu, schließlich Barbiturate und Benzodiazepine und die heutigen Inhalationsnarkotika, die oft halogenierte Alkane oder ~ Ether sind.
Viele Substanzen aus den alten Pflanzenmischungen haben dennoch immer noch ihren Platz in der Narkose (wie ja so oft in der Medizin), so werden bspw. immer noch Opiate zur Schmerzlinderung eingesetzt. Allerdings werden diese Substanzen heutzutage als Zubereitung aus Reinsubstanzen und nicht mehr als alkoholische oder wässrige Extrakte mit unbekannter Menge und Zusammensetzung verwendet.

//M
* Diese Gefahr droht uns jetzt wieder, wenn sich nicht die Botschaft durchsetzt, dass Antibiotika sehr sparsam eingesetzt werden müssen; tut man das nicht, dann züchtet man resistente Stämme, gegen die dann Antibiotika machtlos sind. Vielleicht hat man schon von MRSA oder ähnlichem gehört...

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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon HeikeBlekinge » 15. Februar 2015 12:21

MRSA-Keime sind nicht daurch entstanden das zu viel Antibiotika den Menschen verschrieben wurden, sondern das zu viel Antibiotika in der Tierzucht eingesetzt wurden (werden) und sich ganz neue, plötzlich ungemein resistente Keime entwickelt haben. Keime, welche den Menschen gefährlich werden können weil Menschen schlichtweg länger leben als das Schlachtvieh!
Viele tragen schon diese Keime ohne es zu wissen und die Gefahr dass sie sich selber infizieren z.B. bei OPs ist ausserordentlich hoch! Man kann davon ausgehen das diese Keime ganz einfach ueber Lebensmittel (Schweinefleisch, Huhn) an die Menschen gelangen. In sehr sterilen Umgebungen fuehlen diese sich uebrigens pudelwohl, also kein Wunder das sie in Krankenhäusern zum Problem werden.
Es gibt eindeutige Untersuchungsergebnisse dazu und es ist auch schon viel (im deuschen) TV dazu gelaufen (leider oft zu kulturell hochwertigen Zeiten, also nachts). Interessant, das diese Keime sich in dreckigen Ställen nicht sehr wohl fuehlen! Wie sagt man immer so schön: "Dreck reinigt den Magen" oder Kinder die im Dreck spielen durften entwickeln die besseren Abwehrkräfte.

Es macht mich wirklich geradezu wild wenn ich lese das das MRSA Problem von zu viel verordneten Antibiotika herruehren soll.
Informiert euch!

Eine Schande wie durch diese Fehlinformation und -interpretation selbst kleinste Kinder mit dicken Mittelohrentzuendungen oder vereiterten Hälsen herumlaufen muessen!
Weil mal wieder ein nicht selbstständig denken könnender Arzt sich an diese vom System vorgegebenen schlauen Leitsätze hält. Und das ist besonders populär in Schweden :evil:

LG
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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon stavre » 15. Februar 2015 13:51

Eine Schande wie durch diese Fehlinformation und -interpretation selbst kleinste Kinder mit dicken Mittelohrentzuendungen oder vereiterten Hälsen herumlaufen muessen!
Weil mal wieder ein nicht selbstständig denken könnender Arzt sich an diese vom System vorgegebenen schlauen Leitsätze hält. Und das ist besonders populär in Schweden :evil:


mir kommt es oft so vor,als ob ich mehr weiss wie der behandelnde arzt. und dann muss man noch dankbar sein,wenn er mal auf was richtiges trifft. am meisten sind die geschockt,wenn man mit lateinischen begriffen rumwirft :smt062 :smt062 :lol:

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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon vibackup » 15. Februar 2015 14:07

vibackup hat geschrieben:Diese Gefahr droht uns jetzt wieder, wenn sich nicht die Botschaft durchsetzt, dass Antibiotika sehr sparsam eingesetzt werden müssen; tut man das nicht, dann züchtet man resistente Stämme, gegen die dann Antibiotika machtlos sind. Vielleicht hat man schon von MRSA oder ähnlichem gehört...


HeikeBlekinge hat geschrieben:MRSA-Keime sind nicht daurch entstanden das zu viel Antibiotika den Menschen verschrieben wurden, sondern das zu viel Antibiotika in der Tierzucht eingesetzt wurden (werden)


Heike, es ist schwer zu sagen, woher genau diese Keime kommen, aber natürlich hast du recht, dass es Irrsinn ist, Antibiotika in der Fleischzucht einzusetzen.
Den Keimen ist es letztlich egal, wo sie mit dem Antibiotikum konfrontiert werden.
Der Unterschied ist hier nur: im einen Fall (wenn ich als Arzt etwas verschreibe) kann ich das gut beeinflussen, und ja, es gibt eine Überverschreibung von Antibiotika (aber sicher in manchen Fällen auch eine Unterverschreibung) an Menschen.
Im anderen Fall ist es eher die Bevölkerung, also auch Laien wie du, die da etwas beeinflussen können: durch politischen Druck, durch Kaufentscheidungen, Forderungen nach deutlicher Kennzeichnung etc.
Das eine schließt aber das andere nicht aus.

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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon HeikeBlekinge » 15. Februar 2015 15:38

Michael, es ist nicht schwer zu sagen woher die Keime kommen.

Im anderen Fall ist es eher die Bevölkerung, also auch Laien wie du, die da etwas beeinflussen können: durch politischen Druck, durch Kaufentscheidungen, Forderungen nach deutlicher Kennzeichnung etc.
Das eine schließt aber das andere nicht aus.


Michael, ICH kaufe so einen Mist schon lange nicht mehr. Und du?
Und ich engagiere mich fuer dieses Thema auf äusserst vielfältige Art und Weise und weiss darum wovon ich spreche.

... Moment, achja, Laien wie ich, achso...

Okej, lassen wir das Thema lieber!
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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon Infosammler » 15. Februar 2015 18:12

Hej,
ich höre immer wieder wie oft einige Leute in meinem Umkreis Antibiotika bekommen die einfach überflüssig sind. Ich brauche kein Antibiotikum bei einer Halsentzündung, da reicht gurgeln mit Salbeitee aus. Hilft auch viel schneller.
Ich wurde letztens gefragt wann ich das letzte Antibiotikum genommen habe. Ich konnte mich tatsächlich nicht mehr daran erinnern, so lange ist es her.
Ich brauche nur noch zur Zeit meinen Orthopäden, die Wehwechen heile ich inzwischen selbst mit alten Hausmitteln und Kräutern, und ich fahre damit besser. Selbst die Kosten sind geringer wie diese ewigen Zuzahlung für Medikamente.
Fleisch gibt es bei uns nur noch selten, halt wegen der Haltung der Tiere und der dazugehörigen Medikamentengabe.
Und wenn Fleisch dann vom Metzger meines Vertrauen. Der Fleischkonsum ist zu hoch in der heutigen Gesellschaft. Dadurch entsteht die Fehlhaltung und -zucht und dadurch der Missbrauch von Medikamenten für die Tiere.
Bewusstes ernähren aller Menschen würde die einer guten Tierhaltung auch ohne Medikamente zugute kommen. Jeder muss bei sich anfangen.
Gruß Claudia
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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon Petergillarsverige » 15. Februar 2015 20:48

Ja, ich bin Ingenieur habe aber 18 Jahre fachfremd im Gebiet zwischen Medizin und Ethik gearbeitet. Dabei eine Fachzeitschrift herausgegeben, Layout und Versand, nicht inhaltlich. In der Zeit bin ich aber am eigentlichen Thema dran geblieben.
Einen Vorteil hatte die Arbeit mit Ärzten: Ich kann fast jede Handschrift lesen. :-)
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Re: Ärzte in der Warteschleife

Beitragvon HeikeBlekinge » 15. Februar 2015 22:27

Wow, ihr beiden.
Klasse, weiter so.
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